Vom Schwulsein und anderen Katastrophen II
„Du bist echt ne’ kleine Pussy.“
Im Frühling meiner Jahre verbrachte ich den Sommer meines Lebens.
Er hieß Atul und war indischer Student des Maschinenbaus. Für mich der Lehrer der Liebe.
Atul war der erste Mann, in den ich mich verliebt hatte. Er war der Junge, der mir an die Stirn geklopft und gesagt hatte: „Hallo?! Du bist schwul.“ Aber er hatte es zärtlich getan. So zärtlich, dass ich den Großteil des Sommers in seinen Armen verbracht hatte.
Eines Morgens, ich hatte einmal mehr für Frühstück im Bett gesorgt, schlug er vor „Das Imperium schlägt zurück“ zu gucken. Das war offenbar die Fortsetzung von „Star Wars“, den Film , den wir an unserem ersten Tag als Paar zusammen geschaut hatten.
„Och nö,“ murrte ich. „Ich hasse Sequels.“
„Dann lass uns ins Freibad.“
Ich stieß ein langgezogenes „Hmmm...“ aus. Natürlich konnte ich niemals ins Schwimmbad. Die Gefahr dort meine Freunde anzutreffen war einfach zu groß. „Ich weiß nicht,“ sagte ich unentschlossen.
„Dann überleg’s dir schnell,“ meinte Atul, sprang vom Bett auf und verschwand im Bad.
Wollte ich diesen Traummann der Welt vorstellen? Eigentlich schon. Und mein Umfeld mit meinem neuen Lebenskonzept vertraut machen? Sich outen? Eigentlich nicht.
„Du, ich geh heut zu meinen Eltern. Die hab ich lang nicht mehr gesehen!“ rief ich vom Bett aus Richtung Bad. Atul kam mit nacktem, kastanienbraunem Oberkörper in den Türeingang, in seinem Mundwinkel hing die Zahnbürste. „Prima,“ antwortete er und schloss etwas an, das klang wie, „Ich komm mit!“
Wie meine Freunde auf meine Neuigkeit reagieren würden, konnte ich mir ungefähr vorstellen. Sie kannten den Begriff „schwul“: Es fängt gleich an zu regnen!. -Schwul!- Und? Wie war der Film? -Schwul!- Thomas hat sich das Bein gebrochen. -Schwul!- Bayern hat wieder gewonnen! -Schwul!-
Aber was würden meine Eltern sagen? Ich entschloss mich für eine ehrliche Kommunikation mit Atul und warf ihm ein paar Phrasen vor die Füße wie „mehr Zeit brauchen“, „den richtigen Augenblick abwarten“ und „meine Leute nicht überfordern“.
„Du bist echt ne’ kleine Pussy,“ erklärte mir mein Lehrer der Liebe. Peitsche. „Ich mein, du bist echt süß und so weiter...“ Zuckerbrot. „Aber Hosen anhaben ist echt nicht dein Ding. Peitsche. „Wir ziehen das jetzt durch!“ Mein Lehrer.
Ein paar Stunden später saßen Atul und ich am Essenstisch meiner Eltern. Es war Sonntag und meine Mutter stellte den Sauerbraten auf den Tisch neben die Kartoffeln. Mein Vater hatte Atul eingangs als einen Freund von mir begrüßt und saß nun zeitungslesend am Kopfende. Meine Mutter setzte sich, und Atul stieß mich unterm Tisch an. „Ich bin schwul und Atul und ich sind zusammen“ erklang es urgewaltig aus meinem Mund.
Mein Vater stand direkt wortlos auf und ward an diesem Tag nicht mehr gesehen. Wenig später stand Atul auf, um sich die Hände waschen zu gehen. Meine Mutter schaute mich mit Augen, die seit meiner Geburt nichts als Verständnis kannten, an und sagte ernst: „Schwulsein ist ja richtig hip heutzutage – aber ein Ausländer?“
Dann stand auch ich auf, fing Atul in der Diele ab, und wir verließen mit leeren Mägen meine Eltern.
Unten auf der Straße fragte ich Atul ob wir wieder zu ihm gehen wollten. Er schüttelte den Kopf. „Du bist echt ne’ Pussy.“
„Was soll das heißen?“
„Dass ich mir ein bisschen mehr Authentizität von dir wünschen würde.“
Ich fühlte mich verletzt. „Bin ich dir nicht schwul genug?“
Atul drehte sich um und ging.
Atul hatte Recht. Ich musste etwas finden, das mich sofort als schwul erkenntlich machte. Ein Accessoire, bestimmte Gesten, eine tuntige Eigenart, mein Gang, ein neuer Stil, vielleicht einen Ohrring, enge Klamotten, Make-Up oder gar einen Rock? Irgend etwas, dass mein Schwulsein als gottgegeben und selbstverständlich kennzeichnete. Naja, zumindest als selbstverständlich...
Ein paar Stunden später stand ich Zuhause vor dem Spiegel und probierte ein paar Dinge aus. Ich versuchte es zunächst mit einem Ohrring, den ich mir ans rechte Ohr klippte. War es rechts? Oder trugen Schwule ihren Ohrring links? Hm. Als nächstes wagte ich mich ans Brow-Kit. Atul zog sich nämlich gerne seine dunklen Augenbrauen nach – und generell machen ja viele Schwule noch irgendwas mit ihrem Gesicht. Nach 10 Minuten vor dem Spiegel sah ich aus wie Captain Jack Sparrow. Ich hob meinen linken Oberarm an und ließ das Handgelenk gebrochen weg knicken.
Das war mein Startschuss!
Als nächstes warf ich die Metallica CD aus dem Player, kramte „Like a Prayer“ aus den Untiefen meines verlogenen Heten-Daseins und schmiss den Soundtrack meines neuen Lebensrhythmus an. Ich griff in die Einkaufstüte, dem Ergebnis meines vorausgegangenen Shopping-Eklats, und holte eine kleine, pinke Tasche mit knallbunter Sailor Moon Bestickung hervor. Fix über die Schulter geworfen, noch einmal den Menschen da im Spiegel betrachtet und Handgelenk weggebrochen. Atul wäre so stolz mich!
Zu Madonnas „Express Yourself“ trug ich dann bereits die blaue Röhrenjeans und verteilte Luftküsschen. Dabei fiel mein Blick auf das Venus Shaving Set und...
...ich schreckte auf. Schnell war klar: die Jeans, Brow-Kit und die Ohrringe gehörten zum Traum. Der Streit mit Atul? Auch nur geträumt, wir waren nie bei meinen Eltern! Es dauerte eine Weile, bis ich alles begriff und ordnen konnte. Die Sonne schien durch ein Fenster. Meine Haut kribbelte, es war warm. Ich drehte mich um, kuschelte mich an seinen seidenweichen Rücken und flüsterte ihm ins Ohr: „Sollen wir heute ins Freibad?“
Und ich hoffte meine Freunde würden auch da sein.






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