Vaginal, Anal und ein bisschen Blabla
Ein lustiges Leben in einem kleinen Laden, der jedem unangenehm ist – vor allem denen, die ihn aufsuchen.
Kuchen hinter dem Tresen, Keimzeit-Dudel aus der Anlage und ich – einsam und allein, versunken in trüben Gedanken – auf meinem Barhocker hinter dem Tresen, wartend. Wartend auf den Weltfrieden, auf das unendliche Liebesglück, den großen Lottogewinn und das nächste herrlich erfrischende Sommergewitter – oder eben einfach nur auf Kundschaft.
Und "baaams": Da ist sie, die Realität - in Form eines älteren Mannes, der sich tatsächlich getraut hat, mich in meiner friedlichen Sexshopatmosphäre zu stören. (Anmerkung des Autors: Da ich hoffe, dass meine Großmutter nicht in den Genuss dieses Artikels kommt, belasse ich es bei dem umgangssprachlichen "Sexshop", anstatt hier mit Einzelhandel aufzutrumpfen, um rote Gesichter zu vermeiden.)
Ich rutsche von meinem Hocker, grüße freundlich und biete meine Hilfe an. Schon da ist es meistens zu spät. Blut gibt es nach dem Betreten des Ladens bei Männern im Kopf generell nicht mehr und wenn man dann noch ganz unverbindlich seine Hilfe anbietet, dann begibt man sich auf sehr, sehr dünnes Eis. Aber nun gut, ein charmantes Lächeln, ein kurzes Erraten der Gedanken meines Gegenüber mit verbalem, direktem Verweis meinerseits, dass ich ihm gern bei Fragen zur Verfügung stehe und der erste rote Kopf des Dienstes glüht mir entgegen.
Verdattelt und hektisch schaut sich Mister Ahnungslos im Laden um, rennt von einer Ecke in die nächste und wieder zurück. Ich beobachte sein Treiben amüsiert. Schließlich muss ich es ausnutzen, dass ich nicht vollkommen gestresst irgendwo an der Nettokasse sitze, vor mir eine Reihe keifender, quengelnder Mütter mit Bälgern unter den Armen, sondern ganz gechillt mich um jeden Kunden einzeln kümmern kann. Meist sind die Gedanken, die man sich zwischen dem Schließen und Öffnen der Tür macht, das anstrengendste in meinem Nebenjoballtag.
Voll gepackt mit Gummimuschi, Homomagazin und SM-DVD rammelt er schließlich an die Tresenkante und möchte bezahlen. Den hochroten Kopf muss ich glaube ich nicht weiter erwähnen. Um von seiner höchst merkwürdigen Zusammenstellung abzulenken, schwenkt Mister Ampelmännchen lieber auf meine Lieblingsfrage um:
"Stumpft man da nicht ab, wenn man jeden Tag so was sehen muss?"
Was genau meint er denn jetzt? Seinen hochroten Kopf? Stimmt - gibt ansehnlicheres auf der Welt.
Oder meint er hier das Krimskrams was er kauft, wo ich mir am deutlichsten das Preisschild anschaue?
Was meinen denn die Leute? Ist die Idealvorstellung einer Sexshopverkäuferin, dass die die ganze Zeit absolut notgeil hinterm Tresen die neuesten Dildos ausprobiert? Analstöpsel und 2-Finger-Vibrator im Musiktakt am lebenden Objekt vorführt um sich dann wie besessen über den Kunden herzumachen?
Jaaa genau - so ist es! Das wollte ich der Welt immer schon mal sagen. So - und nicht anders!
"Isst denn ein Bäcker kein Brot mehr, nur weil er es jeden Tag verkauft?
Und nein, es interessiert mich nicht, mit was sie sich ihren Feierabend versüßen. Meinetwegen können sie den ganzen Laden leer kaufen - dann habe ich mehr Umsatz und ihnen muss es nicht peinlich sein, dass sie ausgerechnet das ausgesucht haben, was sie jetzt gerade kaufen. Von mir aus können sie sich aber auch eine Tüte über den Kopf ziehen, dann würde ich ihr Ampelmännchengesicht wenigstens nicht sehen. Oder sie bezahlen jetzt einfach ganz gelassen, denn ich verkaufe so was jeden Tag und glauben sie mir, es gibt Schlimmeres auf der Welt, als sich Menschen anzukucken, die sich auspeitschen oder in einen Gegenstand aus Weichgummi zu wichsen. Alles ist gut und ich werde sie nicht verraten!"
...denke ich, und pack die Ware in den braunen, unauffälligen Beutel.






Kommentare
You made my day :)
09.04.2012, 22:40 von Phillosophusich habe mich über den text gefreut - auch weil ich ein kunde bin, der euphorisch in solche läden reingeht und dann ohne alles wieder rausgeht, weil es eben doch nur gummimuschis und billige dvd's sind, die es da gibt - und keine erotik, denn die spielt im kopf..
19.08.2009, 18:28 von Kocmonabtvielleicht noch ein kleiner hinweis, weil mich dieser widerspruch ein wenig stört:
du schreibst "Blut gibt es nach dem Betreten des Ladens bei Männern im Kopf generell nicht mehr "
und schreibst später: "erste rote Kopf des Dienstes glüht mir entgegen.", "ampelmännchen" etc.
der kopf ist nur rot, wenn das blut reinschießt. vielleicht hätte es da eine andere metapher für schwanzdenker besser getan, da der rote kopf ein fakt ist...
genau, warum und wie und warum leider sind die frauen anders?
