LauraLL 10.09.2007, 19:54 Uhr 21 3

Verdammt, ich schütze die Umwelt

Eigentlich wollte ich das ja gar nicht. Zumindest nicht so. Aber jetzt gehts erst richtig los.

Es ist einfach so passiert. Ich kann mir auch nicht wirklich erklären, wieso. Vielleicht lag es daran, dass ich heute ausnahmsweise mal gut gelaunt war. Oder daran, dass ich nur allzu gern eine Ausrede suchte, um nicht sofort mit meinen Hausaufgaben anfangen zu müssen. Man vermutet auch, dass ich einfach in Quatschlaune war. Jedenfalls ließ sich mein genervt-arroganter-sprich-mich-nicht-an-Blick nicht aufsetzen, als diese hochmotivierte Mittzwanzigerin mich auf offener Straße mit breitestem Lächeln überfiel. In einem Wortschwall, der mich dazu brachte, den nah stehenden Tisch als Stütze zu benutzen, erklärte sie mir, dass die Welt in größter Bedrohung sei.

Mit wild gestikulierenden Händen deutete sie auf das Plakat über dem Tisch. Eine Eistüte, doch statt Stracciatella oder Schokolade schmolz hier die Weltkugel an der Waffel hinunter. Soso, globale Erwärmung. Sehr nett dargestellt. Ein Lächeln machte sich in meinem Gesicht breit. An diese Stelle konnte ich noch nicht wissen, dass das ein fataler Fehler war.

Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich mit einem raschen „Tut mir Leid, aber so viel Zeit hab ich nun doch nicht…“ einfach entschwinden konnte. Doch meine Hand lag auf dem Tisch, und mein Blick verriet eine leichte Begeisterung für die Genialität hinter diesem Plakat, und schon war ich gefangen. Die Weltretterin in ihrer knallgrünen Jacke erzählte mir von bedrohten Tierarten, Wasserverschwendung und zu hohen CO2-Ausstößen. Wusste ich alles, ich bin ja auch an unserer Umwelt interessiert. Deshalb trenne ich zu Hause auch den Müll, verzichte aufs Autofahren, in meinem Badezimmer ist so eine Sparspülung eingebaut, und Elektrogeräte werden bei mir grundsätzlich vollständig ausgeschaltet; Stand-by-Modus kenn ich gar nicht. Aber mein Gegenüber ließ nicht locker. Sie wurde zudem immer geschickter. Fragte mich nach meinem Berufsziel, ob ich mich schon für ein Studienfach entschieden hatte, und so weiter. Smalltalk eben.

Natürlich durchblickte ich das Spiel. Ich kenne das nur zu gut, ich bin ja auch in einem Verein, der ab und zu mal versucht, ein paar neue Mitglieder zu werben. Das Ziel ist, das Opfer in ein Gespräch zu verwickeln, in dem man dann ganz zufällig seine Argumente einfließen lassen kann. Ich wusste also, was ihre Absicht war: Sie wollte mich so lange wie möglich an diesem Stand behalten, mich von der Wichtigkeit meiner aktiven Mithilfe überzeugen und dann um eine Spende bitten. Während sie also weiter von den verheerenden Einflüssen der Industrie auf unsere Natur faselte, schweiften meine Gedanken ein wenig ab. Ich konnte hier offensichtlich nicht so einfach flüchten, wie ich es mir erhofft hatte. Eigentlich hatte sie ja auch Recht, die Umwelt geht uns alle an, ich nickte. Nur grad in diesem Moment wollte ich nicht viel davon hören. Ich war glücklich, warum auch immer, es war mir auch relativ egal. Wichtig war, dass ich gut gelaunt war, und fest dazu entschlossen, es den Rest des Tages auch zu bleiben. Weltuntergangsstimmung war da eher hinderlich.

Nach einiger Zeit, ich hatte meine Hand von dem Tisch genommen und stattdessen meinen Hintern darauf platziert, weil ich nicht mehr stehen konnte, kam die Weltretterin zum Punkt. Ob ich ihrer Organisation nicht beitreten wolle. Stolz zog sie das vierjährlich erscheinende Magazin dieses Bundes hervor. Mit einem kurzen Nicken deutete ich an, dass mir das Logo bekannt vorkam. Es handele sich nicht um irgendeine planlose Bürgerinitiative, mein Geld würde also garantiert wirkungsvoll eingesetzt werden. Na endlich. Geld. Einverstanden. Nur ging es hier nicht um eine einmalige Spende, wie ich erwartet hatte, sondern um einen jährlichen Mitgliedsbeitrag. Die Höhe könne ich mir aussuchen.

Da wurde ich dann ein wenig verlegen. Umweltschutz, schön und gut, aber ich bin Schülerin, wohne dazu noch alleine, und kann höchstens mit ein paar Cent-Stücken um mich werfen. Der Durchschnittsstudent zahle achtzig Euro im Jahr. Ich schluckte. Achtzig Euro, wenn die auf ein Mal abgehoben werden, wird es knapp auf meinem Konto. Aber ich hatte ja bereits zugestimmt, irgendwo zwischen aussterbenden Bienen und bedrohten Bibern, dass man was unternehmen müsse. Mir blieb nun nichts anderes übrig, als in den naturbelassenen Apfel zu beißen. Mit zwanzig Euro Jahresbeitrag würde ich dabei sein. Die Weltretterin schaute mich ein wenig enttäuscht an. Konnte ich ja auch verstehen, nur für mich ist das viel Geld. Vor allem im Vergleich zum sonst üblichen genervt-arroganten-sprich-mich-nicht-an-Blick. Ich ließ meine Unterschrift da, packte das Magazin und die Blumensamen ein, überlegte noch kurz, auf dem Fragebogen meine Begeisterung über das Plakat anzumerken, und wollte mich auf den Weg machen. Die Weltretterin reichte mir ihre Hand, und begleitete ihren typisch weiblich-schlaffen Händedruck mit einem „Wir sind jetzt Freunde. Freunde der Erde“. Ein bisschen verarscht kam ich mir schon vor.

Jetzt sitze ich zu Hause, starre aus dem Fenster und versuche verzweifelt, im Dialog mit mir selbst, herauszufinden, warum ich mich eigentlich so gegen das Spenden gewehrt habe. Die Weltretterin unterhält sich gerade mit zwei älteren Herren, wedelt mit dem Magazin, das sich auch in meiner Tasche befindet. Die beiden sehen so aus, als würden sie auch immer kurz vor Weihnachten eine beträchtliche Summe an irgendwelche Kinderdörfer verschenken.

Lang genug habe ich mich über Pseudo-Spender aufgeregt. Leute, die einmal jährlich Geld irgendwohin überweisen, um ihr Gewissen zu erleichtern. Die einen dicken BMW fahren, als Zweitauto noch einen Mercedes in der Garage der 2-Mio.-Euro-Stadtwohnung geparkt haben, nur leider viel zu beschäftigt sind, um sich mal wirklich Gedanken über ihren umweltzerstörerischen Lebensstil zu machen. Zu denen wollte ich nicht gehören. Also gar nicht erst spenden? Die andere Möglichkeit wäre natürlich, mich wirklich einmal mit Umweltschutz auseinander zu setzten. Nicht nur darüber zu lesen, und den Müll zu trennen, sondern aktiv dabei sein. Ich greife nach dem Magazin und öffne es voller Tatendrang. Mal schauen, was diese Organisation, die ab jetzt jährlich Geld von mir bekommt, eigentlich so alles macht. Und mal schauen, ob ich da irgendwo mitmachen kann.

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21 Antworten

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    Soa, hab zwar schon weggeklickt, aber jetzt will ich doch noch was dazu schreiben:
    Respekt.. dass du dir echt alles angehört hast und am Ende tatsächlich jährlich etwas spendest.. Hätte da keine Nerven für, finds auch lästig angesprochen zu werden, davon abgesehen, dass ich minderjährig bin und die bei mir eh nichts erreichen können.

    24.09.2007, 23:47 von chrischtina
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    Oh mir ist das auch mal passiert, da war so nen süßer Typ und der wollte das ich in sonen Buchclub einsteige. Ich tat es natürlich, er sah aber auch verdammt heiß aus der Gute. Naja das ende vom Lied war, ich war ja gar nicht alt genug und bekam dann irgendwann so nen nettes Schreiben, in dem stand -ich dürfte leider keine Bücher bestellen, da ich noch zu jung sei. Aber sie würden sich dann melden wenn ich alt genug sei, damit ich die Vorteile nutzen könnt- :-)

    Ansonsten find ich gut wenn du dich damit beschäftigst. Es geht uns wirklich alle an.

    23.09.2007, 09:10 von Frenzi
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    Verflucht, ich war ganz genau in der selben Situation wie du! Nachdem ich begeistert die Vorzüge des BUNDes über mich ergehen haben lasse, sprach mein gutes Gewissen - ich setzte einen Mitgliedsbeitrag von 120 Euro fest - und gab aber falsche Adresse und Telefonnummer an, weil ich mir nicht mehr zu helfen wusste, sie aber auch nicht enttäuschen wollte. Hm.

    22.09.2007, 19:05 von SchachFroschQueen
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    naja, reinfallen ist wohl auch irgendwie übertrieben...

    21.09.2007, 13:45 von BernhardOem
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      @[Benutzer gelöscht] wie bitte soll sich in der politik etwas ändern, wenn wir nich mal im kleinen rahmen etwas verbessern wollen? was du da schreibst, hat mich ziemlich verärgert. natürlich muss sich auch auf großer ebene was tun, aber die politik kommt doch erst in gang, wenn die MASSE ne veränderung will!

      23.09.2007, 14:26 von LauraLL
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    ehrlich gesagt... ich versteh niemanden, der sich auf diese weise geld abzocken lässt. selbst, als meiner mutter das passiert ist, hatte ich irgendwie kein verständnis. ich meine... man WEIß doch, wer da vor einem steht und was die von einem wollen. ich bin jedes mal wieder baff, wenn ich merke, dass es leute gibt, die darauf reinfallen :S

    20.09.2007, 16:39 von jacksgirl
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    Hey, irgendwer bezahlt auch die Leute die Dich für solche Spenden anquatschen. Not all that glitters is gold ... ;-)

    Kaltakquise in jedem Bereich sollte man IMMER abblocken. Hab´s noch nicht erlebt dass ich darauf reingefallen bin und mich hinterher nicht geärgert hätte, ganz egal wie toll der Zweck scheinbar war.

    20.09.2007, 15:56 von Eldorado
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    ein ebenso aufdringliches Verhalten begegnete mir der "BUND"....Ich war in Hannover und ein durchaus freundlicher aufgeweckter Österreicher versuchte mit aller Macht eine Unterschrift zu erzwingen. Als erstes sprach er mich auf mein Green-Day-T-Shirt an, nebenbei, ich bin kein Green-Day-Fan, und ließ sein Fachwissen, von wegen Avril Lavigne Cover und so weiter einfleissen...ich habe mich nicht breiklopfen lassen, 2 Wochen später in Hamburg, ein ähnlicher Versuch, diesmal ein Mädchen, auch Österreicherin, ich muss leider schnell zur Bahn und meine Anektode, dass ich schon vor 2 Wochen einen österreichischen BUND-Mitarbeiter traf, den sie auch mit Namen kannte&der sich auch gerade in Hamburg aufhielt, besänftigen...

    19.09.2007, 18:59 von BernhardOem
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      @BernhardOem ähm ja.... bei mir isses BUND...

      19.09.2007, 19:23 von LauraLL
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      @[Benutzer gelöscht] Danke für diese Informationen. Da ich nicht christlich orientiert bin, habe ich diesen Organisationen meistens sowieso nichts gespendet, aber jetzt habe ich ein noch klareres Gefühl dazu. Ich finde es auch sinnvoller, den Organisationen zu spenden, bei denen das Geld wirklich in Projekte fließt.

      21.09.2007, 11:47 von Freydis
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