schimmern 30.11.-0001, 00:00 Uhr 24 20

Von drüben.

Wir hätten diesem Wahnsinn schon vor Wochen Einhalt gebieten müssen.

Mit einem mittelschweren Sonntagskater liege ich wenig ahnend auf dem Sofa und gebe mich der Teeniefilmberieselung von Sat1 hin.

Bloss nicht denken, das tut weh.

Ich bin eingemummelt in eine Wolldecke, nur Nase, Augen und ein paar filzige Haare gucken aus der Deckenwurst raus, und der Greifarm natürlich. Damit führe ich mir die überlebenswichtigen Lebensmittel und Auskatergetränke zu: Tetrapackkakao, der in seiner Verpackung zugleich noch das Riskio des „Sich Getränk ins Gesicht schütten“ minimiert, Minipizzen und Schokobananen.

Der Regen trommelt gemütlich ans Fenster, in der Küche rumpelt und murkst mein Freund am Abendessen herum, hach, welch' eine Idylle.

In dieser Sicherheit des Gutversorgtseins dummele ich ein wenig ein.

Krrr!Krrr! Klopf! Klopf!

Mein Kreislauf kommt mit der Geschwindigkeit meines Aufrichtens nicht hinterher. Ich fühle mich wie abgeschreckte Nudeln.

Schwindelig hocke ich auf der Sofakante, mein Gesicht in die Hände gedrückt.

Bevor ich rufen kann, ist Manuel schon an der Tür. Wer dort steht, habe ich anhand des Klingelzeichens erkannt. Unsere Nachbarn. Helga und Heinz. Das Klingelzeichen hatte sich schon zwei Tage nach unserem Einzug eingebürgert.

Bitte nicht, oh, bitte! Heute nicht! Es ist doch Sonntag!

Halt mal, ich komm' ehmt rein!“ höre ich Helga schnarren.

Du, ist grade ungünstig! Aber Danke für die Suppe!

Es folgt noch Gemurmel, dass ich nicht verstehen kann.

Ich höre, wie Manuel auf dem Weg ins Wohnzimmer den Topfdeckel hebt, ein „Uäh!“ ausstößt, und den Inhalt sogleich ins Klo befördert. Wie so oft. Ob nun klumpige Suppe oder Pudding mit Haut drauf, Helgas Geschmack trifft selten unseren. Auch wenn wir ihr schon so oft gesagt haben, dass wir durchaus auch selbst kochen, ist sie ganz ihrem Versorgungswahn ergeben.

Wir hätten diesem Wahnsinn schon vor Wochen Einhalt gebieten müssen, haben uns aber aus Weichherzigkeit und auch ein bisschen Naivität nicht dazu durchringen können.

Helga und Heinz sind beide in etwa Mitte Sechzig und fristen ihr kinderloses Rentnerdasein unermüdlich nervensägend und nachbarbesuchend in der Wohnung rechts neben uns.

Schon am Einzugabend stand Helga mit einem riesigen Teller Butterbroten vor der Tür, den wir mangels eigener Brotschmiermöglichkeiten herzlich dankend annahmen.

In den Tagen danach kontrollierten sie unsere einrichterischen Fortschritte, Heinz, ein ehemaliger Tischer stand Manuel beim bohren und sägen gerne zur Seite. Mit Worten und Witzen.

Täglich klingelten beide mehrmals am Tag unter dem ausgemachten Klingelzeichen. Dass sie uns in dieses einweihten, wo sonst nur die langjährige Nachbarschaftselite davon wusste – eine zweifelhafte Ehre.

Nachbarschaft wird hier groß geschrieben, das war schon im Moment der Schlüsselübergabe klar.

Da traf ich Heinz im Fahrstuhl. Nachdem er eine Viertelstunde auf mich ein kalauerte, bat er mich in die Wohnung und zeigte mir einen Zeitungsausschnitt. Mit Bild und allem Zip und Zap wurde dort die Mietergemeinschaft unseres Wohnblocks gelobt, besonders aber der Einsatz von Heinz und Helga. Wo sich Nachbarn und Blockwart unterscheiden weiss ich immer noch nicht.

Nahm Manuel die täglichen Besuche noch gelassen hin, wurde ich allmählich ungehalten. Ich hatte einfach das Gefühl, dass sich Heinz und Helga mit ihren milden Gaben und ihrem ständigen Ratgeben ein Mitsprache-oder Reinrederecht in unseren Alltag zu erkaufen versuchten.

