sabrina1980 30.11.-0001, 00:00 Uhr 134 12

Typisch Ossi Tussi

„Im Osten war alles besser!“, wenn ich so was höre, dann dreht sich mir der Magen um. Ein Auszug aus dem Leben eines Kindes in der DDR.

Erst heute habe ich im Internet nach einem Kinderbuch aus der damaligen DDR gestöbert. „Alfons Zitterbacke“, der Held meiner Kindheit. Ich will es haben, unbedingt. Nicht weil es aus dem Osten ist, sondern weil es mir ein Stück meiner Kindheit in Erinnerung ruft.

Sehr oft ertappe ich mich dabei, dass meine Erinnerungen verschwimmen. Viele Details fehlen einfach, ich habe Angst, so vieles zu vergessen. Kaum etwas erinnert heute noch an die damalige Situation, in der ich aufgewachsen bin. Es ist alles anders, die Welt um mich herum ist anders und auch ich bin es.

1980 wurde ich in der Universitätsstadt Jena geboren. Ein uneheliches Kind. Oh je. Das hatte es damals einfach nicht zu geben. Aber es gab es doch. Freistaat Thüringen. Was das allerdings mit FREI zu tun haben sollte, wollte einfach nicht in meinen Kopf. Ich wuchs behütet auf, viel im Grünen, denn Spielzeug hatte ich kaum. Meine Mutter konnte sich nur sehr wenig leisten, andererseits gab es aber auch nicht alles im Überfluss. Mit meiner Kindheit verbinde ich Pfeffis, Puffreis, Schokoflocken und die FRÖSI... das sollte es dann aber auch schon gewesen sein. Ich malte für mein Leben gern, aber Farben gab es nur begrenzt. So begnügte ich mich mit meinen Grundfarben und träumte heimlich von rosa, lila, orange und all den anderen schönen, bunten Farben die es noch gab.

In der Schule wurde der Sozialismus gelehrt, vor dem „bösen Ausland“ gewarnt, die Sowjetunion waren unsere Freunde. Wir waren so stolz, Jungpioniere oder noch besser Thälmannpioniere zu sein, denn dann durfte man statt des blauen Halstuchs ein rotes tragen. Unser Schulalltag war geprägt von Morgenappellen, Pioniernachmittagen, Arbeitsgemeinschaften, Friedenstauben, Ernst Thälmann und Erich Honecker. Noch heute kenne ich die morgendliche Begrüßung der Schulklasse.

„Ich melde die Klasse 1b zum Unterricht bereit. Die Tafel ist gewischt, die Blumen sind gegossen. Es fehlen folgende Schüler...“ Wir stimmten ein Lied an, „...kleine weiße Friedenstaube...“ war unser Favorit. Anschließend erhoben wir unsere rechte Hand über den Kopf, sagten laut und deutlich: „Seid bereit. Immer bereit.“ Alle durften sich setzen. Der Schultag, gespickt mit viel Sozialismus, konnte beginnen. Im Zeugnis wurden nicht nur die Fächer benotet, nein, auch Betragen, Mitarbeit, Fleiß und Ordnung spielten eine Rolle. Die Schule fiel mir zum Glück nicht schwer, ich gehörte zu den Klassenbesten und war ein fleißiger, engagierter Jungpionier. So wie es sich jeder wünschte, der gern in der Deutschen Demokratischen Republik lebte.

Heimlich nahm mich meine Mutter ab und zu mit, in einen Laden namens DELI. Dort gab es ganz viele tolle, bunte Sachen zu kaufen. Am liebsten kaufte sie Schokolade und Käse. Aber keiner durfte wissen das man sich ab und zu mal was aus dem Westen gönnte. Da wurde man gleich blöd von der Seite angeschaut und die Stasi-Akte wuchs und wuchs. Telefon? Was war das? Kannte ich nicht, hatten wir nicht. Farbfernseher? Ich war froh, dass der Schwarzweiß-Fernseher überhaupt was brachte. Ich liebte die Schwarzwaldklinik und heimlich hörten wir West-Radio. Nicky! „I bin a bayrisches Cowgirl“ fand ich so toll... meine Schultüte war gefüllt mit Süßigkeiten aus dem Westen, dass Papier hatte so tolle Farben, ich wollte es nicht wegwerfen, Leuchtlollis waren dabei, ich war hypnotisiert davon. Ich machte die Tüte in der darauffolgenden Nacht platt. Nichts sollte übrig bleiben, wissen durfte es eh keiner, aber das Papier glättete ich sorgfältig und hob es auf. Zur Erinnerung.

