Wartezimmer.
Tür auf, Tür zu. Man erfährt so viel über sie, doch wird jeden einzelnen davon sogleich wieder vergessen.
Tür auf, Tür zu. Ständig neue, andere Menschen mit neuen, anderen Problemen. Überall wo man hinschaut liegen Zeitungen und Prospekte, große Poster zieren die Wände und die Tür. Einer nach dem anderen kommt in das Wartezimmer, setzt sich und lässt seinen Blick streifen. Zunächst über die Leute, der Lauf des Blickes pausiert einige Sekunden, es wird gemustert und spekuliert, was die Person denn haben könnte. Fortlaufend erfasst der Blick einige Überschriften der Poster, den weiteren Text hat vermutlich noch nie jemand gelesen. Das Telefon der Praxis klingelt ununterbrochen, nur ab und zu geht jemand ran mit einer wahnsinningen aufgesetzten Freundlichkeit. Der Hörer wird aufgelegt und die Stimme der Arzthelferin im gleichen Zuge wieder eine Oktave niedriger.
Eines der beiden Fenster im Wartezimmer ist weit geöffnet, auf der anderen Straßenseite steht eine große Kappele. Zu jeder vollen Stunde ertönt ein Glockenspiel. Zunächst lauscht man, doch im nächsten Augenblick sieht man nur noch entnervte Blicke in den Gesichtern der Wartenden.
Immer wieder kommt eine der Arzthelferinnen herein und ruft jemanden auf, der aber nicht im Wartezimmer ist. Alle Wartenden schauen sich immer wieder in einer Runde an, wer denn schon eingeschlafen ist und eigentlich dran wäre. Nur jedes dritte, vierte Mal ist der aufgerufene auch im Wartezimmer. Immer wieder ein Blick auf die Uhr, doch scheinbar ist es Gesetz, dass die Wartenden auch warten sollen.
Wieder scannt man den Raum, die Kapelle, die Poster, die sechs Stühle mit den anderen fünf Personen. Gegenüber eine Mutter mit ihrer dreizehnjährigen Tochter, immer wieder versucht die Mutter ein Gespräch mit dem Teenager anzufagen, doch wieder und wieder blockt das Mädchen ab und ignoriert sie weiter. Jeder verfolgt es. Schaut einer der beiden in den Raum, schießen die Blicke der Wartenden sofort in andere Ecken. Erneut geht die Tür auf, ein türkisches Ehepaar kommt mit ihren vier Kindern hinein. Da alle Stühle besetzt sind, stellen sie sich mitten in den Raum bis kurz darauf eine Arzthelferin in den Raum kommt und die Familie bittet im Eingangsbereich der Praxis zu warten.
Eine Ewigkeit scheint vergangen zu sein, es scheint als kommen alle anderen endlich dran außer man selbst. Immer weiter klingelt das Telefon, ab und an heimliches Getuschel, kommende und gehende Leute bis man selbst endlich aufgerufen wird.
Tür auf, Tür zu. Obwohl man denkt, dass man schon so eine Menge über die Anderen erfahren hat, sind alle im nächsten Augenblick vergessen.





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