heike_kottmann 09.09.2010, 11:50 Uhr 0 4

Verhasstes Volk

In Europa leben rund zehn Millionen ROMA, die meisten von ihnen werden ausgegrenzt, verfolgt - manche sogar ermordet. Vor allem in Ungarn nimmt der Hass auf die Minderheit zu.

Es ist kurz nach Mitternacht, als der Schrei seiner Frau Csaba Csorba aus dem Schlaf reißt. Er öffnet seine Augen einen Spalt. Noch bevor er darüber nachdenken kann, warum Erzsébet schreit, hört er dreimal nacheinander einen lauten Knall, in kurzen Abständen. Schüsse. Csaba Csorba erkennt seine Tochter Szilvia, sie steht an seinem Bett, rüttelt an seiner Schulter und ruft: Papa, schnell, steh auf, schnell, da ist etwas passiert!

Csaba Csorba stolpert zur Tür seines kleinen Hauses am Rande der Roma- Siedlung im ungarischen Tátarszentgyörgy. Vorbei an Kindern, Enkeln und Schwiegertöchtern, die in Schlafanzügen im Gang stehen. Es ist stockfinster, aber von draußen flackert ein helles Licht. Das kann doch nicht sein, denkt Csaba Csorba, es ist doch Nacht, warum ist es draußen so hell? Dann sieht er es selbst: Das Haus gegenüber brennt, das Haus seines ältesten Sohnes Róbert, keine zwanzig Meter entfernt, es brennt lichterloh. Aus den zerbrochenen Fenstern schlagen Flammen, vom Dach fallen Ziegel herab. Csaba Csorba rennt nach draußen in den Schnee. Er packt seine Frau am Nachthemd, die sich in das brennende Gebäude stürzen will. Róbert, Róbert, schreit sie, wo ist mein Sohn? Csaba Csorba erkennt etwa vier Meter vor der Eingangstür des brennenden Hauses seinen vierjährigen Enkel, den kleinen Robie, das Gesicht auf der Erde. Csaba Csorba rennt auf ihn zu, mit einer Hand dreht er den kleinen Körper um, eine Kugel steckt mitten in Robies Gesicht, er ist tot. Einen halben Meter daneben liegt Róbert, sein ältester Sohn, er blutet aus dem Bauch und stammelt etwas, das Csaba Csorba nicht verstehen kann. Als er sich hinunterbeugt, um Róbert aufzuheben, rutscht er ihm fast aus den Händen. Csaba Csorba trägt seinen Sohn ins Haus, er bettet ihn auf das braune Sofa im Schlafzimmer, Róbert atmet schwer, seine Lunge rasselt, und zwischen seinen Lippen bilden sich Bläschen aus Blut. Csaba Csorba wählt den Notruf, sein Sohn verliert langsam das Bewusstsein. Obwohl das nächste Krankenhaus nur wenige Kilometer entfernt ist, dauert es fast eine Stunde, bis der Rettungswagen in der Roma-Siedlung eintrifft.

Róbert Csorba, 27 Jahre alt, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Anschlag auf Familie Csorba ist nur einer von fast zwanzig Angriffen auf Roma in Ungarn in den vergangenen zwei Jahren - ausgeübt von gewaltbereiten Neonazis, angestachelt von einer Welle der Feindseligkeit. Mindestens sechs Roma wurden seit Sommer 2008 ermordet - die Dunkelziffer ist weitaus höher.

Seit im April dieses Jahres die rechtsextreme Jobbik-Partei als drittstärkste Kraft ins Parlament gewählt wurde, hat sich die Lage für Roma in Ungarn verschlimmert; auch bei der Europawahl erhielten die Populisten Stimmen und kamen sogar auf fünfzehn Prozent. Die Partei hetzt unverblümt gegen »Zigeunerkriminalität«, während des Wahlkampfes marschierten glatzköpfige Sympathisanten - die sogenannte Ungarische Garde - in schweren Stiefeln durch die Dörfer, auch durch die Roma-Siedlung von Tátarszentgyörgy. »Ungarn ist eine staatlich geförderte Zigeunerzucht«, sagt Csanád Szegedi, einer der drei gewählten Europaabgeordneten von Jobbik. Den »Zigeunern« gehörten sämtliche Sozialhilfen gestrichen, da sie nicht arbeiten wollten. Weiter sagt Szegedi: »Sie müssen sich an unsere Normen anpassen, dann nehmen wir sie gerne auf.« Der Politiker spricht dabei über die Roma, als ob sie illegale Einwanderer wären - und keine gleichberechtigten, ungarischen Staatsbürger.

