Keuner 30.11.-0001, 00:00 Uhr 14 7

Über die Apokalypse

Ein satirischer Bericht

Während das Zeitalter der Dinosaurier auf einen Schlag endete, vollzog und vollzieht sich das Ende der Menschheit in mehreren Phasen...

1) Der Mensch stand als dominante Spezies auf diesem Planeten zwar nicht im Einklang mit der Natur, aber ließ er ihr genug Freiraum zum Atmen. Dann, ungefähr zeitgleich, entdeckten ein paar namhafte Erscheinungen der Spezies Mensch naturelle Gesetzmäßigkeiten, als sie unter einem Apfelbaum ihre Melancholie schürten, beziehungsweise im Herbstwind Drachen steigen ließen. Daraus resultierten die ersten Erfindungen, unter anderem das künstliche Licht, welches die Tageszeit um die Nacht erweiterte.
Der Mensch war Herr über die Tageszeiten.

2) Diese Errungenschaft ließ man sich auch nicht nehmen. Weitere wissensgierige Menschen setzten sich also nachts an ihren Schreibtisch, der nun beschienen war vom Licht mit magnetischer Geißel. Dort tüftelten sie an weiteren Erfindungen. Eines schönen Wintermorgens – der Legende zur Folge soll es damals noch echten Schnee gegeben haben – fröstelte es einen Herren, der daraufhin die Heizung erfand. Nun konnte man auch im Winter, wenn auch nur im Haus, im T-Shirt rumlaufen.
Der Mensch war Herr über die Jahreszeiten.

3) Man stand nun vor der Möglichkeit mit dem Gott-Spielen aufzuhören und Natur Natur sein zu lassen oder aber man tüftelte weiter. Es galt ja noch für einige Herren sich ein Denkmal zu setzen; und so entschied man sich für das Letztere. Eines Samstag Abends, die Wissenschaftler waren mal wieder zu keiner gesellschaftlichen Veranstaltung eingeladen, entwickelten sie aus Jux und Langeweile die Atombombe.
Der Mensch war Herr über das Leben.

4) Natürlich wollte man diese Waffen erst gegen seine natürlichen Feinde einsetzen – alle in der Evolutionskette unter dem Menschen stehenden Lebewesen, von denen man fürchtete, dass sie vielleicht aufbegehren, eine Revolution starten und den Menschen als Eliterasse ablösen. Als sich aber herausstellte, dass ein Igel keinesfalls vorhatte seine Stacheln gegen die Menschen einzusetzen und sich auch nicht über die Pressezensur empörte, sondern einfach nur seinen Laubhaufen haben wollte, fing man an die Waffen gegen sich selbst einzusetzen. Stammesführer haben hier eine Möglichkeit gesehen ihrem Testosteron-Rausch freien Lauf zu lassen und wollten somit ihre nichtvorhandene Männlichkeit überspielen. Ein kleiner Mann mit Schnauzbart schien besonders daran interessiert zu sein. Des Weiteren haben die Stammesführer den Wissenschaftlern in Aussicht gestellt irgendwann vielleicht einmal, wenn es die Umstände erlauben, auf eine Party eingeladen zu werden. Einzige Bedingung: Sie mussten ihre Samstagabende vorerst wieder dem Sprengstoffbasteln zuwenden. Daraus entstanden dann ein paar nützliche Erfindungen, die zum Wohle der Menschheit hätten eingesetzt werden können. Doch man entschied sich dafür die Goldgewinnung aus Brausebadrückständen zu beschleunigen. Von anderen Waffen, die benutzt wurden um etliche Laubhaufen inklusive Igel zu sprengen, gar nicht zu sprechen.
Der Mensch nutzte seine Herrschaft über das Leben erbarmungslos aus.

5) Der Mensch rottete sich also im Kollektiv selber aus. Während dieser Zeit hat ein Wissenschaftler eines Samstag Abends eine grandiose Entdeckung gemacht: den Fernseher. Zur selben Zeit entstanden noch eine Vielzahl anderer Erfindungen, die allesamt das Spektrum an Freizeit erweiterten. Aber anstatt diese Freizeit dafür aufzuwenden innezuhalten, über den Sinn des Lebens zu philosophieren und von der größtenteils biederen Lösung wegzukommen, verbrachte man seine Zeit vor dem Fernseher. Den schaltete man ein und sich somit selber aus. Entertainment erwürgt den Keim jedes künstlerischen, philosophischen, kritischen oder einfach nur notgeilen Gedanken. Und weil die Menschheit verblödete, ließ sie sich manipulieren und beeinflussen wie das Fernsehprogramm. Man musste nur wissen welchen Knopf es auf der Fernbedienung zu drücken galt. Die Fernbedienung hielten übrigens die Nachfahren des kleinen Mannes in den Händen, die sich rasiert hatten und einen Smoking trugen, um einer Identifizierung mit ihrem Vorfahren zu entgehen. Und so wurde der gemeine Mensch zu routinemäßiger Zwangsarbeit abgestempelt.
Der Mensch war Herr über den Geist seiner eigenen Rasse.

6) Fast schien das alles hier sein Ende gefunden zu haben: Die Menschen ließen sich vom Fernseher zudröhnen, gingen dann zu Bett, um rechtzeitig am nächsten Morgen in der Firma am Fließband zu stehen und abends wieder vor dem Fernseher zu sitzen. So vergingen etlich viele Tage. Aber keine Wochen und keine Monate – die gab es nicht mehr. Irgendwann fiel einem Mann mal auf, dass es mal hell und mal dunkel ist, wenn er morgens zur Arbeit fährt. Dieser trotz Bildröhrenpädagogik noch stark ausgeprägte Intellekt ließ die Männer mit Anzug, die an der Fernbedienung saßen, zittern. Sie schenkten dem Mann einen Flachbildschirm und führten die Sommer- und Winterzeit ein, damit nicht noch einer auf eine solch überflüssige Entdeckung stößt.
Der Mensch war jetzt nicht nur Herrscher über Tages- und Jahreszeiten, er setzte sich ruhigen Gewissens darüber hinweg.

