MakiNo 20.12.2012, 21:12 Uhr 4 22

Vier Minuten

Heiß ist es hier. Die Luft steht. Ich atme ruhig, um meinen Körper langsam an den wenigen Sauerstoff zu gewöhnen.

Das Licht belebt den dunklen Raum, durchschießt ihn. Langsam hebe ich den Kopf  und suche die Bühne. Sie ist klein, im Vergleich zum Saal. Die Band steht ruhig, wartet auf Ihren Einsatz. Die ersten leisen Töne füllen den Raum. Sauber abgestimmt und klar.

Der Rhythmus lässt erahnen, was kommt. Energiegeladene Unruhe liegt im Raum. Doch im Moment zählt das noch nicht. Vorsichtig und kraftvoll setzt der Sänger ein, tastet sich heran. Streichelt mit seiner Stimme über die Musik. Sanft, ein bisschen rau. Behutsam, um sie zu schützen.

Wovon er singt, hat er erlebt. Überlebt. Er versucht sich den Tönen zu öffnen. Sich mir zu öffnen. Trotzt der Mauer um sein Herz. Er will mir berichten, erzählen. Ich weiß, dass er kämpft, leise. Kämpft, um sich in seine Botschaft einzufinden. Ich höre zu. Es bin ich, der er sein Herz öffnet.

Und dann schreit er auf. Laut! Wütend, wie ein verletztes Tier. Das Schlagzeug setzt ein und er brüllt seinen Schmerz laut heraus. Kehlig. Das letzte Gefühl in seinem Körper katapultiert er in die vibrierende Luft. Er hält seine Gitarre so fest, dass ich denke, sie bricht jeden Moment auseinander. Prescht auf sie ein und weiß doch genau was er tut. In seiner Wut kontrolliert. Schreit heraus, warum er kaputt gegangen ist. Lügt, dass er keinen braucht und so weitermachen kann. Er kann nicht, ich weiß es, er weiß es. Sein Schmerz haut mich fast um, lähmt meine Schultern, es kribbelt in meinen Armen und Händen. Er läuft an mir hinunter wie Wasser, weicht mir die Knie auf. Ich beginne im Takt zu wippen um nicht umzufallen. Nicke zustimmend, singe die Textpassagen mit. Den Blick zur Bühne. Er soll wissen, dass ich es bin, die ihn versteht. Er ist zerrissen, sagt er. Gebrochene Seele. Wurde zurückgelassen, verletzt. Er weiß nicht ob er trauern oder kämpfen muss. Sein Gesicht ist voller Leben, während er singt. So wie er sagt, sehe ich ihn liegen. Alleine in einem kahlen Raum. Am Boden. Der Blick leer. Leblos, lieblos.

Die Lichtreflexe werden ruhiger. Ich atme auf, versuche mich für ihn aufzurichten. Er sieht gebrochen aus, er singt weiter und legt alles vor sich hin. Die Bitterkeit, die Einsamkeit. Ich nehme es auf. Möchte es für ihn tragen. Bewege meine Finger um zu sehen, ob ich es noch kann. Das Gefühl in meinen Schultern kommt zurück. Ich bin traurig.

Die letzten Töne erklingen. Er wird leiser, resigniert. Geknickt sehen wir uns an. Ich weiß, er wird sie nutzen. Seine Wut. Um weiterzugehen. Danke, flüstere ich. Wie gut, dass du es mir erzählt hast.

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4 Antworten

Kommentare

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    ach gott.......

    23.12.2012, 00:58 von Gluecksaktivistin
    • 1

      Was meinst du denn jetzt mit ach Gott? Sprich dich aus :)

      23.12.2012, 16:56 von MakiNo
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      Danke :)

      23.12.2012, 16:54 von MakiNo
  • Durchs Wochenende mit Oliver

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Digitalchef Oliver Kucharski.

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    diesmal u.a. mit einem Geburtstagsständchen an die Kanzlerin, und einem spektakulären Feuerwerk aus der Vogelperspektive.

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