Ueberfordert 30.11.-0001, 00:00 Uhr 69 20

Vielleicht

Er würde sagen: „Ich will gar nicht wissen, was das gekostet hat.“ Glücklicherweise bin ich ja eine moderne Frau. Ich könnte ihm einfach einen blasen.



Vielleicht sollte ich einfach heiraten. Den Job an den Nagel hängen. Ja, es würde weniger Geld bedeuten, aber verdammt! Das wäre kein Problem. Ich würde einfach Samstagvormittags (nein, früh morgens, nachdem ich meiner geliebten Familie Frühstück gemacht habe) die Werbepost aus dem Briefkasten holen und Sonderangebote suchen. Dann würde ich einen Essensplan für die ganze Woche erstellen und meinen Kindern (mindestens 5) sagen, sie sollen still sein, Mama wäre am arbeiten. Montags könnte ich dann fünf Supermärkte durchforsten, während die Kinder im Kindergarten sind und ganz billig einkaufen. Ich bin mir sicher, da würde das fehlende Geld kaum noch auffallen.

Sowieso würden alle nur davon profitieren. Denn nach meinen Einkaufstouren würde ich frisch kochen! Schluss mit Fertigkost, Mikrowellenessen, MaggiFix, Tiefkühlpizza und Tomatensuppe aus der Tüte. Ich hätte Zeit, einen Biofimmel zu entwickeln. Meine Kinder wären sehr blass und würden von den anderen wegen ihrer Dinkelkekse, die sie mit zur Schule bringen, bestimmt ausgelacht werden, aber es wäre unglaublich gesund.

Ich hätte auch mehr Zeit für Sport. Nachdem ich meine Kinder zum Fußballtraining gefahren habe, wofür ich selbstverständlich Zeit hätte, könnte ich mich erst mal meinem Yogatraining widmen – ich hätte einen verdammten Knackarsch. Das Rauchen könnte ich auch drangeben. Yoga ist ja entspannend. Und zweimal die Woche könnte ich zum Lauftraining gehen. Mein Göttergatte, durch gebügelte Hemden und leckeren, selbstgekochen Braten wunschlos glücklich gestellt, könnte solange zuhause bleiben und mit den Kindern (wenigstens 4) Mensch Ärger dich nicht spielen oder irgend etwas aus Holz bauen. In der Garage. Irgendwas, was man in den großen Garten stellen kann. Der, in dem ich so wunderbare Blumen gepflanzt habe. Nach nur drei Jahren werde ich gelernt haben, sie so zu pflegen, dass sie nicht eingehen und wenn es doch schiefgeht, wird mein Mann mich in den Arm nehmen und sagen: „Nimm es nicht so schwer, du hast doch so viel um die Ohren.“

Ich könnte mir weiße Socken kaufen. Die wären abends immer noch weiß. Denn ich würde putzen ohne Ende. Garantiert werden meine Kinder (vielleicht reichen auch drei) durch Sauberkeit und Biofraß Allergien entwickeln, aber ich würde mich rührend um sie kümmern. Bestimmt.

In Kindergarten und Schule würden sie meinen Namen kennen. Alle. Und ich endlich mal ihre. Ich müsste meinen Sohn nicht mehr fragen: „Wie heißt denn die eine Mutter, die von deinem Freund mit den Segelohren?“ Nein! Ich würde IHM erklären: „Die Mama von Julian heißt Charlotte.“ Und dann würde ich ihm noch ein Dinkelkeks geben – aber nur eins, denn später gibt es schließlich noch Coq au vin oder selbstpanierte Fischstäbchen aus selbst zurechtgeschnittenem Bio-Seelachs. Mit Vollkornpanade, klar.

Ich wäre auch so schrecklich aktiv. Die anderen Mütter würden staunen, wenn ich beim Adventsbasteln erst selbstgebackene Bio-Vanillekipferl mitbringe und dann die schönsten Adventskränze der Welt bastele. Meine Familie würde staunen, wie talentiert ich bin. Und für den Osterbasar würde ich meinen selbstgemachten Eierlikör zaubern. Er würde weggehen, wie warme Semmeln. Aus Eiern von freilebenden, glücklichen Hühner und braunem Rohrzucker, fair trade, natürlich. In Eierlikör ist doch Zucker drin, oder?

Die Kinderzimmer wären ordentlich! Wenn mein Sohn mich fragen würde, wo die Pistole seines Playmobil-Piraten ist, würde ich ihm erklären, dass sie sich in der dritten Schublade von unten ganz links im Ikea-Schubladensystem befindet, gleich neben den Ritterschwertern... wobei... Nein, ich würde mich so sehr mit Kinderpädagogik beschäftigen, dass ich Kriegsspielzeug verwerflich finden würde. Nix mit Pistolen, er würde mich fragen, wo sein Holzspielzeug ist.

Natürlich wäre ich nicht perfekt. Hihi. Manchmal würde ich mich mit anderen Vollzeitmamas treffen und wir würden seufzen, wie schwer das Leben ist. Dann würden wir in die große Stadt fahren (war klar, dass wir in den Vororten oder sogar auf dem Land wohnen, oder? Ist einfach besser für die Kinder) und shoppen gehen. Dann würde ich meinem Mann die Schuhe zeigen und verlegen kichern und er würde sagen: „Schatz, ich will gar nicht wissen, was die gekostet haben.“ Glücklicherweise bin ich ja eine moderne Frau. Vielleicht würde ich ihm einfach einen blasen, um all seine Bedenken zu zerstreuen. Aber nur, wenn die Kinder (mit 2 wäre ich auch zufrieden) schlafen.

Das Leben wäre schön. So schön. Einmal im Jahr würden wir in den Urlaub fahren. Nach Holland. Mit dem Auto. Dann würden wir uns über die Kiffer aufregen, die unsere Welt korrumpieren. Wir könnten ein schönes Ferienapartment mieten. Mir macht es doch nichts, im Urlaub zu putzen und zu kochen. Was gibt es schöneres, als für seine Familie zu sorgen?

Und sie würden mich so wertschätzen. Kein Gemotze wegen Fertigfraß, weil ich zu Abendterminen muss, weil ich um 21 Uhr auf dem Sofa einschlafe, weil in der Wohnung Chaos herrscht, ich mich nicht am Osterbasar beteilige und meinen Sohn am Wochenende bis halb 10 vor den Fernseher verbanne. Nein! Ich wäre um 6 Uhr morgens wach und würde Pfannkuchen machen, dann meine Familie wecken – und ich könnte mir ein schönes 60er-Jahre-Kleid kaufen. Warum nicht? Geldsorgen wären passé. Mein Mann würde mich einfach in den Arm nehmen und sagen „Schatz, um so etwas solltest du dir gar keine Sorgen machen. Du kriegst da nur Falten auf der Stirn. Dein hübsches Köpfchen sollte sich mit anderen Dingen beschäftigen. Die Rosen im Garten sehen übrigens ganz toll aus – und dein Arsch auch.“ Das wäre ja auch nur fair. Schließlich müsste er weder Hemden bügeln, noch Krawattenknoten binden (klar trägt er Krawatte zur Arbeit und so schwer kann das nicht sein), noch ein Butterbrot schmieren oder das Badezimmer wischen. Deshalb würde er sich auch gern um alles andere kümmern. Und die Kinder (2 würden auch reichen) würden stundenlang glücklich und unbeschwert im Garten spielen. Und sich freuen wie blöd, wenn die Mama ihnen Sonntags Bio-Vollkorn-Kirschkuchen bäckt.

Irgendwann wäre ich dann alt. Aber ich wüsste, ich hätte alles richtig gemacht. Denn Familie ist das wichtigste. Auf der Suche nach Sonderangeboten würde ich ab und an durch die Supermärkte schleichen (besonders, um Vollkornprodukte für meine lieben Enkelkinder zu kaufen) und ab und an eine von diesen „Karrierefrauen“ sehen. Schatten unter den Augen, das kann auch die Schminke nicht verdecken. Abgehetzt – und ganz viel ungesunder Tiefkühlfraß im Einkaufswagen. Dann würde ich tief seufzen, den Kopf schütteln und diese armen, bemitleidenswerten Subjekte bemitleiden, weil sie tatsächlich denken, sie würden etwas aus ihren Leben machen. Dann könnte ich mich zum Kaffee (fair trade) mit meinen Vollzeitoma-Freundinnen treffen und ihnen davon erzählen.


Tags: alternativ, Kinderfragen, Spießer, Vergangenheit, Lifestyle, Frau, Hausfrau
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69 Antworten

Kommentare

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    Die schwindende Anzahl der (Wunsch-) Kinder hat mich auf eine Pointe vorbereitet, die am Ende die ganze Idee wieder verwirft. Jetzt bin ich doch ein bisschen enttäuscht...Aber hey, dafür gab es ein unerwartetes "Ende". Kann man auch nicht von allen Texten behaupten!

    23.11.2012, 21:06 von Mueckenschnitzel
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  • 1

    Der Username ist Programm. Bei dem Text bin auch ich überfordert. Sorry. Aber vielleicht versteht man nur, wenn man Frau ist.


    22.11.2012, 18:19 von marco_frohberger
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  • 1

    Einfach nur dumm

    22.11.2012, 10:50 von EliasRafael
    • 0

      Das magst du doch!

      22.11.2012, 11:17 von quatzat
    • 0

      Im Teaser steht was von "blasen" da konnte ich nicht widerstehen

      22.11.2012, 11:20 von EliasRafael
    • 0

      Aber er wieder stehen?

      22.11.2012, 11:21 von quatzat
    • 0

      Vielleicht

      22.11.2012, 11:23 von EliasRafael
    • 1

      Einfach nur dumm

      22.11.2012, 11:23 von quatzat
    • 1

      Verbringt mal ein paar Stunden mit solchen weibern, wie im Text beschrieben(denn sowas gibt es leider wirklich) und Ihr wärt nicht so gemein, sondern hättet Mitleid.

      22.11.2012, 11:56 von cosmokatze
    • 0

      Ich hab immer Mitleid, solange sie gut blasen. Leider war nachher im Text nicht mehr davon zu lesen als im Teaser.

      22.11.2012, 11:58 von EliasRafael
    • 0

      Das doch immer so. Beim Teablasen sind se ganz groß, aber wenns dann ans Eingemachte geht, wird auf kleiner Flamme geköchelt!

      22.11.2012, 12:03 von quatzat
    • 0

      Wie Bubble Tea, ganz toll blasen, aber schlucken will es keiner

      22.11.2012, 12:07 von EliasRafael
    • 0

      Dabei sind die Bällchen so klein.

      22.11.2012, 12:09 von quatzat
    • 0

      Die sind halt aus fairem Anbau

      22.11.2012, 12:11 von EliasRafael
    • 1

      Ich wünschte manchmal, Ihr hättet eine gemeinsame Radiosendung. Die wäre unbezahlbar.

      22.11.2012, 15:49 von cosmokatze
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    • 0

      Ich werde auch bald TANTE!!! Ne supercoole Hippie-Tante. Wollte ich nur anmerken in meiner Euphorie

      23.11.2012, 13:51 von See_Emm_Why_Kay
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    • 0

      Nee ich riech gut und wasch mich auch. Wie sollte mich das denn überfordern? Ich kann es ja wieder wegbringen wenn ich nicht mehr mag.

      29.11.2012, 16:08 von See_Emm_Why_Kay
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    • 0

      Ich bin keine Teesocke! Ich mag nur The Doors und Blumen und barfuß laufen. Das ist eigentlich alles

      29.11.2012, 16:39 von See_Emm_Why_Kay
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    • 0

      Nicht? Fehlt der Atomkraft-Nein Danke-Button noch?

      29.11.2012, 17:00 von See_Emm_Why_Kay
    • 0

      Wie sagte Cat Stevens doch so schön: 


      "Well, if you want to sing out, sing out 
      if you want to be free, be free 
      'Cause there's a million things to be...""

      29.11.2012, 17:05 von See_Emm_Why_Kay
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    • 0

      Keine Ahnung ob das zählt. Zählt das für dich? 

      Hast du mich gerade "Mädchen" genannt? 

      29.11.2012, 17:11 von See_Emm_Why_Kay
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  • 4

    Ein Lebensmodell möglichst lächerlich auszukleiden - gut, das mag je nach Milieu und Alter ganz lustig finden.

    Aber wenigstens, ja wenigstens eine halbwegs gekonnte Hinleitung dazu, warum hier überhaupt eine Entscheidung im Raum stehen könnte, würde ein wenig Niveau in das Pamphlet bringen.

    Das einzige interessante ist der Teaser. Der hat aber null Zusammenhang mit dem, was folgt. Traurige Veranstaltung ohne jede Lässigkeit (was für mich persönlich die Voraussetzung humorvollen Schreibens ist).

    22.11.2012, 09:55 von LudwigMartin
    • 0

      Korrektur:
      ... das mag frau je nach Milieu und Alter...


      22.11.2012, 09:56 von LudwigMartin
    • 1

      lächerlich. texte, aus dem leben gegriffen und genauso beiläufig erzählt, bedürfen keiner wahnsinnig originellen hinleitung.

      und ja, wirklich schade, dass blasen nicht nochmal erwähnt wurde...

      22.11.2012, 21:30 von laylalani
    • 2

      Ich merke an...

      A) Für eine Erzählung wird der Konjunktiv ganz schön überstrapaziert.

      B) ist "halbwegs gekonnt" nicht "wahnsinnig originell"

      und C) Wozu sind wohl Teaser da?

      23.11.2012, 13:48 von LudwigMartin
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  • 1

    Lustig! Ich fand's toll! Es gibt auch dinkelkeksbackende Karrierefrauen und 5-Kinder-Tiefkühlpizzafrauen und viele weitere tolle Kombinationen ... ich find man braucht dieses Thema nicht gleich zu überbewerten! Einfach genießen, ist super geschrieben!

    21.11.2012, 22:25 von magnolias
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  • 1

    Klingt da nicht durch, dass die Entscheidung zwischen Karriere oder Hausfrau bleiben, im Grunde genommen schon getroffen ist? Hausfrau sein, schön und gut, aber es scheint so, dass die Intention war, herauszustellen, dass der Horizont doch nach mehr verlangt. Hausfrau sein, kann in dem Sinne jeder, sich das Leben "leicht" machen, keinen Job (dafür andere Verantwortung für die Familie) aber liegt die wahre Herausforderung nicht "im dahinter?" Will man nicht mehr im Leben erreichen? Das sieht mir stark danach aus!

    21.11.2012, 11:06 von nathkath
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