An einem Nachmittag vor drei Wochen nach einer Tasse Kaffee stand ich zum Beispiel bei Helga im Schlafzimmer, und versuchte sie höflich aber bestimmt davon zu überzeugen, dass es nicht nötig sei, in ihrem Beisein eine ihrer hochgelobten Aldijeans anzuprobieren. Weder Schnitt noch Farbe noch Größe schienen mir passend oder meinem Alter entsprechend, ich halte nichts von Gummizug und frechem Strassbesatz auf den Hosentaschen. Mich ausziehen vor der Nachbarin, ich glaub' es geht los.

Seither ist Helga etwas verstimmt, dass ich mich nicht entblößen wollte, war ein Affront, ein Beweis dafür, dass ich ihr nicht vertraue. Dabei halte ich mich auch bei allem anderen bedeckt.

Anlässe zum klingeln findet Helga aber trotzdem genug. Sie sammelt die Töpfe ein, die sie uns am Vorabend gebracht hat, muss meinen Freund ganz dringend etwas fragen, oder steht mit irgendeinem anderen Anliegen in der Tür.

Nach zwanzig Minuten Smalltalk mit Helga bin ich erledigter, als nach einem Vormittag Kleinkindergebrabbel.

Geht Manuel aus Höflichkeit doch mal in deren Wohnung, um mit Heinz Bier zu trinken, kann ich mir sicher sein, dass Helga ihn dort bekocht. Sie ist sich nämlich sicher, dass ich am Herd nichts tauge. Und auch sonst sind meine hausfraulichen Fähigkeiten ihrer Meinung nach eher so mittel.

Wenn ich mich dann rüberwage, um Freund wieder einzusammeln, prasseln ein Haufen guter Ratschläge, Fragen und Vorwürfe auf mich ein.

Nimm dir jeden Tag nur ein Zimmer zum putzen vor!

Hab' doch wenigstens die Vorbereitungen zum Abendessen schon fertig!“

Geh' nicht so oft baden, das kostet alles Geld!“

Das sind so die Klassiker. Mir fallen meistens nicht mal mehr schnell genug Ausreden für ein Ende des Besuches oder des Gespräches ein, so perplex bin ich dann.


Dazu kommen dann runtergehaspelte Rezepte von Alteleuteessen, eine Unzahl an Muttitipps zur Verbesserung meiner Putzskills und Fragen.

Wann bist du denn gestern arbeiten gegangen? Ich hab dich gar nicht an der Haltestelle stehen sehen!“

Wieso nimmst du deinen Freund nicht mit, wenn du ausgehst?“

Hat Manuel nichts dagegen, wenn du so spät nach Hause kommst?“

Wo warst du überhaupt?“

Helga und Heinz haben von ihren Wohnzimmersesseln aus einen hervorragenden Blick auf die Bushaltestelle. Ich fühle mich gestalkt.

Zwecklos, ihr zu erklären dass wir zusammen putzen, dass Manuel und ich immer erst sehr spät zu Abend essen, dass ich bade wann es mir beliebt, dass ich wechselnde Schichten habe, dass Manuel manchmal einfach keine Lust hat auszugehen, und dass ich als mündige Frau schon gut alleine entscheiden kann, wann und von wo ich nach Hause komme.

Ich beantworte ihre Fragen höflich oder einsilbig, und räche mich nachts im Schlafzimmer. Das liegt nämlich derekt neben ihrem.

Ich rufe dann laut „Neeeein, nicht den Rettich!“, oder stöhne einfach so und übertrieben, während ich Manuel nur kurz bei irgendeinem Computerspiel über die Schulter schaue.

Eigentlich hemmt  mich das Bewusstsein wer nebenan schnarcht und mithört eher in meiner Fleischeslust. Manuel geht's ähnlich.
Zum Glück haben wir zwei Schlafzimmer.

Der Flurfunk funktioniert hier natürlich auch sehr gut, und so weiss der ganze Block über unsere gefakten Aktivitäten Bescheid, weswegen wir häufig schiefe Blicke im Fahrstuhl ernten, und ist auch bestens informiert wenn ich mal krank bin.

Ich bin leider häufig krank, was daran liegt, dass mein Immunsystem dem Bazillendauerbeschuss in der Krabbelgruppe in der ich arbeite noch nicht gewachsen ist. Mirnixdirnix fange ich mir dort andauernd die tollsten Sachen ein, was Helga aber als Zeichen meiner Faulheit wertet.