7) Viele sagen, dass die menschliche Rasse mit dem Einführen der ersten Talk-Shows und Big Brother-Staffeln bereits ausgerottet wurde. Andere behaupten wiederum, dass sich der Mensch mit seinen neuen Waffen selber auslöschen wird, denn die Wissenschaftler haben samstagabends immer noch nichts zu tun. Wiederum andere sagen, dass zwar nicht die Igel, aber Mutter Natur eine Revolution startet. Man nennt dies „Klima-Katastrophe“. Dies sind spekulative Möglichkeiten eines Endes der Menschheit. Manche nichtbildschirmpädagogisch-behandelten Menschen sehnen eines davon schleunigst herbei. Denn sie fürchten, dass der menschliche Untergang um eine Phase erweitert wird: Momentan wird Mann und Maus in Bewegung gesetzt um Videoüberwachung und Wanzen vollends zu legitimieren und auf öffentlichen Straßen einzuführen: Der Übergang zu einem Kontroll- und Überwachungsstaat. Erst lockt man die Leute aus den Gebäuden auf die Straße, weil sie drinnen nicht mehr Rauchen dürfen und dann entledigt man sich draußen ihrer Privatsphäre. Und alles nur, um zu verhindern, dass irgendwer vielleicht mal was merken könnte. Nach der Videoüberwachung existieren Staat und Gesellschaft noch, nur keine individuelle Lebensform – und das ist wahrlich die Apokalypse.
Ich für meinen Teil setze immer noch auf die Igel und hoffe, dass diese in ihren Laubhaufen still und heimlich eine Revolution vorbereiten.

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14 Antworten

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    Sehr guter Artikel, werd ich weiter empfehlen!
    Zum Fernseher:
    http://www.youtube.com/watch?v=lstDdzedgcE

    23.05.2007, 17:47 von saskatchewan
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    ich muss sagen, dass mich das jetzt zu Tränen gerührt hat, soviel Emotion und Tiefe, soviel Geist und Tragik. Und auch Wahrheit und so weiter und so fort.

    10.05.2007, 13:19 von odradek
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    für odradek:

    Der Igel kam von dem Treffen der anonymen "ich-starte-eine-revolution"-Gruppe nach Hause... Er bog in die Straße ein, in der sein Laubhaufen steht. Ein Mann mit einem orangen Overall tritt an den Haufen heran. In seiner Hand ein langes Rohr, durch das auf einmal ein starker Luftstrom bläst. Die einzelnen Blätter des Laubhaufens verlieren sich im Winde.
    ... Der Igel weint eine träne, sein Herz brach entzwei. Sein Heim war vom Winde verweht. Alles was er liebte, wofür er lebte, das es ihm Wert war eine Revolution zu starten - war vernichtet, flog in seinen Einzelteilen mit den Vögeln über das Land...
    Wer liebt, muss loslassen können, dachte sich der Igel.

    10.05.2007, 12:46 von Keuner
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    Sehr schön. Aber hättest du nicht noch irgendeine dramatische Liebesgeschichte einbauen können? So muss ich leider sagen: Überhaupt nicht Neon-tauglich.

    10.05.2007, 12:32 von odradek
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    @mezzanine:

    Natürlich kann man beim Fernsehen differenzieren. Aber ich muss LudwigMartin schon recht geben: Fern sehen ist die wohl passivste Tätigkeit die es gibt. Und es gibt zu viele Menschen die sich tagein tagaus vorm flimmerkasten berieseln lassen.

    Und wo bliebe hier der satirische Spott, wenn nicht in der nicht-differentierten Übertreibung? :-)

    10.05.2007, 12:21 von Keuner
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    Cooler Abriß! :-)

    "Entertainment erwürgt den Keim jedes künstlerischen, philosophischen, kritischen oder einfach nur notgeilen Gedanken"
    mein Lieblingssatz.

    Zum Internet:
    Sehe ich nicht apokalyptisch. Das Fernsehen ist die Höchstform des Konsumterrorismus inklusive absoluter Passivität. Eine Talsohle, die mit Hilfe des Internets eher überwunden wird.
    Es braucht nur den Mentalitätswechsel, das Internet nicht wie einen Fernseher zu nutzen.

    10.05.2007, 00:30 von LudwigMartin
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    An Keuner

    Die "Bindungsunfähigkeit" resultiert aus einer zunehmenden Isolation.
    Via Internet kann ich einerseits Kontakt halten (nach Umzügen etc.) aber andererseits auch risikolos neue (meist wenig tiefere) Bekanntschaften schließen. Natürlich ist das Internet nicht allein "schuld" an dieser Entwicklung, jedoch trug es einen nicht unmaßgeblichen Anteil mit bei.

    Natürlich gibt es immer (in jeder Zeit) Personen, die sehr zurückgezogen leben. In der heutigen Zeit ist dies jedoch (im Gegensatz zur Vergangenheit) sehr leicht möglich. Da dieser Lebensstil auch noch äußerst "komfortabel" und mit wenig Anstrengungen verbunden ist, leben ihn natürlich viele Menschen.

    09.05.2007, 23:54 von bibliophile
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