MissUschi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 75 37

Vergangen

Und als Kind denkst du, dass das Leben ewig dauert...

Vergangen

Es regnet. Ein alter Mann steht an der Bushaltestelle, zieht seinen Mantel enger zusammen, um sich vor der durchdringenden Kälte zu schützen. Ein Autoscheinwerfer beleuchtet für Bruchteile von Sekunden sein Gesicht. Faltig. Traurig. Einsam. Ich sitze auf der Couch, auf der ich so oft sitze. Die Luft ist heiß und stickig. Lampen im Retrolook und eine Diskokugel, die ein Meer aus Punkten auf die Gesichter zaubert. Jung. Fröhlich. Von Alkohol und angeregten Gesprächen leicht gerötet.

Die letzten Tage waren schön. Meine Sandkastenfreundin war zu Besuch. Der Sommer tat seine ersten Versuche, bevor er ein letzes Mal der kalten Luft aus dem Norden weichen musste. Doch auch sie kann den Geruch nicht mehr vertreiben. Er liegt in der Luft. Wird sich schon bald mit warmer Luft vereinigen, bis sich die Hitze in einem Naturschauspiel entlädt. Es ist der Geruch des Sommerregens, der mich jedes Jahr verzaubert. Der Erinnerungen weckt, die so lange zurückliegen. An quietschgelbe Gummistiefel, satte grüne Wiesen und Schaukeln, die viel zu nass waren, um auf ihnen zu schaukeln. Mamas Standpauke, wenn sämtliche Kleider direkt in die Waschmaschine wanderten und sie doch nie lange böse sein konnte. Papa, der sich insgeheim freute, dass sein Mädchen so ein Lausbub sein konnte.

Erinnerungen, die sich in mein Bewusstsein drängen. Immer häufiger. Weshalb denke ich gerade jetzt daran? Mit einem Bier in der Hand und inmitten feierwütiger Menschen und lauter Musik? Ich schaue zu dem alten Mann an der Bushaltestelle. Wie oft er wohl an seine Kindheit denkt? Seine Jugend? Und wie lange diese Erinnerungen zurückliegen… Ich ertappe mich bei einem Gedanken, der so oft kommt in letzer Zeit. Ich möchte nicht älter werden. Nicht noch älter. Schon jetzt liegt meine Kindheit so lange zurück. Und doch kommt es mir vor, als sei es gestern gewesen. Traurigkeit macht sich in mir breit. Inmitten der feierwütigen Menschen fühle ich mich mit einem Mal einsam. Und habe das Gefühl, nur der alte Mann kann mich verstehen. Er steigt gerade in den Bus.

Was ruft gerade jetzt diese Gefühle in mir hervor? Der alte Mann? Der Geruch des Sommers? Der Besuch meiner Sandkastenfreundin? Oder doch nur der übermäßige Biergenuss?

Vor meinen Augen läuft ein Film ab. Mein Leben. Die alte Wohnung. Die drei Spielplätze hinter den Häusern. Der verwilderte Damm, der den Straßenbahnlärm abschirmen sollte, den wir für wir zahlreiche Versteckspiele, Entdeckungsreisen und Räuber und Gendarm zweckentfremdeten. Der schönste Ort auf Erden. Immer habe ich andere Menschen bemitleidet, die nicht dort wohnten. Die ersten Barbies und das Traumhaus zum 5. Geburtstag, mit dem ich zum Star der ganzen Straße wurde. Ballet- und Flötenunterricht. Der erste Game Boy und die heißen Gefechte, die wir uns mit Super Mario lieferten. Die erste Bravo, die Trennung von Take That und die Backstreet Boys. Die Sendung mit der Maus und der Disneyclub. Später die Diddlemaus und der Tigerentenclub. Das Hauptproblem bestand darin, möglichst die meisten und seltensten Blätter aus Diddleblöcken in seine Sammlung zu bekommen. Dann die Jugend. Titanic. Die Diddlemaus war abgeschrieben. Man musste Leonardo Di Caprio treffen oder zumindest jemanden finden, der genauso aussah. Immerhin mit der Frisur kamen viele Jungs schon nah dran. Der erste Kuss mit einem Möchtegern-Leonardo. Man hatte es als Mädchen leichter, wenn man so gut es ging aussah wie Britney.

Radikaler Schnitt, als Metallica „S&M“ und Him "Razorblade Romance“ rausbringen. Die Entdeckung  von Nirvana, Pearl Jam und Faith No More. Zu meiner Gitarre gesellt sich eine E-Gitarre dazu. 2001 veröffentlichen System Of A Down „Toxicity“ und definieren Musik für mich neu.

Am 11. September gerät meine noch so kindliche Welt erstmals ins Wanken und jeder spricht von der drohenden Gefahr des dritten Weltkrieges. Meine erste Demo 2003 gegen den Irakkrieg. Die USA lassen sich davon nicht abhalten.

Für eine Weile werden meine Ansichten radikaler, flachen jedoch wieder ab, als die erste große Liebe kommt. Der erste Sex. Der Himmel auf Erden. Rückwirkend betrachtet, nett gesagt, durchschnittlich. Mit dem 18. Geburtstag kommt der Führerschein und die Freiheit. Endlich! Doch schon bald kommt auch die erste Verantwortung. Und sie wird immer größer. Der Liebeskummer jetzt ist eine ganz andere Kategorie als der Korb meines Mittelstufen-Schwarms. Während des Abis beginne ich mich zu fragen, wie um alles in der Welt man denn studieren kann. Man kann.

Mit 25 nun wundere ich mich, dass wir es tagtäglich schaffen, das schnelllebige Hin und Her zwischen Uni, Arbeit und sozialen Beziehungen zu bewältigen. Wurden meine und frühere Generation denn überhaupt darauf vorbereitet? Mit einer Kindheit ohne Handy und Internet?

Ich starre immer noch die leere Bushaltestelle an. Ich beginne zu begreifen, warum alte Menschen so gerne von früher erzählen. Mein Opa, der mir so viel beibrachte, der zu jeder Schandtat bereit mit mir durch Supermärkte und über Wiesen rannte. Der heute ohne seinen Stock nicht mehr laufen kann. Meine Papa, der mit mir die Heizkörper in der ganzen Wohnung zu Fußballtoren erklärte und meine Mama, die mir die tollsten Höhlen bauen konnte. Voller Liebe betrachte ich die grauen Strähnen, die sich durch ihre Haare ziehen.

Und doch stehen sie schmerzlich für etwas, das vorbei ist. Die Kindheit, die Jugend, die Unbeschwertheit und Leichtigkeit, die nie wieder kommt. Das Gefühl, dass die Jugend ewig dauert. Geliebte Menschen, die fortgegangen sind. Für immer oder in den Weiten dieser Welt verloren.

All das ist vergangen.

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75 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie mal war...

    *seufz*

    http://www.youtube.com/watch?v=IGAVwQAmAHs

    07.06.2012, 12:28 von sailor
    • 0

      magst du mir erklären, wie du das meinst? :) wg der diddlemäuse? :D

      07.06.2012, 12:32 von MissUschi
    • 1

      Diddlmäuse sind eine perfiede Erfindung des Satans...

      Ich find ihn nett, den Text. Ich mag ja so retrospektive Grundtendenzen...
      Kenne ich gut.

      Deswegen hör ich ja auch Musik, die 25 Jahre alt ist...

      Komischerweise habe ich das vor 25 Jahren auch schon getan...

      :D

      07.06.2012, 12:42 von sailor
    • 0

      haha, ja, die diddlemäuse... ist schon eigenartig, womit man alles geld verdienen kann... :D

      "forever young" erinnert mich im übrigen auch sehr an meine kindheit, weils mein papa ab und zu gehört hat ;) sehr tolles lied!!

      07.06.2012, 13:01 von MissUschi
    • 1

      Dein Papa...?

      *an.den.kopf.fass*

      Ich bin echt alt...
      :D

      07.06.2012, 13:12 von sailor
    • 0

      ahahaha... ach käse, mein papa ist nur immer sehr jugendlich mit der musik gewesen ;)

      07.06.2012, 13:14 von MissUschi
    • 0

      Ich auch...

      07.06.2012, 13:19 von sailor
    • 0

      ich hau mich weg!!! wie geil is das denn?? "gibt es eigentlich sehr viel schlümpfe? ja so viel wie kaputte strümpfe"... :D :D 

      wie süß eigentlich!! ;)

      07.06.2012, 13:29 von MissUschi
    • 0

      Ich hatte die Single...

      :D

      07.06.2012, 13:38 von sailor
    • 0

      haha nee... ich hatte dann später ne cd mit dem überaus kreativen titel "schlümpfe hits - best of"... :D

      07.06.2012, 13:41 von MissUschi
    • 0

      In meiner Kindheit war die CD noch nicht erfunden...

      :D



      07.06.2012, 13:57 von sailor
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  • 1

    Wau! Ein Lebensrückblick, der meinem sehr ähnelt.

    07.06.2012, 12:13 von sarah_duis
    • 0

      dank dir :)

      07.06.2012, 12:31 von MissUschi
    • 1

      Da gibt es nichts zu danken. Ich danke dir für diesen Artikel und den damit verbundenen Rückblick auf mein Leben. Alte, verschollene Erinnerungen sind nun wieder lebendig. Wie wir auf dem Schulhof saßen und Diddlblätter tauschten und so weiter.

      07.06.2012, 12:34 von sarah_duis
    • 0

      hehe, ja das war cool... :) hatte die sammlung letztens in der hand beim ausmisten... is schon eine beachtliche anzahl an diddleblättern zusammne gekommen ;)

      07.06.2012, 12:36 von MissUschi
    • 1

      Auch Tage danach denke ich an deinen Text.

      Die Diddleblätter vermachte ich schon vor ein paar Jahren meiner Nichte. :-)

      Um mal zur Musik zu kommen: Die Backstreet Boys hörte ich auch. Bei Metallica blieb ich bis jetzt stehen. :-)


      10.06.2012, 17:01 von sarah_duis
    • 0

      Den hab ich jetzt erst gesehen, den Kommentar... -.- Ich bin auch bei harter Gitarrenmusik hängengeblieben ;D

      20.06.2012, 17:00 von MissUschi
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  • 1

    Beeindruckende Retroperspektive voller Schnittpunkte, in denen sich eine ganze Generation indentifizieren kann...

    03.06.2012, 14:23 von PollypocketUNDdasPFERDEBUCH
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  • 1

    Witzig... als hätten wir alles zusammenverbracht. ich könnte diesen text exakt auf mich kopieren. mit allen details... von system of a down, über diddl blätter zur demo 2003 (in bonn) und und und. deine gedanken verstehe ich genauso. nein wir wurden nicht vorbereitet...aber das wird keiner. darum ist das leben spannend. wüssten wir alles, könnten wir uns auch einfach tumb auf den boden legen

    23.05.2012, 12:11 von FoxyLaScar
    • 0

      danke für deine Worte. :)

      Und du hast schon recht, es wäre furchtbar, alles im Voraus zu wissen... Das Leben ist schön, man tut gut daran, es genießen. 

      23.05.2012, 12:43 von MissUschi
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  • 1

    Mit jedem Jahr, das dazu kommt, stelle ich manchmal mit Erschrecken, manchmal mit großer Freude fest, dass mein jetziges Leben so sehr von dem abweicht, was ich mir als Kind/Jugendliche für dieses vorgestellt habe. Ich wünsche mich nicht in die Pubertät zurück oder in den Kindergarten, aber manchmal, wenn ich ganz ehrlich bin und mir alles über den Kopf zu wachsen droht, in Mamas Bauch.

    Schöner, wehmütiger Rückblick, aber es geht voran.

    23.05.2012, 07:17 von lalina
    • 0

      Ja, ich glaube, ich weiß, was du meinst... Irgendjemand hat hier drunter geschrieben: "Älter werden ist gar nicht so schlimm, wenn man die Alternative bedenkt." Stimme ich absolut zu. 

      Und dass jedes Alter seine schönen Seiten hat, erzählte mir mein Vater schon, als ich noch gar nicht über so was nachgedacht hab. 
      Wenn ich die Wahl hätte, würde ich glaub ich auch nicht mehr Kind oder Jugendlicher sein wollen, wenn ich bedenke, welche schmerzhaften Erfahrungen dann noch vor mir liegen würden. 
      Das Einzige, was ich jetzt anders machen würde, wenn ich nochmal jünger wäre, ist, mich viel mehr mit kreativen Dingen beschäftigen. 
      Sonst würde ich alles nochmal genauso machen und das macht die Kindheit und Jugend so schön. :) Und die Zeit, die jetzt kommt.

      23.05.2012, 08:28 von MissUschi
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  • 2

    mir ist das letztlich ne spur zu pessimistisch. ich habe den ganzen text über nach einem lichtblick richtung zukunft gesucht. einem argument, das es gut heißt, dass vergangenes vergangen ist.


    der text hat mich leider nicht dazu angeregt, mich über das erlebte zu freuen - er stimmt mich eher missmutig.
    schade!

    .. ABER angenehm zu lesen. :)

    22.05.2012, 23:18 von CaroKo
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  • 0

    du sprichst mir aus dem herzen.
    ich weiß nicht, was ich sagen soll. danke!

    21.05.2012, 23:11 von anulal
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  • 2

    Steht in fast jedem Poesiealbum (gab's noch zu meiner Schulzeit): Wie sorgenfrei die Jugend war, das wird dir erst im Alter klar, denn Kindheit, Schulzeit, größtes Glück, sie kehren nimmer mehr zurück.

    Den Spruch habe ich als Kind nicht verstanden, aber ich verstehe jetzt die Sorgenfreiheit der Jugend und denke in diesem Moment, ich befinde mich wohl im größten Glück. Ob das trotz aller Querelen und Alltagsprobleme wirklich so ist, werde ich in 10 Jahren oder so reflektieren.

    Und ja, Diddelblätter sammeln klingt heute wirklich etwas albern (bei mir waren es eher Sticker 1992, wenn auch nur sehr wenige mangels Taschengeld), aber wenn man dagegen die Handypornosammlung der heutigen Jugendlichen bedenkt, hatten wir es schon verdammt gut und unbeschwert.

    21.05.2012, 22:34 von schlaflosinschwaben
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  • 1

    Auch wenn ich selbst noch nicht ganz 25 bin, kann ich dich trotzdem super verstehen & selbst mit meinen 17 Jahren vermisse ich die Unbeschwert- & Freiheit der Kindheit manchmal ungemein!
    Aber ich denke, das geht jedem so, (der nicht eine total schlimme Kindheit hinter sich hat).

    Mir gefällt der Text sehr gut! :-)

    21.05.2012, 22:26 von Miss_worry
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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