grafik-diesinger 21.09.2010, 00:38 Uhr 24 2

Und plötzlich ist es ganz nah

Gedanken zum Amoklauf in Lörrach.

Normalerweise sollte an dieser Stelle ein Blog zum Thema Lebensmittel kommen. Ob die propagierte „Liebe“ von EDEKA womöglich etwas die gesellschaftlichen Rahmen sprengt.

Aber mir ist nicht nach Späßen. Schon gar nicht nach Lachen.
Ich bin Stuttgarter und das seit meiner Geburt. Ich liebe mein Städtle und die Leute die hier leben. Wir, und das zeigt sich im Moment auch bei den S21 Demonstrationen, wir Baden-Württemberger sind ein friedliches Völkchen. Oder etwa nicht?

Innerhalb von nur zwei Jahren ereigneten sich bei uns zwei Amokläufe. Vor knapp einem Jahr in Winnenden und vor 2 Tagen in Lörrach. Winnenden liegt von meinem Wohnort etwa eine halbe Stunde mit der S-Bahn entfernt.
Vor einem Jahr war es noch leicht Sündenböcke zu finden. Der Vater, der seine Waffe nicht ordnungsgemäß verschlossen hatte, Ballerspiele und mobbende Mitschüler. Aber wen macht man dafür verantwortlich, wenn eine 41jährige Rechtsanwältin, eine Frau, die sich für Recht und Ordnung stark machen sollte, zur Waffe greift, ihren Mann sowie den eigenen 5jährigen Sohn tötet und danach in einem Krankenhaus weiter auf unschuldige Personen schießt?

Ich war bei der Bundeswehr. Ich wurde an einer Pistole, einem Gewehr und einem Maschinengewehr ausgebildet. Man hat mir im Namen des Vaterlands gezeigt, wie man Pappkameraden umschießt. Nur wer schon mal eine Waffe in der Hand gehalten hat kann dieses Gefühl nachvollziehen, das man dabei hat. Klar, es ist einerseits ein aufregendes Gefühl beim ersten Mal. Wenn man die schwere Pistole völlig ungeladen in der Hand hält. Das ist das, was man im Kindergarten mit krummen Stöckchen beim Räuber und Schandarm spielen versucht hat nachzuahmen.
Aber dann kommt das Magazin. Die Patronen. Und das ist der Unterschied zu Zündplättchen-Knarren an Fasching – jede einzelne Patrone, steht stellvertretend für ein Menschenleben. Aufgereiht in Reih und Glied. Mit jedem einzelnen Projektil kann man ein Menschenleben mit nur einem Fingerzug auslöschen. Auslöschen, das klingt, beinahe romantisch.

Ich muss ihnen ehrlich sagen, ich habe Angst. Richtig Angst. Ich wohne in einem kleinen Vorort, man kennt sich, es gibt Vereine, Feste und an Weihnachten gehen alle in die Kirche. Wer sagt mir, dass es hier nicht auch einen gibt, der eines Tages austickt? Bisher waren es immer Außenseiter, die Keiner für voll nahm, wenn sie Mitschülern sagten: „Ich bring dich um“. Aber wenn Frauen, die völlig „a-typisch“ für Amoklauf sind, zur Waffe greifen, wer ist dann nicht verdächtig? Und das ist das was mir so Angst macht. Es könnte jeder sein. Bis vor zwei Tagen hab ich noch gesagt: In Stuttgart braucht man keine Angst haben, mit seinen Kindern nach 22 Uhr noch mit der Bahn nach Hause zu fahren. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Zu keiner Uhrzeit.

Was wollte man aus dem Amoklauf von vor einem Jahr alles lernen. Bessere Koordination, geschultes Lehrpersonal, Spezialeinheiten bei der Polizei. Was hat es genützt? Mit 4 Toten herzlich wenig. Aber was will man auch erwarten, wenn der Innenminister es schon selbst nicht einsieht, seine Waffen abzugeben, die er hat. Er spart Landesgelder in dem er keinen Bodyguard benötigt, sondern, Dirty Harry mäßig, die Sache selbst in die Hand nimmt. So sah das Herr Goll noch vor einem Jahr. Ich hoffe seine Meinung hat sich geändert. Und er tut endlich was dafür, dass Waffen nichts mehr in privaten Händen zu suchen haben.

Schützenvereine hasst mich, das ist mir ehrlich gesagt Wurst. Aber braucht man euch? Kann man es noch verantworten, dass es euch gibt? Ich weiß, es sind nicht alle so. Aber mir reichen die 2 die anders waren. Klar kann man argumentieren Tradition, Vereinsleben, Jugendarbeit. Aber zu welchem Preis? Versteht mich nicht falsch, ich will Waffen nicht dadurch noch begehrter machen, in dem man sie verbietet. Aber brauchen wir wirklich an Fasching Minicowboys mit Windel und Revolver?

Ich weiß nicht, ob man in Deutschland wirklich eine Waffe braucht. Jedoch war es am Ende eine Waffe, die den Amoklauf gestoppt hat. Eingesetzt für das „Gute“, falls es das bei einer Pistole überhaupt gibt.

2

Diesen Text mochten auch

24 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ich will sowas nicht erleben.

    27.09.2010, 11:33 von Webcam-Fan
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Was ist mit Morden durch illegale Waffen und (legalen) Messern oder sonstigen Gegenständen? Man kann zwar Menschenleben nicht aufwiegen, aber die Morde und Straftaten die mit legalen Waffen begangene werden liegen im Promillebereich

    27.09.2010, 00:17 von Noplanet
    • Kommentar schreiben
  • 0

    mein freund wohnt in lörrach und ich auch ganz in der nähe ..ziemlich krass was passiert ist aber jetzt mal ehrlich ,diese frau war sicher psychisch krank und der junge von winnenden auch,sie hätten eine andere waffe benutzt zb ein Messer..das is genau dasselbe wie wenn man killerspielen die schuld gibt..-es ist dumm wenn man in seinem friedlich dörfelchen meint alle müssten funktionieren,
    vllt einfach mal mehr aufeinander achten ? vllt mehr über psychische krankheiten wissen was weiss ich ..aber nur weil ein mensch eine waffe in die hand bekommt tickt er schon längst nicht schneller aus ..


    26.09.2010, 21:52 von elefantenherz
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Als ich in 'ner Hauptschule 'n Praktikum gemacht hab, kam eines morgens die Direktorin in Lehrerzimmer und legt ein Foto auf den Tisch, mit den Worten: "Dieser ehemalige Schüler hat im Netzwerk SchülerVZ einen Amoklauf angekündigt. Naja, wir kennen das ja schon - als hier ist das Foto, wenn Sie ihn sehen rufen Sie mich und die Polizei." :-o Das fanden da alle anscheinend normal, ich hingegen hab echt überlegt, ob ich erstmal zuhause bleibe. Hab dann aber trotzdem weitergemacht. Drei Wochen später kam dann Winnenden - keine Ahnung, ob die Schule jetzt etwas vorsichtiger mit derlei Drohungen umgeht. Aber offenbar erklärt ständig jemand in irgendeinem Netzwerk derlei Absichten - kann man da jedes Mal mit Panik reagieren und die Schule abriegeln?

    22.09.2010, 10:46 von Lenulitschka
    • Kommentar schreiben
  • 0

    waffen zu verbieten halte ich für falsch. ich wüsste auf anhieb 3 anlaufstellen, wo ich mir unregistrierte waffen besorgen kann mit genügend munition. un da bin ich wahrscheinlich nicht die einzige. sinnvoller wäre es, einfach genau auf seine mitmenschen zu achten, denn der satz "er war so unauffällig, das hätte keiner kommen sehen können" ist zu 100 prozent falsch. es gibt immer anzeichen. un wenn man seine mitmenschen beachtet und auf sie achtet, dann kann sowas schon mal eingegrenzt werden. das gilt im übrigen auch für selbstmord, und ähnliches.
    also: nich blöken, sondern augen auf.

    22.09.2010, 10:13 von Icke_un_du_ooch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Der Unterschied ist aber dabei, dass bei dem Amoklauf in Ansbach niemand ums Leben gekommen ist. Eben weil der Täter keine Schusswaffen zur Verfügung hatte.

    22.09.2010, 10:05 von mara.lynn
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Zum Waffengesetz:

    In Ansbach ist der Amokläufer mit einer Axt , zwei Messern und drei Molotow-Cocktails bewaffnet in die Schule gerannt!

    Ich wäre dafür mal die Täter zu verstehen und nicht immer dieses und jenes verbieten zu wollen!

    22.09.2010, 09:07 von wasserschildkroete
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Räuber und Schandarm spielen" auch, wie schön, so hab ich das als Kind auch immer ausgesprochen.

    Das Problem sind nicht die Schützenvereine und nicht die Schußwaffrn (oder Waffen allgemein). Das sollte jedem klar sein. Ich bin gespannt, wie diese Diskussion politisch abläuft, und was jetzt wieder verboten wird. Vielleicht sich von psychisch labilen Partnern zu trennen, vielleicht Internetseiten auf denen Diättipps verbreitet werden, vielleicht etwas anderes.

    Ich denke, wenn diese Frau, der Typ aus Winnenden, oder der aus Erfurt jemanden gehabt hätten, der sich mit ihnen wirklich auseinander gesetzt hätte, hätten diese Amokläufe nicht geschehen müssen.

    Ich bin für eine Amokläufer-Hotline, wo man anrufen und sich komplett auskotzen kann, wenn man merkt es wird eng.

    22.09.2010, 08:26 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ja genau! Und dann verbieten wir noch Autos, Sägen, Benzin sowie Messer, Gabel, Schere und Licht. Wer so verzweifelt und/oder wütend ist, findet Mittel und Wege zu töten. Dabei hilft populistische Abschafferei bestimmt nicht weiter.


    22.09.2010, 02:04 von schnelleralsderwind
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare