robert_suydam 28.09.2012, 16:14 Uhr 11 8

verachtung

...

die alte zigeunerin nahm herrn s. heute bei der hand und spazierte mit ihm unter sanft erglühenden herbstbäumen.

vergnügt atmete sie den wind und erzählte geschichten über das sterbende licht am ende des jahres, wie es durch das eistor im norden geht und hinter den bergen neu geboren wird.
hin und wieder zeigte sie zwischenhin auf einen pilz oder ein kraut und schenkte herrn s. dabei dies und das zum hinter die ohren schreiben.

so war alles gut und blaufühlig.

dann aber begegneten sie einem anderen spaziergänger.
der kam ihnen entgegen und rümpfte dabei schon von  weitem die nase. geringschätzig musterte er die alte zigeunerin:
ihre bunten tücher, den klimperschmuck, die stolze adlernase und auch den schwarzgrauen haarunfug auf ihrem kopf.
seine mundwinkel verzogen sich wie in einem schmerzhaften krampf, dann sagte er verachtungsvoll:
"pack.",
und spuckte ein wäßriges pflützlein direkt vor ihre bestiefelten füße.

herr s., überrascht und ungläubig, hörte seine wilden ahnen an die schädeltür klopfen, das blut rauschte ihm im kopf und die zähne knirschten.

die alte zigeunerin aber lächte ihn liebevoll und zugleich ein wenig zurechtweisend an. entschlossen griff sie nach einem seiner arme, löste die faust an dessen ende und pustete ihm in die handfläche.
"hast du denn alles vergessen, du lieber dummkopf",
sagte sie dann,
"alles vergessen, was ich dir zu zeigen versucht habe? die wasser fließen zum meer und wir müssen werden, was immer wir werden können, bevor der graue gevatter uns die stolzen häupter stutzt.  wir haben keine zeit, uns mit dem unfug in anderer leute köpfe zu beschäftigen, mit dem blick ihrer trüben augen und dem blubberschleim aus ihren giftigen gallen."

mit diesen worten und einem mitleidigen lächeln auf den lippen betrachtete sie anschließend gründlich den spuckefleck des verächters zu ihren füßen.
besagter schuft stand derweil herum wie nicht abgeholt und beglotzte das geschehen.
"komm zu mir.",
befahl die alte zigeunerin endlich und er folgte widerspruchslos.
"sieh hier, in deinem auswurf:
ich sehe nebel und ein verirrtes kaltes herz im wald. die wölfe sind hinter ihm und hungrig. siehst du?"
dann rünkste sie kurz in ihrem hals und rotzte herzhaft einen kräftigen runden fladen neben das spückchen am boden, zeigte darauf und fuhr fort:
"und dies hier ist der vollmond. in seinem licht trinken wir das blut der kalten herzen, um der welt ein wenig erleichterung zu verschaffen."

der mann schaute von dem rotz-und-spucke-orakel zur alten zigeunerin und wieder zurück.
verachtung war noch immer in ihm, aber auch ein sichtbares nichts, gähnend und weit. darin pfiff der wind.

damit liessen die alte zigeunerin und herr s. ihn zurück, denn so hatte er es verdient, während sie sich beieinander unterhakten und fröhlich ein lied anstimmten.



Tags: Robert, Suydam
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11 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich weiß nicht was ich sagen soll..außer: Schön

    30.09.2012, 13:23 von Igel75
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  • 0

    Also die Zigeunerin will den Mann töten, ja?^^

    28.09.2012, 22:30 von topfbluemchen
    • 2

      nein.
      die idee des austrinkens kalter herzen ist schwer zu erklären. bei nachfragen zu diesem thema verfällt die alte zigeunerin in metaphern, die sich im kopf anfühlen wie vom wind poliertes eisengestein in der afrikanischen wüste.

      im prinzip geht es wohl um eine transformation negativer energie, die für den betroffenen so eine art spirituelles einschläfern bedeutet, ein verlangsamen. und eben eine erleichterung für die welt drumherum.

      aber ein töten ist das nicht. wozu auch. kalte herzen richten sich immer selbst zugrunde. das ist ihr schicksal. die frage ist nur, wieviel schaden sie in der zwischenzeit anrichten.

      29.09.2012, 16:08 von robert_suydam
    • 0

      Oh, okay. danke für die ausführliche Erklärung.
      (auch wenn ich nicht weiß, wie sich ein vom Wind poliertes Eisengestein in der afrikanischen Wüste anfühlt) ;)

      29.09.2012, 19:26 von topfbluemchen
    • 0

      bitte.

      29.09.2012, 20:11 von robert_suydam
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  • 1

    würde herr s. nun in mein gesicht sehen können, so würde ein verständnisvolles nicken sehne. aber ich würde ihn, den schuft, nicht als solches bezeichnen. er ist lediglich ein armer unwissender blinder, dessen rotz keiner bedeutung zugemessen werden sollte. 

    28.09.2012, 21:30 von jetsam
    • 0

      wohl.
      aber solange man noch hilfreiche dinge im rotz sehen kann, lohnt sich auch der ein oder andere blick.

      es gibt eben auch häßliche häuser mit dreckigen fenstern ... und trotzdem ist die aussicht schön.


      29.09.2012, 16:10 von robert_suydam
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  • 1

    haarunfug

    :) darf ich das wort haben? i like it very much!
    text ist sehr, sehr, sehr... (wortfindungsstörungen)...

    also wenn sie nicht irgendwann verlegt werden, weiß ich ja auch nicht, was das alles soll! diese vielen wunderlichschönen wortkreationen und sätze!! sind sind für mich ein der besten und WERTVOLLSTEN begegnungen hier, don't wanna miss you!!

    28.09.2012, 20:34 von Mrs.McH
    • 0

      ersetzen sie bitte das eine sind durch ein sie... und ergänzen sie ein e, wo es fehlt... frau dankt mit knicks und küsschen

      28.09.2012, 20:36 von Mrs.McH
    • 1

      herr s. schenkt ihnen das wort sehr gern :-)

      die geschichte bedankt sich übrigens sehr für all die blumen, die mrs.mch für sie mitgebracht hat.

      29.09.2012, 16:20 von robert_suydam
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  • 1

    "blaufühlig" und "rünkste" sind meine Wortschätze für heute! Und ich sehe wieder schöne Bilder. Danke!

    28.09.2012, 18:11 von Lady_Hope
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