KaffeJunge 04.12.2017, 22:51 Uhr 0 7

Von Rotze und Fesseln

Du sitzt neben mir, deine Hände auf dem Rücken gefesselt. Du sagst, es täte dir weh.

Auch, wenn ich aufrichtig Mitleid habe, ich kann dir die Fesseln nicht abnehmen. Weh tut es dir, weil du die Glasscheibe der Zimmertür in eurer WG eingeschlagen hast, bevor du deine beiden Mitbewohner mit einem Messer abstechen wolltest. Der Sanitäter meinte: "Wird schon gehen." Die Hirnfressenden Gedanken deines Flashbacks werden ohnehin schwerer in der Waagschale deiner Belastungsgrenze wiegen, als dieser körperliche kurzfristige Schmerzeszustand.

Du bist noch so jung und doch hast du Dinge gesehen und getan, die ich mir niemals vorstellen kann, weil sie so sehr entfernt von dem sind, was ich als meine Lebenswirklichkeit erachte. Jeder Satz zu deinem Leid ist nicht mehr als eine abgedroschene Floskel.

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Deinen Namen kann ich nicht mehr erinnern, ich weiß noch, er klang so melodisch. Ich erinnere mich an die Art, wie du mir drohtest, wie du sprachst, während du Qualen gelitten hast. Es klang ein bisschen, wie diese Werbesprecherin, die die Harald Schmidt Show anmoderierte. Irgendwas von Bier sagte die, das so schön geprickelt habe in ihrem Bauchnabel.
Deine Worte fließen auch so ineinander über und geben dem Gesagten einen leicht französischen Einschlag. "Ich 'ab sooo viel geseh'n, so viel Scheise!" sagst du. "Leute ohne Kopf! So viel Scheise! Ich will zurück nach Afghanistan, ich will zurück zu mein Familie!" sagst du. "Pass auf, ja, pass auf. Man sieht sich immer zweimal im Leben, du wirst seh'n!" Solche Gedanken sind wohl unweigerlich kausale Folge davon, wenn ein  Regime das Gehirn wäscht und die eigenen Erlebnisse die Seele zerfressen.

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Jetzt sitzt du mit deinen fünfzehn Jahren mit gefesselten Händen auf der fleckigen Gummimatte in der Kinderpsychiatrie. Die Neonröhren bescheinen hässlich dein schmutziges und blutiges Gesicht. An die Wände hat jemand eine Wiese, einen Baum und ein Reh gemalt. Rotze läuft aus deiner Nase. Die doch so unantastbare Würde des Menschen, die du schon längst verloren hast, kann auch ich dir in diesem Moment nicht zurück geben. Nein, ich habe das Taschentuch nicht, um das du mich bittest. Du nickst in Richtung deines T-Shirts, ich helfe dir, dich hineinzuschnäuzen. "Danke" sagst du. "Pass auf, dass er nicht beißt" sagt der Kollege. Er beißt nicht.

Wir haben dich übergeben an die Kinderpsychiaterin mit den müden Augen und den zerzausten Haaren. Wir sind fertig. Weiter geht's. Abfahrt. Gerne würde ich dir sagen, dass schon alles gut werden wird. Dir sagen, dass du noch so jung bist und verweisen auf die doch so grenzenlosen Möglichkeiten in unserer Welt. Ich würde einen Witz reißen, der dich zum Schmunzeln bringt. In dieser meiner Phantasie würden wir uns wissend zuzwinkern. Wir würden gegenseitig mit den Zeigefingern unserer beiden Hände auf den anderen zeigen und wissend nicken. "Wird schon, wird schon, läuft bei dir!" würden wir sagen. Doch mit auf dem Rücken gefesselten Händen zeigt es sich nicht gut.

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