Während du stirbst
Dein Leben rinnt durch unsere Hände. Und während du stirbst, wünsche ich mich an einen anderen Ort.
Ich habe mir nie Gedanken über das Sterben gemacht. Und jetzt verschwinde ich in diesem Wirbel aus Tod, Trauer, Verzweiflung, ohne Anfang, ohne Ende, so laut, so schwer. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, kann nur deine schwache Hand halten, sie ist so schrecklich kalt, schon seit Tagen. Ich will dich nicht los lassen, nicht jetzt, noch nicht.
Du darfst nicht einfach gehen, ohne mich.
Deine Haut ist weich, etwas verschwitzt und sehr, sehr blass. Du bist immer schwächer geworden in letzter Zeit, ich fiebere jedem deiner rasselnden, unregelmäßigen Atemzüge entgegen, wache ununterbrochen bei dir. Wie viele Tage ohne Schlaf? Ich weiß es nicht.
Du sprichst nicht mehr. Es strengt dich zu sehr an. Dabei wünsche ich mir doch nichts sehnlicher, als noch einmal von dir zu hören, dass es dir gut geht. Dass ich mir keine Sorgen machen muss. Dass alles gut wird. Ich würde mich mit jeder Lüge zufrieden geben, könnte ein Mal kurz aufatmen, mich vielleicht etwas entspannen. „Jetzt müssen wir stark sein, jetzt braucht er uns, bald ist er erlöst.“ Das sagen sie alle. Und mit dem „wir“ meinen sie mich, ich muss, ich muss, ich muss. Ich will aber nicht mehr stark sein, ich will dich nicht freigeben von hier. Ich will die Zeit zurückdrehen, als wir zusammen Sonnenblumen pflückten und nachts Vanillepudding kochten. Ich will deine Liebe wieder spüren, deinen unvergleichlichen Tatendrang, dein schiefes Grinsen.
Ich bin so ein furchtbarer Egoist.
Du stöhnst leise. Ich halte deine Hand, zittere wie verrückt, von Kopf bis Fuß. Ich habe Angst, deinen letzten Atemzug zu verpassen, dein Ende. Und gleichzeitig wünsche ich mich ganz, ganz weit weg, irgendwohin, wo ich mich verkriechen könnte, wo ich nichts mehr spüren müsste von all diesem Schmerz, diesem Abschied. Ich liebe dich immer noch, keinen Zweifel. Ich habe dir versprochen, dich für immer zu lieben, auch jetzt, hier. Ich will dir Kraft geben, es dir etwas leichter machen, damit du deinen Schmerz ein wenig vergessen kannst. Ich will dir so vieles geben. Aber ich kann nicht mehr.
Warum, verdammt? Warum muss ich jetzt hier sitzen und darauf warten, dass du stirbst?






Kommentare
er war schon immer sehr traurig, aber auch sehr gut.
23.02.2009, 15:40 von lebensweisenich mag das mit den egoist.