22.07.2009, 17:03 von RedSonjaan und für sich nett geschrieben und teilweise sehr zum schmunzeln, der exkurs zu den müttern und den bälgern hat mich aber irritiert. da hätte ich fast die lektüre gelassen.
Tja, Job ist Job, Kohle ist Kohle.
21.07.2009, 12:05 von CyroHmm, das mit dem Ampelmännchen gefällt mir. Allerdings weisst Du offensichtlich wie man das mit dem „auf Rot schalten“ schnell hinbekommt: Einfach beim Betreten des Ladens freundlich ansprechen : D
Na ja, aber schönes Bild dafür, wie verklemmt einige (oder viele ? ) doch mit dem Thema Sex umgehen. Eigentlich müsste das Thema doch schon seit Jahren durch sein bzw. langweilig geworden sein. Aber gut, so ist das nun mal.
Irgendwie reizt mich das Ganze aber auch zum Scherzen:
Für die Ampelmännchen konnte man einen Hinweis in Form eines Schildes an der Kasse anbringen: „Für den Verkauf von Sexspielzeug und -Filmen sind wir zuständig, für die Moral die Kirche ... zu finden vor dem Shop ca. 1200 Meter weiter rechts“
Oder würde das Kunden abschrecken ? : ) Immerhin ist der Kunde König, ohne Kunden kein Umsatz. Also, doch lieber die Farbe der Ampelmännchen ignorieren.
Wie ist das eigentlich mit Kundinnen ? Die Gleichberechtigung hat ja auf allen Gebieten Einzug erhalten, warum auch nicht da ? Achtung, Vorurteil: Das Frauen manchmal eher dazu neigen in ihnen peinlichen Situationen mal zu kichern, frage ich mich gerade wie wohl ein Ampelmännchen auf eine kichernde Kundin reagiert. Wechselt dann das rot zu glühendem Orange, fangen sie an zu Hyperventilieren und rennen sie dann peinlich berührt aus dem Laden ? : ) Oder fangen sie dann an mit (trotz) knallroter Birne den Macho zu spielen ? :D
Na ja, gut, zu 99% ist es wohl ein normaler, vielleicht auch langweiliger Job, Verkäufer eben, aber ich glaube das eine Prozent, das sich aus der Tatsache ergibt in einem Sexshop zu arbeiten, gibt vielleicht doch noch Anlass die eine oder andere Anekdote zu schreiben. Oder liege ich da falsch ?
@Cyro Danke für die Anregungen zur Ladendekoration ;-)
22.07.2009, 13:32 von BuchtelchaosÜber Kundinnen folgt vielleicht bald was...Mal sehen. Ich wollte nur erstmal schauen, bevor ich hier eine Anekdoten-Reihe aufziehe :D
Ganz nett geschrieben, situativ, eindrücklich, stellenweise lustig, ohne Tiefgang, ohne große Pointe - ja so stelle ich mir den Alltag einer Sexshopverkäuferin vor.
21.07.2009, 11:31 von DarenBRens"Blut gibt es nach dem Betreten des Ladens bei Männern im Kopf generell nicht mehr (...)"
...hat mich allerdings extremst gestört, weil ich kein Fan von Verallgemeinerungen bin.
@DarenBRens Tschuldige!
22.07.2009, 13:24 von BuchtelchaosAber: Um Verallgemeinerungen kommt man leider nicht drum rum, wenn man (fast) jeden Tag mit Männern (ich betone Männer, denn Frauen sind da (leider) vollkommen anders), zu tun hat, die einem ihre trivial gestrickte Einfachheit auf dem Silbertablett servieren.
@Buchtelchaos Für die "trivial gestrickte Einfachheit" erwarte ich noch ein "Tschuldige!"
23.07.2009, 04:06 von DarenBRens@DarenBRens Tschuldige...
24.07.2009, 16:57 von Buchtelchaos...dass ich recht habe.
dazu muss ich sagen...wenn sie rot werden...dann ist doch ne menge blut im kopf, oder?? also ein ziemlicher widerspruch...und wer sich schämt, hat meistens nicht besonders lange nen ständer!! aber sonst fand ich die lektüre sehr amüsant!
09.04.2012, 22:54 von .RehLein.Ich spendier dir einen ganzen Abend Sauferei, wenn du das, was du dir gedacht hast, laut aussprichst und das zum Beweis filmst.
21.07.2009, 11:03 von frl_smilla@frl_smilla Zumindest den Bäckervergleich werde ich mindestens einmal die Woche los.
22.07.2009, 13:19 von BuchtelchaosDas dies sicherlich nicht reicht, ist nicht sonderlich schlimm - denn ich trinke nicht!
...das doofe Gesicht würde ich allerdings auch gern sehen wollen - ich überleg mir was.
@Buchtelchaos Dann säufste Cola.
22.07.2009, 13:21 von frl_smillaSaufen ist nicht immer gleich Alk.
Saufen kann auch viel trinken sein.
Virgin Margaritas!