Tolltage
Weshalb so viele Menschen den Fröhlichkeits-Knopfdruck brauchen um fröhlich zu sein, wird selbst mir als jeckes Geblüt ein Rätsel bleiben. Für immer.
Ich lebe im Rheinland. Besser gesagt, in Düsseldorf und neben Köln und Mainz ist Düsseldorf eine der karnevalistischen
Hochburgen Deutschlands und wie jedes Jahr herrscht hier von
Altweiberdonnerstag bis Veilchendienstag der jecke Ausnahmezustand und
es wird gesoffen, gebützt, geschunkelt und gepoppt, was die kollektive
Fröhlichkeit hergibt. Schließlich ist das Leben ja schon hart und dröge
genug und ein bisschen Spaß muss sein, denn man gönnt sich ja sonst
nichts. Dem ist erstmal nicht zu widersprechen, weil, Lachen ist ja
gesund.
Nur bleibt einem schnell mal das Lachen ungesund im Halse stecken,
beobachtet man als eher Unbeteiligter das närrische Treiben in den
Straßen und Kneipen dieser meiner Stadt. Es scheint, als hätte irgendwer
pünktlich um 11 Uhr 11 mit einem Knopfdruck all jenen, die sonst zum
Lachen in den Keller gehen, einen Freifahrtschein zum unbedingten
Lustigsein verpasst, und das natürlich nicht ohne Pappnase und sonstige
eher unangenehme Nebenwirkungen, die sich besonders am Ende eines solch
feucht-fröhlichen Tages in all ihrer traurigen Pracht zeigen.
Was sich am Tage vielleicht noch recht annehmbar darstellt, denn man
muss auch als Karnevalsmuffel „jönne könne“, wie der Rheinländer zu
sagen pflegt, mutiert zur vorgerückten Stunde und mit zunehmendem
Alkoholpegel des jecken Völkchens zu einem unlustigen Schauerstückchen.
Stockbesoffene Menschen, egal welchen Geschlechts, torkeln grölend und
sich am Bierglas festhaltend über die Straße, pöbeln gar nicht mehr
lustig jeden an, der ihnen nicht auf der Stelle ein freudiges „Helau“
entgegenschmettert, oder liegen längst voll gekotzt und bepisst
schnarchend in den Ecken rum – Hauptsache, die am Morgen aufgesetzte
Pappnase sitzt noch da, wo sie sitzen soll.
In den völlig überfüllten Kneipen ein ähnliches Bild, nur mit dem
kleinen Unterschied, dass sich dort zudem die noch standhaften Jecken
alle wild fummelnd und sich gegenseitig die Zungen in den Hals steckend
aneinander festkrallen – um erst später gemeinsam unter den Tresen zu
knallen. Weiter fummelnd, natürlich. Egal, aus welcher
Gesellschaftsschicht sich an diesen tollen Tagen zusammengerottet und
absolute Hemmungslosigkeit zelebriert wird:
Karneval ist und bleibt ein Phänomen.
Es scheint tatsächlich so, als wären diese paar Tage für viele, die im
restlichen Jahr mit frustrierter Miene rumlaufen und sich ansonsten am
liebsten selbst der Nächste sind, die Gelegenheit, so richtig die innere
Sau rauszulassen. Als wäre es im normalen, sonstigen Leben einfach
nicht möglich oder schick, lustig zu sein. Es kommt einem so vor, als
könnten die wenigsten Menschen einfach dann fröhlich sein, wenn ihnen
wirklich und echt der Sinn danach steht. Natürlich gibt es andererseits
auch viele, die auch außerhalb der jecken Tage den grinsenden Schalk im
Nacken sitzen haben – grundsätzlich ist das aber nicht, wie jedes Jahr
aufs Neue festzustellen ist, und es scheint jedes Mal heftiger und
haltloser zu werden.
Liegt es daran, dass es vielen Menschen heutzutage schlechter geht, in
Zeiten von Wirtschaftskrisen, Terror und Kriegen? Muss deshalb auf
Teufel komm raus und bis zum Umfallen zu Karneval geschunkelt werden, um
den Rest des Jahres ertragen zu können – oder ist Mensch einfach nur
Mensch und nutzt lediglich nur die Gelegenheit einer zusammenrückenden
Schafsherde, um mal wieder allzu menschlich miteinander zu sein, weil
genau das im normalen Alltag nicht mehr möglich scheint?
Wenn das so sein sollte, ist das ziemlich traurig und genauso verkatert
ernüchternd wie das Amen in der Kirche an einem grauen Aschermittwoch. Na denn, Helau!
Oder so.






Kommentare
Ich kanns nicht verstehen, und wenn man nicht teilnimmt, muss man sich davor hüten damit in Berührung zu kommen, ist meine Erfahrung.
08.02.2013, 17:20 von EliasRafaelDabei mag ich eigentlich Verkleidungen, c'est la vie.
du kannst ja mal ne verkleidungsparty veranstalten.
08.02.2013, 18:03 von nnoaaHab ich doch ständig im Kopf,
08.02.2013, 18:07 von EliasRafaelcoool! lädst du mich mal in deinen kopf ein??
08.02.2013, 18:12 von nnoaaKlar! Aber erst nach Karneval ;-)
08.02.2013, 18:14 von EliasRafaelwarum erst dann?
08.02.2013, 18:18 von nnoaabitte jetzt schon, ich halt es hier nicht mehr aus!! :D
Ich glaube in deinem vorletzen Absatz hast du die Frage echt schon selbst beantwortet. Ich habe auch den Eindruck, dass die Verzweiflung und Sorgen vieler Menschen von Jahr zu Jahr intensiver wird und sich das dann ebenso auf die Karnevals-/Faschingzeit auswirkt, dieses Ventil wird einfach immer wichtiger. Es scheint wie ein Freifahrtschein zu sein, endlich Druck ablassen zu können. Finde ich auch bedauerlich, aber andererseits: was wäre wohl, wenn die Menschen selbst das nicht hätten?
08.02.2013, 16:55 von Mrs.McH