Warum eigentlich?
Sonnenschein und blauer Himmel - das Leben könnte so einfach sein. Warum aber ist trotzdem manchmal alles so furchtbar kompliziert?
An einem ganz normalen Freitagabend auf einer ganz normalen Party. Aus irgendeinem Zimmer dringt Musik in den Flur, stellenweise übertönt von Gelächter und Gesprächen. Man hat die Jacke abgelegt, schiebt sich zwischen vage bekannten Menschen hindurch zum Gastgeber, alle sind ein bisschen betrunken, die Stimmung ist gut. „Willst du ein Bier? Oder Wein?“ „Nein, irgendetwas ohne Alkohol.“ „Ääh, okay... Aber warum?!“ Here it comes again. Keine fünf Minuten sind vergangen, schon ist der Alien gelandet.
Bist du Moslem? Krank? Autofahrer? Oder sind wenigstens deine Eltern bei den Anonymen Alkoholikern? Die Bandbreite der ungläubigen Fragen an den freiwilligen Abstinenzler ist schier endlos. Ein schlichtes „Ich möchte nicht“ oder „Mir schmeckt kein Alkohol“ werden eher selten kommentarlos akzeptiert. Einem Vegetarier mag es mitunter ähnlich gehen. „Isst du aus ethischen Gründen kein Fleisch? Oder einfach so?“
Dieser Text ist kein Plädoyer für oder gegen Alkohol, Nikotin oder Bratwürste, sondern schlicht die Antwort auf eine Alltagsbeobachtung. Es gibt Dinge, die sind gut und erlaubt, und es gibt Dinge, die man besser nicht tun sollte, sei es aus juristischen, zwischenmenschlichen oder gesundheitlichen Gründen. Alles dazwischen fällt unter persönliche Freiheiten: Extremsportarten, Fastfood, Fastenkuren, Coke light vs. regular, Auto oder Fahrrad. Warum aber auf manche Verhaltensweisen größeres Unverständnis folgt als auf andere, die objektiv betrachtet sogar schlechter sind, erschließt sich mir nicht. Die Frage „Wie, du kiffst??“ wird mit Sicherheit seltener gestellt als ein ungläubiges „du trinkst wirklich gar keinen Alkohol?!?“. Der Rechtfertigungsdruck in unserer Gesellschaft ist bei wenigen Dingen ähnlich paradox wie bei einem freiwilligen Verzicht auf Alkohol.
Natürlich ist es interessant, das Handeln anderer zu hinterfragen, doch wozu die ewigen Diskussionen über persönliche Entscheidungen und Vorlieben? Je nach Situation und Umfeld wird ein bestimmtes Verhalten sowieso ganz anders wahrgenommen und bewertet, manchmal sogar vorausgesetzt. In Indien beispielsweise ist Vegetarismus aus religiösen Gründen weit verbreitet, wohingegen es in anderen Ländern wiederum fast gar keine Gerichte ohne Fleisch gibt. In Deutschland ist der Genuss von Spirituosen seit Jahrhunderten Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens und gehört somit zum normalen Alltag (ganz anders verhält es sich etwa in muslimischen Ländern). Das Spektrum der Getränke ist groß, von teurem Wein über Festbier vom Fass bis hin zu Billigwodka von Aldi, ebenso wie die Anlässe, zu denen getrunken wird. Zwischen Komasaufen und gemäßigtem Genuss ist alles vertreten und das eine hat mit dem anderen im Regelfall auch wenig zu tun.
Dies alles bedingt die breite Akzeptanz von Alkohol in der Bevölkerung, obwohl jeder weiß, dass Ethanol potentiell süchtig macht und in größeren Mengen auf Dauer schädlich ist. Fast 30 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen in Deutschland konsumieren laut Robert-Koch-Institut Alkohol in riskant hohen Mengen, vor allem bei jungen Menschen ist die Tendenz steigend. Natürlich führt gelegentlicher moderater Alkoholkonsum genauso wenig zu Leberzirrhose wie eine Zigarette Lungenkrebs verursacht. Warum aber werden Nichtraucher trotzdem selten so schief angeschaut wie jemand, der sich abends in der Kneipe einen Apfelsaft bestellt? Vielleicht ist es Neugier („Was hat er nur?“), vielleicht Mitleid („Du verpasst etwas!“), Angst („Der ist nüchtern und wird sich an alles erinnern!“), das schlechte Gewissen („Sollte ich wohl auch weniger trinken?“), Enttäuschung („Aber der Wein ist doch so gut!“), vielleicht eine Mischung aus alldem oder vielleicht auch etwas ganz anderes.
Wer lieber „auf der sicheren Seite“ bleibt oder sich einmal nicht der lärmenden Masse anschließt, birgt die Gefahr von Langeweile – ohne Risiko kein Abenteuer. Viele Dinge machen selbstverständlich nur dann Spaß, wenn alle Anwesenden auch mitziehen. Es gibt angenehmere Vorstellungen, als mit einem Klaustrophobiker ein Bergwerk zu besichtigen, jemanden zum Käsefondue einzuladen, der gerade auf Diät ist, oder eine Weinprobe mit einem Anti-Alkohliker. Ob jetzt aber ein Tofu- oder Schweinewürstchen auf den Grill gelegt wird, ist für die Gesamtsituation relativ egal und letztlich ist der Alien derjenige, der durch sein Verhalten unter Umständen etwas verpasst. Genauso wenig man sich dafür rechtfertigen müssen sollte, einen Cocktail zu bestellen, genauso wenig sollte dies von denjenigen verlangt werden, die nun einmal lieber eine Fanta trinken wollen. Aus welchen Gründen auch immer.
Die Party neigt sich dem Ende zu, allgemeine Aufbruchstimmung macht sich breit. Schuhe an, Jacke an, schnell noch die Tasche aus irgendeinem Haufen herauskramen und hinaus zu den Fahrrädern. Klopf klopf auf meinen Kopf. „Ist ja süß, du trägst einen Helm... Naja, studierst ja auch Medizin!“ Ich verzichte darauf, mein Gegenüber darüber aufzuklären, dass Medizinstudenten nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit Opfer von Verkehrsunfällen werden, nur weil sie Lehrveranstaltungen in Anatomie, Traumatologie oder Neurologie besuchen. Stattdessen grinse ich blöd und freue mich, dass mein Studium manchmal einen guten Vorwand dafür bietet, sich einer lästigen und völlig unnötigen Diskussion zu entziehen. Auch wenn ich dafür das Klischee des disziplinierten und gesundheitsbewussten Langweilers bedienen muss.
Tags: Beobachtung






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