Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 4

Tod durch Etikettierung

Menschen umbringen, Lektion I.

Letzthin habe R. mal wieder einen Menschen umgebracht, sagte er mir vor sich hin glucksend, höchst amüsiert wie immer sagte er: ich habe einen Menschen umgebracht und es ging mir leider zu schnell, so R., er hat zwar gelitten, aber nicht unbedingt ausreichend lange gelitten, nicht lange genug, dächte er, denn wenn man einen Menschen ergründen will - und du weißt ja, nichts bereitet mir mehr Vergnügen als meine Ergründungsexzesse, so R. mir gegenüber -, wenn man also einen Menschen ergründen und das heißt: ihm auf den Grund gehen will, dann muss man ihn gründlich prüfen und wie prüft man besser als durch Leid und Schmerz und das Dasein dieses Menschens hin zum Tod, dessen von R. so bezeichneter Todesperspektive.

Zu einer Ergründung dieser von ihm umgebrachten Person und dessen Todesperspektive sei es aber gar nicht erst gekommen, so R., der Umgebrachte habe ihn in unangebrachter, geradezu perfider Weise durch sein frühes Ableben um diese gründliche Prüfung gebracht, ja, sein Opfer habe ihn in der infamsten Weise um die Lust an der gründlichen Prüfung gebracht, ja, im Grunde habe jener seine Lust umgebracht und da geschähe es ihm, dem umgebrachten Opfer, ja nur Recht, dass er durch R. und das heißt: durch R. als Katalysator einerseits und durch sich selbst andererseits umgebracht wurde - und zwar in der vielleicht effektivsten Weise und leider zu schnell.

Tod durch Etikettierung!, betonte R., ganz einfach, ganz schnell und gesamtheitlich gemeingefährlich sowie höchst ansteckend, ein höchst ansteckendes Gift, eine wirkmächtige Waffe, nein, eine Kriegslist, verbales Fieber, nein nein, so R., ich muss mich berichtigen: Etikettierung ist einiges, aber vor allem anderen natürlich: eine Kunst, so R. und skandierte "E-ti-kett-ie-rung!" und betonte "ie" so als ob er einen stumpfen Spaten durch die Gehörgangswände schieben wollte - hin in Richtung jenes Elements in uns, das unverletzt bleiben muss.

 "Tod durch Etikettierung", ganz einfach: du nimmst dir einen unsicheren Menschen, einen ohne Anker und Lot und ohne Einsamkeitsfähigkeit, einen von den oberflächlichen, deren flüchtige Leitsterne drei Meter über dem Boden ihr kümmerliches Dasein fristen, diese Plastiksterne über dem Fernseher in den Kataloghäusern, wo immer Weihnachten ist; also du nimmst dir so eine Person, die die Fliege im Meinungsnetz der Gesellschaftspinnen ist, so eine Person, die umworben und damit umwoben wird, so eine Person nimmst du dir und dann hängst du ihr ein Etikett um, ein beliebiges, kein durchweg positives, aber auch kein offensichtlich negatives, du beginnst mit einem völlig durchschnittlichen Etikett, du sagst so etwas wie "Trägst du eine Louis Vuitton-Tasche, eine Louis-Vuitton-Tasche würde zu dir passen, du bist für mich ja ein vortrefflicher Louis-Vuitton-Mensch, ja, hat nicht jeder, der etwas auf sich hält, eine Louis-Vuitton-Tasche?" Aber es ist natürlich völlig beliebig, welches Etikett du wählst, völlig beliebig eigentlich, es muss nur irgendeine Ideologie sein, die er glaubt, und er will glauben!, es muss nur etwas Unbegriffenes, etwas Beworbenes, irgendetwas, was unfassbar teuer und absolut sinnlos und möglichst zweckfrei und vollständig überflüssig und erschreckend entbehrlich ist, da findet sich immer etwas, immer, und vermutlich hat die Person ja selbst schon das eine oder andere Etikett gewählt und geglaubt, ja, mehrere gewählt und geglaubt, ein ganzes Set an Etikettierungen für den täglichen Gebrauch, ein Etikettierungsgebrauchsglauben, schon durch die Werbung angeeignet, ja, durch die Werbung; die Werbung ist immer Mittäter, die Werbung ist mein geschätzter und überaus verlässlicher, weil unverantwortlicher Mittäter, Werbung, Werbung, Werbung, nichts ist da so effektiv wie die Werbung, so intensiv wie die Werbung, so infizierend-intensiv wie die Werbung, die Leute wollen das, so R., die Leute wollen das und sie kriegen das, das ganze Programm, überall, jederzeit, für immer!, die Leute wollen das!: angehören, dazugehören, die wollen einen Namen und einen Titel und ein Etikett! Wenn es schon kein Orden ist, dann ein Etikett, ein Werbebanner auf die Brust und um den Hals, ein Werbeplakat, auf dem sie prangen, und wenn sie schon nicht prangen können, dann den Markt- und den Marketing- und den Werbepredigten lauschen; wenn schon nicht prangen, dann die Predigten auswendig lernen und weitergeben, selbst zum Prediger werden und andere mit den Predigten infizieren, im Dienst der Sache, Gottesdienst an der Sache, ja, wenn schon nicht auf dem Werbeplakat prangen, dann vor einem Werbeplakat posieren, ein Werbeplakat nur für sie, vor dem sie posieren können, eine Marke, die sie sich merken können, bemerkenswerte Marketingstragien der großen Marken!, echt!, das muss man sich abgucken, muss man gelten lassen, muss man den Hut vor ziehen, auch wenn man keinen Hut hat, verstehst du, so R., du nimmst dir so einen meinungshörigen, nach Marken hungernden und sich über Etikettierungen definierenden und identifizierenden Menschen und du hängst ihm ein infizierendes Etikett nach dem nächsten um den Hals und immer mehr und immer mehr, das er glauben kann, immer mehr, was er gebrauchen will, immer mehr und immer schlechtere und du nennst ihn einen Apple-Fanboy und einen Samsungspitzel, einen Coca-Cola-Clown und Burger-King-Bauern, einen Gant-Schnösel und eine Prada-Puppe, und so weiter und dann nennst du ihn irgendwann einen Kommunisten und einen Kapitalisten, fahr ruhig die großen Geschütze auf, keinen falschen Anstand, du nennst ihn den Protofaschisten überhaupt!, du kannst ihn alles nennen, ganz egal, du benennst ihn, wie es dir und ihm gefällt und du betonst, dass alle das so sehen und dass alle das so sagen und dass alle niemals müde werden, dass auch und insbesondere hinter dem Rücken dieser Person immerzu zu wiederholen, und du nennst ihn einen Masochisten, eine linke Zenke, ein Nazischwein, einen potentiellen Vergewaltiger und potentiellen Kinderschänder und einen unemanzipierten unmündigen Schwächling und einen rumpeldummen Grobian und eine plumpe uninspirierte Drecksau und natürlich nennst du ihn vor allen anderen eine ganz und gar perverse und primitive Kreatur, du sagst: diese Person einen Haufen Scheiße zu nennen, wäre eine infame Beleidigung aller ehrbaren und unschuldigen Haufen Scheiße, die wenigstens als Dünger höchst sinnvoll und nützlich und wachstumsfördernd sind, während sich diese Person dagegen in ihrer grassierenden Belanglosigkeit nicht einmal zu Düngezwecken gebrauchen lasse, es sei denn, diese Person hätte die Güte und den Anstand durch einen Selbstmord etwas Produktives beizusteuern! Du nennst diese Person einen Stachel im Fleisch der Gesellschaft, einen Nichtsnutz, einen unwürdigen Existenzerschnorrer, einen Wachstumsbehinderer, ja, einen defätistischen Wachstumsfeind, das Schlimmste!, das Allerschlimmste!, und so hängst du ihm immer noch eins und noch eins und noch ein Etikett um den Hals und ziehst sie stramm und strangulierst ihn ein wenig, dass ihm vor leidenschaftlicher Hörigkeit und Unterordnung und Hingabe an das Etikett die Luft wegbleibt, die Luft zum Widerspruch vor allem anderen!, du hängst ihm ein Etikett nach dem anderen um, und dann hängst du ihn an diesen Etikettierungen auf und bringst ihn dadurch um, du nimmst ihm zuerst die Luft zum Widerspruch, dann die Luft zum Atmen, ganz einfach.

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Kommentare

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    • 1

      zustimmendes nicken....

      19.10.2013, 23:00 von Seismologin
  • 1

    Ich bin für Absatzförderung...

    18.10.2013, 13:49 von sailor
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