seltenertyp 07.04.2010, 12:03 Uhr 3 1

Verflixte Überlegenheit

Warum hängen junge Frauen junge Männer immer öfter beruflich ab? Warum bleiben erfolgreiche Frauen so oft Single und kinderlos?

Im Berliner «Soda Club» ist die Welt noch in Ordnung. Unterbeschäftigte Prekarier kommen als lässige Abräumer daher, taffe Geschäftsfrauen wie Franziska im Jungmädchen-Look.
«Kannst du nur gucken?», fährt sie einen nicht mehr ganz knackigen Jüngling in gestreifter Hose, T-Shirt und Hosenträgern an und führt ihn später zum Salsatanz aufs Parkett. Sie bewegt sich geschmeidig – auf Distanz wirkt sie mindestens ein Jahrzehnt jünger.
Franziska S. ist Finanzredakteurin. Sie ist 38 Jahre alt, singt im Chor, ist in Psychotherapie und betreibt Radsport.
Nein, Franziska hat keine Kinder und auch keine feste Beziehung.
«Ich arbeite in einem kinderfreundlichen Betrieb, und ich würde auch beruflich zurückstecken, wenn es sein müsste. Der Mangel an Kindergartenplätzen ist nicht das Problem», sagt sie. Das ließe sich organisieren, sie könnte auch viel von zu Hause aus arbeiten und arm ist sie auch nicht.
Irgendwo ist trotzdem der Wurm drin. «Ich habe einfach bisher keinen Partner gefunden, mit dem ich mir Elternschaft vorstellen könnte.» Affären seien immer zu haben, sagt sie, aber nichts Ernstzunehmendes. «Vielleicht werden berufliche Projekte meine Kinder sein.» Eine Affäre mit einem verheirateten Vorgesetzten hat sie beruflich nur um Haaresbreite überlebt. «Nie wieder», sagt sie.
Franziska ist in guter Gesellschaft, und zwar vorwiegend weiblicher. So auch bei den Mercedessen unter den Online-Partnervermittlungen. «Parship» und «Elitepartner» mit zusammen mindestens drei Millionen Mitgliedern sind raffinierte, psychologisch fundierte Vermittlungsautomaten, die ordentlich Geld kosten. Sie sind die teuersten am Markt und von Akademikerinnen dominiert, wobei die etwa 38-Jährigen die stärkste Gruppe stellen. Sie sind in diesem Alter meist beruflich etabliert, verdienen gut und das Ende des fruchtbaren Lebensabschnittes ist absehbar. Bei den kostenlosen Online-Partnerbörsen kommen hingegen oft drei bis vier Männer auf eine Frau.