Aber nicht nur in Ungarn, auch in vielen anderen europäischen Ländern verstärkt sich die Abneigung gegenüber »Zigeunern«, der sogenannte Antiziganismus: Im Mai 2008 demolierte ein bewaffneter Mob in Kampanien eine Roma-Siedlung; 2009 wurden 200 Roma nach einer Zwangsräumung in Bulgarien obdachlos, und auch in Frankreich werden seit August hunderte Roma abgeschoben. Für die neuen Rechtsradikalen, vor allem in den östlichen EU-Mitgliedsstaaten, sind die Roma ein starkes Feindbild - gerade in Ungarn, wo sie die größte ethnische Minderheit bilden.

Als der Polizeiwagen eine Stunde später vor das kleine Haus am Ende der Siedlung fährt, rennt Csaba Csorba den Beamten blutverschmiert entgegen, er erzählt von den Schüssen, die er gehört hat, und davon, wie er seinen sterbenden Sohn ins Schlafzimmer geschleppt hat, aber die ungarischen Polizisten lächeln müde und schütteln den Kopf. Ein Mord? Nein, das war kein Mord. Eher könne es sein, dass ein Kurzschluss das Haus entflammt hat. Und die Schusswunden? Ach was, beschwichtigt einer der Beamten, das waren doch Löcher von Nägeln der herunterstürzenden Balken.

Csaba Csorba ist 49 Jahre alt, ein schlichter Mann, klein und stämmig, er sieht mindestens fünfzehn Jahre älter aus. In seinem Mund hat er kaum noch Zähne, und an seinen Händen glänzen Schwielen. Er ist nur ein paar Jahre zur Schule gegangen, er kann kaum lesen und schreiben, aber er weiß: Hier stimmt etwas nicht, es wird nicht richtig ermittelt.

Noch in der Nacht läuft Csorba zu seiner Nachbarin, einer Roma- Akti vistin namens Lídia Horváth, Csorba bittet Horváth um Hilfe. Erst als diese daraufhin eine liberale Europaabgeordnete informiert, geschieht etwas Merkwürdiges. Die Beamten sehen auf einmal, was sie vorher nicht gesehen haben: Benzinkanister, Stofffetzen und Geschosshülsen. Alles deutet auf die grausame Wahrheit dieser Nacht: Róbert Csorbas Haus wurde angezündet, die Täter verschanzten sich ein paar Meter entfernt im Gebüsch - und als die Familie vom Brandgeruch aufwachte und aus dem brennenden Haus floh, da schossen die Männer mit Gewehren drauflos. Róberts Frau und zwei weitere Kinder konnten schwer verletzt fliehen. Róbert Csorba und sein kleiner Sohn, den er schützend auf dem Arm hielt, wurden abgeschossen wie Tiere auf einer Treibjagd.

Der Fall Csorba steht für die Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung der größten ethnischen Minderheit Europas. Etwa zehn Millionen Menschen gehören zur Gruppe der Roma und Sinti - ungefähr so viele Einwohner haben jeweils Griechenland und Belgien. Im späten Mittelalter sind sie aus Indien in alle Länder Europas eingewandert. Heute bezeichnet man als Roma vor allem diejenigen, die sich in Südosteuropa niedergelassen haben; Sinti sind eher in Mitteleuropa, also auch in Deutschland, beheimatet. International wird Roma, oder als Einzelperson Rom, heute als Sammelbegriff für beide Gruppen verwendet. Ähnlich wie Juden wurden auch Roma über Jahrhunderte von der Mehrheitsgesellschaft stigmatisiert und ausgegrenzt. Wenn Seuchen ausbrachen, Säuglinge starben oder Naturkatastrophen die Menschen heimsuchten: Roma waren die Sündenböcke. Den traurigen Höhepunkt bilden die Jahre des Nationalsozialismus: Etwa eine halbe Million Sinti und Roma wurden in den Massenvernichtungslagern ermordet. Heute sind nach Schätzungen mehr als neunzig Prozent der Roma sesshaft, nur noch die Ältesten einer Gemeinschaft sprechen fließend Romanes, die Sprache der Roma.

Die Vorurteile gegenüber der Minderheit haben sich über die Jahrhunderte hinweg gehalten. Magdalena Marsovszky, Antiziganismusforscherin aus Budapest, sagt: »Die Vorbehalte gegen Roma sind in den Köpfen vieler Menschen verankert. Viele glauben an das Klischee des arbeitsunwilligen, kriminellen Zigeuners. Ungarn ist wie viele ehemalige sozialistische Staaten kein klassisches Einwanderungsland, deshalb hat man sich einen Feind in den eigenen Reihen gesucht - um sich als Gesellschaft zu definieren und abzugrenzen.«

Was fast alle Roma in Europa vor allem vereint: Sie leben wortwörtlich am Rande der Gesellschaft, der Zugang zur Arbeitswelt, zum Bildungs- und Gesundheitswesen ist ihnen versperrt.

Zwanzig Kilometer vor der Grenze zur Slowakei liegt das kleine Dorf Sajókaza: Ein schlammiger Pfad am Ende der Hauptstraße führt in die Petöfi-Siedlung - ein Barackenlager mit Hütten aus Backsteinen, wo etwa 250 Roma leben. Die Siedlung erinnert eher an ein Dorf in der Dritten Welt als an eine Wohngegend mitten in Europa. »Ein Rom ist einfach nichts wert, wie Abschaum werden wir behandelt«, sagt László Lakatos, 41, der hier lebt. Der Rom lehnt an den Pfeilern seines Stalls, darin steht ein Pferd, daneben ein Pferdekarren mit gebrochener Achse. László Lakatos wirkt auf den ersten Blick wie ein stolzer Mann, mit seinen fast schwarzen Augen, den markanten Gesichtszügen und dem Schnauzbart. Erst wenn er sich bewegt, erkennt man seinen Buckel, man sieht, dass ihm ein Finger an der rechten Hand fehlt und dass auch er mindestens zehn Jahre älter aussieht. »Vor ein paar Tagen war hier Hochwasser, überall ist es reingebrochen, meine Kinder sind bis zur Hüfte im Schlamm gestanden«, erzählt Lakatos, und seine Augen funkeln vor Wut. »Wir haben die Feuerwehr angerufen, wir haben um Hilfe gebettelt und darum, dass unsere Kinder im Gemeindehaus übernachten dürfen. Aber nichts ist passiert, nichts. Die helfen keinen Roma, so ist das.« Warum, das kann Lakatos sich selbst nicht genau erklären. »Wir sind eben anders, wir haben viele Kinder, wir lieben sie, Familie geht über alles bei uns, das können die Leute heutzutage nicht mehr verstehen«, sagt Lakatos. »Wir Roma haben Ehre. Wir sind keine Diebe, nein, das stimmt nicht, aber was sollen wir machen, wenn uns keiner Arbeit gibt?« Lakatos verdient sich wenige Forint als Gelegenheitsarbeiter; er sammelt mit einem Pferdewagen Schrott ein, verkauft diesen weiter oder wird von Dorfbewohnern stundenweise für niedere Dienste angeheuert - ausbezahlt in Naturalien.

Es sind die traditionellen Berufe der sogenannten »cigány», ungarisch für »Zigeuner«, mit denen sich manche Roma heute noch immer etwas dazuverdienen: Kesselflicker, Korbflechter oder eben Schrotthändler. Für das Ausziehsofa, auf dem Lakatos jede Nacht zusammen mit seinen beiden jüngsten Söhnen schläft, hat er drei Tage bei einer alten Frau im Garten geschuftet. Zur Zeit kann László Lakatos nicht arbeiten, die Achse seines Pferdeanhängers ist gebrochen, wegen des Hochwassers kann er den Karren nicht einmal aus dem Stall ziehen, geschweige denn reparieren. »Ich will nicht stehlen, wirklich nicht, ich habe meinen Stolz«, sagt Lakatos und atmet tief aus, »aber manchmal, da frage ich mich, wie ich meine Familie weiter versorgen soll.« Lakatos sieht sich selbst nicht als Ungar, auch deshalb hat er im April bei der Parlamentswahl keine Stimme abgegeben - wie fast alle Roma aus seiner Siedlung. Für Lakatos bedeutet Roma zu sein vor allem eines: »Wir sind alle arm. Wir gehören nicht dazu.«

Was viele Roma nicht ahnen: Die Europäische Union verfügt über Gelder, milliardenschwere Strukturfonds, die als finanzielle Hilfen zur Integration der Roma genutzt werden könnten - theoretisch. In der Praxis aber gibt es »einige Hindernisse, die manche Mitgliedsstaaten davon abhalten, diese Mittel zu Gunsten (...) der Roma einzusetzen«, schreibt die EU-Kommission in ihrem aktuellen Bericht zur Lage der Roma. Scheitern würde es zum Teil auch an dem »hohen Verwaltungsaufwand«. Im Klartext bedeutet das: Die Gelder werden den Kommunen zugesprochen, kommen aber nicht in den Roma-Siedlungen an. In Sajókaza sind die Straßen ordentlich asphaltiert; Mülleimer, Bänke und Straßenschilder stehen am Wegrand. Allerdings nur dort, wo keine Roma leben. Die Grenze zum Barackenlager existiert nicht nur in den Köpfen - sie ist sichtbar für jedermann.

