Oliver_Bach 06.11.2007, 10:55 Uhr 0 0

Toleranz - All you can eat?

Toleranz muss ihre Grenzen haben, sie ist kein Flat-Rate-Produkt, das auf dem All-You-Can-Eat-Buffet endlos in Anspruch genommen werden kann.

Die Anschläge in New York, Madrid und London sind in ein wunder Punkt in der Geschichte der modernen Gesellschaft. Sie werden wahrscheinlich erst einigermaßen hinreichend verheilt sein, wenn wir unseren Enkelkindern davon erzählen: „Ja, damals, kurz nach der Jahrtausendwende...“ Doch die geschichtliche Aufarbeitung der terroristischen Gewaltakte hat schon begonnen und wird zur Genüge auf unterschiedlichstem Niveau repetiert. Von geisteswissenschaftlichen Seminaren und Kolloquien in den Universtitäten bis hin zu Nicolas Cage im Feuerwehrhelm, – das Räderwerk der Erinnerung läuft ausgiebig.
Der islamistische Terror hat jedoch auch eine Wunde geschlagen, die erst allmählich zu brennen beginnt: unser Selbstverständnis von Toleranz ist leckgeschlagen. Eine wohl Jahrzehnte lange Gewissheit, was Toleranz und ihre Grenzen seien, hat nunmehr Schlagseite. Treffender: wir merken erst jetzt, dass diese Gewissheit eine trügerische war, und, wo ihre Grenzen ungefähr liegen, ahnen wir nun, da sie schon überschritten sind. Die Toleranz des westlichen Abendlandes ist gerade deshalb eine so gewachsene, weil sie über eine hohe Autoreflexivität verfügt. Ist ein Mitteleuropäer tolerant, so überlegt er gleichzeitig zumeist, ob er tolerant genug ist. Wo in der bisherigen Menschheitsgeschichte auf Aggressionen wie 9/11 zermalmende Vergeltungsschläge folgten , hält der gebildete Abendländer inne. Und er hegt Verständnis für das geistesgeschichtliche Dispositiv des Mannes, der seine U-Bahn in die Luft gejagt hat: welcher Gesellschaft entstammt er, welche Sorgen plagen diese Gesellschaft?
Diese Haltung ist löblich und darf nicht verschwinden, wenn der Progress der Weltgesellschaft nicht gestoppt werden soll. Jedoch ist die durch den islamistischen Terror verursachte Lage diese: die Anschläge wie auch die dazu veröffentlichten Bekennerschreiben und –videos waren Gewalttaten gegen Anders-, d.h. Falschgläubige, sie waren Akte einer expliziten Intoleranz. Damit sind wir bei jener Grenze der Toleranz, die überschritten worden ist. Toleranz darf per definitionem keine Intoleranz tolerieren, wenn sie sich nicht pervertieren will.
Toleranz muss ihre Grenzen haben, sie ist kein Flat-Rate-Produkt, das auf dem All-You-Can-Eat-Buffet endlos in Anspruch genommen werden kann. Kulturelle Unterschiede und ihr Aufeinandertreffen sind leider in den seltensten Fällen ein quietschbunter Ringelpietz mit Budenzauber, wie es das Münchener Tollwood-Festival vielleicht oft suggeriert. Orientalische Brokatteppiche aus Tausendundeiner Nacht jenseits der staubigen Krisengebiete, Digderidoo und Bumerang jenseits des Hungers des australischen Outbacks – das ist lediglich Interkulturalismus light. Unsere Toleranz wird doch schon längst nicht mehr von der Frage auf den Plan gerufen, ob einem indische Räucherstäbchen oder eine altbayerische Meerschaumpfeife das Zimmer vollqualmen! Das haben wir hinter uns. Interkulturelle Begegnungen, also Prüfstände der Toleranz beginnen erst dort, wo sich die Münder öffnen und Gedanken ausgetauscht werden.
Dass sich da teilweise arge Gegensätze auftun, die unvereinbar sind, ist so normal wie notwendig. Wenn man zum Beispiel einen gewissen aufgeklärten Feminismus denkt und lebt, kann man bezüglich der Geschlechterrollen in gewissen Glaubensrichtungen nun mal keinen Freudentanz aufführen. Kritisiert jemand die niedrige Rolle der Frau, geschieht das nicht aus einer Regressivität des Kritikers heraus, sondern weil der Gegenstand seiner Kritik regressiv ist.
Es soll gar nicht darum gehen, ob der eine progressiver und andere regressiver ist. Der Kritiker der genannten Geschlechterasymmetrie greift mit seinen Äußerungen noch lange nicht in die betreffende Kultur ein und er weiß zumeist auch, dass das gar nicht funktionieren würde. Progress ist Prozess, er ist etwas im Menschen selbstständig Gewachsenes und man kann ihn dem Menschen nicht von außen aufzwingen. Aber äußern darf sich der Kritiker, das ist das Gebot einer gewissen Meinungsfreiheit und das ist die privilegierte Natur des denkenden Menschen.
Der in soziologischen Dingen fortgeschrittenere Mensch kann seinen Fortschritt nicht dem Zurückliegenden aufzwingen. Die Demokratisierung des Irak wird ebenso wenig von jetzt auf heute erfolgen, wie es unsere getan hat. Nimmt man eine Demokratisierung auf gesamtdeutschen Boden als Maßstab, so hat die Demokratisierung Deutschlands von den Vormärzlern der 1830er Jahre bis zu den ersten demokratischen Wahlen in der DDR 1990 gedauert. Veranschlagt man die selbe Dauer für den Irak, dürfte dort mit endgültigen demokratischen Verhältnissen ab dem Jahre 2167 gerechnet werden. Es gibt aber genau so wenig Grund und Anlass dazu, sich selbst Regressivität und Repression aufzwingen zu lassen. Doch die bisherigen Anschläge und die Aufrufe zum Dschihad gegen den Westen stellen einen solchen intoleranten Eingriff dar und dafür kann und darf man kein Verständnis zeigen, – gerade im Dienste eines aufrichtigen Toleranzbegriffes."Wichtige Links zu diesem Text"
gonzo.uni-weimar.de/~weber10/t-u-w/dokus/beta/1-110901-3-2.doc
web.uni-marburg.de/isem/sose02/prots/v1.htm

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