alb1no 30.11.-0001, 00:00 Uhr 21 16

Totgeburt Landei

Die Stadt in der ich lebe ist nicht die Stadt in der ich geboren wurde. Die Stadt in der ich geboren wurde war hässlich.

Die Stadt in der ich lebe ist klein und hässlich.
Klein auf der Karte und klein im Geiste.

Diese Stadt ist so klein, dass der Stadtbus ein umgebauter Mercedes Sprinter ist.
Das spielt allerdings keine Rolle, da man hier als asozial gilt, wenn man mit dem Stadtbus fährt. Jeder kann sich ein Auto leisten. Familien in der Regel zwei. Es gibt keine Unter- oder Oberschicht. Es gibt nur einen Brei aus südhessischem Heile-Welt-Wohlstand.

Hessisches Ried nennt sich diese Gegend, in der ein Dorf dem anderen gleicht und wie die Kopie einer Kopie einer Kopie immer hässlicher wird. Diese Erkenntnis manifestiert sich schnell, gibt es hier doch keine einzige Erhebung geschweige denn Hügel, die den Blick von einer Gemeinde zur nächsten verbergen könnten. Das Land ist flach und flacher noch als der Boden sind hier höchstens die Menschen. Die Bewohner im Ried werden von den umliegend lebenden Menschen liebevoll "Riedochsen" genannt.

Ich nenne die Stadt in der ich lebe gerne Seelenfresser.
Der Seelenfresser ist jedoch kein Monster, das sich auf dich stürzt, um dir mit Krallen und Zähnen deine Träume aus dem Leib zu reißen. Dieser Kleinstadt-Seelenfresser ist wesentlich heimtückischer und geduldiger. Er wartet und wiegt dich in Sicherheit. Solange bis du selbst an diese Sicherheit glaubst, dich vor allem außer ihm fürchtest oder dein Interesse verlierst. Du läufst über die Jahre auf sein offenes Maul zu, während er auf dich wartet. Vielleicht erkennst du im Vorrübergehen noch die Zähne, ignorierst sie aber einfach, weil du schon zu lange gelaufen bist. Dann, noch bevor er sein Maul schließt, liegst du tot auf seiner Zunge und er schluckt dich, mitsamt deiner Träume und Erwartungen.

Es gibt in meiner Familie nur einen Menschen, der diesem Monster entkommen ist. Mein Vater. Der Preis den er dafür zahlte war die Kindheit von mir und meiner Schwester, die er nie miterlebte. Meine Mutter hingegen versuchte ihr Leben lang vor dem Seelenfresser davonzulaufen, schaffte es aber nie. Der Preis den sie dafür zahlte war der Alkoholismus. Meine Großeltern hatten nie die Wahl hier rauszukommen. Vielleicht auch nie das Bedürfnis. Sie sind heute nur noch Gefangene in ihrem eigenen Leben. Ihr Blick durch die Gitterstäbe, hin und wieder eine schöne Erinnerung oder ein Gedanke an die Träume, die sie schon in ihrer Jugend begraben mussten.
Früher war dein Leben hier vorbestimmt.
Du wurdest hier geboren, heiratest hier und würdest auch hier sterben. Generationen verbrachten hier so ihr Leben und Generationen werden es auch weiterhin so tun.

Ich hasse diese Stadt.

Wenn ich heute zu meinem Hausarzt gehe, weiß ich wer nächste Woche auf dem Friedhof liegt. Es gibt Verwandte, die ich häufiger beim Einkaufen treffe, als wirklich innerhalb der Familie. Unsere Zeitung schreibt darüber, wie die freiwillige Feuerwehr den Stadtbrunnen geputzt hat. Feiert diese als Helden und nicht als das was sie sind. Ein Haufen unsportlicher, saufender Proleten, die sich mit ihrem Pieper am Gürtel wichtig tun.
Das Heimatkundemuseum könnte mit etwas Glück in mein Zimmer passen, nicht aber der plumpe Stolz der wirklich leidenschaftlichen Einwohner dieser Stadt.
Die Kerwe ist heilig und heiliger ist vielleicht nur der Bürgermeister, der wie der Papst mit seinem Amt stirbt, da er niemals abgewählt wird.
Wenn du dich mittags auf eine Parkbank setzt, um in der Sonne deinen freien Tag zu genießen und dabei eine Cola trinkst, wird man über sich sagen, du seist arbeitslos und trinkst mittags Bier, während du Leute anpöbelst. (Mir selbst so passiert)
Ich kann das Leben gewisser Menschen vollständig zurückverfolgen und beobachten, obwohl wir noch nie ein Wort gewechselt haben, nur weil wir derselbe Jahrgang sind.
Hier wird "Wer-kennt-wen" real.

