derHalbstarke 08.11.2012, 10:07 Uhr 13 8

Tod einer Kackbratze

Diese kleine und sehr traurige Erzählung ist allen aufrechten Hausmeisterinnen dieser Welt gewidmet. Mögen sie in Frieden ruhen. Oder so.

Das mit Frau Drüschprumm war schon so ne Sache der eher unangenehmen Art, nicht für sie selbst, aber für ihre Nachbarn mit denen sie in Hausnummer 38 der Lindenstraße lebte. Unangenehm deshalb, weil Frau Drüschprumm ihres Zeichens Hausmeisterin noch ganz vom Schlage eines ollen Waschweibes war, dessen einzige Lebensaufgabe darin zu bestehen schien, ihre Nase aber auch in jeden Kochtopf ihrer Nachbarschaft stecken zu wollen. Sie wusste über jeden Einzelnen im Hause Bescheid, auch wenn dem nun überhaupt nicht so war, denn dann wenn sie nichts wusste, fantasierte sie sich einfach etwas aus ihren Vermutungen über diesen und jenen und deren Lebenswandel zusammen – und gab das bei jeder sich bietenden Gelegenheit tratschend zum Besten. Egal, ob das überhaupt jemand hören wollte, Frau Drüschprumm war das schnurz und Hauptsache, sie stand mal wieder geifernd im Mittelpunkt.

Sie plapperte einfach los, und das mit zischelndem Unterton und diesem gewissen boshaften Funkeln in ihren kleinen, immer leicht zusammengekniffenen Augen, denen nichts zu entgehen schien. Man konnte ihr einfach nicht entkommen, egal, ob sie sich aus dem Fenster ihrer Küche im Erdgeschoss direkt neben der Haustür lehnte, ob sie gerade im Müllkeller die Tonnen kontrollierte, das Treppenhaus putzte oder Etage für Etage die Lichtschalter auf ihre Funktion hin überprüfte, Frau Drüschprumm war im Hause Nummer 38 allgegenwärtig und es gab vor ihrer Tratschsucht und ihrer penetranten Neugier so gut wie kein Entkommen.

Sie wusste alles und das per se sowieso besser. Das was sie sagte und meinte, hatte alleinig zu gelten und da duldete sie auch keinen Widerspruch. Ob es nun um Sitte und Anstand ging, oder darum, wie man ihrer Meinung nach zu leben hatte oder nicht: ihr Wort galt und sonst nichts. Wenn Frau Drüschprumm jemanden im Treppenhaus oder vor dem Haus erwischte und in ihren Klauen hatte, konnte man als nachbarliches Opfer nur darauf hoffen, dass ihre Tiraden über Moral und Verwerflichkeit schnell wieder ein Ende hatten, und man einigermaßen unbeschadet wieder flüchten konnte. Aber Frau Drüschprumm wäre nicht Frau Drüschprumm gewesen, wenn sie ihre Vorträge kurz gehalten hätte und so kam es nicht selten vor, dass – wer sich traute dies zu tun – ihr und ihren Wortschwallen Einhalt geboten werden musste, und das machte sie noch fuchsiger und boshafter als sie eh schon war.

Wehe dem, der sich wagte ihr zu widersprechen oder anderer Meinung zu sein, wehe dem, der nicht mit ihr auf die ihr ganz eigene gehässige Weise über andere tratschte und lästerte: der oder die konnten sich sicher sein, dass sie die Nächsten sein würden. Zwar gab es zuweilen Gleichgesinnte, die ebenso wie Frau Drüschprumm dachten und taten und sich dem anschlossen, was sie meinte und sagte, doch letztendlich blieb sie immer allein auf weiter Tratschstrecke, denn, auch jene mit denen sie wie in bester Tradition alter Dörrpflaumen zusammenstand um das Leben anderer durchzuhecheln, waren irgendwann selbst dran. Dazu reichte schon ein falsches Wort, ein Auflachen an falscher Stelle und schon war die Chose durch – und Frau Drüschprumm hatte neues „Material“ um ihre Tage zu füllen, die, wäre sie nicht so wie sie war, vielleicht die einsamsten Tage gewesen wären, die ein Mensch erleben hätte können. Aber da sie nun mal so war wie sie war, kannte sie keine Einsamkeit, denn nichts war tagesfüllender als hinter allem und jedem hinterher zu spionieren, nichts befriedigender für sie, als sich den ganzen lieben langen Tag in Vermutungen und Spekulationen zu ergehen, über ihre Nachbarn und deren Dinge. Und das, was sie sich so zusammenreimte gab sie freilich auch zum Besten, ob das nun jemand hören wollte oder nicht.

Ob nun Jene aus der 1. Etage stets einen viel zu kurzen Rock trug, oder Jener aus der 4. Etage für ihren Geschmack zu oft wechselnden Damenbesuch hatte, ob der alte Krause aus der Dritten nun eine Schnapsfahne hatte oder nicht, oder ob Frau Drüschprumm es sehr seltsam fand, dass die Wohngemeinschaft direkt gegenüber ihrer Tür nur aus zwei jungen Männern bestand, die niemals Damenbesuch empfingen: nichts war ihr mehr Herzensangelegenheit, als sich über diese losen Zustände in ihrem Hause empörend zu echauffieren. Kurzum, sie wurde im ganzen Haus gehasst, dafür, wie sie war und wie sie über ihre Mitbewohner sprach, wie sie immerzu versuchte, alle gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen – und so manch Nachbar nahm lieber einen Umzug in Kauf, als ihr noch einen Tag länger irgendwo im Hause Nummer 38 der Lindenstraße begegnen zu müssen.

Dass Frau Drüschprumm mal ihre brennend krankhafte Neugier zum Verhängnis werden könnte, hatte so niemand gedacht der sie kannte. Wie auch, denn niemand wusste von ihrer wirklichen Leidenschaft, der sie nahezu Abend für Abend auf dem Waschschränkchen ihres Badezimmers stehend frönte, nämlich jener, mit dem Feldstecher ihres geliebten Vaters aus der Fensterluke hinüber in die Souterrainwohnung zu lugen, in dem wiederum ebenfalls Abend für Abend ein junges Pärchen dem frönte, was so ein junges Pärchen am Liebsten tat: der Leidenschaft zu frönen. Das ließ Frau Drüschprumms kleinen und recht fülligen Körper jedes Mal aufs Neue selig erzittern und dies an ihrem letzten Abend so sehr, dass ihr bebendes Erzittern ihrem Körper das Gleichgewicht nahm, sie vom Waschschränkchen abrutschte und begleitend von einem dumpfen Knall mit ihrem Kopf auf dem Beckenrand ihrer Badewanne landete.

Genickkrachend.

Nicht wirklich und unbedingt aus Sorge, aber als sie am nächsten Morgen nicht wie sonst an ihrem Küchenfenster hing, baten die Nachbarn daraufhin am Nachmittag die Hausverwaltung mal nachzuschauen, was denn mit ihr geschehen sein könnte, so ungewöhnlich wie es war, dass Frau Drüschprumm weit und breit weder zu sehen, noch zu hören war – und als man sie fand, hielt sie immer noch den Feldstecher fest umklammert. Staunend und mit abgebissener Zungenspitze.

Sowasaberauch.

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13 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Wusstest Du, dass Georgs Nachname Drüschprumm war? ;-)

    09.11.2012, 22:15 von Mrs.McH
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  • 1

    Nicht schlecht, die Kurzgeschichte.

    Anderswo schriebst Du, dass Du konstruktive Kritik nicht schlimm findest. (Gibt ganz viele Autoren, die da ganz taub oder ärgerlich werden - und auch das ist 100pro zu verstehen.)

    Aber zwei handwerkliche Anregungen: Wenn es Popliteratur bleiben soll, dann könnte man zu noch abwegigeren Beschreibungen der Frau D., Gott habe sie selig, greifen. Also bereits in ihrem öffentlichen Tagesgeschäft, dass jeder aus Mietshäusern kennt. Da könnte man alberner werden in ihren Praktiken. Außerdem darf man zu kruden, lustigen Formulierungen greifen, wie man sie vielleicht von Helge Schneider oder Olaf Schubert verbal kennt. Ich las wenig in die Richtung: Aber Linux Volkmann kann Dich da weiterbringen - aber auch gute neon.de-Autoren, die zum Lachen bringen. Sogar Thomas Mann hat an vielen Stellen einen sehr drolligen Ausdruck

    Zweite Variante - muss bei Pop nicht unbedingt sein: Der Figur weitere Dimensionen geben. Frau D., Gott habe sie selig, ist für eine literarische Figur zu einseitig, alles Oberfläche. Z.B.: Weshalb ist sie so neugierig - liegt das an ihren Eltern, weil sie Rentnerin oder arbeistlos ist und sich deswegen langweilt etc Weshalb ist sie so garstig? Gründe und der Effekt auf ihr Ego etc.

    Also, nur als Anregung. Am Ende schreibst Du eh besser und besser, umso mehr Du liest, schreibst und "erlebst".

    09.11.2012, 20:43 von TilmannKleye
    • 0

      Und ob ich konstruktive Kritik mag und wichtig finde, eben für's Weiterkommen. Lieben Dank für deine Anregungen, gefallen mir sehr gut! ^^

      09.11.2012, 21:28 von derHalbstarke
    • 0

      Cool.

      09.11.2012, 22:02 von TilmannKleye
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  • 1

    hähähää!

    09.11.2012, 14:46 von lavish
    • 0

      ...heheheheheeee. ^^

      09.11.2012, 15:08 von derHalbstarke
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  • 1

    da ist sie ja wieder die gute alte "Kackbratze" -yuchu ;D

    09.11.2012, 14:25 von strenchen
    • 1

      ...höhöhöhöhöööö. ^^

      09.11.2012, 14:27 von derHalbstarke
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  • 3

    Da hat die Dame ja einen außerordentlich festen Griff, wenn ihr der Feldstecher selbst unter diesen Umständen nicht aus der Hand gleitet.

    09.11.2012, 00:53 von justanotherpicture
    • 0

      Nicht zu fassen, gell?!? ^^

      09.11.2012, 04:46 von derHalbstarke
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  • 0

    Frau Drüschprumm... könnte ich diesem Namen auch ein Herz geben, hättest du zwei von mir. Also denn, so gibt es eben nur ein Herz und ein imaginäres für den Namen obendrein. Toller Text!

    08.11.2012, 15:55 von execratedworld
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  • 1

    Tja, ich liebe Geschichten mit Happy End.  Obwohl.... wenn man wie ich auch an ein Leben nach dem Tode glaubt .. wer weiss wem Frau Drüschprumm nun auf die Nerven geht .... und das Elend nimmt kein Ende.

    08.11.2012, 12:34 von Cyro
    • 1

      ...nicht auszudenken. ^^

      08.11.2012, 12:42 von derHalbstarke
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