zana 27.07.2004, 14:10 Uhr 38 4

... und alles steht still

Sie gehen nicht, sie schreiten.

Mit einem lauten Plauz lassen sie die S-Bahntüren auseinanderkrachen, senden starre giftige Blicke in die Gegend und beginnen, den Gang entlangzuschreiten. Ihre Schuhe krachen im 4/4-Takt auf den Boden. Niemandem blicken sie wirklich ins Gesicht. Kein Zwinkern, kein Humor in ihren Augen; bloß diese inszenierte Kälte, die jeden fast gefrieren läßt. Fast.
Es gibt keinen Widerstand, der nutzlos ist. Vielleicht gibt es eine unnütze Form von Widerstand...oder falschen Widerstand. Aber es gibt nichts Wertvolleres im Herzen.
Er hält Körper und Geist fit; man muß sich reiben, muß kämpfen, muß sich mit anderen streiten, muß sich in Konsequenz und Treue üben, muß stark sein, muß sich finden.
Und alles steht still.
Ich halte den Atem an und versuche, mich nicht zu bewegen. Aber entspannt muß es aussehen, entspannt. Sie setzen sich mir gegenüber. Der größere mit der grünen Jacke stößt sich sein Knie unwirsch an meinem und es knistert in der Luft. Zwischen uns staut sich etwas, das kann ich in seinen Augen sehen. Entspannung, Entspannung. Es bricht sich mein Blick; so sehr, daß es ihm aufgefallen sein muß. Der andere grinst blöde, als ich zögerlich mein schmerzendes Knie reibe.
"Na...Zecke!" zischt er leise und läßt mich zusammenzucken. Ich denke an den unsicheren, gebrochenen Blick; er weiß von meiner Angst. Das nimmt mir meine Waffen, denn er registrierte, woran er bei mir ist. Würde der mir eine reinhauen? Hab ich nicht mal gesagt bekommen, daß die Typen keine Mädchen schlagen? Kräftig genug wär er. Groß genug auch.
Mein Gott, was soll das? Was soll denn diese ganze verdammte Scheiße hier bringen?
"Hi." sage ich und lächle. "Haste was zu melden?"
Arroganz ist immer gut. Arrogant begegnet man ihnen selten; zumindest, wenn man allein ist und eigentlich Angst hat. Sehr große Angst.
"Das heißt nicht Hi, das heißt Heil. Oder haste da mal irgendwo nicht aufgepaßt?" Seine Visage ist wirklich zu widerlich: Hackfresse und bohrende dumme Augen. Der andere fixiert mich. Wetten, sein Knie schmerzt auch?!
Wo soll ich denn nicht aufgepaßt haben? Ich glaube, der irrt sich in der Zeit. Nicht, daß die Zeit wichtig wär in diesem Moment. Für die beiden bin ich auch nicht wichtig. Nicht ich, nicht die Zeit, nur Zeitvertreib.
"Heil Zecke!" Ich blicke aus dem Fenster, schaue auf die vorbeiziehenden Neubauten. Es ist noch hell, es brennt noch kein elektrisches Licht. Vor einem Eingang spielen zwei Jungs mit einem Fußball. Sie werden ganz naß bei dem Nieselregen. Tropfen ziehen kleine Bäche an der Scheibe.
"Hast du mich nicht verstanden? Antworte! Heil Zecke!" Sein Gesicht ist ganz rot. Er atmet schwer und ist furchtbar aufgeregt. Cool bleiben. Sei arrogant. Schau ihm scharf in die Augen, zieh die linke Augenbraue hoch und wirke gelangweilt. Cool bleiben, altes Herz, wir haben doch schon härtere Sachen durchgemacht. Der faßt mich nicht an, bestimmt nicht.
Der andere sieht nicht schlecht aus. Er hat dunklere Haare, soweit man das bei der Glatze erkennen kann. Und er hat schöne Augen, dunkelbraune mit langen Wimpern. Manchmal scheint es mir, als würde er lächeln. Beide riechen sie nach Bier.
Rotgesicht fühlt sich nicht wohl, er wirkt nervös. Gehorchen werd ich nicht, das kann er wissen. Ich bin genauso stur und verbockt wie er, vielleicht sogar genauso dumm. Stolz.
Stolz zerstört mich, nagt unentwegt an mir, bringt mich in zwielichte Situationen wie diese. Einfach wäre es, jetzt "Heil Hitler" zu sagen und dann in Ruhe gelassen zu werden. Aber nein, einfach wäre es keineswegs; ich würde mich mies fühlen und mir ins Gesicht spucken wollen. Sie sind kräftig, gefährlich und im Unrecht, aber ich sehe es nicht ein, wegen ihnen einem Diktator Heil zu wünschen, der Millionen von Menschen auf dem Gewissen hat.
"Hi", sage ich erneut. "aber haben wir uns nicht schon begrüßt?" Die Arroganz muß ich beibehalten. Er weiß, daß ich Angst hab´ und am liebsten verschwinden würde.
Ich will es mir nicht leicht machen, weil es keine leichte Angelegenheit war. Und ist.
Ich will nicht aufgeben, will protestieren. Der Protest und der Widerstand gegen neue nationalsozialistische Strukturen- ist das nicht alles, was meine Generation leisten kann? Und ist das nicht schon verdammt wenig?
Okay, ich fühle mich nicht schuldig für den Holocaust und den Krieg und alles. Okay, ich bin Deutsche, aber dafür kann ich nichts. Es ist vorbei und es muß dabei bleiben.
Andere setzen Mahnmäler und bauen Gedenkstätten, und ich...ja, ich weigere mich halt, "Heil Hitler" zu grüßen. Der vielleicht dümmste Widerstand auf Erden, aber es geht nicht anders.
Ich bin zu jung und ich bin nicht dabei gewesen, habe von den Nürnberger Gesetzen und der NSDAP nur im Unterricht gehört. Neulich war ich mit meinem Politische-Weltkunde-Kurs im Haus der Wannsee-Konferenz. Dort stand der Glastisch, an dem die Ermordung und Vernichtung der Juden beschlossen wurde. Er glänzte und spiegelte mein Gesicht wider. Mein eigenes Gesicht.
Es steht nicht in meiner Macht, glatzköpfige Idioten zu ändern, natürlich nicht. Aber ich kann ihnen sowenig Macht wie möglich zugestehen und ihnen einfach nicht nachgeben.
Verdammt noch mal nicht den Kopf in die Zeitung stecken, sondern ihnen kühn in die Augen sehen! Damit sie spüren, daß sie Würstchen sind; damit sie es alle spüren.
"Du willst frech werden? Seh´ich das richtig? Willste den großen Onkel ärgern? Dutzidutzidu..." Der Typ ist sternhagelvoll, sein Blick ist ganz glasig. "Mensch Raik, nun sach doch o mal wat. Läßter mich hier die janze Arbeit alleene machen mit der Kleenen, ey."
Raik sagt bloß "Halt´s Maul" und rülpst einmal gehaltvoll. Das findet Rotgesicht lustig und er muß lachen. Hö hö hö, lacht er.
Ich habe die Schnauze gestrichen voll und will aussteigen. Also stehe ich auf und knöpfe meine Jacke zu. Es ist nicht kalt, eher lauwarm. Aber dieser Nieselregen...
"Ey Thorsten, die Puppe will abhaun", weiß Raik zu bemerken. Der rotgesichtige Thorsten wird also wieder finster. Schließlich hat sein Kamerad das Signal zum Kampf gegeben und wahre Freundschaft findet man nur unter Männern und der Raik hat sich noch nie verpißt, denn der Raik macht echt alles mit, auch wenn er wie ein Türke aussieht, aber seine Mutter ist deutsch und sowieso ist das alles egal, denn die Puppe will abhauen und Raik hat das Signal gegeben. Wahrscheinlich tut ihm sein Knie immer noch weh.
"Wo willsten hin, Zecke? Etwa zur Wagenburg?" Hö hö hö. "Willste Haschisch kaufen?" Hö hö hö. "Oder mit´m Ausländer ein´rumschieben, na. Das ist es doch, was ihr wollt! Unsere Rasse versaun. Unsere Rasse wird nicht versaut, Zecke. Hast Du verstanden?"
...und alles steht still...
Er packt mich am Arm, verdreht ihn nach hinten und zieht mich zu sich heran. Bieratem, Zigarettengestank, Prolo. Überall faßt er mich an: im Schritt, am Busen, im Nacken. Ein Tritt in die Kniekehlen, ein Schlag auf den Rücken, und noch ein Tritt in die Kniekehlen. Und ich gehe zu Boden, sinke herab und alles flimmert vor Augen und ich höre die beiden grölen und ich weine nicht und ich beiße die Zähne zusammen und meine Knie schmerzen und mein Rücken...tut weh, der Rücken. Alles tut weh. Tut weh, tut weh, tut weh.
Keiner hat reagiert im Abteil. Hui, ist die Zeitung wichtig; hui, was für eine tolle Aussicht aus dem zerkratzten Fenster. Habe ich mich schon jemals so gedemütigt gefühlt? Stolz? Stolz, ja verdammt stolz richte ich mich auf. Ziehe die Nase hoch, schüttle lässig den Dreck von der Hose, habe ein "Ihr könnt mich mal, ihr Loser" im Gesicht geschrieben und schreite zur Tür. Ganz gerade, einen Schritt vor den anderen. Wir fahren S-Bahnhof Lichtenberg ein. Berlin-Lichtenberg. Ich sehe den Schokoriegel-Automat und das McDonalds-Plakat. Steif und still lehne ich an der Tür und warte darauf, daß der Zug hält.
Rotgesicht weiß, daß ich schwächer bin als er; ein zierliches Mädchen und erst siebzehn dazu. Ob er sich wohl gut fühlt nach dieser Aktion?
Der Zug hält an und ich reiße die Türen auf. Aus den Augenwinkeln sehe ich sie nebeneinander sitzen, Raik reibt sich sein Knie. Sie sind still, kein Kommentar.
Bevor ich auf den Bahnsteig trete, schau ich diesem Thorsten noch einmal kurz in die Augen. Ich lege all´ meinen Spott in den Blick. "Tschüß", sagt er leise und faßt sich an die Brust.
Starr harre ich die Minuten aus, bis der Zug abfährt. Dann lasse ich mich fallen. Liege auf einer dieser Eisenschalen, die als Stühle dienen sollen und halte die Tränen nicht mehr zurück. Scheiße. Scheiße Scheiße Scheiße. Verdammte Scheiße.
Hat sich das gelohnt?
Wut. Ja, wütend bin ich; zornig! Diese verdammten Arschlöcher sollte man...hauen, niedermachen, mit Leib und Seele verachten, anspucken, zerfleischen, an die Wand klatschen. Atem ein, Atem aus, ganz ruhig. Gaanz ruhig.
Er hat meinen Busen angefaßt und mich im Schritt berührt. Er trat mir in die Kniekehlen und schlug mir auf den Rücken. Er hat meinen Nacken berührt und dabei gegrölt. Lautstark und aus vollem Halse. Hö hö hö.
Sie sind S-Bahnhof Friedrichsfelde Ost eingestiegen und ich bin S-Bahnhof Lichtenberg ausgestiegen. Eine Station, vier Minuten.
...und alles steht still.

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38 Antworten

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    Krasse Scheiße, du hast meinen Respekt!!

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich in so einer Situation reagieren würde.

    Gabs noch irgendwelche Folgen?

    03.07.2008, 14:24 von chaoskiddie
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    Habe den Text jetzt erst entdeckt....Meinen allergrößten Respekt und eine Empfehlung!

    04.05.2008, 18:43 von Stellaschnuppe
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    Ich finde es interessant so oft zu lesen "das kann ich Dir nachfühlen". echt? absolute Hilflosigkeit, das ausgeliefert sein? ohne so etwas erlebt zu haben, kann man sowas behaupten? interessant. Ich bin 1,80 groß, um die 90 kg schwer und kann durchaus zuhaun. Ob ich so tapfer gewesen wäre? Ich hoffe es..... Mein Respekt.

    25.04.2008, 14:16 von donpedro
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    du bist nicht deutsch...sondern mensch

    und es hat sich gelohnt, hoffe ich...

    und ich hatte mal nen rechten klassenkameraden der reik hieß und dunkle haare hatte, wenn man die stoppel richtig deuten konnte...
    in berlin


    und so chließt sich der kreis...

    meinen respekt vor der kraft die du hattest

    27.06.2007, 13:34 von Butah
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    der artikel wurde in 2004 geschiben .......is in berlin noch so? muss man angst vor berlin haben?

    07.11.2006, 18:30 von delincuente
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    Ein toller Text,
    Ich bin selbst recht zierlich (bin männlich) und gebe zu, dass ich nicht weiß, ob ich den Mut hätte, die beiden anzugehen.

    11.08.2006, 14:40 von hallodri
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    das größte problem bei solcher scheiße sind nicht die glatzen, sondern die drei affen der menschheit....
    nichts hören, nichts sehen, nichts sagen!
    leute, macht die augen auf! nicht nur im bezug auf glatzen.

    27.04.2005, 20:04 von kazuya
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