Annabel_Dillig 14.01.2010, 11:21 Uhr 0 1

Under Cover

Kein Kleidungsstück steht so sehr für die Unterdrückung der Frau wie die BURKA. Wie fühlt man sich komplett verschleiert? Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Die Welt ist ein Raster aus 219 Punk ten. Was sich rechts und links von mir befindet, sehe ich nicht. Der Polyesterfaden des Sicht gitters kratzt an meinen Wimpern, Blinzeln ist unangenehm. Die erste Gehsteigkante ist ein Problem, ich muss den Kopf tief nach unten beugen, um nicht zu stolpern. Ich kom me mir behindert und hilflos vor, mein Puls rast, unter der Burka höre ich meinen aufgeregten Atem.

Schon wenige Schritte, nachdem ich meine Wohnung verlassen habe, fühle ich mich abgetrennt: Zwischen mir und der Welt ist jetzt etwas. Ich bin draußen und doch nicht: im Freien.

An den Anblick von Araberinnen in schwarzen, bodenlangen Gewändern mit Augenschlitz hat man sich in München gewöhnt. Man sieht sie in den Sommermonaten auf der Maximilianstraße, wo sie, im Beisein un ermess lich reicher Männer, zu ihren Einheitsgewändern Handtaschen kaufen, die so viel kosten wie Kleinwagen.

Aber die Burka, jenen hellblauen Schleier, der selbst die Augen verdeckt, kennt man nur von Zeitungsseiten und Fernsehdokumentationen über Afghanistan. Luxus unter der Burka, undenkbar. Dort, wo sie getragen wird, hackte man Frauen bis vor kurzem noch die Fingerkuppen ab, wenn sie Nagellack verwendeten. »Sie kaufen eine original afghanische Burka, wie sie von den meisten Frauen in Afghanistan getragen wird«, lautete die Artikel beschreibung eines Online-Versandhauses, das ich einige Tage zuvor ausfindig gemacht hatte. Der Anbieter: die »Kabul Art Galerie«, ein Ham burger Importladen, der afghanische Folklore vertreibt: Teppiche, Lampen und eben auch »traditionelle« Kleidung. »Wenn Sie erleben wollen, wie sich eine Frau unter so einem Schleier fühlt, dann kaufen Sie diese Burka«, hieß es weiter, und genau darum geht es mir. Ich weiß, dass ich mit diesem Experiment nichts über die Lebensumstände einer afghanischen Muslimin erfahren werde, die Idee wäre anmaßend. Mir geht es nur um den Stoff. 452 Gramm hellblauer Polyester, hinten boden lang, vorne bis zur Hüfte reichend: das Ge fäng nis to go. Ich entschied mich für das Standardmodell, mit eingewebter Kappe und Sichtgitter, für 69 Euro.

In Frankreich wird seit vergangenem Sommer die Frage diskutiert, ob eine Gesellschaft, in der Religionsfreiheit herrscht, es dulden sollte, dass Frauen - ob erzwungen oder freiwillig - die Burka tragen. In Deutschland flammte die Dis kussion 2006 auf, als ein Schulleiter in Bonn zwei voll verschleierte Mädchen vom Unterricht suspendierte. Sein Argument: Mit der Burka (tatsächlich handelte es sich um Niqabs, wie er später korrigierte; siehe Glossar) hätten die Mädchen nicht die Möglichkeit, gleichberechtigt am Schulunterricht teilzunehmen.

Wie sieht der Alltag aus, welche Teilhabe ist mit Burka noch möglich? Das ist auch meine Frage.

Um ansatzweise zu erfahren, welches Leben dieses Kleidungsstück seiner Trägerin aufzwingt, will ich mich an die Bedingungen halten, die mit der Burka einhergehen. Ich werde mich nur in Situationen begeben, die eine afghanische Frau auch erleben könnte. Ich werde nicht in eine Bierhalle gehen, ins Schwim mbad oder einen Club. Ich frage einen deutsch-indischen Freund, Oliver, ob er mich begleiten möchte. Eine Frau in Burka würde nie allein auftreten, sie verlässt in der Regel nur in Beglei tung ihres Ehemannes oder eines Verwandten das Haus.

An einem Sonntag machen wir uns zum ersten Mal auf den Weg. Es dauert nur wenige Minuten, bis ich im Schaufenster eines Friseurs vor meinem eigenen Spiegelbild erschrecke - viel mehr als zu Hause, wo ich die Burka natürlich zuerst angezogen hatte: Hier, unter all den Men schen in ihren modischen Jacken und Stiefeln, bin ich mit einem Mal ein groteskes Zerrbild einer menschlichen Gestalt. Wir gehen an ei nem Café im Gärtnerplatzviertel vorbei, es sind die letzten warmen Herbsttage, die Gäste sitzen im Freien. Mir kommt es vor, als verstummten sämtliche Gespräche. Zwei blonde, junge Frauen schütteln fassungslos den Kopf, sehen Oliver an wie etwas, das man gerade aus dem Abfluss gefischt hat. Am Viktualienmarkt hält sich eine Frau die Hand vor den Mund, so entsetzt ist sie.

Wir steigen in die U-Bahn. Oliver und ich nehmen in einem Viererabteil Platz, die UBahn füllt sich, mit jeder Station drängen mehr Menschen in den Wagen, doch die Plätze neben uns bleiben frei. Die Burka macht mich zu einer Art Unberührbaren. Seit Stunden habe ich mit niemandem gesprochen, obwohl ich schon hunderten Menschen begegnet bin. Wobei, nein, es ist nicht das Sprechen, das mir fehlt - wie oft treibt man im Strom der Stadt, ohne mit jemandem ein Wort zu wechseln? - es ist einfach jede Art von Kommunikation weg gefallen: ein kurzer freundlicher Blick beim Aus steigen, ein Danke fürs Vorbeilassen. Ich fühle mich unglaublich einsam.

Von einer Ganzkörperverhüllung ist im Koran an keiner Stelle die Rede. Es wird auch nicht explizit erwähnt, die Frau habe sich das Haar zu bedecken oder das Gesicht zu verhüllen. Es gibt nur wenige Verse, die man als Kleidervorschriften im weitesten Sinn verstehen kann. Männer wie Frauen sollen ihre Blicke senken, heißt es zum Beispiel über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Sure 24, Vers 30 bis 31. Die Frauen sollen ihren Schal über die Brust ziehen. Ihr »Schmuck« soll nur für den Ehemann sichtbar sein. Schmuck (zina) und Scham (awra), das sind die beiden Begriffe in den jeweiligen Koran- Versen, von deren Interpretation alles abhängt. Während man sich in der islamischen Welt über die Scham der Männer ziemlich einig ist - sie reicht vom Bauchnabel bis zur Kniekehle -, kann die der Frauen, je nach Auslegung, nahezu alles sein: Haare, Gesicht, Hände, der weibliche Körper an sich. Extremisten wie die Taliban zählen auch die Geräusche der Füße beim Gehen und die Stimme zur Blöße. Unter ihrem Regime war es den Frauen untersagt, in der Öffentlichkeit in normaler Lautstärke zu sprechen: Sie wurden zu »Quasi- Taubstummen, die Allah unterhalb der Tierstufe ansiedelt«, schreibt der Publizist Hans- Peter Raddatz in »Allahs Schleier«.

Wir sind im Englischen Garten, Touristentrauben auf den Wegen, Kinder toben herum. Lachen und aufgeregte Gespräche dringen durch den Schleier gedämpft zu mir. Oliver lotst mich an den Leuten vorbei, weist mich auf Pfützen und herumliegende Äste hin. Die Burka hat ihn zum einzigen Referenzpunkt für mich gemacht. Er ist mein sehendes, kommunizierendes Ich. Wenn er beschließt, wie soeben auf der Ludwigstrasse, über eine Ampel zu gehen, obwohl sie schon rot ist, muss ich hinterher.

Ein Streit mit einem Polizisten fällt mir ein. Er hatte mich wegen einer roten Fußgängerampel zurechtgewiesen, mitten in der Nacht und an einer leeren Straße. Mein Freund hatte mich damals beruhigen müssen, weil ich mich mit dem Polizisten anlegen wollte. Jetzt muss ich an die Szene denken - in Burka erscheint sie mir vollkommen abwegig. Undenkbar, auch nur einen Schritt zu tun, ohne dass Oliver vorausgeht. Undenkbar, das Wort an eine Auto ritätsperson zu richten. Ich stelle fest, dass ich begonnen habe, mich wie die Frauen zu bewegen, die ich in Dokumentationen über streng muslimische Länder gesehen habe: Ich husche. Den Kopf gesenkt, die Schultern gebeugt, ich versuche, möglichst leise und unauffällig zu gehen. Unter einem Stück Stoff, das einem jede Identität raubt, geht man nicht hocherhobenen Hauptes.

An diesem Tag ertrage ich das Getuschel, das wir hinter uns hören, nur schwer: »Muss das sein?«, »Wir sind hier in Deutschland!«, sogar »Terrorpaar« schnappe ich auf. Es ist auch eine diffuse Angst, die die Burka auslöst: Jemand, den man nicht erkennt, kann alles sein. Eine Frau, ein Mann, jemand ganz Altes oder Junges. Wo nichts zu sehen ist, keine Gesichtszüge, keine Kleidung und Schminke, bleiben nur Vermutungen, die sich aus Angst und Ungewissheit speisen. Mir ist schlecht. Unter dem Schleier ist es entsetzlich heiß, ein atmungsaktives Modell sollte dringend auf den Markt kommen, denke ich, die Hitze macht zynisch. Auf der Sonnenstraße versuchen zwei Jugendliche, am Schleier zu ziehen, ein anderer macht den Gottschalk- »Sieht sie auch wirklich nichts?«- Test. Es reicht für heute. Noch in der Hofeinfahrt nehme ich den Schleier ab, verschwitzt, erschöpft, erniedrigt. Auch Oliver reicht es. Er wurde im Lauf des Tages noch mehr angestarrt als ich. »Die Burka macht dich unsichtbar, des wegen halten sich die Leute an mich, die suchen nach einer Erklärung«, sagt er.

Oliver hat Recht: Eine Frau in Burka wird nie angesprochen, man würde sich immer an den Mann neben ihr wenden. Und deshalb gehe ich beim nächsten Mal alleine los: einkaufen im Supermarkt um die Ecke. Obwohl ich nur nach vorne sehen kann, spüre ich, dass mir jemand durch die Gänge folgt. Mein Herz schlägt schneller. Ich drehe mich um, ein junger Mann, Mitte zwanzig vielleicht, blickt mir unverwandt und neugierig ins Gesicht. Anders als die meisten, die den Blick senken, wenn da nichts ist, das ihn erwidern kann, versucht er, durch das Gitternetz zu dringen. Er öffnet den Mund, lächelt verlegen und wendet sich dann doch ab. Es ist zu absurd. Eine Frau in Burka spricht man nicht an. Die Kassiererin gibt mir das Restgeld, ich lächle, sie sieht es nicht. Eine Frau in Burka wird wahrscheinlich nicht einmal von ihrer Schwester, ihrer besten Freundin, ihrer Mutter erkannt.

Die Burka ist Textil gewordene Menschenrechtsverletzung, eine Isolationszelle, erschaffen im Glauben, dass Frauen mit ihren Reizen permanent für Unruhe sorgen: »fitna«, die Vor stufe zu Verführung, Meuterei und Auf stand.

Ich habe die Hoffnung auf Ansprache fast aufgegeben, als ich ein letztes Mal allein unterwegs bin und bei dem griechischen Gemüsehändler in meinem Viertel einkaufe. Eine Türkin - zumindest vermute ich, dass sie eine ist, sie trägt kein Kopftuch - tritt mir gegenüber. Zwischen uns: zwei Kartoffelkisten, eine Burka und viele Fragen: »Woher kommen Sie?«, fragt sie freundlich auf Englisch, sie dürfte so Mitte vierzig sein. Ich antworte und versuche erst gar nicht, einen afghanischen Akzent zu imitieren. Ich hoffe einfach, sie bemerkt keinen deutschen. »Darf ich fragen, warum Sie hier sind?« Endlich kann ich meine einstudier te Antwort einmal loswerden: »Ich werde in einem Krankenhaus behandelt«, sage ich. Sie erkundigt sich noch ein wenig, in welchem Krankenhaus, wie lange ich bleiben werde, und ob Verwandte mitgekommen sind, ein kurzer Plausch, ziemlich normal für ein Gespräch am Gemüsestand. Dann hält die Frau inne. »Es steht nicht im Koran, das wissen Sie.« Ich nicke, gehe nach Hause und ziehe ein letztes Mal die Burka aus.

