Blumengaenschen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 3

wahn/sinn

So wie sie alle gekommen waren, so mussten sie gehen. Qualvoll, langsam, schreiend, hilflos und nackt dem Unbekannten ausgeliefert.

Doch wo sie anfangs Sonnenschein und Leben begrüßt hatte, würde für sie nun Dunkelheit folgen. Aber hatten sie es denn anders verdient? Hatten sie? Wer waren sie überhaupt, dass sie sich in sein Leben einmischten und ihm permanent vorhalten wollten, was er zu tun und was zu lassen hatte. Fremde, ihm, obwohl sie gleicher Art entstammten, völlig unwichtige und unbekannte Personen. Wozu waren sie überhaupt da? Wer hatte sie erschaffen?

Doch nicht etwa Gott, nein, einen solchen Gott konnte es nicht geben, der fähig war, solche Scheusale zu erschaffen und ihnen ein so langes Leben zu gewähren. Dieses konnte bei den meisten eh nicht anders als eine Art Dahinvegetieren bezeichnet werden und dies taten sie unabhängig voneinander, denn trotz aller altruistischen Züge versuchte jedes Individuum doch nur, sich selbst zu erhalten und von den anderen zu profitieren.

Niederlage erzeugte Aufstieg erzeugte Erfolg erzeugte Abhängigkeit erzeugte Hass erzeugte Niederlage… Ein fortwährender Kreislauf des sogenannten Lebens, bei dem doch nur diejenigen begünstigt wurden, die eh schon alles hatten. Um ihr Ego aufzupolieren spendeten sie vielleicht einmal im Jahr einen großen Betrag (in anderen Augen, die sich nicht mit Finanzen auskannten, hoch scheinend) an ein Dritte-Welt-Land und galten als Wohltäter der Nation. Aber anstatt mit anderen Methoden die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren und verbessern zu wollen, unterstützten sie jene nur.

Sie selbst saßen mit ihren fetten schmierigen Bäuchen an ihren Mahagoni-Tischen, die in Kambodscha mit in Handarbeit verzierten Reliefs verschönert wurden, ein wohlgefälliges Lächeln in ihren feisten Gesichtern und freuten sich des Lebens weil sie wieder einmal einen dicken Fang gemacht hatten. Tag für Tag gingen sie in ihre Banken, in ihre Firma, in ihr Geschäft, vorbei an dem Penner, der schon ewig in der Ecke vor dem Schuhladen hockte und einen Pappbecher in seiner schwieligen Hand hielt, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, gaben sich die gold überzogene Klinke in die Hand und ließen edelmütig die geschäftige Sekretärin vor, um ihr auf ihren kleinen, unschuldigen Arsch starren zu können. Später dann, ließen sie sie wegen einer im Stress entstandenen Unachtsamkeit feuern, nicht ohne vorher noch einmal alle ihre Qualitäten aufs gründlichste geprüft zu haben.

Ja, so waren jene, die Macht besaßen, dachte er und starrte in den unverhältnismäßig großen Spiegel, der das einzige war, was den kahlen Raum schmückte und aus welchem ihm seine blutunterlaufenen Augen entgegenstarrten. Doch sie haben es alle bereut, alle, alle haben sie es bereut und um Gnade gewinselt, wie die Hunde, die sie sonst mit ihren Füßen traten, weil sie den Eingang ihres Geschäftes durch ihr Dasein seines makellosen Ansehens beraubten.

Oder hatten sie ihn etwa wieder getäuscht, wie all die Jahre zuvor, in denen sie ihn mit einem gnadenlosen Lächeln und keinem Funken Bedauern in ihrer Stimme mitteilen mussten, dass er, so Leid es ihnen täte, nicht für den Beruf geeignet war? Dass er leider für gar keinen Beruf geeignet war und sie ihm gerne helfen würden, wenn sie denn könnten? Das konnte nicht sein, das durfte einfach nicht sein, denn wenn es so wäre, hätte sich der Plan nicht erfüllt und alles wäre sinnlos gewesen...

Noch während er zu Boden sank, begann es um seine Mundwinkel zu zucken, so als ob er einen oralen epileptischen Anfall hätte und gleich darauf brach aus ihm ein hysterisches Lachen hervor, das in leise, wehklagende Laute überging die sich schließlich zu einem anhaltenden, hohen Schreien steigerten.

„Das ist ja nicht zum Aushalten, sag den Zuständigen, sie sollen ihn da rausholen und ihm irgendwas geben, das ihn ruhigstellt.", sagte der Mann, der sich auf der anderen Seite des Spiegels befand, welcher von dort aus gesehen eine einfache Scheibe war. „Und bring mir bei der Gelegenheit gleich ’nen Kaffee mit.“ Der andere Mann im Raum, an den der Befehl gerichtet war und der fasziniert und angewidert das Wesen auf der anderen Seite der Scheibe beobachtet hatte, war beim Vernehmen des Schreiens ganz blass geworden. „Mein Gott, ich verstehe nicht… wie kann man… so viele Menschen, und die meisten hatten Familie…“ Der Andere legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter: „So was kommt leider vor. Diese Irren brauchen keine Gründe, um so etwas zu tun. Und jetzt beeil dich mit meinem Kaffee, ich hab Durst.“

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2 Antworten

Kommentare

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    das is mahl wirklich wahnsinn. aber sehr guter. hui. bin beeindruckt!

    15.12.2006, 08:45 von calzifera
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    daumen hoch - krasses pferd

    13.12.2006, 17:48 von anid
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