Es gibt hier nichts. Nicht mal Arbeitslose. Die paar wenigen, finanziell schwächer gestellten, kennt man, doch selbst für sie ist das Leben hier keine Tortur.
Die Behörden haben Zeit und keine wirklichen Probleme, bis auf die Auswahl der diesjährigen öffentlichen Blumenkübelbepflanzung.
Die Straßen sind eng, weshalb jeder zur Hälfte auf dem Gehweg parkt. Noch Enger sind daher nur die Spalten, durch die Mütter ihre Kinderwägen schieben, auf dem Weg zum den Kindergärten, die natürlich immer freie Plätze haben.

Und ja als Kind hat man es hier wirklich schön. Es gibt vergleichsweise viel Natur, keine bekannten Pädophilen und wachsame Nachbarn über 60, die den Ball zerstechen, der über den Zaun fliegt. Weiterhin gibt es vorbildlich ausgestattete, bildungsklassistische Schulen und mit 15 Jahren den ersten Motorroller mit lautem Auspuff.

Für die jungen Erwachsenen sieht es dann aber schon etwas düsterer aus. Im Allgemeinen sieht man sie nur selten auf den Straßen, um die Mittagszeit schon gar nicht. Sie langweilen sich abends vor ihrem Computer, treffen sich an beleuchteten Bushaltestellen oder fliehen mit dem Zug in die umliegenden echten Städte.
Sie bekommen hier nichts geboten. Keine Bars oder Cafes, keine Jugendtreffs, die etwas hergeben und keine Abwechslung. Dafür haben wir hier etliche Kneipen, die nur noch von den Stammalkoholikern/ehrenwerten Handwerkern am Leben erhalten werden.
Eine Spielhalle nach der anderen entsteht in diesem Dorf, ohne dass ich jemals jemanden dort rein oder rauskommen gesehen habe. Aber irgendwie müssen die Albaner ja ihr Geld waschen und die Stadt freut sich über die Steuern für neue Blumenkübel. Gewann man doch erst kürzlich den Preis als grünste Blumenstadt im Umkreis. Ich frage mich wann der Preis für die stumpfsinnigsten Einwohner im Umkreis verliehen wird.

Für die hier ansässigen Herrschaften mittleren Alters, besteht der Sinn ihrer Existenz darin, sich ein hübsches Fertighaus in einem Neubauviertel zu kaufen, den SUV abzuzahlen und sich gegenseitig auf Elternabenden, mit den Erfolgsgeschichten ihrer Kleinen beim Tennisspielen zu übertrumpfen.

Die wirklich Alten bereiten sich langsam auf den Tod vor. Sie sitzen entweder in dem neugebauten, supermodernen Altenheim oder weigern sich ihr Haus zu verlassen, bis sie das Zeitliche segnen. Die Zeit dazwischen wird mit Anekdoten über die "gute alte Zeit" gefüllt. Denn früher war das Leben zwar härter, aber auch alles besser. Das Leben muss so hart gewesen sein, dass ich mich nach den Geschichten meiner kürzlich verstorben Urgroßmutter (letztlich sogar Ururgroßmutter), nur als erbärmlicher Waschlappen fühlen kann. Aber man beschwerte sich damals nicht.
Der Grund: "Man hatte ja nichts!"

Man hatte nicht einmal die Wahl ein anderes Leben zu führen. Die Grenzen des Dorfes ,in dem man geboren wurde, zu überschreiten, um vielleicht das Risiko einzugehen ein anderes Leben zu führen. Selbst heute tun das nur sehr wenige. Vielleicht verbringen sie eine Weile wo anders, doch viele zieht es wieder hierher zurück. In die Heimat, die meiner Meinung nach nichts Heimatliches hat. So wie meine Mutter, die viel zu spät erkannte, dass sie dieses Kleinstadtleben, die ständig wachenden Augen der Nachbarn nie wollte. Doch ihre Träume wurden, mit Hilfe ihrer eigenen Ohnmacht und der gesellschaftlich generierten Bequemlichkeit, vom Seelenfresser Kleinstadt verschlugen.

