Kokomiko 30.08.2011, 16:00 Uhr 5 7

Vergissmeinnicht

Der Mensch, also dieses Exemplar, von dem ich nicht guten Gewissens behaupten möchte, er sei ein solcher gewesen, er war tot.

Der tote Mensch also, ich nenne ihn der Einfachheit halber zunächst im Weiteren so, denn er war ja als solcher an einem Stück geboren worden, wenn man seiner Mutter Glauben schenken wollte, war kein guter gewesen.
Doch ob er ein Teufel ohne Seele gewesen war, ein Tier ohne Gewissen, wie von vielen genannt und auch später behauptet, sei hier an dieser Stelle unerheblich. Ein Vater soll er gewesen sein.

Und er verlor rotes Blut aus verschiedenen Öffnungen seines Körpers, die dafür nicht vorgesehen waren. Das mag uns hier Beweis genug sein, dass er als Mensch, als ein solcher bezeichnet werden konnte.
Und wie er dort hing in dem Treppenhaus, sah er auch nicht viel anders aus, als andere, wenn sie dort gehangen hätten ohne Augen und Ohren. Ohne Nase und Zunge. Dafür zum Ersatz sein abgetrenntes Geschlechtsteil, die Harnröhre gespickt mit Glassplittern, aus der Öffnung heraushängend, die vor dem Herausschlagen aller Frontzähne einmal ein intakter Mund gewesen war. Zum Sprechen gemacht. Zum Schreien genutzt.

Gar nicht grimmig und böse sah er mehr aus. Nicht lieblos und voller Gewalt, die ihn selbst nun vom Leben zum Tode gebracht hatte. Gebracht haben musste. Denn selbst er wird wohl nicht in der Lage gewesen sein, sich diese Wunden und Verluste von Körperteilen selbst zuzufügen, um andere noch nach seinem Tode trotz Unschuld mit seiner vergangenen Existenz zu belasten. Darüber war man sich schnell einig.

So hing er da nun. Kein im herkömmlichen Sinne schöner Anblick. Die Drahtschlinge tief in das Halsfleisch gedrungen. Der Kehlkopf zerschnitten zerquetscht vom Gewicht ohne Boden zum Halt. Die Hände gefaltet fest verbunden am Rücken. Alle Finger gebrochen. Nur die Daumen nicht. Diese fehlten zu Gänze. Grob entfernt wie es schien.

Er trug nur noch einen einzelnen Schuh. Sonst ganz nackt. Den anderen fand man in anderer Sache. Wie den Rest seiner Kleider. Später. Der freie Fuß, erst verbrannt, wie in glühende Kohlen gestellt, dann durch stumpfe Gewalt und mit Wucht jeden Knochen unter der Haut samt Gelenk schwer zertrümmert, oder andersherum. Erst die Wucht, dann das Feuer.

Doch das Schicksal des fehlenden Schuhs war nur kurz eine Frage. Er sollte in einem anderen Mordfall eine bemerkenswerte Rolle spielen. Doch das erfahren wir an dieser Stelle nicht. Es gehört nicht hierher. Wir denken es uns.

So wollen wir ihn also ein wenig betrachten. Still verweilen im Anblick, bevor wir uns dem Hergang der Ereignisse widmen, deren Ende wir hier vor uns sehen.
Fast friedlich, ja fast einer eigenen Schönheit, einer gewissen phantastischen Ästhetik nicht ganz entbehrend, wie Kunst des Verbrechens sah er aus. Eine weiße Nelke, wie er sie gerne trug im Knopfloch seiner Revers, war in jede der Wunden gesteckt, die wohl ein Messer seinem Körper beigebracht haben musste. Auf dem Kopf, ich nenne sie lieber die gespaltenen Reste eines solchen, einen Kranz schön geflochten. Aus Vergissmeinnicht.

Dieser Mensch. Dieser schlechte Mensch. Er war tot. Zweifelsohne. Doch man hatte sich Mühe gemacht. Und die hatte er sich auch zeitlebens verdient.

...................

Manchmal. Manchmal, wenn ich damals in meinem Bett lag und nicht einschlafen konnte, stellte ich mir vor, dass alle Menschen, die ich nicht leiden kann, einfach morgen nicht mehr da wären. Das er nicht mehr da wäre.
Aufwachen in eine Welt ohne die ganzen Fieslinge und Arschlöcher, die Teufel und Dämonen, die mein Leben zu einer täglichen Tortur machten. Und ich wäre die einzige, die wüsste, wo die alle sind. Verstümmelt, zerstückelt, erdrosselt, verbrannt und in Säure aufgelöst. Und das Nacht für Nacht.

