chessige 13.03.2008, 22:33 Uhr 5 5

Über Macht und Verführung

Grundsätzlich ist Macht wichtig. Die Frage ist lediglich: Worauf gründet sie sich Wie wird sie eingesetzt und welche Folgen zeitigt ihre Ausübung?

Macht (und daraus resultierend: Herrschaft) ist eines meiner Lieblingsthemen. Es ist ein unendlich weites Feld mit vielen, ineinander hakenden und miteinander verwobenen Faktoren, die zu berücksichtigen sind. Ob ich durch Macht verführbar bin? Ich währe dämlich, mir einzubilden, ich sei es nicht, denn dann wäre ich auf jedenfall anfälliger, weil weniger aufmerksam.

Grundsätzlich ist Macht wichtig. Die Frage ist lediglich: Worauf gründet sich die Macht? Wie wird sie eingesetzt und welche Folgen zeitigt ihre Ausübung?

Macht wird m.E. grundsätzlich mißverstanden. Schauen wir doch mal, was das Wort eigentlich ursprünglich bedeutet:

"Im Althochdeutschen, Altslawischen und Gotischen bedeutete das Wort Macht soviel wie Können, Fähigkeit, Vermögen. Vergleichbar stammt das lateinische Substantiv für „Macht“, potentia, von dem Verb possum, posse, potui ab, welches heute mit „können“ übersetzt wird."
(http://de.wikipedi a.org/wiki /Macht)

Im geläufigen Verständnis von Macht bedeutet diese: "Ich kann dies und jenes, weil ich in dieser und jener Position bin" - im Gegensatz zu dem, was Macht eigentlich meint, nämlich: "Ich bin in dieser und jener Position, weil ich dies und jenes kann". Auf diesem basalen Mißverständnis beruhend gründet sich das Machtstreben der Menschen und endet dann oft genug im Desaster.

Das Problem ist weniger die Macht selbst, als vielmehr die Ideologie, in die sie gebettet ist. Ein Papst z.B., der die Benutzung von Kondomen verbietet, betreibt ideologisch geprägten Machtmißbrauch. Ebenso ein Diktator oder sonstwie gearteter Regierender, der die Beseitigung/Tötung bestimmter Menschen(gruppen) anordnet.

Ein weiteres Problem sind autoritäre Systeme. Wir leben in einem solchen, auch wenn es uns auf den ersten Blick und im Vergleich mit anderen Systemen, deren autoritäre Ausprägung wesentlich heftiger ist, nicht so vorkommt. Das Aufwachsen in einem autoritären System führt (für die wesentliche Mehrheit) zu "Obrigkeitshörigkeit ". So werden z.B. Menschen, die als Kind gelernt haben, daß ihr Nein grundsätzlich nichts gilt, wohl kaum als Erwachsene anfangen, nein zu sagen. Dies festigt die Position des Machtinhabers und verhindert, daß die Ausübung von Macht und ihre Folgen in Frage gestellt bzw. hinterfragt oder gar kritisiert werden.

Und dann nicht zu vergessen als Mittel der Herbeiführung und Festigung von Macht: Angst. Im 3. Reich hatte eine große Zahl von Menschen einfach nur Angst (und war dazu aufgrund ihrer Prägung durch eine sehr autoritäre Gesellschaft ausgesprochen Obrigkeitshörig). Was ich hier keinesfalls als Entschuldigung, sondern als Zustandsbeschreibung verstanden wissen will. Jemand, der bei anderen Menschen Angst erzeugen kann, bekommt Macht über sie. Als Beispiel sei hier der Arbeitgeber angeführt, der mit drohenden Kündigungen Angst erzeugt und seine Macht ausbaut, um ebendiese Macht dann dazu zu mißbrauchen, den verängstigten Arbeitnehmer auszubeuten. Angst wirkt meistens lähmend, weshalb verängstigte Menschen sich i.d.R. selten wehren und oft das böse Spiel mitmachen.

Mit den Erfahrungen von Machtmißbrauch in der Vergangenheit geht man am besten um, indem man sie nicht vergißt, aber auch nicht permanent kolportiert. Und vor allem: Indem man aus den dort gemachten Fehlern lernt. Dazu ist es wichtig, nicht nur zu wissen, wie es zu verschiedenen Ereignissen gekommen ist, sondern es auch zu verstehen, zu verinnerlichen und sich klar zu machen, daß man selbst auch nur ein Mensch und damit fehlbar ist. Es ist sinnvoll, die eigenen Überzeugungen immer wieder zu überprüfen und an denen anderer zu reiben, ohne dabei einen all zu festen Standpunkt einzunehmen. Perspektivenwechsel ist sehr wertvoll für den Erkenntnisgewinn: Wie wäre es, wenn ich an der Stelle des Verfolgten, Bedrohten, Unterlegenen wäre? Und, ganz, wirklich extrem wichtig zur Verhinderung einer Wiederholung der Geschehnisse im 3. Reich (während der Kreuzzüge, des Genozids in Amerika oder wo und wann auch immer): Immer dann ganz besonders hellhörig und extrem vorsichtig werden, wenn Menschen andere Menschen als z.B Tiere oder Dinge bezeichnen und/oder als "entartet", also außer der eigenen Art stehend, abwerten. Die Entmenschlichung des "Feindes" ist DAS Mittel, mit dem ganz normale, gesunde, friedliebende Menschen dazu gebracht werden, andere Menschen ohne großartige Bedenken zu töten. (Ich beziehe mich hier auf die intraspezifische Tötungshemmung nach Konrad Lorenz, die einerseits durch Werkzeuge - Waffen - und andererseits durch die "Entartung" des Gegenübers ausgehebelt wird.)

Es ist. m.E. ein fataler Irrtum zu glauben, es gäbe irgendeinen, der nicht eine irgendwie geartete Macht hätte, die zum Mißbrauch verführen kann. Macht und Verführung fängt im ganz kleinen an: Eltern üben Macht über ihre Kinder aus und mißbrauchen sie oft genug. Lehrer üben Macht über Schüler aus und mißbrauchen sie oft genug. Selbst in einer stinknormalen Liebes- und Freundschaftsbeziehung gibt es Machtverhältnisse und die Verführung, Macht zu mißbrauchen bzw. die Verantwortung an den Mächtigeren in der Beziehung abzugeben und brav zu folgen.

Verantwortung ist ein weiterer Faktor im Machtgefüge. Die gibt mensch nämlich gern an den Mächtigeren ab. Geht es schief, lebt der Mächtige gefährlich, denn dann heißt es: Der Führer wars! Ich bin unschuldig! Ich habe nur Befehle befolgt!

Als probates Mittel gegen Verführungen zum Machtmißbrauch empfehle ich das tätige Anstreben von Menschlichkeit: http://de.wikipedia.org/wiki/Menschlichkeit

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Für die Länge (oder eher Kürze) eine sehr gute Auseinandersetzung mit dem Thema. Würde ausgezeichnet in den Abiturstoff Ethik passen (Baden-Württemberg, Schwerpunkt: Menschliche Freiheit).

    28.04.2008, 22:56 von zweckoptimist
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      @zweckoptimist Ach, dieses Fach gibts tatsächlich? :D Find ich gut. Meinetwegen können sie den Religionsunterricht ganz abschaffen bzw. vollständig im ganzen Lande durch Ethik ersetzen...

      29.04.2008, 09:19 von chessige
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      @chessige nein, nein das geht nicht. auf keinen Fall.
      womöglich würde irgendwann die Menge der Menschen, die mündig, aufgeklärt, empfindsam und im Diesseits und nicht gebückt am Rockzipfel irgendwelcher Angst- und Götzenbilder nach Erlösung suchen überhand nehmen und die verstaubte Weltordnung ablösen ... und wir wollen ja nun nicht gleich mit dem schlimmsten rechnen.

      10.05.2008, 00:12 von schauby
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  • 0

    Unglaublich gut beobachtet.
    "Der Führer wars": ich trage also keine Verantwortung?
    Man sollte darüber mehr nachdenken. Natürlich auch über die Menschlichkeit.

    12.04.2008, 16:08 von Nymphadora
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    juhuu, da isser ja, der beste kommentar aller zeiten...

    25.03.2008, 22:32 von stucky
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      @stucky Und niemand widerspricht mir! Es ist schrecklich! :D

      25.03.2008, 23:40 von chessige
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      @chessige wüsste ja nich, was es da zu widesprechen gibt ;P

      ausserdem: die anführerin hat immer recht

      (Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!
      Und, Genossen, es bleibe dabei;
      Denn wer kämpft für das Recht,
      Der hat immer recht.
      Gegen Lüge und Ausbeuterei.
      tralalala, summsumm)

      27.03.2008, 16:32 von stucky
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  • 0

    Gutes Thema, sehr gut von dir interpretiert, strike, die Lady!

    Hierzu fällt mir u.A. auch die Macht des Gruppenzwangs ein, der dieser Tage auch wieder gerne aufgrund des neuen Jürgen Vogel Films "Die Welle" diskutiert wird - Macht lässt sich noch auf viele weitere Situationen beziehen, auch darauf, kriegt mein Hund jetzt ne Banane zum Futter oder nicht - kommt drauf an, wie bettelnd er schaut.
    Ok, doofes Beispiel, aber auch das ist Macht, nur, dass ich sie nicht missbrauche und ihm das Obststück hinzugebe und das gerne.

    Gerngelesen!

    13.03.2008, 23:18 von Kiyan
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