Rollentausch mit Nebenwirkungen
Auch die 28-jährige Berliner Autorin Ariadne von Schirach – sie ist attraktiv, gebildet und wohlhabend – beklagt schon heute den Rückzug des männlichen Geschlechts vom erotischen Schauplatz, dass zu viele junge Männer vor dem Bildschirm «bis zum Tennisarm onanieren». «Muss man denn alles selber machen?» fragt sie angesichts «metrosexueller Weicheier», die nur eines wollen: Reden, Kuscheln, Verständnis.
Liegt der seit fünfunddreißig Jahren andauernde Geburtenmangel in Deutschland womöglich nicht nur am Defizit an staatlicher Kinderbetreuung, sondern auch daran, dass viele gut qualifizierte Frauen keinen Partner auf wirtschaftlich und sozial gleicher Augenhöhe finden?
Interessant ist der wiederkehrende Verweis auf den Nachbarn Frankreich mit hoher Geburtenrate und hoher Frauenerwerbsquote. Dort gibt es tatsächlich ein viel besseres staatliches Betreuungsangebot für Kinder als in Deutschland.
Dennoch sollte man genau hinschauen: Geraten junge Franzosen sozial und bildungsmäßig ebenso ins Hintertreffen wie junge Deutsche? Treffen die Französinnen ihre Partnerwahl womöglich weniger nach dem Muster «Mann oben, Frau unten»? Und: hängt das männliche Selbstwertgefühl der Franzosen vielleicht nicht so stark von Einkommen und Sozialprestige ab wie das der Deutschen?
Ein weiteres Argument gegen das Kalkül «mehr Krippenplätze gleich mehr Kinder» ist der Osten Deutschlands. Dort ist die Versorgung mit Krippenplätzen landesweit am besten, der bildungsmäßige Vorsprung der jungen Frauen am höchsten und die Geburtenrate eine der niedrigsten der Welt, was im aktuellen «Gender-Datenreport» des deutschen Familienministeriums deutlich wird.
Das zunehmende psychosoziale Hintertreffen der deutschen Männer befreit schon heute Frauen mit steigender Qualifikation zunehmend von der «Last der Fortpflanzung», wie die offizielle bundesdeutsche Studie «Elternschaft und Ausbildung» feststellt: Von den Frauen ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss bleiben nur ca. 20 Prozent zeitlebens kinderlos, über 40 Prozent sind es bei den Akademikerinnen und rund 75 Prozent bei weiblichen Führungskräften. Bei Männern verhält es sich genau umgekehrt: Je qualifizierter sie sind und je höher ihr Einkommen, desto mehr Nachkommen haben sie im statistischen Mittel.
Statistiken sind mit Vorsicht zu genießen. Doch nimmt man den aktuellen «Gender-Datenreport» des bundesdeutschen Ministeriums für alle außer Männer im besten Alter (pardon: für Frauen, Senioren, Familie und Jugend) zur Hand , zeichnet sich ein Bild ab, das nicht so recht zur durch Männermacht benachteiligten Frau passen will:
• Eine Überzahl der Schulabgänger ohne Abschluss, Sonderschüler, Haupt- und Realschüler sind männlich (deren Lehrkräfte sind meist weiblich).
• Die meisten Gymnasiasten und Studierenden sind weiblich (deren Lehrkräfte sind meist männlich) und machen zudem die besseren Abschlüsse, als ihre männlichen Kommilitonen.
Als Franziska zur Schule ging, waren diese Verhältnisse noch umgekehrt. Und doch ist bereits in ihrer Altersklasse festzustellen, dass die Vollerwerbsquote bei Frauen seit Jahrzehnten steigt und bei Männern sinkt, die Arbeitslosigkeit von Frauen erstmals niedriger ist als bei Männern und rund zwei Drittel der meist im Dienstleistungsbereich neu geschaffenen Jobs von Frauen belegt werden. Wie wird es den heranwachsenden Frauen ergehen, die ihre männlichen Altersgenossen bereits in der Schule abgehängt haben? Wie werden sie ihre Wünsche nach Partner- und Elternschaft realisieren?
Doch auch in anderen Bereichen schreitet die Gleichstellung unaufhaltsam voran:
• Junge Frauen holen beim Rauchen, bei Alkohol- und Drogenkonsum wie auch bei der Kriminalitiät (einschließlich Gewaltdelikte) gegenüber den Männern deutlich auf (Gender-Datenreport). Dies gilt auch für stressbedingte Erkrankungen vor allem bei berufstätigen Frauen (siehe «Sind Frauen bessere Menschen? »).
• Die statistischen Lebenserwartungen von Frauen und Männern driften seit ca. 20 Jahren nicht mehr zugunsten der Frauen auseinander, sondern gleichen sich tendenziell an.
• Der große Absicherungs- und Umverteilungsapparat namens «Ehe» hat zunehmend ausgedient. Unterhaltszahlungen, Erbschaften und Witwenrenten fliessen immer weniger von Mann zu Frau (Gender-Datenreport).

Defektwesen Mann?
Ein Teil der chancenlosen Männer wandert in den Knast, für einen anderen Teil entstehen Arbeitsplätze bei Militär, Polizei und Sicherheitsfirmen. Männer erfüllen auf diese Weise zuverlässig die Rollen, die sie schon als Knaben beim alltäglichen Medienfutter männlicher Gewalt erlernten. Wirkliche Männer, die ein positives Bild männlicher Kraft, Fürsorglichkeit, Geschicklichkeit, Kreativität und Konstruktivität vorleben könnten, sind immer häufiger abwesend. Dies nicht nur, weil sie auch infolge eigener Vaterlosigkeit überfordert sind, sondern auch per Gesetz und Richterbeschluss.
«Schlaue Mädchen, dumme Jungs», titelte Der Spiegel im Heft 21/04. Gern wird immer wieder darauf verwiesen, dass der statistische Rückstand der Männer in vielen Bereichen biologisch bedingt sei. In Sachen Sex und Geschlechtsidentität hat die Biologie in den akademischen Elfenbeintürmen der «Gender»-TheoretikerInnen hingegen keine Rolle zu spielen.
Wären Männer biologisch benachteiligt, wäre dann nicht endlich eine Gleichstellungspolitik für Männer angesagt, Männerförderprogramme, wie es sie auch für Behinderte und andere Minderheiten gibt (Männer sind ja dank hoher Sterblichkeit eine Minderheit)? Das umfangreiche wissenschaftliche Datenmaterial der «Klosterstudie» und aus dem Buch «Sind Frauen bessere Menschen» zeigt, dass
• Mönche in Klöstern wesentlich älter werden, als ihre Geschlechtsgenossen in «freier Wildbahn», und zwar fast genauso alt wie Nonnen,
• Männer keineswegs immer und überall auf der Welt deutlich früher starben und sterben, als Frauen (dies vor allem im modernen Westen),
• Männer schlicht mehr Gewalt und Risiken ausgesetzt sind (sämtliche «Todesberufe» werden fast ausschließlich von Männern ausgeübt und die allermeisten Gewaltopfer sind Männer),
•Mindestens zwei Drittel aller Gesundheitsausgaben Frauen zugute kommen.
Männer dominieren nach wie vor Führungspositionen in Wissenschaft und Forschung, Kultur, Wirtschaft, Sport und Politik. Würden biologische Mängelwesen den mit Spitzenpositionen einhergehenden Dauerstress, langjährige maximale Arbeitsbelastung und permanenten Konkurrenzkampf lange genug durchhalten, um nach oben zu kommen und dort zu bleiben?
Hand aufs Herz: Wie viele Frauen wollen in ein mörderisches Arbeitspensum («Führungspositionen») und einen permanenten Konkurrenzkampf hineinquotiert werden?
Bei der Erschaffung der Technosphäre und des staatlichen Versorgungsapparates haben die Männer derart saubere Arbeit geleistet, dass sie sich quasi selbst wegrationalisiert haben. Heute kann jede westliche Frau auch ohne Mann «unabhängig» sein. Anerkennung brauchen die Männer dafür nicht zu erwarten. Ab und zu dürfen sie noch eine Rolle als Lover und/oder Samenspender spielen, ansonsten steht Papa Staat zur Verfügung, der garantiert immer zahlt.
Die emotionale, erotische Abhängigkeit der heterosexuellen Männer vom weiblichen Gefühlsmonopol blieb hingegen unangetastet, und verschärft sich dank zunehmender Abwesenheit der Männer in der Kindererziehung weiter.

Arme Männer – arme Frauen
Statistisch zeichnet sich ein Bild ab, das nicht so recht zur Frau als gesellschaftliches Opfer passen möchte (alle Daten aus «Sind Frauen bessere Menschen? »): 57 Prozent aller Wähler sind dank Übersterblichkeit der Männer weiblich, 80 Prozent der Warenumsätze, Verkaufsflächen und Werbebudgets beziehen sich auf weibliche Käufer, die folglich über entsprechende Geldmittel verfügen müssen. Tatsächlich gehen vorsichtig geschätzt über 60 Prozent des Sozialprodukts einschließlich Sozialleistungen, Unterhaltszahlungen, Witwenrenten und Erbschaften (ebenfalls dank frühem Tod der Männer) an Frauen (Kinder nicht eingerechnet), und das, obwohl Frauen insgesamt deutlich weniger Erwerbseinkommen erzielen als Männer. Dies jedoch vor allem deshalb, weil sie insgesamt weniger Erwerbsarbeit in weniger belastenden Positionen leisten. Bei direktem Vergleich ist festzustellen, dass von allgemeiner Lohndiskriminierung keine Rede mehr sein kann.
Zudem kontrollieren Frauen weit gehend die Erziehung der Kinder (Lehr- und Betreuungspersonal ist ganz überwiegend weiblich), die Fortpflanzung (welcher Mann kann wirklich wissen, ob sie verhütet, welche Frau liebt Kondome?) und die Partnerwahl (was und vor allem mit wem "geht", bestimmt fast immer nur "Sie". Männer tun das, was Frauen gefällt und wozu sie von Frauen erzogen wurden).
Und: Auch Alphamädchen bevorzugen natürlich immer noch die rar werdenden Alpha-Plus Männchen, die von den Alphamädchen von ihren Plätzen verdrängt werden. Kann die demokratische, westliche Wohlstandswelt überhaupt anders aussehen als im Sinne der langlebigeren, kauflustigeren, sozial dominanten Mehrheit?
Wie lange wird es noch «Girl’s Days», Frauenquoten, Frauenförderung geben? Bis auch insofern Gleichstellung herrscht, dass die Lebenserwartung der Frauen auf die der Männer abgesunken ist, da eine Vermännlichung der Lebenswelt der Frauen eben auch mehr Risiko, Stress, Einsamkeit und Existenzdruck bedeutet?
Stärkt man die Frauen, indem man die Männer schwächt? Ist die Welt ein gewaltiger Konkurrenzkampf, ein Nullsummenspiel, in dem die Frauen nur gewinnen können, was sie zuvor den Männern abgenommen haben – einschließlich der Nachteile der Männer?
Wie wäre es mit einer Aufwertung des Images von Kinderpflege und Haushaltsarbeit? Wie schrecklich ist das Los der Hausfrau/des Hausmannes wirklich, mit zwei Kindern ca. 30 Stunden pro Woche zu arbeiten und bei minimalem Berufsrisiko zumeist über reichlich finanziellen und zeitlichen Gestaltungsspielraum zu verfügen?
Vielleicht liegt das Problem auch hier: Wie viele Frauen finden Männer erotisch, die sich zu Lasten der Karriere mit Trösten, Windeln wechseln, Putzen, Kochen und Einkaufen beschäftigen?

Eberhard Hierse ist 36 Jahre alt, von Beruf Stadtplaner und Redakteur. Seine Themenschwerpunkte sind die modernen Mythen rund um das Glaubenssystem der «political correctness»: Geld und Finanzwesen, Staat und Freiheit, das Geschlechterverhältnis, Klima und Umweltschutz.

Datenquellen und weitere Infos:
Arne Hoffmann: Sind Frauen bessere Menschen? Plädoyer für einen selbstbewussten Mann, 608 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Fr. 34,20, Euro 18,90.

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3 Antworten

Kommentare

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    Heute kann jede westliche Frau auch ohne Mann «unabhängig» sein.
    Klar kann sie das. Und das ist auch gut so! Aber nur weil eine Frau finanziell und in ihrer Lebensgestaltung von einem (Ehe-)Mann unabhängig ist, heißt das ja nicht, dass sie sich nicht trotzdem eine dauerhafte Partnerschaft, Familie und diesen anderen altmodischen Kram wünschen kann, und Männer für sie möglicherweise doch mehr sind als nur "Lover und/oder Samenspender".

    Männer tun das, was Frauen gefällt und wozu sie von Frauen erzogen wurden.
    Wenn's doch nur so wäre...

    08.04.2010, 18:16 von dasLaecheln
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    oh schöne neue welt.

    :D

    07.04.2010, 15:29 von RedSonja
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    Und? klappt diese Masche?

    07.04.2010, 15:17 von Surecamp
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