Quex 30.08.2006, 00:44 Uhr 1 0

Vatertag

Das Ambiente, der Alkohol und die Gesellschaft passt. Sie fangen wieder an zu schreien.

Auf einem alten Militärstützpunkt sitze ich um drei Uhr nachmittags betrunken in einem Bunker. Es ist kühl und es riecht nach Krieg. Auf jeden Fall assoziiere ich den Geruch mit Krieg, denn gleichzeitig dringen von draußen dumpf „Sieg Heil“-Schreie und kleine Explosionen an mein Ohr. Krieg herrscht zwar nicht, doch es ist Vatertag. Die Explosionen entstammen keinen Bomben aus dem Jahre `45, sondern übrig gebliebenen Chinaböllern D von Sylvester 2004 und die Schreie kommen auch nicht aus unzähligen Mündern von Hitlers Schergen sondern rutschen im Rausch einer Gruppe Jugendlicher heraus, mit denen ich hier hoch gekommen bin. Das Wörtchen „hoch“ bezieht sich nicht etwa auf den Bunker in dem ich mich jetzt schon seit einiger Zeit befinde, vielmehr spiele ich damit auf den ungemein hohen Berg an auf dem sich der Stützpunkt befindet. Manch einer mag sich jetzt vielleicht fragen, wieso die Höhe des Berges an dieser Stelle eine so explizite Erwähnung findet und wieso ich das Adjektiv „ungemein“ so stümperhaft eingefügt habe. Zur Erklärung hier eine von mir aufgestellte Formel:
Ungemein hoher Berg + Ungemein schwerer Aufstieg = Ungemein viel Grund zum Saufen.
Na und wenn man dann noch die dörflichen Schützenfestbräuche addiert...Na ja, dann eben so was.
Ist der Vatertag eigentlich eine Erfindung der Nazis? Ich meine, auf diese Weise würde sich mir wenigstens teilweise ein Zusammenhang zwischen dem nationalsozialistischen Gegröle von draußen und der heutigen Exkursion erschließen. Na ja egal. Um mich nicht weiter aufregen zu müssen, beschließe ich das Spiel mitzumachen. Ich blicke auf die sangriarote Lache Erbrochenes zu meiner Rechten und stelle mir vor ich würde langsam verbluten. Von draußen dringen immer noch dumpfe Explosionen an mein Ohr. Meine Kameraden von der SS scheinen den verfluchten Tommys ordentlich einzuheizen. Habens ja auch nicht besser verdient diese Hunde. Sollnse ma ordentlich einen mittem Jewehrkolben aufn Dez bekommen.
Als ich mich grad richtig in meine Rolle als Ober-Gauleiter Lüke zu verlieben drohe, höre ich wie sich die Bunkertür öffnet. Wankend stolpert mein Freund Sebastian auf mich zu um sich anschließend rechts von mir in die Sangriakotze zu setzen. Eine Mischung von Mitleid und Schadenfreude macht sich in mir breit, wobei sich das Mitleid als das dominantere beider Gefühle herauskristallisiert. Zu Schadenfreude gehört nun mal, dass sich der Betroffene ärgert. Sebastian hingegen scheint gar nicht zu merken wo er grad drin sitzt. Nach einer viertel Stunde des Schweigens dreht er sich zu mir um und sagt: „Diese scheiß Nazis. Was denken die eigentlich wer die sind? Kommen aus ihrem Dorf und grölen hier irgendwelche Parolen rum. Die wissen doch gar nicht was los ist, was das bedeutet.“ Stille. Bewundernd blicke ich den Dorfjungen an, nehme einen Schluck aus meiner Flasche und sage schmunzelnd: „Na dann mal Sieg Heil!“

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Kommentare

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    Also sehr toller Schreibstil, melancholisch witzig und gefühlsbetont.

    Toller Text. Ich mag ihn.

    04.09.2006, 19:14 von SummerTree
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