dimakt 10.05.2007, 20:07 Uhr 2 1

Unter Toten. Über Toten. Über Tote.

Recherche-Arbeiten fürs Theater zwingen mich, einige Tage auf dem Friedhof zu verbringen. Meinen Recherche-Notizen merkt man das eigentümlich an.

Vielleicht nur kurz vorweggeschickt:

Das Theaterprojekt sucht nach den Namen der 33 Waisenkinder des Jüdischen Waisenhauses Fürth, die 1942 deportiert und ermordet wurden. Sie wurden vergast, und ihre offizielle Existenz wurde gleich mit ausgelöscht. Tagelang verbringe ich in Stadtarchiven, Büchereien, Museen und schließlich eben am Friedhof. Verzweifelt stehe ich schließlich vor der greifbaren Gewissheit, dass nicht nur Menschen, sondern auch jegliche Erinnerungen an Sie verbrannt sind. Dass uns sogar die Möglichkeit, mal an sie zu denken, genommen wurde. Die ständigen Streifzüge zum Friedhof hinterlassen Spuren in meinen Recherche-Aufzeichnungen:



Sonntag, 29. Januar 2006

Ich wollte jetzt schon zwei mal zum jüdischen Friedhof. Das erste Mal war es schon nach vier und die Tore zu. (Die christlichen Toten lassen sich hingegen bis fünf besuchen.) Das zweite Mal war Samstag vor vier. Aber die Tore trotzdem zu, weil der jüdische Friedhof samstags generell zu hat. Als ich vor dem Gitter stehe, merke ich etwas Interessantes in mir aufsteigen:
Wut. Wut auf die „Extra-Würste“. Augenrollen. Und Wut auf die Abschottung. Wut auf die Mauer zwischen christlichem und jüdischem Friedhof. Ich hab mir das von außen dann noch mal angeschaut: Da ist also eine Mauer aus Hecke und dann kommt erst mal eine gewisse Strecke lang brachliegendes Land. Wie Wald. Dann erst fängt der jüdische Friedhof an.

Warum kann ich nicht einfach von einem Friedhof auf den anderen laufen? Warum diskriminiert ihr mich und lasst mich nicht einfach in Euren Friedhof rein und Eure Toten besuchen? Ich fühle mich plötzlich so degradiert. Als würde ich als Nicht-Jüdin automatisch als potentieller Friedhofs-Schänder gelten ... ich war richtig wütend, als ich daheim ankam. Und jetzt muss ich zum dritten Mal hinlatschen.

Ich hab keinen Bock mehr.

Es ist einfach echt ein saublödes Gefühl, mehrere Tage hintereinander geraume Zeit auf einem Riesen Friedhofsareal zu verbringen. Wenn man sich da mal im Kreis dreht, merkt man erst mal, wie pervers das alles eigentlich ist. Da ist ein was-weiß-ich-wieviel-quadratkilometergroßes Riesen Massengrab. Und überall sind nur Skelette in dem Boden, auf dem ich stehe, und Steine ragen nach oben. Und ich frag mich plötzlich, ohne, dass ich was dagegen tun kann, ob das alles – dieses ganze scheinheilige Friedhofs-Getue, ob das nicht vielleicht nur eine Riesen Verarsche ist.

Dass man einfach nicht weiß, wo hin mit den toten Körpern, und dass man sie ja schlicht und ergreifend irgendwo wegschmeißen muss. So, wie man hier und heute alles wegschmeißt, was keinen sichtbaren Nutzen mehr hat. Also schaffen wir eine große Müllhalde für Leichen und nennen sie euphemistisch Friedhof. In die Mitte stellen wir noch einen großen Jesus um Kreuz, dann fällts nicht so auf .... So, wie der Müllberg in Atzenhof. Da haben sie oben Solarzellen draufgeknallt und im Stadtplan ist der jetzt offiziell vermerkt als der Fürther „Solarberg“.
Solarberg und Friedhof.
Zwei Worte für Müllberg??

Solche Gedanken kommen mir, wenn ich mich zu lange auf dem Friedhof bewege. Ich will damit nicht die Toten entehren. Nicht die Menschen an sich. Aber dieser Gedanke mit der Müllhalde war plötzlich da, so ganz alleine auf dem Friedhof. Da ist man als lebender eindeutig in der Minderheit.

_____________________

Nachtrag: Nach monatelangen Recherchen, die durch die Theaterleitung noch verschärft wurden, stand schließlich fest: Die 33 Kinder sind definitiv vergessen und verloren gegangen. Die Theaterproduktion zu ihrem Gedenken wird trotzdem realisiert. Auch, wenn wir keine Ahnung haben, wie sie hießen, oder wie sie aussahen. Ich weiß, dass diese Kinder nicht die einzigen sind, die ein solches Schicksal erleiden mussten. Aber wenn man sich wochenlang mit Menschen beschäftigt, die man nie als solche "begreifen" werden kann, hinterlässt das eine sehr greifbare Nähe zu ihnen. Diese Nähe bleibt für immer anonym.

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2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Sehr interessant, sehr seltsam. Die Umstände sind etwas unklar, aber ich finds irgendwie trotzdem gut.

    20.04.2008, 19:27 von Lolapennt
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