Nomadin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 1

Verschobene Startpositionen

Hier sitzen wir beim Inder in Afrika und du erzählst mir deine Geschichte. Und ich teile sie mit euch - anonym aber unverblümt.

Während meine Emotionen Karussell fahren, spiegelt dein Gesicht die Ruhe der Wiederholung - du erzählst sie nicht ein erstes Mal und trotzdem nicht jedem.

Deine Mama war das fünfte von elf Geschwister aus einer Familie die in Armut aufwuchs. Und ich weiß das Letzteres arg viel beschissener ist in deinem Land als in meinem. Mit 15 Jahren kam sie in die erste Klasse. Ein extra Bildungssystem für später Eingeschulte: sie ist die einzige der Geschwister die einen Hauptschulabschluss hat und eine abgeschlossene Berufsausbildung zur Krankenschwester. Die restlichen Geschwister jobben mit und ohne Drogen. 

Während ihrer Ausbildung hat deine Mutter vier jüngere Geschwister versorgt. Sie war schon Mutter bevor es dich und deine Geschwister gab. Ihren Mann hatte sie wohl in dieser Zeit kennengelernt: ein Alkoholiker der dich, deine zwei Geschwister und deine Mütter verließ als du 3,5 Jahre alt warst. Du erinnerst dich nicht wirklich an ihn obwohl deine Mutter dennoch dafür gesorgt hat, dass ihr ihn zumindest einmal im Jahr seht. Du hast Respekt vor ihrer Art fair damit umgegangen zu sein und auch davor, dass sie nie ein schlechtes Wort dir gegenüber über Ihn hat fallen lassen. 

Manchmal schweift dein Blick ab und ich frage mich welche Bilder du in deinem Kopf hast.

Du hast gute Erinnerungen an deine Cousins und an ein paar deiner Halbgeschwister. Als Teenager wurdest du zum Englischlernen in die USA geschickt - das heilige Land aus der unterwürfigen Perspektive deines Landes. Es gab doch schon immer fried chicken aber als holy KFC ins Land kam, war es etwas ganz Neues und Besonderes.

Du erwähnst es nicht hier aber meine Gedanken fügen es dennoch hinzu: deine Antwort damals als wir auf und neben der Bank saßen mitten im Nirgendwo im Norden das Landes, den Blick auf die Weite des Nichts und die Schärfe der Erinnerungen. Während deines USA Aufenthalts hat er dich sexuell missbraucht. Ein Bekannter deiner Familie. Deine Familie weiß das nicht. Es würde deiner Mutter das Herz brechen. Also trägst du das Paket alleine und verteilst nur ein Tausendstel Last an eine Handvoll Freunde.

Trotzdem gingst du wieder in die USA, mit einem Stipendium für ein Bachelor Studium. Das erste Mal, dass du einem Mädchen Blumen geschenkt hast, dort während der Uni-Zeit. Ihr Name war so süß wie Lollipop; der süße Schwarm von allen. Ihr wart euch während einer Reise nähergekommen. Du hattest ihr besagte Blumen und eine Karte geschickt, als du gehört hattest das Lollipop dich gut findet. Naja zwei Tage drauf sahst du Karte und Blumen in der Ecke ihres Zimmers mit der ehrlichen Antwort dass die Annäherung nur ein Knacks in der Blickrichtung deinerseits gewesen war. Ein Stück normales Teenager Leben. Läuft eben nicht so wie in den Hollywood Filmen.

Dein Weg ging weiter nach Europa für den Master und während du wieder gegen etwas kämpfen musstest, deine Mutter bekam Krebs, hast du auch das durchgezogen. Schritt für Schritt weiter gemacht. Und ich ziehe meinen Hut. 

Und da sitzen wir an einem Tisch. Gleiches Land, gleicher Job. Und irgendwie hab ich das Gefühl du bist 10.000 Meilen hierher gerannt während ich 100 Meilen spazieren ging um genau hier jetzt anzukommen.

1

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Immer gut, wenn mal etwas außerhalb des hier alltäglichen Herzschmerztextkosmos auftaucht. Habs gern gelesen.

    02.06.2016, 13:50 von kysinz
    • 0

      Danke schön :)

      02.06.2016, 13:56 von Nomadin
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare