themagnoliablossom 30.11.-0001, 00:00 Uhr 26 21

Vom Scheitern und anderen erfolgreichen Dingen.

Wer sagt eigentlich, dass man immer wieder aufstehen muss, wenn man hingefallen ist?

„Na, geht´s dir gut?“ wird man ja gerne mal gefragt. Morgens im Büro, auf dem Weg in die Kaffeeküche. Beim Sonntagsspaziergang. Oder wenn man sich zufällig in der U-Bahn trifft. Wobei das ja eigentlich gar keine Frage ist, denke ich mir als sich die Türen mit einem piependen Geräusch schließen. Weil man das Fragezeichen ja oft nicht raus hört und es ohnehin viel zu oft eher nach einer Aussage klingt, auf die es nur eine richtige Antwort zu geben scheint. Ich hätte gern nein gesagt. Einfach so, um zu gucken, wie die anderen dann gucken. Das wäre dann so, wie wenn man mal ein Glas Wasser trinkt, bloß um die Leber zu überraschen. Oder so.

Sei glücklich! Und das ist keine Frage.

Geht´s dir nicht gut, stimmt irgendetwas nicht mit dir – so der Tenor. Leiden ist unschicklich. Und das in einer Gesellschaft, in der jede(r) zweite einen Jour Fixe beim (Psycho-) Therapeuten hat und Anti-Depressiva wie Lutschbonbons verteilt werden. Aber leiden, das tut man gefälligst allein in seinem stillen Kämmerlein. Es gibt Tabletten, die glücklich machen. Es gibt Yoga, Tees, Diäten ja sogar Magazine veröffentlichen Guides, die einem das große Glück versprechen. Glücklichsein ist en vouge. Scheitern eher nich so. Ist es naiv, alles Schlechte in einer Kiste auf dem Dachboden zu verstauen – aus den Augen aus dem Sinn? Oder ist es vielleicht sogar gut und wichtig. Ein Ansporn, um seinen inneren Frieden und das ganz große Glück tatsächlich zu finden?

Von Null auf Hundert und zurück

Try again. Fail again. Fail better. Das ist die Start-up Mentalität aus dem Land mit hübschen Sternchen auf der Flagge. Schlechte Erfahrungen bringen gute Ergebnisse hervor. Prägen, machen schlauer und reifer. No risk, no fun. No money und ergo no Erfolg. Mehr Risiko. Mehr Gewinn. Man muss auch mal raus aus der Comfort Zone, was riskieren, um in der Zukunft vom eigenen Mut in der Vergangenheit zu profitieren. Und das ist nicht (nur) im finanziellen Sinne gemeint. Mehr ist mehr. Nur bloß immer weitermachen. Scheitern an sich scheint nicht das Problem zu sein, ist es doch konstitutiv für das Menschsein. Interessant ist aber die Tatsache, dass Scheitern nur anerkannt wird, sofern es Indiz für späteren Erfolg ist. Es gibt unzählige Stories, die in Tellerwäscher-zum-Millionär-Manier vom Scheitern und dem darauffolgenden Erfolg berichten. Von jemandem, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat, obwohl ihm immer wieder Stolpersteine in den Weg gelegt wurden – vom Schicksal oder von wem auch immer. Dieser jemand ist auf dem Zenit der Glückseligkeit angelangt und das wollen wir ja alle. Oder? Es sind genau jene Geschichten, die Menschen motivieren immer weiter zu machen, zu suchen und zu streben – nach dem, was sie Glück nennen. Was in Vergessenheit gerät ist, dass Glück kein Ort ist, an dem man verweilen kann, sondern per se eine sehr volatile Angelegenheit ist. Vielleicht ist es just diese Eigenschaft, die den Mensch so erpicht es fangen und konservieren zu wollen, dieses Glück.

Sei glücklich! Lautet der wohl einzig gesellschaftlich akzeptiere Imperativ. In den USA ist das sogar ein Geburtsrecht. Was Thomas Jefferson dazu veranlasst hat, das in die Unabhängigkeitserklärung zu schreiben, ist unklar. Denn, die Glücklichsten sind die Amerikaner mitnichten. Trotz und obwohl der „Pursuit of Happiness“ Treibstoff einer ganzen Nation ist. Alles ist möglich. Und das nicht erst seit Trump. Man muss es nur genug wollen. Vielleicht hab ich es auch nicht zu sehr gewollt, dieses Glücklichsein, frage ich mich da manchmal, wenn ich mal wieder die Welt von unten betrachte.

Immer einmal mehr als du

Sei glücklich, sage ich mir dann matraartig und empfinde es zunehmend als Zwang. Ein Diktat der Leistung. Dabei haben Psychologen herausgefunden, dass gerade der Druck glücklich sein zu müssen, erst recht unglücklich macht. Und die müssen es ja wissen. Wenn wir noch ein bisschen weiter gehen und den Verfechter der Abgründe und des Unglücks zu Rate ziehen, müssen wir alle ohnehin viel mehr ausharren und auch einfach mal was aushalten. Es scheint, als haben wir das verlernt. Denn Friedrich Nietzsche schrieb und forderte 1886 (!), dass wir das Leben mit seinen Höhen und Tiefen bejahen müssen und uns von der Konvention sowie dem Zwang, alles in gut oder schlecht unterteilen zu wollen, zu lösen. Wir müssen erkennen, dass diese zeitliche Abfolge von Ups und Downs untrennbar ist. Weil Glück und Leid oft nur einen Fingerschnipp voneinander entfernt sind und nichts die Vergänglichkeit und die Volatilität des jeweiligen Zustandes mehr verkörpert als dieser schmale Grat. Und, noch viel wichtiger: Die Erkenntnis, dass gerade in der Annahme dieser These der eigentliche Mut und die Stärke liegen. Puh, mag da jetzt vielleicht einer denken, was interessiert mich das Geschwätz eines alten, grauen Mannes. Aber auch die blitzgescheite Bloggerin und Autorin Ronja von Rönne berichtet in ihrer Rede vom Aufgeben als einer Form von Befreiung. Denn es ist ja so: Man merkt ja beispielsweise innerhalb von Sekunden, ob etwas passt oder nicht. Oft ist da das Unterbewusstsein sogar schneller als der Verstand. Beim Studium, bei Jobs aber auch bei Menschen. Da kann man ruhig mal auf sein Bauchgefühl hören. Und scheitern. Vielleicht was daraus lernen, vielleicht aber nicht und einfach scheitern, um des Scheiterns Willen und das, meine Freunde (surprise!) ist auch völlig okay.

Immer einmal mehr aufstehen, als man hinfällt, sagte Mutti schon im Kindergarten. Und nicht nur, wenn das Fahrradfahren ohne Stützräder nicht so ganz funktioniert hat. Dieser Satz impliziert ja noch etwas ganz anders. Hinfallen okay, liegenbleiben nicht okay. Vielleicht müssen wir mit diesen alten Mythen endlich aufhören, die so fest in unseren Gehirnen verankert sind. Scheitern ist nämlich gar nicht mal so unsexy. Hinfallen (mit High Heels) auch nicht. Und dann halt auch einfach mal auf dem Boden liegen bleiben. Von hier eröffnet sich nämlich ein ganz neuer Blickwinkel.

 

© themagnoliablossom


Tags: Büro, Blickwinkel, Comfort Zone, das Streben nach Glück, depressiv, Erfolg, Erkenntnis, fail better, Friedrich Nietzsche, Gedanken, Geht´s dir gut, Gesellschaft, Gewinn, Glück, glücklich, Glückseeligkeit, grau, happy, High Heels, Leben, Menschen, Mut, Psychologie, Risiko, Ronja von Rönne, Schicksal, schmaler Grat, sexy, so it goes, Stärke, Trump, Vergangenheit, vom Tellerwäscher zum Millionär
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26 Antworten

Kommentare

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    Ich kann mich da nur GertaMertas Meinung anschließen. Bekannte Sprüche, die in die Richtung gehen wie "das Scheitern als neue Chance" etc sind vielleicht etwas abgedroschen, aber trotzdem ist da etwas wahres dran. VG

    19.04.2017, 18:44 von MikeF
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    Ich denke, es geht darum, mit den Dingen umgehen zu können und Scheitern eben nicht als solches zu empfinden, denn das zeigt ja schon, in welchen Mustern man denkt: gewinnen oder verlieren.

    Aber das Leben ist nicht schwarz oder weiß.

    08.12.2016, 14:56 von GertaMerta
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    Dazu kann ich nur das Buch "Resonanz" von Hartmut Rosa empfehlen (eigentlich auch "Beschleunigung, aber auf das nimmt er beim 'Nachfolgerbuch' deutlichen Bezug), das kritisch hinterfragt, was zu den diversen Welt- und Persönlichkeits-Krisen und vor allem zu diesem allgegenwärtigen Optimierungszwang per Steigerungslogik führt und wie man dem entgehen oder entgegenwirken kann. Er schrammt dabei sehr viele gesellschaftliche Phänomene an, sodass sich jeder irgendwie ertappt fühlt und klopft ebenfalls kritisch die Glücksforschung ab. Das alles, ohne einen auf esoterischen Guru zu machen und zumindest ein bissken weniger romantisch verklärt, als es Erich Fromm in ähnlicher Weise schon vor einiger Zeit versuchte.

    21.11.2016, 00:57 von nyx_nyx
    • 1

      Das kann ich ebenfalls nur wärmstens empfehlen, wie auch Interviews und Artikel mit bzw. von ihm!


      Das äußerst spannendeThema wäre ein NUT wert.

      Frau rönne halte ich im übrigen nicht so blitzgescheit, wie es die Autorin schreibt, ich stimme da eher einer Zeit-Kommentatorin zu. Zitat:
      "


      "ich bin Egoistin"


      Kann oder muss man Fr. von Rönne ernstnehmen?

      Ihre Aussagen sind oft mehr Provokation als Substanz, sie erscheint mir
      wie ein It-Girl der aktuellen Kultur, schön aber belanglos.


      In dem was ich bisher von ihr gelesen habe, z. B. "Warum mich der
      Feminismus anekelt" oder in ihrem Roman, habe ich den Eindruck, dass es
      ihr weniger um den Inhalt, als viel mehr um die Veröffentlichung, um
      Aufmerksamkeit geht. Eine Provokation sorgt natürlich am Besten dafür,
      dass frau im Gespräch bleibt.

      Auch der kleinen Vortrag "Wer aufgibt darf ausschlafen" der als Appell
      gegen die Leistungsgesellschaft und für mehr Lebensqualität
      grundsätzlich überlegenswert ist, wird in seiner Oberflächlichkeit nur
      seinem eigenen Anspruch nach Aufgabe gerecht. Immerhin, das ist stimmig.


      Wie man das Thema in ähnlicher Kürze mit Tiefe und Niveau behandeln
      kann, zeigt Bertrand Russell in seinem Essay "Lob des Müßiggangs"   "





      21.11.2016, 20:12 von Gluecksaktivistin
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  • 2

    hmm,  ein  netter  Text,  der mir Einblicke in das Hirn eines Unbekannten gibt.

    Den Spruch von der Mutter finde ich recht konkludent.  Denn nach dem Hinfallen liegen zu bleiben, auch im uebertragenen Sinne, empfinde ich nicht empfehlenswert und komfortabel.  
    Es ist eine Frage des Ueberlebenswillens .  

    Die Sache mit dem Gluecklichsein erachte ich als sehr subjektiv.  Wahrscheinlich sind viele Menschen unterschiedlich gluecklich zu machen? 
    Ich fuehle mich schon gluecklich, gesund , machen zu koennen was ich moechte und wirtschaftlich gut abgesichert zu sein. 
    Alles andere sind Zugaben und luxuriös betrachtet.  Nette  und wertvolle Menschen zu kennen,  zaehle ich ebenfalls zu Momenten, die gluecklich machen .
    Verstehe aber nicht, dass mir einer vorschreiben will, dass ich gluecklich sein muesse.  Natuerlich funktioniert es nicht, unter Druck gluecklich sein zu sollen. Das bewirkt das Gegenteil.
    Deshalb:  Maedels und Jungs bleibt locker und mental gut sortiert, dann vermeidet ihr verkrampftes Denken.
    Die heutige Situation ist nicht mit der vor fuffzig Jahren zu vergleichen.  Da konntest du fast alles anpacken. Es war erfolgreich, wenn du nicht vollkommen gegen einen Schraubstock geflitzt bist.

    Danke fuer den Aufsatz, lieber Autor :-)

    19.11.2016, 18:16 von Dr_Lapsus
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      pädagogengelaber, fern der realität

      19.11.2016, 12:34 von EC_Lino
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      merkste, ywbf,  der mag dich auch nicht.  Dann kommen solche Kommentare dabei heraus. :-(


      Liegt wahrscheinlich an seiner tiefroten irrealen Einstellung ?  

      19.11.2016, 17:54 von Dr_Lapsus
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    • 0

      ...couldn´t......  Ordnung muss sein :-)))


      Und sonst ?  Wie verlaeuft der Sonntag gerade ?

      20.11.2016, 13:58 von Dr_Lapsus
  • 0

    schauby, ich bin nicht deiner meinung. das kommt daher, dass ich sozialist bin. rot, tiefrot, links der spd. ich vermute, du stammst aus einer anderen sozialen klasse als ich. unsere positionen sind wie feuer und wasser.

    18.11.2016, 00:57 von EC_Lino
    • 5

      das is putzig gedacht, Seniore Linoleum .. ich kann verstehen, dass dir der challengende Abgrenzungswunsch eine Hauptsache ist, während du nur vom Horizont deiner schmalen Interpretation als von meiner Herkunft wissen kannst.

      Es amüsiert mich, ohne Ironie, wie schablonenartig das Hinterfragen gesellschaftlicher, politisch stereotyper Betrachtungen zu allgemeinen Klassifizierungen führt, die nirgendwo anders als in den Holzschnitten und Linoleumgrundlagen seines Betrachtes stattfinden.

      Wir sind ganz gewiss verscheiden, soviel zu deiner Entlastung, mein lieber EC. Aber womöglich nicht darin, was du dir dafür als "Begründung" fantasierst.      

      18.11.2016, 01:33 von schauby
    • 0

      Laber-Rhabarber, Mister Schauby-Poser

      18.11.2016, 10:24 von EC_Lino
    • 1

      Ich sehe jetzt nicht, inwiefern schaubys ansichten etwas 'tiefrotem' im Wege stehen sollten, aber vielleicht läst sich jemand zu einer Erhellung hinreißen...

      21.11.2016, 08:30 von sailor
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  • 1

    Das vermeintlich Unbewusste, Eingebungen aus den Eingeweiden, "der Bauch" kann genauso behindert, beschädigt, (von Kind auf) getäuscht und falsch im Urteil sein, wie der langsamere aber weitaus komplexere Neocortex, stellvertretend für Ratio und Verstand. vereinfacht gesprochen. 

    Der Unterschied ist nur, dass der Instinkt, insbesondere der von Furcht, entwicklungsgeschichtlich viel älter ist als die zarten Knospen der Kognition. Genau dem, was uns von den Tieren unterscheidet .. bei mancher nur theoretisch.  Deshalb gewinnt bei etlichen (vollem in Stresssituationen) auch eher die momentane Stimmung als die vorausschauende Strategie. Sie braucht schlicht mehr Power, Selbstbeherrschung und Raffinesse. Das was den Unterschied zu Muster und Gewohnheit schafft. 

    Der Mensch versucht natürlich immer zu entlasten, sich was schön zu reden oder vertraut zu machen, selbst wenn diese Vertrautheit bedeutet, dass es damals schon Scheiße war sich so zu entscheiden, wie gerade in dem Augenblick, wo es cleverer wäre, etwas anders zu machen. Zb. anders als der Schweinehund Bauch es gerade gut und entlastend findet. 

    Der Blickwinkel verändert sich kaum, weil alles reibungslos läuft, sondern weil die Reibung irgendwann zu fucking pain in the ass werden kann, die sich nicht mehr gemütlich liegenbleibend aussitzen lässt..  

    Und da sind wir wieder bei den Folgen. Menschen können ne Menge Quatsch-Konsequenzen ziehen, das große Uhrwerk der Natur holt sie alle irgendwann zurück auf die Wahrheiten dieser Welt... und wenn es tausend Generationen und ein Dutzend Weltkriege dauert.       

    18.11.2016, 00:53 von schauby
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  • 2

    Es geht nicht ums Scheitern im Sinne von Misslingen eines Wunsches, Plans, einer Idee, Vorstellung oder Illusion. Es geht um die Folgen.

    Wenn du überfordert bist, verpeilt vom Overload deiner Kapazitäten und dabei stolperst, zb. ins Gleisbett einer Ubahnstation und da gemütlich liegenbleibst, hat das andere Folgen als im Bällepool einer Shopingmall.  

    Es gibt in Westeuropa viele Sicherheitsnetze als hart erkämpfte Errungenschaften, die Ignoranz, Bequemlichkeiten und Dummheit mehr oder weniger verzeihen. Sie hindern aber auch in gleichem Maß daran, wachsamer, bewusster und verantwortlicher mit sich selbst und anderen zu sein, zu verstehen, dass es keine UnDo-Taste im Leben gibt und Fehler letztlich nur solche sind, aus denen man nichts lernt.      

    17.11.2016, 23:59 von schauby
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  • 2

    ...ich freu mich sogar ein bisschen - weil wenn die ganzen leistungsmenschen irgendwann abkacken, könnten die mittelmaßler wie ich am ende doch besser lachen.

    könnte aber auch nur eine weitere ausrede sein, den arsch mal wieder nur so hoch zu heben, wie die messlatte liegt.

    17.11.2016, 23:14 von libido
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