MrDeeds 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Triff mich, wenn du kannst!

Handys sind ein wundervoller Portemonnaie-Ersatz, aber sie ersetzen keine Bar.

Ich bin der Inbegriff von Heuchelei und Bigotterie, wenn es um einige bestimmte Aspekte im Leben geht.  Über die Kirche schimpfe ich seit meiner späten Jugend, gehe aber regelmäßig dorthin. Essen gegenüber bin ich sehr kritisch, wenn ich es auswärts zu mir nehme, stehe aber auf Burger King und Subwaysandwiches. Auch schimpfe ich permanent darüber, wie überteuert, unbequem und überhaupt unbenutzbar die Züge der Deutschen Bahn sind (vor allem in der der ersten Klasse), kaufe mir aber auf der Fernstrecke immer erste Klasse Tickets, um hauptsächlich von Kindern weg zu bleiben. Menschen, die keine echten, auf Papier gedruckten Bücher kaufen, haben es auch schon von mir abbekommen, bevor ich es auf langen Reisen zu schätzen lernte, mehrere literarische Werke im iPad zu haben, um mir somit viele wertvolle Kilogramm an Gepäck zu sparen, die ich für hervorragenden Überseeschnaps nutzen konnte. 

Eine Sache ist momentan aktuell und hier bin ich wohl Heuchler aus Prinzip - Online Dating Plattformen. 

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich  bin unter meinen Freunden und Bekannten die wohl technikaffinste Person (nur mein Kumpel Toni aus Berlin schlägt mich um Längen mit seinen App-gesteuerten Heizkörpern und Luftfeuchtigkeitsmessern), aber wo Zwischenmenschliches beginnt oder beginnen soll, muss man sich physisch bewegen - das zumindest ist mein Credo. Ja, ich verschicke natürlich Textnachrichten mit dem Handy, aber dies auch nur an Menschen die ich kenne, nicht an die, die ich gerne kennenlernen würde. 

Das Gespräch über die Verachtung von Dating via Netz hatte ich heute, als mir eine liebe Kollegin und Freundin offenbarte, wenn das Wetter am Sonntag schön sei, sie ein Date mit einem Koch, den sie online kennengelernt hat, hätte. Generell findet sie Köche schwierig, denn die würden nur jammern, wenn man mit denen essen geht, aber anscheinend hat der gute Mann wohl ein sehr ansprechendes Cyberdasein. Letzteres hat sie nicht gesagt, aber sie verabredet sich schließlich (nur wenn schönes Wetter ist, am Sonntag) mit einem Koch, und obwohl er laut ihrem Weltbild einer anstrengenden Spezies angehört, scheint er interessant zu sein. All dies, weil sie ja im Alltag keine Zeit hat, Menschen kennenzulernen. Der Alltag zwischen Büro, einem Nebenjob und dem Fitnessstudio ist schließlich ein völlig durchgeplanter und wenig sozialer Alltag. 

Außerdem reden ja Menschen in der S-Bahn nicht mehr miteinander, sie starren nur in ihr Handy, wie um alles in der Welt soll man da jemanden kennenlernen? 

Ich lauschte den Ausführungen und meine innere Verteidigungslinie fütterte mich sofort mit einem - in meinen Augen - unschlagbaren Argument: Wir sind faul geworden. 

Bitte nicht missverstehen, das Internet, das Handy und all die coolen elektrischen Dinge wurden absichtlich dazu erfunden, uns Menschen das Leben zu vereinfachen. Ich nutze mein iPhone auch als Zugticket-, Boardkarten-, Kinoticket- und Starbuckskartensammelort, es erspart viel Papier und Sucherei in den Hosentaschen. Auch, wenn wir in Deutschland diesem Trend im Vergleich zu anderen Ländern meilenweit hinterher sind, glaube ich, dass es diese kleinen Dinge sind, die unser Leben praktisch vereinfachen. Aber das Kennenlernen von Menschen ist kein kleines Ding, es geht mit einer emotionalen Interaktion einher und spart uns manchmal mehr Zeit, als wir meinen. Viele von uns vergessen nämlich die unterbewusste Fähigkeit unseres Gehirns binnen von Sekunden zu entscheiden, ob wir einen Menschen mögen oder nicht. Gefällt wird diese Entscheidung unter Berücksichtigung wahnsinnig vieler Faktoren, angefangen von der Gesichtssymetrie, über Stimme, Haltung und endend bei einer Gesamtausstrahlung und sogar dem Geruch. Aus irgendwelchen (in der Evolution verankerten) Gründen weiß unser Hirn, was gut für uns ist. Dagegengestellt sind ein bewegungsloses (in den seltensten Fällen unretuschiertes) Onlineprofilbild und eine Menge Textnachrichten, so aussagekräftig wie die Verkaufsargumente bei einem Verkaufsfernsehsender. 

Eine andere Freundin hat es da heute beim Mittagessen auf den Punkt gebracht: Es ist viel bequemer potenzielle Kandidaten vorher schon nach Interessen zu filtern, als seine Zeit zu verschwenden, jemandes Interessen ergründen zu wollen. 

Das klingt, als hätte man heute generell keine Zeit, diese in die Partnersuche zu investieren. Und wenn ich darüber nachdenke, klingt das auch so trist und hoffnungslos, wie es sich liest. 

Unser Alltag hat sich in vieler Hinsicht zum Besseren verändert. Die meisten von uns arbeiten heute halb so viel wie die Generation unserer Großeltern und der Tag hat immer noch 24 Stunden. Wir altern nicht schneller, leben sogar immer länger, was uns so gesehen mehr Zeit gibt. Und diese wollen wir scheinbar nicht damit verschwenden Menschen zu begegnen, die sich auch als pure Enttäuschung herausstellen können. Wir stumpfen ab, nicht nur, weil wir nicht mehr von Angesicht zu Angesicht reden, sondern weil uns manchmal die Enttäuschungen fehlen, aus denen man vor einigen Jahren gelernt hat. Und was heute die smartphonestarrenden ÖPNV-Nutzer sind, waren vor 30 Jahren die zeitungslesenden Pendler. In der Bahn zu reden war irgendwie niemals das große Ding von uns Deutschen, die persönliche Distanz über alles schätzen. Und ich selbst habe in einer Bar schon mindestens 100 Mal daneben gegriffen, als ich jemanden ansprach, aber hat mich das abgeschreckt? Natürlich nicht, denn ich merkte binnen Sekunden, ob die Wellenlänge da ist oder nicht. Und ich tue es wieder und wieder, ohne Angst davor, Zeit zu verlieren, um Menschen kennenzulernen. Auch suche ich Bars auf, wenn es am Sonntag regnet, denn schlechtes Wetter macht Begegnungen interessanter, es verleiht ihnen oftmals einen einzigartigen, atmosphärischen Rahmen. Außerdem glaube ich daran, wenn jemand auf der Suche nach einer schnellen Nummer ist, findet er sie durchaus zwischen Tür und Toilettentür in jedem Laden. Es ist diese traurige Mischung aus Angst und Bequemlichkeit, welche Menschen tindern oder parshippen lässt. Meine Befürchtung ist, dass ich früher oder später um diese Methode nicht herumkommen werde, denn von jenen, die meine Ansichten teilen, werden bald nur wenige bleiben. Aber solange es sie noch gibt bin ich dafür das Handy für Tickets, Kreditkarten und praktische Mitteilungen zu nutzen, nicht aber dafür, den Deckel für mich als vermeintlichen Topf zu finden. Denn feige sein, das ist eine Sache, diese Angst aber dann hinter einem vier-Zoll-Display zu verstecken, eine noch viel schlimmere. 


Tags: dating, handy
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