Generell ist für Helga der Auftrag des Kinderhütens ein Untergeordneter, nicht zu vergleichen mit den Arbeitszeiten meines sich halbtot malochenden Freundes. (Ihre Ansicht)

Wie ich denn mit meinen paar Stunden Arbeit den Haushalt so schleifen lassen könne?

Es ist immer das gleiche Spiel. Ich in der Rolle der Geld-aus-dem-Fenster schmeissenden, faulen, feiernden Trulla, mein Freund der ehrlich knüppelnde Handwerker im Blaumann. Ich kann es nicht mehr hören, und ich will das nicht mehr hören.

Ich habe genug von unangemeldetem Besuch im Wohnzimmer, genug von Heinz' schlimmen Witzen („Du, wir machen 'ne Gummibärenparty! Die Männer bringen die Gummis, die Frauen die Bären! Baaaaaaahahahahaha!) , ich halte dieses Nachbarschaftsgemurkse im Kopf nicht mehr aus.

Altherrenwitze, Schrebergartenansichten, Suppentassenhorizont.

Ich will nicht mehr geduldig nicken müssen, ich will nicht mehr höflich sein, ich will nicht mehr Rücksicht auf deren Alter nehmen. Einsamkeit hin oder her, aber irgendwann muss doch mal Schluss sein! Kann man die beiden nicht gerecht auf die anderen Nachbarn verteilen? Dann hätten wir, wenn's gut läuft, nur noch Quartalsmäßig mit Helga und Heinz zu tun.

Dabei müssten Manuel und ich nur ein Mal die Arschbacken zusammenkneifen, und denen sagen was Phase ist. Wir halten uns doch für so offen und ehrlich, warum kriegen wir das nicht hin?

Haben wir etwa Angst vor denen? Oder sind wir wirklich so um den Hausfrieden bemüht? Wir kommen aus der Nummer irgendwie nicht raus.

Ich kann mir unsere Feigheit einfach nicht erklären.

Manuel zieht die Wohnzimmertür hinter sich zu und setzt sich zu mir auf's Sofa.Ich bin beeindruckt, wie schnell er Helga losgeworden ist, aber auch angepisst wegen der Sonntagsunterbrechung. Obwohl wir wirklich glimpflich davon gekommen sind.

Dass ich sauer bin, weil er schon wieder die Tür aufgemacht hat, sieht er sofort. Bevor ich mich beschweren kann sagt er:

„Die fahren nächste Woche in den Urlaub.“ Er sieht erleichtert aus.

„Wohin?“

„Hab nicht so genau zugehört, irgendwas mit Kreuzfahrt. Vier Wochen oder so. “

Ich lege mich wieder hin und denke sehnsüchtig an den Untergang der MS Estonia.



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24 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Wenn das wahr ist: boa!!! Wie ätzend. Beileid!

    Wenns nicht wahr ist: Ganz nett, war auf jeden Fall unterhaltsam zu lesen :)

    12.12.2012, 12:43 von halbkindmf
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  • 0

    Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
    Haha.
    :)

    03.12.2012, 13:54 von sandindenfedern
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  • 4

    Die Haut obendrauf ist das Beste am Pudding!!

    16.11.2012, 21:19 von LauraPhilomenaTheresa
    • 0

      Bäh! :D

      19.11.2012, 12:59 von Jingeling89
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  • 0

    "ich halte nichts von Gummizug und frechem Strassbesatz auf den Hosentaschen."

     

    XD

     

    Hab mich sehr amüsiert beim Lesen....und ein bisschen gegruselt auch.

    Gut gemacht.

    16.11.2012, 12:41 von Pixie_Destructo
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    • 1

      Und nu? 

      16.11.2012, 08:29 von schimmern
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    • 0

      Mir passiert leider wenig nervenzerfetzendes. 

      16.11.2012, 08:31 von schimmern
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    mein beileid,..oder doch glückwunsch für 4 Wochen ruhe? ;)


     


    Mit wurde mal von einem nachbarn gesagt: wussten sie, dass ihre freundin immer 5 minuten nach ihrem verlassen der wohnung von einem älteren herren mit benz abgeholt wird? nichts schlimmes, jedoch wussten sie, dass sie ihm immer ein küsschen gibt? ahaaa, meine freundin küsst also ihren vater? das werde ich nicht weiter dulden!


    insofern kann ich es gut nachempfinden und es nervt einfach nur.

    15.11.2012, 13:27 von jetsam
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  • 0

    haha, ich mags sehr. noch dazu jetzt so formuliert:) gute besserung mein herz!

    15.11.2012, 13:00 von pocket
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Seite: 1 2
  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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