Mein Vater, der mir immerzu sagt ich müsse hier raus, hat diese Flucht geschafft. Er hat noch einmal zwei kleine Töchter bekommen, die ich sehr liebe. Er lebt heute mit seiner Frau und meinen beiden Schwestern am Rand eines Winzerdorfs, in einer alten Wassermühle, am Hang eines Weinbergs. Auch wenn dieser Eindruck gerne mal einen sentimentalen Brechreiz bei jungen Menschen auslöst, ist es das für ihn schönste Leben. Und obwohl das Dorf in dem er heute lebt noch kleiner ist, kann es für ihn nicht mehr zum Seelenfresser werden, da er seine Träume niemals fressen ließ, wie ein großer Teil meiner Familie.

Ich persönlich plane meine Flucht noch für dieses Jahr. Im Oktober möchte ich mich in die Anonymität einer Großstadt zurückziehen. Meine Jugend mit allen dortigen kulturellen Vorzügen auskosten.
Ich glaube die meisten Menschen existieren. Wenige leben. Und die allerwenigsten erleben. Der Drang und Antrieb, dieses Habitat aus verkorkstem Dorfgewäsch zu verlassen, ist für mich das Pflichtgefühl gegenüber mir selbst, größere Erwartungen zu haben, welches sich glücklicherweise schon als Kind in mir bildete. Es wird also höchste Zeit für mich!
Und wenn dich deine Oma mit den Worten "Ich muss kacken, Marc!" aus dem Bad schickt, dann weißt du, dass irgendetwas schiefgelaufen ist und du vielleicht gar nicht mehr hier sein solltest."Wichtige Links zu diesem Text"
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21 Antworten

Kommentare

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    Kennt jmd Bingen? Wird gerne als Herkunftsstadt bei Talkshows genannt... im Ernst. Ein andernmal lebte ich einem Kurort in Hessen... insgesamt zog ich 13 mal um im Leben. Einige Dörfer passen perfekt auf das, was du erzählst. Un ich muss sagen, hab Auge für die kleinen Dinge. Selbst im unkulturellsten "Kleingeist"-Dorf findest du Gleichgesinnte. Wir waren nicht viele, aber wir hatten uns, unsere Musik, schmissen zusammen um in die Stadt zu Konzerten zu trampen. Verbrachten Abende bei uns zu Hause statt im turbolenten Großstadtclub bei den angesagten Kindern. Wir hrten die gleiche trendige Musik, lasen die gleichen Popkulturellen Autoren. Auch wenn ich selbst das Leben in der Stadt bevorzuge, das schlimmste Kaff hat irgendwo seine eigene Szene (: Natürlich ist in der Stadt alles offensichtlicher, in Dörfern muss man oft tiefer graben.

    26.08.2010, 16:34 von good-friday
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    Ich kann das alles als Landbewohner gut nachvollziehen, aber für mich als "Hiergebliebene" drängt sich die andere Seite auf.
    Wenn alle so handeln und gehen, kann sich auf dem Land ja nichts neues und besseres entwickeln. Wer macht schon eine Kneipe für Nichtrentner auf, wenn alle, die im "alkoholfähigen" Alter sind schnellstmöglich in die nächste Stadt ziehen? Wer organisiert Konzerte für die 5 Übriggebliebenen?

    Um genau die beschiebenen Strukturen zu verändern, braucht es mehr mutige Dableiber, die Kraft und Mut haben, frischen Wind in Kleinstädte und Dörfer zu bringen! Denn was ihnen fehlt, sind junge Leute die etwas verändern wollen!

    23.08.2010, 22:36 von Marie...
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    ich geb dir ein jahr in einer wirklichen großstadt..
    mensch_innen sind doch im groben über all gleich. du wirst in jedem land irgendwo parallelen erleben, und erst recht in jedem dorf / stadt / kleinstadt in deutschland. ähnliche denkmuster, ähnliche partys, ähnliche handlungsweisen und verhaltensmuster.. über all der gleiche menschenmüll ;) in der stadt gibt es nur einen "vorteil": es gibt so viele mensch_innen auf einen fleck, dass man es leichter hat mitmensch_innen zu finden die ähnlich denken, ähnliche ziele verfolge..

    aber im großen und ganzen kann ich sagen: ich stelle mitlerweile die breite dorfgemeinschaft über den weiterverbreiteten, gemeinen bobo und yuppie der stadt.. (auch wenn ich gern in meiner stadt lebe.. )

    20.08.2010, 13:27 von Vici.Vicious.
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    Sehr gut geschrieben, man merkt den Frust, fühlt sich mittendrin und will nur noch da weg.

    Halt durch, bis Oktober dauert es nicht mehr lange.

    19.08.2010, 12:06 von freaky-nea
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    ...Ich wohne zwar nicht direkt im Ried, aber es ist direkt um die Ecke und ganz so krass ist das bei mir im "Dorf" auch nicht, aber es kommt mir alles ein bekannt vor. (meine Flucht ist auch schon geplant ;-)

    Der text gefällt mir.

    18.08.2010, 12:34 von gruener_Regenschein
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    Ich selbst dachte früher auch, dass sich alle in der Kleinstadt nur um sich selbst kreisen und es bemitleidenswert sei, dass sie ihr Leben gerne leben und dies auch nie versuchen werden, zu ändern. Sie bleiben ein Leben lang in der selben Kleinstadt und ein Arbeitsleben lang im selben Job. Aber sie sind zufrieden damit.
    Mir war das zu wenig. Ich bin vor 4 Jahren 400 km weit weg gezogen. Wieder in eine ländlichere Gegend, jedoch mit sehr guter Anbindung zu bemerkenswert vielen Großstädten im Umkreis von 30-50 km in alle Richtungen. Hier war ich anonym, hatte weiterhin Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden und Bekannten der Heimat. Hier gewann ich auch neue Freunde, bin somit längst nicht mehr anonym. Wenn ich zu Besuch in der Heimat bin, freuen sich alle, mich mal wieder zu sehen. Ich bekomme sporadisch Besuch aus der Heimat. Und ich kann jederzeit wieder zurück kommen.
    Das was es für mich ausmacht, ist einfach anderes zu erleben. Andere Menschen, Neuanfang, auf sich allein gestellt zu sein und die Tatsache, sein Selbstbild neu gestalten zu können. Sozusagen eine Erweiterung des eigenen Horizontes.
    Bei der nächsten guten Gelegenheit, würde ich auch noch weiter weg ziehen. Nicht weil ich meine Heimat nicht mag, sondern weil ich den Drang nach Veränderung und Abenteuer habe. Seit ich weggezogen bin, hab ich gelernt, meine Heimat zu lieben und zu schätzen, mit samt aller Erinnerungen und Menschen, die damit verbunden sind.

    17.08.2010, 21:07 von nyx_nyx
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    Lob an die Redaktion für die Auswahl des Textes.

    17.08.2010, 18:57 von Novel
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    ist mir persönlich jetzt auch zu stark verallgemeinernd. ich meine, ich bin ja auch ein landei, aber provinz ist im kopf, und wenn mir irgendwelche hippe großstädter wie neulich in berlin die weite welt erklären wollen, regt sich in mir zumindest unmut, wenn nicht aggressiveres.

    und vielleicht ist das ja nur auf "meinem" land so, aber obwohl ziemlich viele deiner - treffend beobachteten - bösartigkeiten auf mein kaff zutreffen, finden sich dort auch einige risse in der heilen welt, die man hier nicht vermuten würde: eine ziemlich vielfältige drogenszene, alkohol, prekäre arbeitssituationen, ausländerfeindlichkeit (jaja, die albaner sind aber auch überall) und arroganz - von denen, die mal weg waren und wiedergekommen sind, um Hinz und Kunz davon zu erzählen.

    ganz okayer text, von dem ich mir etwas mehr vielschichtigkeit (gibts das?) erwartet hätte.

    17.08.2010, 18:22 von misspringle
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