verachtung
...
die alte zigeunerin nahm herrn s. heute bei der hand und spazierte mit ihm unter sanft erglühenden herbstbäumen.
vergnügt
atmete sie den wind und erzählte geschichten über das sterbende licht
am ende des jahres, wie es durch das eistor im norden geht und hinter
den bergen neu geboren wird.
hin und wieder zeigte sie zwischenhin
auf einen pilz oder ein kraut und schenkte herrn s. dabei dies und das
zum hinter die ohren schreiben.
so war alles gut und blaufühlig.
dann aber begegneten sie einem anderen spaziergänger.
der kam ihnen entgegen und rümpfte dabei schon von weitem die nase. geringschätzig musterte er die alte zigeunerin:
ihre bunten tücher, den klimperschmuck, die stolze adlernase und auch den schwarzgrauen haarunfug auf ihrem kopf.
seine mundwinkel verzogen sich wie in einem schmerzhaften krampf, dann sagte er verachtungsvoll:
"pack.",
und spuckte ein wäßriges pflützlein direkt vor ihre bestiefelten füße.
herr
s., überrascht und ungläubig, hörte seine wilden ahnen an die
schädeltür klopfen, das blut rauschte ihm im kopf und die zähne
knirschten.
die alte zigeunerin aber lächte ihn liebevoll und
zugleich ein wenig zurechtweisend an. entschlossen griff sie nach einem
seiner arme, löste die faust an dessen ende und pustete ihm in die
handfläche.
"hast du denn alles vergessen, du lieber dummkopf",
sagte sie dann,
"alles
vergessen, was ich dir zu zeigen versucht habe? die wasser fließen zum
meer und wir müssen werden, was immer wir werden können, bevor der graue
gevatter uns die stolzen häupter stutzt. wir haben keine zeit, uns mit
dem unfug in anderer leute köpfe zu beschäftigen, mit dem blick ihrer
trüben augen und dem blubberschleim aus ihren giftigen gallen."
mit
diesen worten und einem mitleidigen lächeln auf den lippen betrachtete
sie anschließend gründlich den spuckefleck des verächters zu ihren
füßen.
besagter schuft stand derweil herum wie nicht abgeholt und beglotzte das geschehen.
"komm zu mir.",
befahl die alte zigeunerin endlich und er folgte widerspruchslos.
"sieh hier, in deinem auswurf:
ich sehe nebel und ein verirrtes kaltes herz im wald. die wölfe sind hinter ihm und hungrig. siehst du?"
dann
rünkste sie kurz in ihrem hals und rotzte herzhaft einen kräftigen
runden fladen neben das spückchen am boden, zeigte darauf und fuhr fort:
"und
dies hier ist der vollmond. in seinem licht trinken wir das blut der
kalten herzen, um der welt ein wenig erleichterung zu verschaffen."
der mann schaute von dem rotz-und-spucke-orakel zur alten zigeunerin und wieder zurück.
verachtung war noch immer in ihm, aber auch ein sichtbares nichts, gähnend und weit. darin pfiff der wind.
damit
liessen die alte zigeunerin und herr s. ihn zurück, denn so hatte er es
verdient, während sie sich beieinander unterhakten und fröhlich ein lied anstimmten.
Tags: Robert, Suydam





Kommentare
Ich weiß nicht was ich sagen soll..außer: Schön
30.09.2012, 13:23 von Igel75Also die Zigeunerin will den Mann töten, ja?^^
28.09.2012, 22:30 von topfbluemchennein.
29.09.2012, 16:08 von robert_suydamdie idee des austrinkens kalter herzen ist schwer zu erklären. bei nachfragen zu diesem thema verfällt die alte zigeunerin in metaphern, die sich im kopf anfühlen wie vom wind poliertes eisengestein in der afrikanischen wüste.
im prinzip geht es wohl um eine transformation negativer energie, die für den betroffenen so eine art spirituelles einschläfern bedeutet, ein verlangsamen. und eben eine erleichterung für die welt drumherum.
aber ein töten ist das nicht. wozu auch. kalte herzen richten sich immer selbst zugrunde. das ist ihr schicksal. die frage ist nur, wieviel schaden sie in der zwischenzeit anrichten.
Oh, okay. danke für die ausführliche Erklärung.
29.09.2012, 19:26 von topfbluemchen(auch wenn ich nicht weiß, wie sich ein vom Wind poliertes Eisengestein in der afrikanischen Wüste anfühlt) ;)
bitte.
29.09.2012, 20:11 von robert_suydamwürde herr s. nun in mein gesicht sehen können, so würde ein verständnisvolles nicken sehne. aber ich würde ihn, den schuft, nicht als solches bezeichnen. er ist lediglich ein armer unwissender blinder, dessen rotz keiner bedeutung zugemessen werden sollte.
28.09.2012, 21:30 von jetsamwohl.
29.09.2012, 16:10 von robert_suydamaber solange man noch hilfreiche dinge im rotz sehen kann, lohnt sich auch der ein oder andere blick.
es gibt eben auch häßliche häuser mit dreckigen fenstern ... und trotzdem ist die aussicht schön.
:) darf ich das wort haben? i like it very much!
text ist sehr, sehr, sehr... (wortfindungsstörungen)...
also wenn sie nicht irgendwann verlegt werden, weiß ich ja auch nicht, was das alles soll! diese vielen wunderlichschönen wortkreationen und sätze!! sind sind für mich ein der besten und WERTVOLLSTEN begegnungen hier, don't wanna miss you!!
28.09.2012, 20:34 von Mrs.McH
ersetzen sie bitte das eine sind durch ein sie... und ergänzen sie ein e, wo es fehlt... frau dankt mit knicks und küsschen
28.09.2012, 20:36 von Mrs.McHherr s. schenkt ihnen das wort sehr gern :-)
29.09.2012, 16:20 von robert_suydamdie geschichte bedankt sich übrigens sehr für all die blumen, die mrs.mch für sie mitgebracht hat.
"blaufühlig" und "rünkste" sind meine Wortschätze für heute! Und ich sehe wieder schöne Bilder. Danke!
28.09.2012, 18:11 von Lady_Hope