KleinesHasenkind 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 0

Verhurte Toleranz

Wir sind diejenigen, die an die Reihe kommen, wenn die Super- Nanny aufgegeben hat.

Wir sitzen im verrauchten Dannemann, haben Astra vor uns stehen und drehen schweigend unsere Zigaretten.
Jeder andere Gast, würde die zwei jungen Mädels an dem runden Tisch vermutlich als BWL- Studentinnen vermuten.
Aline beginnt von den "alten Zeiten" zu reden.
Geht jede denkwürdige und lustige Szene aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr durch, das wir von 2010 bis 2011 gemeinsam an einer Sonderschule getätigt haben.
Ich mag sie. Sie und ihre blau- schwarzen Haare, ihre Piercings und die Doc Martens. Nur ihre Angewohnheit, die gesamte erlebte Vergangenheit nachzuerzählen, geht irgendwann auf die Nerven.
Deshalb gehe ich nicht weiter darauf ein. Lache an den lustigen Stellen und verziehe das Gesicht bei ekligen Erzählungen.

Einen Arm vor der Brust, den anderen darauf abgestützt, lasse ich den Rauch nach oben raus. Wieder schweigen wir.
Eine dritte Runde Pauli- Bier!

Sie fragt mich, wie es bei der Arbeit läuft, wie es den Kindern geht.

"Sharon hat Rettsyndrom. Mittlerweile müssen wir sie zu dritt wickeln und tragen dabei Baustellenkopfhörer."
Erst mal sacken lassen.
"Lisa hatte in den letzten 4 Wochen vier epileptische Anfälle, die wir noch rechtzeitig entdeckt haben. Wahrscheinlich gabs noch einige in der Nacht, die wir nicht mitbekommen haben.
Genau, und Markus war bei der Delfintherapie hat aber keine Fortschritte gemacht. Seine Mutter ist vor Verzweiflung in die Klapse gekommen."

Mehr gibt es nicht zu erzählen. Aline sehe ich an, dass es vorerst auch reicht. Sie schweigt, nimmt einen großen Schluck.

"Ich frage mich wie du das aushälst. Unter lauter Bekloppten nicht bekloppt zu werden!"
Jetzt schweige ich. Muss erst einmal ihre Aussage mir genauer durch den Kopf gehen lassen.
"Ich mein, für ein Jahr war das für mich kein Problem, ja. Aber drei Jahre diesselben Schicksale zu sehen, erleben und keinen Fortschritt zu erkennen, wäre nichts für mich."
Ich fühle mich heraussgefordert. "Tja, dann hast du den richtigen Job für dich ja hoffentlich entdeckt. Ich habe meinen nämlich!"

Das ist der richtige Beruf für mich:Jugend- und Heimerzieherin!
Wir sind diejenigen, die hinter dem Wort "Heim" stehen.
Wir sind diejenigen, die dann an die Reihe kommen, wenn die Super- Nanny aufgegeben hat.
Wir sind diejenigen, die Kinder und Jugendlichen wieder in ein Leben führen. Oder es zumindest versuchen.
Und dafür wird man nicht in den Himmel gelobt.
Nee nee nee, man wird stutzig angeschaut oder gar ignoriert. Oder man darf sich so etwas anhören: "Ach du betreust die gestörten Kinder. Das ist aber nett von dir. Könnte ich selber nicht."

LINKS REIN, RECHTS WIEDER RAUS.

Glauben diese Menschen denn, dass es schon immer mein Ziel war, einem gleichaltrigem Mädchen die volle Windel zu wechseln?!
Dass ich  einem Jungen meinen Kummer erzähle, der weder reden noch laufen noch sonst irgendetwas kann?!
Glauben sie, dass ich gerne vier mal die Woche um 6.30 aufstehe, um 9 Uhr wieder heim gehe, um ab 15 Uhr bis um 20.30 Uhr weiter zu arbeiten?!

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich der Mutter eines Bewohners, welche ebenfalls meine Mutter hätte sein können, erklärt habe wie ihr Sohn ohne Ritalin tickt.
Kurze Zeit später ging ich mit einer Kollegin einkaufen. Wir brauchten 4 Einkaufswägen. Eine ältere Dame hinter uns fragte uns, wieviele Mäuler wir damit stopfen wollen? "Ach, für 12 Kinder. Das reicht aber auch nur die nächsten 3- maximal 4 Tage." Die gute Frau staunte nicht schlecht, bekam ihren Mund kaum zu.
Am Nachmittag musste eines der kleinen Kinder zum Arzt. Jan saß im Wartezimmer auf meinem Schoß. Es kam eine Frau mit Tochter herein. Die Tochter fing wenig später an, mit der Mutter zu tuscheln. Ich vernahm ein paar Mal das hässliche Wort "Mongo". Beide starrten uns immer wieder an. Provozierend alberte ich mit ihm herum. Das Letzte, das ich hören konnte, bevor wir herein gerufen wurden, war: " So jung und schon Mutter. Und dann auch noch mit dem Mongo. Hätte die mal lieber verhütet oder abgetrieben."

Yey, das macht Mut!





3 Antworten

Kommentare

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    Jupp, halte es mit ER.

    10.06.2013, 22:22 von TheCaptainsFiancee
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    Das ist so gut!

    10.06.2013, 21:47 von AlYoung
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    Es gibt auch Menschen, die deine Arbeit wertschätzen

    18.11.2012, 00:19 von EliasRafael
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