DarenBRens 30.11.-0001, 00:00 Uhr 62 55

Vom Schwulsein und anderen Katastrophen

Im besten Fall ein Frauenversteher. Und seit zwei Jahren mit keiner Frau mehr geschlafen. Oder im schlimmsten Fall schwul?

Es begann alles mit einer Glenn Shaman - Jacke. Das Geschenk eines Freundes, dessen Bruder an Klamotten dieser Marke mehr oder minder günstig bis umsonst rankam.
Der warme Stoff des aschgrauen Halbmantels kam mir jetzt zum Winterbeginn sehr recht. Außerdem stand er mir. Mutmaßte ich zumindest im Spiegel. Schon bei meinem ersten Ausgang mit dem guten Stück auf dem Leib bemerkte ich, dass die schüchternen Blicke, die man seinen Mitmenschen manchmal auf der Straße zuwirft, weil man eben doch vom halbherzigen Interesse am menschlichen Miteinander hingerissen wird, weitaus länger an mir und meinem neuen Mantel kleben blieben, als noch zuvor im sommerlichen Dreiviertelhosen-Outfit. Manchmal wanderten die Augen sogar einmal hinunter und wieder hinauf bis zu meinem Gesicht und den Augen.
Das Merkwürdige - wie ich damals noch empfand - war, dass die Begutachtungen sowohl von Frauen als auch von Männern ausgingen. Nach einigen Tagen fiel mir auf, dass die meisten dieser Jungs stilsicherer und gepflegter wirkten, ihre Blicken unverblümt an mir haften blieben, dass sie, erkannt mit dem geschulten Auge eines Heteros, schwul waren.
Etwas später erfuhr ich es dann: Laut der Auskunft eines anderen Freundes war die Marke, die ich trug, als von homosexuellen Männern bevorzugtes Label bekannt. Meiner eingetrichterten Homophobie zum Trotz trug ich die Jacke jedoch mindestens genauso stilsicher weiter, wie ich es an dem bekennenden Auftreten der Männer bewunderte, denen ich offensichtlich so gefiel.

Weil sie mir stand. Weil sie auch meinem Auftreten entsprach. Weil sie schön war und ich auffiel.

"Warum trägst du die Jacke eigentlich noch?" fragte mich der Freund, der mir gutwillig die Augen über mein neues Prachtstück geöffnet hatte. Ich hätte drei gute Antworten parat gehabt. Stattdessen zuckte ich mit den Schultern und dachte insgeheim an die Männerblicke, die ich nicht mehr missen wollte...

Seit mindestens fünfzehn Jahren stets in der bequemen Position übereinandergeschlagender Beine gesessen, nach zwanzig Jahren immer noch keine Abseitsregel verstanden, bei Amelie geheult, bei Star Wars Kopfschmerzen bekommen. Seit der eigenen Wohnung noch nie geduscht, dafür fast jeden Tag gebadet. Mir oft gewünscht, dass es für Weinflaschen Flaschenpfand gäbe, Rilke dreifach gelesen und Tolkien übersprungen.

...Das waren die Gedanken, die mir in den Sinn kamen, als ich über mich und meine neue Jacke nachdachte. War ich im besten Fall ein Frauenversteher?

Und seit zwei Jahren mit keiner Frau mehr geschlafen. Oder im schlimmsten Fall schwul?

Ich kannte weder irgendwelche homosexuellen Männer, noch erlaubte ich es, mir jemals vorzustellen einen Mann zu küssen oder gar...nun, jetzt stellte ich es mir zum ersten Mal vor.

Abwehr. Unästhetisch. Kratzig und haarig. Wider.

Und doch blieb die Frage warum mich jene Männer, die mich so wohlwollend bis offensiv anschauten, immer mehr faszinierten. Warum ich mich gerne einmal der Abwehr entledigen, der Ästhetik größere Individualität verleihen wollte. Warum konnte ich mir plötzlich vorstellen, dass kratzig und haarig auch sexy sein konnte? Warum wollte ich ein Wider mit Neugierde ersetzen?

Diese Jacke, dieses Label verdiente mittlerweile dank all der angestifteten Verwirrungen eine Google-Suche. Die Suchbegriffe "Glenn Shaman" und "schwul" sollten mir Abhilfe verschaffen. Im Vorschau-Text fand ich fettgedruckt den Namen der Marke sowie die Phrase "schwule Nazis". Ich öffnete die Seite und landete in einem Foren-Thread mit der Überschrift: "Ist Glenn Shaman eine rechte Marke?" Offensichtlich, so erfuhr ich beim Lesen, werden die Klamotten dieses Herstellers - zumindest in England - hauptsächlich von rechten Hooligans getragen.

Schock. Ekel. Noch mehr Fragen. Wider. War ich plötzlich der schwule Nazi?

Ich dachte an meine Bekannten und Freunde. Alles Deutsche. Einer von ihnen hört sogar Böhse Onkelz. Angeblich sind die jetzt doch nicht mehr rechts. In der Schulzeit hatten wir zwar viele ausländische Schüler in der Klasse, aber die wollten immer unter sich bleiben. Zumindest waren wir unter uns. Zeigte die Statistik über Jugendkriminalität nicht eindeutige Zahlen? Oder war das doch gemischt? Warum sage ich eigentlich immer "Ausländer" ohne mich irgendwie schlecht zu fühlen? Heißt das heute nicht "Bürger mit Migrationhintergrund"? Bisher hab ich überhaupt eher über Ausländer und sehr selten mit ihnen gesprochen.

Mein Entschluss stand fest. Diese Jacke gehörte von der Altkleidersammlung abtransportiert. Besser noch verbrannt. Ganz zeremoniell. Eine Jacken-Verbrennung.
Als der Frühling begann entschloss ich mich dann doch eher für die verschwiegene Variante und stopfte das widersprüchliche Stück Stoff mit einigen anderen ausgesonderten, stilunkonformen Klamotten in einen großen gelben Sack.

Dreiviertelhosen angezogen. T-Shirt. Raus. Sonnen. Braunwerden und auf Frauenjagd, die Piste meiner ganz persönlichen Vergangenheitsbewältigung gehen. Nicht mehr Wider. Sondern wieder zu mir selbst finden.

Ein paar Wochen später wachte ich im fremden Bett auf. Ich war nackt und es war weich. Die Sonne schien durch ein Fenster. Meine Haut kribbelte und es war warm. Wie es zu dieser Nacht gekommen war sollte mir erst etwas später wieder einfallen, doch die Details jener Stunden nach Mitternacht zauberten mit jetzt schon wieder ein Lächeln aufs Gesicht.
Neben mir lag Atul, ein indischer Student des Maschinenbaus. Für mich der Lehrer der Liebe. Nach einer gemeinsamen Dusche, schauten wir Star Wars, seinen Lieblingsfilm, von dem er mich am Vorabend versucht hatte zu überzeugen. Keine Kopfschmerzen. Ich dachte an den gelben Altkleidersack und vermutete frohen Gemüts, dass meinem Nachfolger die englischen Hooligans herzlichst egal waren.

-> Und so ging's weiter...
http://www.neon.de/artikel/sehen/gesellschaft/vom-schwulsein-und-anderen-katastrophen-ii/801351

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62 Antworten

Kommentare

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    wirklich sehr treffend!

    07.07.2011, 18:29 von eikemm
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    guuuuuuuuuuuut!

    24.04.2011, 02:38 von whatajulia
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    *gefällt*

    17.12.2010, 16:01 von Amoroma
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    Gefällt! :)

    28.08.2010, 15:14 von ForbiddenSnowflake
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    wow! das haut mich echt um! Dein Schreibstil ist der Hammer!! Und besonders gefallen hat mir der Inhalt :)
    War sehr unterhaltsam ;)

    30.08.2009, 15:41 von Deepdragon
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    nicht überzeugend, also du jetzt.

    14.05.2009, 03:04 von schundfriedel
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    deine selbstironie ist wunderbar zu lesen und überhaupt mag ich deinen text sehr gerne :)

    13.05.2009, 17:29 von bleuet
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