Schutz unter dem Schleier

Die Situation der Frauen in Afghanistan hat sich kaum verbessert.
Die Burka als verpflichtende Vollverschleierung wurde in Afghanistan 1996 von den fundamentalistischen Taliban eingeführt. Unter ihrer Herrschaft durften Mädchen nur bis zum achten Lebensjahr die Schule besuchen, Frauen außerhalb des Hauses keiner Arbeit nachgehen. Die Fenster der Häuser mussten zudem bemalt werden - niemand sollte von außen eine unverhüllte Frau sehen können. Da Frauen von männlichen Ärzten, wenn überhaupt, nur durch einen Vorhang untersucht werden durften, hatten sie praktisch keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. In der Öffentlichkeit durften Frauen nicht laut sprechen und waren zum Tragen geräuschloser Schuhe verpflichtet. Als die US-Streitkräfte die Herrschaft der Taliban 2001 beendeten, legten nicht alle Frauen die Burka ab. In einer männerdominierten Gesellschaft, die Frauen auf das Geschlechtliche reduziert, ist die Burka auch ein Schutz. So prägt der Ganzkörper schleier bis heute das Straßenbild in Afghanistan, besonders im paschtunischen Süden. Auch im von den Taliban beherrschtem Swattal in Pakistan ist die Burka Pflicht.

Unter dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai hat sich die Situation der Frauen kaum verbessert. Frauen haben jetzt zwar Zugang zu Bildung und medizinischer Versor gung, aber immer wieder macht der vom Westen unterstützte Präsident auch Zugeständ nisse an die Fundamentalisten: Im April 2009 etwa legte die Regierung ein Gesetz für die schiitische Minderheit vor, das Frauen dazu verpflichtet, den sexuellen Bedürfnissen ihrer Ehemänner nachzukommen - und so Vergewaltigung in der Ehe rechtfertigt. Gleichzeitig dürfen schiitische Frauen nur mit Zustimmung ihres Mannes einer Arbeit nachgehen.

Afghanistan hat nach Angaben der afghanischen Frauenorganisation RAWA weltweit die höchste Rate an Gewalt gegen Frauen. 57 Prozent der Mädchen werden vor ihrem achtzehnten Lebensjahr verheiratet. Im Human Development Report der Vereinten Nationen rangiert Afghanistan auf dem 181. von 182 möglichen Rängen.

Hidschab
Gewöhnliches Kopftuch, das Gesicht und Hände unbedeckt lässt. Kann von bunten, lose getragenen Tüchern bis zu strengen Schleiern in Schwarz variieren. Im Koran bezeichnet »Hidschab« den Vor hang, durch den die Frauen des Propheten vor Fremden abgeschirmt sind.

Tschador
Iranische Form des Hidschab, schwarz und bodenlang. Er ist im Iran zwar nicht Pflicht, das Verhüllungsgebot sieht aber vor, dass Frauen in der Öffentlichkeit Haupt und Körper bedecken. Frauen, die nicht korrekt verschleiert sind, werden bestraft, etwa durch Züchtigungen.

Niqab
Gesichtsschleier, der nur die Augen unbedeckt lässt. Wie auch die Burka diente er Beduinen in früheren Jahrhunderten als Schutz vor Sandkörnern. In arabischen Ländern werden Hidschab und Niqab kombiniert getragen. In Ägypten sorgte 2009 der Großscheich der Azhar- Universität Muhammad Sayyid Tantawi, die höchste Autorität im sunnitischen Islam, für Aufsehen, als er den Niqab als unislamisch bezeichnete und verbot.

Maharim
Nahe Verwandtschaft, mit der die Ehe un tersagt ist. Nur vor ihr darf die Frau den Schleier ablegen.

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