Bender018 09.12.2016, 11:36 Uhr 23 1

Überfordert

Ein subjektiver Kommentar zum Thema Zensur bzw. "Lügenpresse"

Der Mord in Freiburg führte wieder einmal dazu, dass die Rufe im Netz laut wurden, dass die Medien, allen voran die Tagesschau, bewusst Nachrichten unterschlagen, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Das Vertrauen in die Berichterstattung ist eh in Schieflage geraten, da die Medienportale vermeintlich ungenügend aufklärten über all die Schrecken und schlimmen Sachen, die da draußen passieren.

Dass auch der Mord in Freiburg nur ein weiterer Einzelfall sei, worüber nicht jedes Medium ausführlich berichtet und hervorhebt, dass die Tat von einem Tatverdächtigen nichtdeutscher Herkunft verübt wurde, bringt diese wütenden Menschen derart in Wallung, dass sie das Wort "Einzelfall" synonym dafür verwenden, dass eine große Maschinerie dahinter stecke, die sich darum kümmere, alles Wichtige unter einen Teppich zu kehren, um die Bevölkerung zu täuschen.

Dabei vergessen diese Leute, dass eine umfassende Berichterstattung jeder Schreckenstat, die tagtäglich passiert, schlicht unmöglich ist.
Wenn man einmal an die Zeit zurückdenkt, als das Internet noch nicht massenkompatibel zugänglich war, wird deutlich, woher die aktuelle Stimmungslage herrührt: Aus einem subjektiven Irrtumsdenken.

Vor dem Internet kamen die Nachrichten aus der Tageszeitung, aus dem Radio, aus Nachrichtensendungen wie der Tagesschau.
Radionachrichten dauern ca. 5 Minuten. Die Tageszeitung hatte einen Tag Vorlaufzeit, um zu überlegen, welche Meldungen es dort rein schaffen. Die Tagesschau dauert 15 Minuten. Fünfzehn Minuten, um das Tagesgeschehen weltweit auf den Punkt zu bringen und zusammenzufassen. Es kamen also nur die wirklich wichtigen Themen zur Sprache. Die, bei denen man davon ausgehen musste, dass sie den Großteil der Bevölkerung interessieren. Und natürlich wurde deshalb damals nicht jeder Mordfall in Deutschland aufgegriffen, nicht jede Vergewaltung, nicht jeder Raub, usw. 
Wieso sollte sich da heute etwas daran geändert haben?
Wer mehr darüber wissen wollte, was in seiner Region abgeht, der abonnierte die Lokalzeitung oder hörte Regionalradio. Wenn dort ein Verbrechen stattfand, wurde selbstredend darüber berichtet. Aber alle Menschen, der fern dieser Region lebten, bekamen davon nichts mit. 

Durch das Internetzeitalter und die 24/7-Präsenz von Spiegel, SZ, Welt, Zeit, FAZ und wie sie nicht alle heißen, hat sich die Wahrnehmung deutlich verschoben. Wenn jetzt ja alle immer online sind, dann können sie doch bitte auch über alles berichten. Besonders über das, was ICH wichtig finde.
Wenn dann sogar über z.B. das "Horrorhaus von Höxter" berichtet wird oder den Fall in Freiburg, dann liest man in den Kommentarspalten dennoch oft, dass nur unzureichend und lückenhaft berichtet wird. 
"Da will uns jemand die ganze Wahrheit unterschlagen."
"Da wurde der Presse wohl wieder ein Maulkorb von oben verpasst."
"Wollen DIE uns eigentlich für dumm verkaufen?"
Wird beispielsweise eine Statistik veröffentlicht, dass die Anzahl der Übergriffe seitens Ausländern nicht gestiegen ist, dann kommt der Unkenruf "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast" meist in Begleitung einer anderen Statistik, die das der Ursprünglichen widerlegt. Die Quelle mag dann oft dubiosen Seiten entspringen, aber für die, die nicht an offizielle Statistiken glauben, weil die Regierung/Politik eh nur schönredet, täuscht und verschleiert, ist eine Gegenstatistik ein gutes Mittel um zu relativieren. 
Das führt zur Verunsicherung. Und jemand, der nicht weiter recherchiert, oder nur das glauben will, was einem in den eigenen Kram passt, wird misstrauisch - alles und jedem gegnüber. Und das wiederum führt zur steigenden Wahrnehmung, die althergebrachten Medien berichteten nur über das, was ihnen passt und nicht über die einzige, wirklich wahre Wahrheit.

Wenn man sich für ein Thema interessiert und mehr darüber wissen will, ist es ein Leichtes, im Internet Seiten, Foren und Blogs zu finden, die sich genau damit beschäftigen. Wie seriös jedoch die Leute sind, die diese betreiben (und aus welcher Motivation heraus) ist für den Laien nur schwer zu erkennen. Dass der Kopp-Verlag jetzt nicht so bombenserös ist, ist ja mittlerweile vielen bekannt, aber was ist mit den abertausend anderen Seiten, die über Missstände berichten? Leicht verständlich, in einfache Kausalzusammenhänge aufbereitet, zum Teil mitunter einschlägig gefärbt durch links-/rechtsradikales Gedankengut (das aber auch nur auffällt, wenn man weiß, mit welchen rhetorischen Mitteln gearbeitet wird).
Und wenn nun eine Seite über etwas berichtet, das auf einen "mind blown" wirkt und man dann dazu doch bitte auch in den großen Medien lesen möchte, ist die Enttäuschung groß, wenn dort nix zu finden ist. "Warum berichtet ihr nicht davon? Habt ihr was zu verbergen?"
Ein Teufelskreis.

Ein Teufelskreis, der auf der irrigen Annahmen basiert, dass große Medienhäuser verpflichtet wären, über wirklich alles zu berichten, was tagtäglich passiert - in einer Ausführlichkeit, die auch den letzten Zweifler befriedigt. Dass das einfach zeit- & resourcentechnisch schlichtweg unmöglich ist, tritt hinter das Gefühl zurück, nicht umfassend in all den Geschehenissen informiert zu werden, die einen gerade (äußerst subjektiv) beschäftigen.
Dass die, die ihre Nachrichten täglich aus dem Netz ziehen, über so viel mehr informiert werden, als noch vor 20 Jahren, vergessen viele. Das Hirn sucht sich die Nachrichten aus, die einen interessieren, der Rest, der minütlich über die Timelines wandert, wird überscrollt und ausgeblendet. Ich denke, das ist normal. 

Ich fühle mich manchmal von der Flut der Nachrichten, die durch den elektonischen Äther schwimmt, überfordert. Dann geh ich offline. Aber ich bin auch dankbar für die Vielfalt der Nachrichten, die uns heutzutage erreichen. Nicht alle Nachrichten sind schlecht. Nicht alles, was mich nicht betrifft, geht an mir emotionslos vorbei. Es eröffnet mir einen Horizont, der über meinen eigenen Tellerrand hinausragt. Das find ich schön und ich wünschte, mehr Menschen würden die Diversität der Berichte wertschätzen als darüber zu meckern, dass dieses eine Thema nicht genug Aufmerksamkeit bekommt.





Anstoß zu diesem Kommentar war dieser Beitrag


Tags: "Postfaktisch" ist das Wort des Jahres - wie passend
1

Diesen Text mochten auch

23 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    naja, andererseits gibt es ja auch von "linker" seite jedesmal einen aufschrei, wenn irgendetwas politisch nicht korrekt ist.

    das hat unter anderen faktoren dazu geführt, dass redakteure verunsichert ist, was noch im rahmen und was schon draußen ist.

    das wiederum ist eines von mehreren anzeichen dafür, dass sich "da draußen" etwas verändert. dass sich werte verschieben, dass etwas im umbruch ist.

    ob das jetzt in die richtung "postfaktisch" (was für eine kapitulationserklärung) geht oder in richtung der neujustierung unseres wertesystems in kontext europa und welt, was ganz normal ist angesichts der superschnellen globalisierung an allen fronten, geschenkt.

    ich finde gut, dass was passiert.

    10.12.2016, 21:51 von libido
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wozu die aufregung?

    09.12.2016, 21:18 von EC_Lino
    • 3

      Weißt du, ich dachte mir: Warum Neon nicht für das nutzen, was viele Meedchen hier mittlerweile auch so machen. Das, was einen beschäftigt, einfach mal online stellen. Egal, ob es jemand liked, jemand sich angesprochen fühlt oder es wunder was wie toll geschrieben sein muss. Einfach so. Damit es nicht mehr in meinem Kopf spukt. Und siehe da, es spukt nicht mehr :)

      10.12.2016, 00:15 von Bender018
    • 0

      ??? ?

      10.12.2016, 00:55 von EC_Lino
    • 1

      !!!!! 

      10.12.2016, 17:12 von Bender018
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich hab zur Zeit etwas mehr Tagesfreizeit und riskierte es deshalb vor ein paar Tagen, mir eine komplette Folge des RTL-Morgenmagazins anzutun: volles Programm von 6.00 Uhr bis 8.30 Uhr.

    Dort wurde mit klarem Bezug auf die Freiburger Bluttat (natürlich blieb die Herkunft des Täters nicht unerwähnt) ein spektakulärer Beitrag anmoderiert: eine Reporterin befand sich an einer Bremer Vorstadt-Bushaltestelle in der Nähe eines Parks und wollte das Sicherheitsempfinden der Anwohner life und vor Ort mal hinterfragen. Es lief schleppend an. Sie musste zuerst zugeben, dass sie noch keine Frau angetroffen hat, die sich auch nur ansatzweise panisch geäußert hätte. Nach mehreren peinlichen Versuchen fanden sich dann doch noch zwei oder drei besorgte Bürgerinnen, denen plötzlich "mulmig" ist, wenn sie nur daran denken, den öffentlichen Linienverkehr zu benutzen. Aha. Danke, RTL für diese authentische Beitragsgestaltung. Zwischen Freiburg und Bremen liegen übrigens über 700 km. Aber wer wird denn so kleinlich sein, wenn es um die reine Wahrheit geht.

    09.12.2016, 20:51 von LillyIdol
    • 0

      hihihihihihihi



      ... wenns nicht so traurig/armselig wäre.

      10.12.2016, 00:16 von Bender018
    • 0

      Das war wirklich so. Ich hab auch nicht schlecht gestaunt. Für mich hat das vor allem eine Frage aufgeworfen: wie bekommen diese  RTL-Nachtschattengewächse bloß wie auf Knopfdruck einen erschütterten Gesichtsausdruck hin, wenn sie so eine Rotze anmoderieren???

      Das möchte man lieber gar nicht zu Ende denken.

      10.12.2016, 01:36 von LillyIdol
    • 0

      Das lernen die bestimmt in ihrer "Journalisten"-Schule



      10.12.2016, 17:14 von Bender018
    • Kommentar schreiben
  • 2

    manchmal wünschte ich mir einen gartenzaun und ein kissen. da würde ich dann mit verschränkten armen drauf liegen, mir die welt mit meinen augen betrachten; nicht weiter als mein auge reicht und drauf geschissen, was die welt so denkt.

       

    09.12.2016, 17:19 von jetsam
  • 2

    Das Vertrauen in die Berichterstattung ist eh in Schieflage geraten, da
    die Medienportale vermeintlich ungenügend aufklärten über all die
    Schrecken und schlimmen Sachen, die da draußen passieren.

    So "vermeintlich" ist das glaube ich nicht mehr. Genau das hat ja eine neue Untersuchung am Beispiel der Bericherstattung über die Willkommenskultur und Flüchtlinge inzwischen zumindest teilweise bestätigt.

    09.12.2016, 13:08 von mirror87
    • 0

      Hui, interessanter Link. Danke dafür!

      09.12.2016, 13:32 von Bender018
    • 0

      Gern. ;-)

      09.12.2016, 14:06 von mirror87
    • 0

      Haha, interessant, weil es genau meinen subjektiven Eindruck den ich seit langem hege, bestätigt....

      10.12.2016, 22:47 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Ich meine, im Grunde bestätigt es einfach das, was ich gelernt habe. Medien üben Macht aus, egal in welcher Form. Einige wollten evt. gezielt einen Contrapunkt setzen, was ja auch letigim ist.Als Rezipient sollte man sich einfach bewusst sein, dass es keine wirklich objektive Berichterstattung gibt und sich diverser Quellen zur Informationssuche bedienen und eben nicht nach dem Modus "selektive Informationssuche " handeln und lesen.

      10.12.2016, 22:51 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Meinen halt auch.

      10.12.2016, 22:52 von mirror87
    • 0

      dit war ja nu nüsch det Thema, wa

      10.12.2016, 22:54 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Ja, sehe ich auch so.
      Diese ganze Informationsflut ist meiner Meinung nach auch der Grund für die Entstehung von Filterbubbles auf beiden politischen Seiten. Einfach, weil man irgendwann einfach nur noch überfordert ist.

      10.12.2016, 22:56 von mirror87
    • 0

      Meinen (Eindruck) halt auch.

      10.12.2016, 22:57 von mirror87
    • 0

      Manchmal frage ich mich ja auch, wenn ich Nachrichten (meistens) höre, ob ICH jetzt echt wissen muss, dass in china, Australien oder wo auch immer grad x Menschen an dem und dem Unglück gestorben sind.
      Interessiert mich ehrlich gesagt nicht wirklich, weil man das dutzendfach austauschen könnte. Die Frage der Relevanz ist also Priorität....
      Ich fühle mich nicht mal durch die Diversistät der Medien überfordert, sondern eher duch die Komplexiät des Welgeschehens

      10.12.2016, 23:00 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare