init-admin 14.08.2008, 11:24 Uhr 0 0

Vertrauter Feind

Vor mehr als zwei Jahren wurde auf Lale S.* geschossen. Von außen wirkt es wie ein versuchter EHRENMORD. Aus ihrer Sicht ging es um etwas anderes.

Der Mann mit der schwarzen Strumpfmaske lauerte hinter der Mauer vor ihrem Ferienhaus in der westtürkischen Kleinstadt Kesan. Als die ersten Schüsse fielen, sprang Lale S.*, 38, mit ausgebreiteten Armen vor ihren sechsjährigen Sohn Mert*. Eine Kugel durchbohrte ihre Brust. Eine blieb im Oberkörper stecken, eine andere traf den rechten Arm. Als sie sich zu Mert umdrehte, spürte sie einen stechenden Schmerz im Gesäß. Als ein weiteres Geschoss ihr Rückenmark durchschlug, brach sie zusammen. Mert rannte schreiend ins Haus, die Nachbarn wählten die Notrufnummer. Jener Tag im April 2006 hätte das Ende dieser Geschichte sein können. Doch Lale überlebte die fünf Treffer, abgefeuert aus einer Pistole vom Kaliber 7,65-Millimeter. Inzwischen ist sie nach Deutschland zurückgekehrt - ihre Heimat seit 28 Jahren. Sie lebt in einer badischen Kleinstadt, deren Namen sie nicht nennen möchte. Lale sitzt in ihrem Wohnzimmer am Fenster, blickt starr auf die himmelblauen Wände und nimmt einen Zug von ihrer langen Zigarette. Sie hat sich hübsch gemacht, fliederfarbenen Lidschatten aufgetragen. Aus ihren mädchenhaften Gesichtszügen mit den feinen Sommersprossen auf blasser Haut ist nichts vom traumatischen Erlebnis zu lesen. Auch die verwachsene Narbe am rechten Arm fällt nicht gleich auf. Allein der Rollstuhl schafft Klarheit - Lale wird nie wieder gehen können.

Mit festem Griff dreht sie den Rollstuhl herum und manövriert ihn durch den schmalen Gang zwischen dem Esstisch und der schwarzen Kunstledercouch hindurch. »Kannst du bitte Reis und Hühnchen warm machen, Katarina*?«, fragt sie die Freundin ihres Sohnes Eray*, der aus erster Ehe stammt. Es ist ihr wichtig, eine gute Gastgeberin zu sein. Es bedeutet für Lale ein Stück Normalität in einem Alltag voller Angst. »Mein Mann Remzi* bedroht mich noch immer, aber ich muss irgendwie weitermachen «, sagt sie. Sie gibt sich kämpferisch, doch ihre Stimme klingt müde. Die Angst laugt sie aus. Während der Schütze längst im Gefängnis sitzt, wird ihr Mann Remzi S. in der Türkei als mutmaßlicher Auftraggeber des Anschlags per Haftbefehl gesucht. Auch in Deutschland läuft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, bislang lebt er unbehelligt auf freiem Fuß.

Um zu verstehen, warum Lale glaubt, dass ihr Ehemann sie töten lassen wollte, muss man zum Anfang der Geschichte gehen. Als die beiden 1993 heirateten, kannten sie sich gerade mal zwei Wochen. Die Hochzeit war Lales Chance, wieder in den Kreis der Familie aufgenommen zu werden. Ihre Eltern hatten sie verstoßen, weil sie mit neunzehn Jahren mit einem Griechen durchgebrannt war, ihn geheiratet und ein Kind von ihm bekommen hatte. »Kendini rezil ettin«, du hast Schande über dich gebracht, hatten sie gesagt, weil sie als Türkin keinen Griechen hätte heiraten dürfen. Weil sie als Frau ihre »namus«, ihre Ehre, und damit den Ruf der ganzen Familie beschmutzt habe. Wenn Töchter gegen diesen patriarchalischen Moralkodex verstoßen, der weniger im Koran als in Stammestraditionen wurzelt, fließt im schlimmsten Fall das Blut der »Schuldigen «. Ehrenmord nennt man das dann.

In Lales Fall genügte es jedoch, dass sie geläutert zurückkehrte, um die Familienehre reinzuwaschen: Sie ließ sich scheiden und heiratete mit Remzi den Mann, den ihre Eltern für den Richtigen hielten. In ihrer Ehe spielte Liebe keine Rolle, aber im Job waren die beiden ein gutes Team. In Lales Reinigungsfirma teilten sie sich die Arbeit und verdienten so gut, dass sie einen Kredit für das Haus im Badischen aufnehmen konnten. Außerdem investierten sie in türkische Immobilien - jeder auf eigene Rechnung. Lales Haus in Kesan war als Zweitwohnsitz und Urlaubsdomizil gedacht. Doch irgendwann hielt sich Remzi nicht mehr an die Regeln des ehelichen Fair Play. »Ich habe ihn mit dem Au-pair-Mädchen in unserem Ehebett erwischt«, erzählt Lale. Bald darauf habe er sich an die Putzhilfe herangemacht, bis die sich weigerte, das Haus zu betreten. Da wollte Lale nur noch weg, wollte die Trennung, die Scheidung. Als die Familie vom Betrug des Ehemannes erfuhr, beschwerte sich niemand. Lales Mutter habe nur gesagt: »Was willst du denn, du hast ein Geschäft, ein Auto, dir geht?s doch gut.« Im Streit habe sie ihrer Tochter an den Kopf geworfen: »Wenn du eine gute Ehefrau gewesen wärst, wäre das nicht passiert. Also bleib!« Sie blieb. Warum? Lale sagt: »Als Tochter bin ich verpflichtet, meiner Mutter zu gehorchen.«

Irgendwann aber lernte sie den Taxifahrer Nadir B.* kennen. Er tröstete sie, wurde ein enger Vertrauter, später der Geliebte. Remzi wusste davon. »Er wollte zwar, dass ich die Sache beende. Aber wir haben immer ganz vernünftig darüber geredet und uns irgendwann geeinigt, dass wir uns trennen würden«, erzählt Lale. Dann wurde auf sie geschossen. Als sie aus dem künstlichen Koma aufgewacht war, kehrte Lale als Pflegefall nach Deutschland zurück. Ihren Mann habe ihr Schicksal seltsam kalt gelassen. Es sei der damals 21-jährige Sohn Eray gewesen, der ihr täglich die Verbände wechselte und den Blasenkatheter austauschte. Der sechsjährige Mert habe sie getröstet, wenn sie trotz starker Medikamente vor Schmerzen weinte.

Statt ihr zur Seite zu stehen, habe Remzi sie ständig gedrängt, ihre Immobilien in der Türkei auf den gemeinsamen Sohn Mert überschreiben zu lassen. Langsam wuchs ein schrecklicher Verdacht in ihr. Steckte ihr Mann vielleicht hinter dem Anschlag? Die Suche nach dem Täter fand vorerst ein schnelles Ende: Remzi sagte bei der Polizei aus, dass seine Familie und die seines früheren Geschäftspartners Akay Ö.* verfeindet seien, wenige Wochen später wurde dieser in der Türkei verhaftet. Da man jedoch keine stichhaltigen Beweise fand, ließ man ihn nach neun Monaten Haft wieder frei. Akay Ö. behauptet: »Remzi hat immer wieder gedroht, Lale zu töten. Weil sie etwas mit diesem Nadir hatte.« Ein weiterer Zeuge, der Remzi schwer belastet, ist der Mann, der inzwischen zugegeben hat, am 26. April 2006 auf Lale geschossen zu haben. Dass der mutmaßliche Schütze gefasst wurde, ist jedoch nicht den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu verdanken. Im Gegenteil. Nachdem zunächst Akay Ö. verhaftet worden war, tat sich lange Zeit nichts. Für die Behörden war der Fall so gut wie gelöst.

Doch eines Tages bekam Lale merkwürdige Anrufe. Ein fremder Mann sagte, Remzi schulde ihm viel Geld. Und er drohte, Remzi würde büßen, falls er nicht zahle. Dann legte er auf. »Als er wieder anrief, hat er behauptet, er kenne die Leute, die auf mich geschossen haben. Und dass Remzi sie beauftragt hat.«

Jetzt schien alles Sinn zu machen: Remzis unterkühltes Verhalten nach dem Anschlag. Sein Versuch, über den gemeinsamen Sohn an ihre Immobilien zu kommen. Lale war sich nun sicher, dass sie mit einem Mann zusammenlebte, der sie tot sehen wollte. Sie konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass es dabei um verletzte Ehrgefühle ging. »Remzi hat Geschäfte mit dubiosen Leuten gemacht und sich hoch verschuldet«, sagt sie. »Er wollte an mein Geld. Meine Affäre hat er bestimmt nur als Ausrede benutzt«.

Lale wagte es nicht, die Polizei zu rufen, »Mein Mann hat mich keine Sekunde aus den Augen gelassen«, sagt sie. In ihrer Verzweiflung schmiedete sie einen Plan. »Ich ließ mich von Remzi zum türkischen Konsulat fahren, unter dem Vorwand, die Angelegenheit mit den Immobilien zu regeln«, erzählt sie. Als Remzi sie im Rollstuhl über den Flur schob, bremste sie plötzlich und flüchtete zum Büro der Konsulin. »Sehr geehrte Frau Konsulin«, habe sie mit bebender Stimme gerufen, »dieser Mann hat einen Killer auf mich gehetzt, ich brauche Hilfe!« Remzi fuhr dazwischen: Seine Frau nehme zu viele Schmerztabletten, beschwichtigte er, sie wisse nicht, was sie rede, riss den Rollstuhl herum und rannte mit ihr davon. Im Auto habe er sie angebrüllt: »Mir kann keiner was anhaben, die halten dich alle für verrückt!« Da packte sie ihre Sachen und floh alleine zu ihrem Bruder nach Niedersachsen. Wenige Wochen später bekam sie einen panischen Anruf von ihrem Sohn Eray, Remzi sei am Durchdrehen, Lale machte sich sofort auf den Weg, doch ihr Mann war schon weg und hatte den kleinen Mert mitgenommen.

Lale wusste sich nicht anders zu helfen, als ihren Mann in der Türkei wegen Anstiftung zum Mord anzuzeigen. Auf dem Flug von Frankfurt nach Istanbul im November 2006 lernte sie zufällig den deutschen Rechtsanwalt Jens Rabe kennen. Nachdem er ihre Geschichte gehört hatte, versprach er zu helfen. So kam die Sache ins Rollen. Sie gingen wieder und wieder die Ereignisse durch. Es war unwahrscheinlich, dass Remzi geschossen hatte, sein Alibi klang glaubwürdig. Er hatte ausgesagt, dass er zur Tatzeit in Kayseri, 840 Kilometer vom Tatort entfernt, war. In den Akten stießen sie jedoch auf eine neue Spur: Wenige Minuten vor dem Anschlag hatte ein Nachbar einen fremden Volvo bei der Polizei gemeldet, der den ganzen Tag vor seinem Haus gestanden hatte. In dieser Gegend kennt man sich, ein fremdes Auto fällt auf. Zugelassen war der Wagen auf einen Mann namens Hakan A.* Die Polizei in Kesan. hatte den Hinweis je doch nicht weiter verfolgt. Aber wer war dieser Mann? Plötzlich überschlugen sich die Ereignisse: Ein weiterer Zeuge namens Fethi C.* nahm im Internet mit Lale S. Kontakt auf und deutete an, er wisse, wer auf sie geschossen habe. Also nutzte sie die Gelegenheit, um sein Vertrauen zu gewinnen. Der Anwalt Jens Rabe sorgte dafür, dass die Chats von der Polizei gespeichert wurden. Die Kopien der Protokolle hat Lale aufgehoben. Sie rollt ins Nebenzimmer und kommt mit einem dicken Aktenordner auf den Knien zurück. Sie hat die Dokumente zwischen Anwaltsschreiben, Gerichtsprotokollen und türkischen Zeitungsartikeln über den Anschlag abgeheftet. »Wenn du etwas weißt, flehe ich dich an, mir zu helfen «, hatte sie am 12. März 2007 geschrieben.

Und tatsächlich, irgendwann hatte Fethi C. begonnen zu plaudern. Er behauptete, Remzi habe 200 000 Dollar auf ihren Kopf ausgesetzt. Ein Mann namens Hakan A. und dessen Mafiafreunde hätten den Auftrag angenommen. Wie viele Leute genau in die Sache verstrickt waren, wisse er nicht. Nur dass sie die Bezahlung nie bekommen hätten. »Unmöglich «, schrieb Lale, »mein Mann hat nicht so viel Geld.« Deshalb versuche Hakan A. auch seit längerem, Remzi zu ereichen, antwortete Fethi C., deshalb seien die Auftragskiller jetzt hinter ihrem Mann her. Woher er das alles wisse? Sie hätten ihn eingeweiht, weil er ihnen helfen sollte, Remzi in Deutschland zu finden - um ihn zu erschießen, weil er seine Schulden nicht bezahlen wolle.

Diese Chat-Aufzeichnungen übergab Lale einem türkischen Ermittler, der die Suche nach dem Täter unterstützte. Er nahm Fethi C. in die Mangel, bis er auspackte. Hakan A. wurde verhaftet und gestand, im Auftrag des Ehemanns auf Lale geschossen zu haben. Es stellte sich heraus, dass er derjenige war, der Monate zuvor immer wieder angerufen und nach Remzi gefragt hatte. Gegen Remzi wurde in der Türkei Haftbefehl erlassen. Anwalt Jens Rabe leitete die Akten an die zuständige Staatsanwaltschaft in Deutschland weiter.

Seitdem geht der Fall zwischen der Türkei und Deutschland träge seinen Gerichtsweg. Rechtshilfeersuchen werden geschrieben, Akten werden übersetzt und abgelegt. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt schreibt: Da der Beschuldigte Remzi deutscher Staatsbürger sei, komme eine Auslieferung in die Türkei nicht in Frage. Eine Festnahme käme nur wegen eines deutschen Haftbefehls in Betracht, der nicht vorliegt.

Rechtsanwalt Jens Rabe findet diese Zustände skandalös. »Die Behörden, die sonst jeden Eierdieb verfolgen, kümmern sich offensichtlich nicht genug um diesen Fall. Es kann doch nicht sein, dass ein Rechtshilfeersuchen zwischen der Türkei und Deutschland wegen unzureichender internationaler Regelungen so lange unterwegs ist«, sagt er.

Ihren kleinen Sohn Mert hat Lale auf eigene Faust aufgespürt. Sie hatte herausgefunden, dass er mittlerweile bei Remzi und seiner neuen Freundin in Darmstadt lebte. Doch das Familiengericht hat vorläufig entschieden, dass Mert bei ihr leben soll. Die endgültige Entscheidung darüber aber hängt davon ab, wie das Ermittlungsverfahren ausgeht.

»Remzi weiß, wo wir sind«, sagt Lale. Er habe sie bereits aufgespürt, als sie mit Mert erst einmal in ein Frauen haus geflüchtet war. Seit sie wieder in ihrem Haus im Badischen wohnen, achtet sie darauf, dass sie nie allein sind. »Nachts steht manchmal ein Auto vor dem Haus und blendet die Scheinwerfer auf und ab. Im Dunkeln kann ich nicht sehen, wer am Steuer sitzt, aber ich bin sicher, das ist mein Mann«, erzählt sie. Wenn Mert draußen spielt, beobachtet sie ihn mit dem Fernglas. Vor einigen Wochen habe sie gesehen, wie ihr Mann auf dem Sportplatz vor dem Haus versucht habe, Mert abzupassen, erzählt sie. Als die Polizei eintraf, war Remzi verschwunden. »Ich konnte nichts tun«, sagt sie. Mit dem Rollstuhl kommt sie nicht allein die Treppe vom ersten Stock hinunter. Doch lange wird sie ohnehin nicht mehr bleiben. Das Haus wird zwangsversteigert, weil sie die Raten für den Kredit nicht mehr zahlen kann.

Lale sitzt wieder am Wohnzimmerfenster und schaut einem Streifenwagen hinterher. Zu ihrem Schutz fahre die Polizei besonders häufig am Haus vorbei, erzählt sie. Mit einem geschickten Griff wendet sie den Rollstuhl und sagt: »Im Streit schimpft meine Mutter manchmal: Wärst du eine gute Ehefrau gewesen, wäre das alles nicht passiert.«



Selina Byfield



Anmerkung der Redaktion: am 18. August 2008: Heute erreichte uns über den Anwalt der Familie von Lale S.* die Nachricht, dass ihr Ehemann Remzi S.* bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist.

* Namen von der Redaktion geändert

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