Oft stellte ich mir vor, wie ich sie bestrafen würde, bevor ich sie verschwinden lasse. Welche endlosen Qualen ich ihnen zufügen würde, damit sie ohne Hoffnung auf einen Ausweg aus meinem Foltergefängnis die schlimmste Angst und bösesten Schmerzen ohne Ende erleben. Ich war die Herrin über ihr Schicksal. Über ihr Leid und ihr Ende.
Häufig freute ich mich schon den ganzen Tag darauf, sie abends schreien zu hören und sie weinen zu sehen, wenn ich und meine dazu eingebildeten Schergen ihnen meine Gerechtigkeit widerfahren ließ. Manchmal schrien so laut in meinem Kopf, dass ich glaubte, meine kleinen Geschwister würden aufwachen davon. Dann schnitt ich Ihnen die Zungen heraus und klebte ihnen ihr hässliches blutendes Maul mit Klebeband zu.

Dann gab es auch ganze Wochen und längere Zeiträume, in denen meine Phantasie meine ganz persönlichen Todeszelle an ihnen austobte. Wenn es ganz schlimm war, dann schlief ich über diese tiefe Befriedigung ein und wachte in dieser finsteren Hölle für meine am meisten Gehassten auch wieder auf, malträtierte sie noch mit geschlossenen Augen und genoss ihre Schreie bis mein Wecker befahl, was der Morgen von mir verlangte.
….

„Steh endlich auf! Du kommst wieder zu spät. Die Kleinen müssen noch frühstücken und die Kindergartentaschen sind auch noch nicht fertig. Na los! Ich muss zur Arbeit.“
Meine Mutter hatte ihr von den Schlägen geschwollenes Auge dick überschminkt. Wie immer morgens vermied sie es, mich anzusehen, gab mir nur noch schnell die Anweisungen für den Tag.

„Und vergiss die Einkaufsliste nicht wieder. Wir haben keine Milch mehr.“

Sie setzte ihre dunkle große Sonnenbrille auf, obwohl Herbst war und es draußen regnete. Die Wohnungstür fiel ins Schloss und ich hörte ihre schnellen Schritte auf den hohen Schuhen im Treppenhaus.
Die Kleinen kasperten im Badezimmer herum. Ich machte ihnen Marmeladentoast und die Brote für den Kindergarten, putzte mit Ihnen Zähne, zog sie an und dann mich. Wie seit Tagen band ich die Haare zum Pferdeschwanz. Wie seit Tagen nahm ich mir vor, sie mir endlich abschneiden zu lassen.
Die Küchenuhr zeigte halb 8. Ich hasste sie für ihre unbarmherzige Regelmäßigkeit, wie jeden Morgen. Ich hasste die Zeit überhaupt. Ich hasste mich. Doch am meisten hasste ich ihn.

„Bist Du noch da? Ey verdammt! Bist Du noch da?!“

Der Scheißtyp, der mein Vater war, hustete seinen widerlichen braunen Frühschleim ab. Wie jeden Morgen, wenn ich ihn beim Wachwerden hören und ertragen musste, wünschte ich mir, dass er endlich daran ersticken würde. Oder Lungenkrebs bekäme. Zungenkrebs. Jeden Krebs, den es gibt. Ich wünschte mir seinen Tod, wie nicht anderes auf der Welt.

„Bring mir Zigaretten mit hörst Du?!“

Sein Befehl erinnerte mich an den Einkaufszettel.

„Ja!“

‚Milch, Käse, Wurst, Zahnpasta, Tiefkühlgemüse, Schokolade für die Kleinen’ stand in der schönen ordentlichen Handschrift meiner Mutter darauf. Dazu das Geld. Abgezählt. Ich würde mal wieder meine Kohle für seine beschissenen Kippen ausgeben müssen, oder ich musste ihn nach Geld fragen. Ich tat es nicht. Nur schnell raus hier, bevor er aufstehen würde und ich sein verfluchtes Arschgesicht sehen müsste, in das ich am liebsten reinschlagen würde. Dieses Schwein. Diese Drecksau.
Ich schob die Kleinen schnell zur Türe hinaus. Wir erreichten die Straßenbahn noch ganz knapp.

Wie immer stand keiner der Pisser in der Bahn auf, damit die Kleinen sitzen könnten. Ich hasste sie dafür. Alle. Jeden Morgen derselbe Hass, wenn ich die geschminkten Tussiteenyfratzen sehen musste. Die verpickelten kleinen Schwanzlutscher dazu. Die Anzugfressen. Die Omas, die nichts zu tun hatten, außer jeden Morgen ausgerechnet in unserer Bahn ihre Rentnermonatskarte abzufahren, weil sie jeden Tag für irgendwas, was kein Mensch brauchte in die beschissene Stadt fahren mussten, anstatt mit ihren hässlichen alten Ärschen einfach zuhause zu bleiben und die Rushhour abzuwarten. Oder einfach mal zu laufen. Die Studentenfotzen mit ihren Laptoptaschen. Die Studentenwichser, die diese Fotzen gerne vögeln würden, es aber mit ihren lächerlichen Brillen nicht geregelt bekamen, sie anzusprechen, außer, wenn sie total besoffen waren.
Ich hasste sie alle. Heute Abend würde ich sie in meinem Folterkeller in der Straßenbahn einsperren, die Bahn mit Benzin übergießen und anstecken. Was für ein Fest!
……………

„Sie arbeiten hier in einem Dienstleistungsunternehmen, Fräulein Airen.
DIENST LEISTUNG UNTERNEHMEN. Das sind unsere Zauberworte. Wir sind kundenorientiert, servicebewusst und FREUNDLICH! Nur so wird aus uns ein Schuh.“

Mein Chef. ‚So wird ein Schuh draus’ war die Metapher, die ihm meine Spaltaxt der bösartigen Phantasie in seinen hässlichen rothaarigen Schädel krachen ließ, nachdem ich ihm vorher auf der Streckbank eine Glaspipette in den Schwanz gesteckt hatte, um dann genüsslich mit einem 2 Kilohammer draufzuschlagen. Immer, wenn er ihn benutzte. Und er benutzte ihn dauernd. Bei ihm wurde aus allem, von dem er glaubte, es sei richtig ‚ein Schuh’.

Ich nahm mich zusammen und verabredete mich in Gedanken für heute Abend vor dem Einschlafen mit ihm, während ich seinen schiefen Mund die übliche gequirlte Scheiße reden hörte.
Das Lineup meiner Rache für ihn ins Unreine zu denken, nahm ich mir für die Heimfahrt nach Feierabend vor. Den finalen Axthieb bekam er jeden Abend. Das Vorspiel variierte ich. Ich ließ dabei gerne seine Frau vor seinen Augen vergewaltigen. Und sie schrie vor Geilheit dabei, wenn sie von 3 Schwänzen gleichzeitig zerstört wurde.

„Mit ihrem Gesicht kann man Eier abschrecken. Und Kunden. Tun sie mir..tun sie UNS den Gefallen und zeigen sie, dass sie gerne arbeiten. Gerne für uns arbeiten. Gerne für unsere Kunden arbeiten.
Wir können das auch im Personalbüro weiter besprechen, wenn ihnen das lieber ist. Ist es?“

Ich verneinte. Schaffte ein devotes Lächeln. Mama brauchte das Geld, das ich in dieser verschissenen Firma verdiente. Wir brauchten es. Ich freute mich auf seinen Tod.
…………….

Was glotzt Du so, du Scheißer?! dachte ich und hätte dem Typ am liebsten ins Gesicht gespuckt. Auch so eine arme Sau, die nur wichst und Frauen auf die Titten starrt.

„Ist hier noch frei?“

„Nein. Siehste doch.“ sagte ich, ohne ihn anzusehen zum Fenster der Bahn, obwohl die Plätze mir gegenüber nicht besetzt waren. Dämliche Frage. Idiot. Ich nahm meinen Rucksack und die Einkaufstasche, stellte sie auf die 2 freien Plätze und ärgerte mich, dass ich das nicht gleich gemacht hatte. Das hätte mir den Schwachkopf erspart.
…………….

Die Ohrfeige kam unerwartet und war so hart, dass sie mir die Luft nahm und mich Sterne sehen ließ. Die nächste gleich hinterher aufs Auge war so fest, dass ich gegen den Flurschrank krachte. Er hatte schon hinter der Türe gewartet, als ich aufschloss.

„Wo kommst Du jetzt her!!“

„Lass sie in Ruhe!!“

Dafür bekam meine Mutter seine Faust ins Gesicht. Sie taumelte rückwärts, die Beine knickten ihr weg und sie blieb weinend auf dem Küchenfußboden liegen. Ich hörte die Kleinen in unserem Zimmer leise wimmern. Mir lief etwas Warmes über die Stirn in die Augen. „Das muss Blut sein“, dachte ich, als mich die dritte mit voller Wucht ins Gesicht traf.

„Wo sind meine Scheißkippen?!!“ hörte ich meinen Vater schreien, bevor ich das Bewusstsein verlor.
……………….

„Mama?“
Sie weinte.
„Mama. Er muss weg sein. Er bringt Dich sonst um. Uns alle. Mama hörst Du?!“
„Ja. Er muss weg.“
………………

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Die Dunkelheit schmeckt selten süß....

    30.08.2011, 21:19 von Faraduna
    • 0

      @Faraduna Ich habe die Woche den Film "Precious" gesehen. Dieser Text übertrifft jenen bei Weitem.

      Gelähmt.

      03.09.2011, 02:34 von Shehera
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    Eine grosse Wut und Verzweiflung spricht aus diesem Text heraus.

    30.08.2011, 20:48 von topfbluemchen
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    Gut geschrieben... ich hoffe nur erfunden.

    30.08.2011, 20:39 von MissRaten
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    Ich esse gerade. Lese es später ...

    30.08.2011, 18:59 von B.tina
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