Wenige Meter neben László Lakatos Hütte lebt Ivett Matovics mit ihren beiden Söhnen. Die junge Frau kämpft gegen den Regen. »Es sieht wirklich nicht gut aus«, sagt sie, und auf ihrer Stirn bilden sich Falten, »vielleicht stürzt das Dach bald ein.« Sie schüttelt den Kopf und streicht mit den Handflächen über die Risse in der blauen Wand ihrer Hütte. Ivett Matovics ist zwanzig Jahre alt und führt das Leben vieler junger Roma- Frauen: Das erste Mal schwanger wird sie mit sechzehn. Das zweite Kind kommt ein Jahr später zur Welt. Noch während dieser Schwangerschaft muss Ivetts Freund Krisztián ins Gefängnis, drei Jahre ohne Bewährung. »Seither bin ich allein mit den Jungs«, sagt Ivett. Warum ihr Freund im Gefängnis sitzt, will sie nicht erzählen. »Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort«, sagt sie. »Aber«, Ivett reißt die blauen Augen auf, »er hat keinem anderen Gewalt angetan.« Es scheint ihr wichtig, denn Ivett weiß: Der Weg in die Kleinkriminalität ist für viele Roma eine letzte, unausweichliche Lösung - und gleichzeitig ein Teufelskreis, weil dadurch Vorurteile bestätigt werden und die Rechtsradikalen neuen Zündstoff für ihre Hetzkampagnen bekommen.

Ivett lebt seit zwei Jahren von der staatlichen Beihilfe, die pro Kind berechnet wird, das entspricht etwa 83 Euro im Monat, weniger als drei Euro pro Tag sind das für eine dreiköpfige Familie. Arbeiten könne sie nicht, Ivett lacht bitter wenn sie davon erzählt, wer bitte stellt denn in Ungarn schon eine Roma ein? »Man zwingt mich zu einer Existenz am Dorfrand «, sagt sie, und es scheint, als sei sie im laufe der Zeit müde geworden, dagegen zu kämpfen. Die junge Mutter ist enttäuscht von der Dorfgemeinschaft, die Roma keine Arbeit anbietet, dafür aber fast wöchentlich mit dem Abriss ihrer Hütten droht, weil sie nicht den örtlichen Sicherheitsvorkehrungen entsprechen. Sie ist enttäuscht von den Menschen, die ihr nicht in die Augen sehen und die Fensterläden zuknallen, wenn eines ihrer Kinder über die Straße geht.

»Cigány haben ein böses Herz, sie stehlen uns die Werkzeuge und das Holz«, keift ein alter Mann aus der Tür seines Einfamilienhauses. Warum sich die Zigeuner über ihr Leben beschweren, das könne er nicht verstehen, »die wollen doch gar nicht arbeiten, die leben doch gut von ihrem Kindergeld.« Wie er denken viele Menschen in Sajókaza; das rund 3000 Einwohner große Dorf ist ein trauriges Beispiel für die systematische Ghettoisierung der verhassten Minderheit: Zwar beträgt der Roma-Anteil hier weit über fünfzig Prozent, trotzdem leben die Familien auf weniger als einem Zehntel der Fläche - zusammengepfercht in einem Slum, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklos, in denen Ratten hausen.

Einige Tage nach der Überschwemmung hält mit lautem Dröhnen ein Wagen der Stadtreinigung vor den Hütten der Roma. László Lakatos lehnt mit der Hüfte an seinem Stall, er raucht filterlose Zigaretten und streicht seinem Sohn Richárd abwesend über den Kopf. Auch Ivett Matovics steht ein paar Meter entfernt. Der Wagen der Stadt hält direkt vor Lakatos Hütte, drei Männer mit Schutzanzügen und Hochdruckreinigern auf dem Rücken stehen auf der Ladefläche und sprühen eine milchige Flüssigkeit auf den Boden. Es stinkt nach Chlor und anderen Chemikalien, der ätzende Geruch verbreitet sich blitzartig, brennt in den Augen und beißt in der Nase; die Arbeiter verteilen Desinfektionsmittel auf der Grenze, die das Barackenlager von der Ortschaft trennt - eine Vorkehrung gegen Seuchen, aber auch ein Symbol dafür, was Roma in einem Dorf wie Sajókaza wert sind. Lakatos Kinder springen barfuß dem Wagen hinterher, der im Schritttempo an der Grenze entlangfährt. »Ich habe Angst, dass uns hier das Gleiche passiert wie den Roma im Süden. Ich habe Angst, dass man unsere Häuser niederbrennt und uns tötet«, sagt László Lakatos und zieht an seiner Zigarette. »Eigentlich frage ich mich nur noch, wann es passiert.«

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