Selten gab es frisches Gemüse wie Tomaten oder Gurken, und wenn, dann wurde es immer schön aufgeteilt. Niemand sollte zu viel oder zu wenig bekommen. Standen die Menschen im Konsum in Schlangen bis auf die Straße, wurde man einfach hinten dran gestellt. Es konnten nur Bananen oder Apfelsaft sein, so war es immer. Der graue Alltag trottete dahin, ich mittendrin...Entbehrungen von Tag zu Tag.

...und dann kam die Wende. Alles war so aufregend. Ich verstand überhaupt nichts. Unser Begrüßungsgeld holten wir in München ab. Es war der vierte Dezember, ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Alles leuchtete so bunt, alles im Überfluss. Mein kleines Herz klopfte vor Aufregung nonstop. Von meinem Begrüßungsgeld bekam ich einen Walkman in rosa, wow. Was ist ein Walkman und wie kann der rosa sein? Ich war in diesem Moment das glücklichste Kind auf der ganzen Welt. Dazu bekam ich eine Bibi Blocksberg-Kassette. „Die Zauberlimonade“ hörte ich rauf und runter, noch heute könnte ich den Text mitsprechen. Ich bekam ein Malbuch und dazu eine Packung Stifte. 100 Farben. Nie im Leben hatte ich so viele Farben gesehen. Rosa und Lila in mehreren Varianten testete ich und traute mich nie mit ihnen zu malen, denn man wusste ja nicht wie lange sie hielten und ob man jemals wieder in den Genuss dieser Farben kommen würde. Ja, so zog sich das AUFSPAREN FÜR SCHLECHTE ZEITEN durch mein Leben. Schuhe wurden nur zu besonderen Anlässen angezogen, wenn überhaupt. Genauso war es mit der Kleidung. Besonderes Essen gab es nur zu besonderen Anlässen, also warum sollte ich einfach so mit diesen tollen Farben malen? Ohne besonderen Anlass? Ich weiß, dass hört sich an als hätte ich damals ne Klatsche gehabt.

Im Supermarkt gab es so viele tolle Sachen, dass ich gar nichts damit anzufangen wusste. Leute riefen begeistert durch den Supermarkt: „Brigitte, schau mal, das Toilettenpapier ist sogar farbig mit Muster.“ Meiner Mutter fiel vor lauter Aufregung der Geldbeutel aus der Hand. Die Alumünzen aus dem Osten lagen verstreut auf dem Boden. Peinlich dachte ich! Aber war ja auch egal. Es sah ja eh jeder wo wir herkamen. Das konnte man nicht verstecken.

Zurück in Thüringen, im grauen und tristen Osten, wusste ich plötzlich was Depressionen sind. Mit neun. Ich hatte so viel Schönes gesehen, wusste, dass die Welt weiter zu bereisen war als nur nach Usedom, so wie wir es Jahr für Jahr durften...mir war zum Heulen. Mein Herz wurde schwer, ich hatte Angst, dass das alles nur einmalig gewesen sein sollte. Ein Traum, den man einen Tag wahr werden ließ.

Doch zum Glück hielt die Welt die Arme für mich offen. Jetzt lebe ich und genieße mein Leben in vollen Zügen. Vielleicht genieße ich sogar intensiver als manch anderer. Dazu gehört auch eine gehörige Portion Egoismus. Und verdammt nochmal, ich stehe dazu. Der Osten war nicht besser, das sagen nur Leute, die aus ihrem kleinen Kaff nie herauskommen, sich nichts trauen und ihren Frust auf die Glücklichen verstreuen, auf die, die sich etwas getraut haben.

Ich lebe nun seit vielen Jahren in Niedersachsen und nichts würde mich in den Osten zurück bringen. NICHTS."Wichtige Links zu diesem Text"
Was war die DDR?

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134 Antworten

Kommentare

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    Du warst also 9 Jahre alt, als die Wende kam, ein Kind. ist mir irgendwie alles zu wenig differenziert. Ich bin 2 Jahre älter als du und wir hatten zum Beispiel auch bunte Farben, stell dir vor! Und aus rot und blau kann man ja ganz prima lila mischen. Also bitte! Und für Spielzeug hat es für dich armes Kind nicht gereicht (du musstest mit Blättern und Erde im Grünen spielen, wir hatten ja nichts!!!), aber mit der Mutti im Deli-Laden einkaufen, das ging? Durfte aber keiner wissen? Wieso denn nicht? Das waren doch ganz normale Läden in den Einkaufspassagen,war halt nur teurer. Wenn ich sowas höre, dann dreht sich MIR der Magen um.

    In der Schule hieß es vom Lehrer "Für Frieden und Sozialismus seid bereit!", darauf die Schüler: "Immer bereit!" Wie du es geschrieben hast, ist es ja sinnfrei.

    Und in Jena gab es selten Gurken und Tomaten? In den 80ern?

    Mir scheint echt, dass du dich hier einfach mit deiner Ost-Vergangenheit interessant machen willst, dich aber im Prinzip kaum daran erinnern kannst.




    10.04.2012, 16:43 von AndreaM
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    Hehe, ja, an die Pfeffis kann ich mich auch noch gut erinnern. Meine Mutter hat damals ungefähr 700 Mark verdient. Unsere 3 ZWG kostete 23 Mark ein Päckchen Kaffee ca. 35 Mark... Das Kokain der DDR...

    13.09.2007, 21:56 von Teufelsbraten
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    LOL

    11.09.2007, 21:05 von anniworld
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    Das Buch Alfons Zitterbacke hab ich. Ich kann mich noch genau an den Duft aus den Intershops erinnern.
    Manchmal, leider zu selten, riecht es an einer bestimmten Stelle in der Stadt so und dann ist die Erinnerung wieder da. Tolles Gefühl. Aber es ist nicht der Original-Duft. Sondern nur ein Hauch davon. Und dieser süßliche Duft reicht mir aber schon, um die Erinnerung zu erwecken, wenn meine Oma zu Besuch war und wir im Intershop einkaufen gehen konnten, weil sie Bekannte im Westen hatte.

    11.09.2007, 20:56 von anniworld
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    "Schuhe wurden nur zu besonderen Anlässen angezogen, wenn überhaupt"

    jaja, schon klar, die blöden ossis hatten keine schuhe an.
    uns ostsse-urlaub ist doch ne schöne sache.

    17.08.2007, 18:09 von kruemel87
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    Autsch, hier ist aber einiges an Wut heraus gelassen worden. Allein schon die Tonnen von Frage- und Ausrufezeichen... Und die ganzen neuen Geschichtsschreibungen, die hier auftauchen... Bei vielen NeonuserInnen scheint kritische DDR-Betrachtung generell als Abwertung interpretiert zu werden (wobei ich zugeben muss, daß der Artikel selbst nicht wirklich kritisch genannt werden darf. Doch es gibt hier genug andere Artikel, in denen eine DDR-kritische Haltung fast einem Nazivergleich nahe zu kommen scheint)
    freundliche Grüße,
    Ghandi

    12.07.2007, 11:35 von Ghandi
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    Hallo Sabrina,
    warum hast Du nicht die Hintergründe, die Du in einem Kommentar aufblätterst, in Deinen Artikel eingearbeitet?
    Du redest von schlimmer Kindheit in schlimmer DDR (ich hatte eine gute Kindheit in einem Staat, der meinem Milieu feindlich gesonnen war und) - und erzählst von Buntstiften.

    Das ist das Ärgerliche, was einige erregt.
    Armut ist nichts ehrenrühriges und ein armer Staat kann vielen Menschen eine gute Heimat sein. Das eigentliche Problem an der DDR war nicht Armut, sondern Unfreiheit.

    Wenn es wirklich ein ganz persönlicher Text sein soll, dann erwähne doch bitte die DDR nicht so zentral, so daß Deine Aussagen verallgemeinernd wirken.
    Wenn Du erzählst, daß Du damals keine Buntstifte hattest, kratzt Dir dafür keiner ein Auge aus.

    Noch ein paar Worte zum wirklichen Problem der DDR - die Erziehung zum Unmündigen - dessen Folgen leider heute noch nachwirken.
    Ich bin mir ziemlich sicher, daß die Demokratie es sehr schwer hat, in den Köpfen anzukommen. Sehr oft ist nach der Wende von "denen da oben" und den "Bonzen" die Rede gewesen - bei jeder kleinen Sache, die nicht paßt, werden die da oben verantwortlich gemacht.
    Weil man's nicht anders kannte.

    Nun kann man sagen: Gut, wir haben ne friedliche Revolution hinbekommen.
    Die mentale Kraft kam aber nicht aus dem System, sondern einerseits aus Bereichen, die die Systemideologie eben nicht wirklich unterdrücken konnte (sie wollte schon, aber sie hat es nicht geschafft), beispielsweise in kirchlichen Milieus.
    Zum anderen kam sie aus Wohlstandsdefiziten und dem Vergleich mit "dem Westen".

    Die Friedlichkeit des Umsturzes hingegen haben wir nicht dem ostdeutschen Ghanditum zu verdanken, sondern einerseits der politischen Morgenluft in Osteuropa und des wirtschaftlichen Bankrotts der DDR. Es war noch so viel Hirn in den Köpfen der Genossen, daß sie den Unsinn erkannt haben, den es bedeutet hätte, Demonstranten zu verfolgen für den Erhalt eines ausgebluteten Systems.
    Und es gab keine klare Linie aus Moskau wie 1953.

    Die Mentalität, die den Leser aus Deinem letzten Abschnitt (wahrscheinlich ungewollt) anspringt - nämlich den reinen Materialismus und letztlich Neoliberalismus (d.h. ohne Solidarität) - ist ein Ergebnis der DDR-Kultur, in dem die Verantwortlichkeit des Einzelnen für sich selbst und für seine Mitmenschen systematisch abtrainiert worden ist.

    Und das stößt so bitter auf an Deinem Text.

    09.07.2007, 13:42 von LudwigMartin
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    Wenn ich noch einmal höre, dass das mit Thüringen falsch ist, krieg ich nen Schreikrampf. Leute lest doch mal ein bisschen die anderen Kommentare. Die Hölle ist die Wiederholung oder so.

    Ich lese jetzt das Buch von Stefan Wolle "Die heile Welt der Diktatur" und finde es sehr aufschlussreich. Da wird auch beschrieben, wie sich die DDR im Laufe der Zeit verändert hat, dass Honecker anfangs eher akzeptiert wurde als Ubricht, da er viele sozialpolitische Projekte stark finanziell unterstützte (u.a. die Kinderbetreuung) und auch die Versorgungslage verbesserte. Andererseits stand die DDR kurz vor der Wende vor einem fiananziellen Bankrott, da sie sich diese Förderung gar nicht leisten konnte (im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern) und außerdem begann die Bespitzelung durch die Stasi massiv zu werden.

    Die Umfrageergebnisse finde ich auch sehr interessant. Danach stimmten einer negativen Aussage zur DDR in den Jahren nach der Wende wesentlich mehr zu als in den späteren Jahren. Es gibt da Unterschiede zwischen 70 und 48 Prozent. Man könnte es natürlich unterschiedlich interpretieren. Entweder die Vergangenheit wird mit fortschreitender Zeit allgemein beschönigt oder es wurden die Nachteile des westdeutschen Wirtschaftssystems immer deutlicher.

    Ich denke, dass der Zusammenschluss der beiden Staaten zu schnell geschah und einer Übernahme durch die BRD glich. Wenn man da mit mehr Fingerspitzengefühl und mit einer anderen Einstellung vorgegangen wäre, hätte man bestimmt viele Probleme vermeiden können. Die Ossi-Wessi-Klischees würden sich vielleicht in dem Rahmen wie die zwischen Nord- und Süddeutschen halten, aber es wäre nicht zu den Ressentiments gekommen, wie sie auch hier in den Kommentaren deutlich werden.

    07.07.2007, 14:27 von Freydis
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      @Freydis Teile das selbe Schicksal wie sicher 1000e andere auch die, warum auch immer vom, Osten in Westen gehen mussten, allerdings ganz ehrlich muss ich sagen, das mir der Hauptartikel zu stark an materiellen Werten hängt...heutzutage haben wenige zuviel, einige ausreichend und zuviele zuwenig, ob das besser iss als in der DDR wo jeder nichts hatte ,wird jeder, wo er sich grade wiederfindet in unserem System, anders beurteilen, ich für meinen Teil habe mich brav ins System eingefügt und kriege mein Staatsgnadenbrot dafür und sehe alles gelassen....entweder ist es die Freiheit mit der nicht alle umkönnen was zuviel ist, oder das Volk schreit nach strengerer Führung...einig wird es sich wohl nie...

      08.07.2007, 23:12 von wsfcaps
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    ich werde den artikel meiner mutter ausdrucken. die floh 1954 mit familie und einem koffer vor der stasi...

    07.07.2007, 13:50 von mechakucha_76
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