kachaber 20.07.2008, 22:28 Uhr 0 1

Volksfeststimmung vs Jahrmarktsmelancholie

Nächste Woche werde ich mir Fingerfarben kaufen und damit Botschaften auf meine Fenster schreiben.

Der Sonntag geht zu Ende und bald wird das Abschlussfeuerwerk vom Volksfest zu hören sein.
Ich sitze hier und denke nach. Ich vermisse die Kreativität von früher und den revolutionären Aktionismus. Was ist passiert, dass ich keine Liebeslieder mehr komponiere und keine Raucherecken von Schulen in Reggae-Farben ansprühe? Warum mache ich das heute nicht mehr? Weil niemand mit macht. Alleine macht das keinen Spaß. Alleine traut man sich so etwas außerdem auch nicht. Ich traue es mich nicht mal, aus dem Riesenrad lauthals zu schreien. Aber diese Tage werden bald vorbei sein. Ich werde die Stunden und mein Herz wieder mit Leben füllen. Man braucht einfach nur eine Idee. Man muss gar nicht versuchen anders zu sein. Wer anders sein möchte, passt sich heutzutage an, da jeder anders sein will. Wer auffallen will, muss heute nicht mehr besonders Kreativ sein.

Handlungsanweisung: Gehe auf ein Volksfest mit deinen Freunden und trinke als einziger den ganzen Abend keinen Alkohol. Oder gehe auf eine Party, bring eine Kiste Bier mit und trinke den ganzen Abend Wasser – oder besser noch, gebe selbst eine Party und kündige an, dass für Getränke reichlich gesorgt sein wird, sodass niemand etwas mitbringen braucht und dann schenkst du nur anti alkoholische Getränke aus. Diese Party wird ein Knüller.

Manchmal denke ich das manche Menschen um mich herum nicht in der Lage sind bis drei zu zählen – oder sie haben ganz einfach keine Lust bis drei zu zählen, da ja schon das Fernsehen für sie bis drei zählt, oder Mutti, oder die Freundin, mit der man nur zusammen ist, weil sie eine bequeme Lieferantin einer äußerst glaubhaften Illusion von Nähe und Geborgenheit ist. Eigentlich sind es nicht diese Menschen, oder deren Haltung, die mich stört, nein, jeder soll so Leben wie er es für richtig hält und jeder soll so leben, dass er einen gewissen Grad an Zufriedenheit erlangt, solange er dabei keinem anderen Schaden zufügt. Was mich stört ist, dass ich mich von diesen Menschen beim Erlangen meines Grades an Zufriedenheit einschränken lasse und das, wo ich doch für mich selbst nicht die Zufriedenheit als Ziel ausgerufen habe, sondern danach strebe glücklich zu sein.

Nächste Woche werde ich mir Fingerfarben kaufen und damit Botschaften auf meine Fenster schreiben. Verse für die sich keiner interessieren wird und für die sich die Nachbarn bestenfalls schämen werden, während sie sich fragen, was hier wohl für ein Spinner wohnt.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare