Reinhard 05.10.2006, 17:23 Uhr 3 1

Über die Schwierigkeit, ehrlich zu sein

Zugegeben, ein etwas pathetischer Titel.

Aber in letzter Zeit wurde mir schmerzhaft deutlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es zunehmend schwieriger wird, seinen Prinzipien und Idealen treu zu bleiben.

So musste ich beispielsweise kürzlich miterleben, wie eine geschätzte Kollegin gemobbt wurde und keiner inklusive meiner Person etwas dagegen getan hat. Oder ich stellte fest, dass im Zweifelsfall ein von mir bis dato geachter Kollege sich vom Kollektiv abwendete, um seine Haut, also seinen Job zu retten.

Seither bewegt mich ernsthaft die Frage, inwieweit man überhaupt noch gerecht sein und die Ehrlichkeit bewahren kann. Oder anders ausgedrückt: Wo trifft man überhaupt noch ehrliche Menschen? Es ist immer einfach, jemandem seine Solidarität auszudrücken, ohne selbst "Abtriche" machen zu müssen. Es fällt leicht, Kritik zu üben, so lang der Betreffende nicht da ist. Aber wie schaut es aus, jemandem seine Meinung direkt ins Gesicht zu sagen?

Wer will schon noch anecken? Es ist schlichtweg zu einfach, im Strom der konsensfähigen Meinung zu schwimmen. Nur so ist auch das Phänomen zu verstehen, dass sich immer mehr Menschen aus der Verantwortung stehlen und auf andere verweisen. Deswegen boomen meiner Meinung nach Consulting-Unternehmen. Denn hier geht es nur vordergründig um objektive Beratung. In Wahrheit soll Verantwortung abgetreten und von der Führungsebene outgesourcet werden. Für jeden Chef ist es angenehmer, eine Fehlentscheidung zu rechtfertigen, wenn es der Unternehmensberater zuvor empfohlen hat. Nur die wenigsten wollen in der ersten Reihe stehen und ihre individuell getroffenen Entscheidungen verteidigen. Kommt es zur Konfrontation, treten viele freiwillig einen Schritt zurück und verweilen beobachtend in der 2. Reihe.

Ich würde mir wünschen, dass man wieder eine eigene Meinung hat und diese auch vor anderen vertritt. Man sollte unbequeme Wahrheiten aussprechen, auch wenn es in dem Moment unpassend ist. Es sollten wieder Schlussstriche gezogen werden, ohne gleich die Konsequenzen abzuwägen. Nun ja, dsss sind alles hehre Ansprüche - diese im Alltag umzusetzen, bereitet vielen Kopfzerbrechen.

Versteht diesen Text bitte nicht als allzu belehrend, auch wenn er es ungewollt geworden ist. Zum Schluss würde ich trotzdem gern von Euch wissen, wann ihr das letzte Mal gelogen habt, um Eure Interessen durchzusetzen. Deswegen hier ein paar Fragen, die zugleich Denkanstoß für weiterführende Meinungen sein sollen:

1 Würdet Ihr Eurem Chef die Meinung sagen und Euren Job dabei aufs Spiel setzen?

2 Würdet Ihr Eurem Freund/Eurer Freundin sagen, dass Ihr sie nicht mehr liebt oder abwarten, bis sich etwas Neues ergibt?

3 Wie ehrlich seid ihr zu Freunden?

4 Wann habt ihr das letzte Mal bewusst gelogen, um größeren Ärger aus dem Weg zu gehen?

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Kommentare

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    Mein Gott! Das KANN nicht sein. Es ist schon wieder der Fall: ein Thema beschäftigt mich seit Tagen, ich komm nicht davon los. Bevor ich dieses Thema auf Papier bekomme, bzw auf PC, steht zu genau diesem Thema ein neuer Text von jemand anderm hier. Nich gelogen ;-)

    zu deinen Fragen:
    1) ja. die meinung sagen bedeutet ja nich gleich, den Chef anzumeckern (was du auch nicht behauptet hast, aber es klingt so negativ). Wenn man mit Ruhe zeigt, dass es einem am Herzen liegt, die Sachlage mit klarem Menschenverstand schildert und von Grund auf ehrlich ist, dann kann nichts schief gehen. Wenn doch, dann will ich nciht wissen, wo du arbeitest... in der Hölle?

    2) Ich würde es ihm sagen, so schwer es fällt! Mittlerweile. Denn ich habe einmal abgewartet. Was sich ergebn hat waren 2 andere Kerle in meinem Bett, ich extrem betrunken. Also sofort sagen, wenn der Kuss des Liebsten/der Liebsten weh tut. is auch für ihn/sie besser und verhindert noch mehr Schmerzen...

    3) was verstehst du unter "ehrlich"? Ich lüge sie nicht an. aber ich bin auch nicht ehrlich. Denn einem Freund sage ich nicht, dass ich ständig an ihn denk und sehr wahrscheinlich verknallt in ihn bin. Ehrlich bin ich also nicht, aber ich lüge nicht. Und wenn ich etwas für mich behalten soll, darauf angesprochen werde, dann lüge ich nicht (mehr), sondern bin ganz ehrlich "Ich soll still sein. Würds dir gern sagen, aber darf nicht. Frag später nochmal nach! Ich frag sie/ihn, ob ich's dir erzählen darf..." wer das nicht versteht, is kein Freund.

    4) bewusst gelogen? hmm... Vor einer Woche. Als ich morgens die ersten beiden geschwänzt habe. Meine Mutter hat gefragt, ich habe gesagt, dass sie ausfallen.

    Antwort 4 is sicher nicht die Antwort, die du erwartet hast.... das schlimmste, was ich je verschwiegen habe war, dass ich in meinen damaligen Freund nicht mehr verliebt war und trotzdem "ich liebe dich" gesagt habe. Das schmerzt immernoch...

    Guter Text über sehr gutes Thema!

    Ehrliche Grüße von mir ;-)

    05.10.2006, 17:54 von batida.de.coco
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