PinkahPandah 30.11.-0001, 00:00 Uhr 37 28

This town kills you when you're young

Riesige Finger aus Stahl und Glas. Monumentalismus als letzte Bastion des grenzenlosen Wahn nach Überheblichkeit.

Wenn der Himmel gnädig war und nicht zu viele Wolken herumschubste, sah man die Spiegelungen der Sonne in den Glasfassaden der Innenstadt bereits 30 Minuten bevor man die Stadtgrenze überquerte. Riesige Finger aus Stahl und Glas, die anmuteten wie eine greifende Hand, wirkten von Weitem, als wollten sie sich im Himmel fest krallen um die Stadt Stück für Stück in die Wolken zu heben. Wenn die Menschheit es schon nicht schaffte einen Turm bis in den Himmel zu bauen, muss man halt den Himmel auf die Erde holen. Monumentalismus als letzte Bastion des grenzenlosen Wahn nach Überheblichkeit.

Was von Weitem noch erhaben und mächtig, ja fast dominant wirkte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Mahnmal an längst vergangene Zeiten. Das Glas welches früher jeden einzelnen Finger wie ein Spinnennetz umspannte, lag jetzt als Splitterteppich in den untersten Stockwerken und tauchte die Adern aus blankem Stahl und nacktem, kalten Beton in ein gespenstisches Lichtermeer. Vereinzelt fand man noch verrottetes und zerschlagenes Mobiliar der ehemaligen Arbeitgeber in den sonst leeren Hallen der Großraumbüros. Tagsüber ein Paradies für Fotografen, war es ab den Abendstunden Zufluchtsort für die perspektivlose Jugend einer heruntergekommenen Stadt irgendwo im Nirgendwo. 

Wie jeder in dieser Stadt war er zwischen zugezimmerten und wieder aufgebrochenen Betonschluchten und immer gefüllten Eckkneipen groß geworden. Leben hieß für ihn in der Bar um die Ecke Tequila stürzen und hin und wieder mit einem Barhocker auf andere Gäste losgehen. Er hatte es nicht anders gelernt. Arbeiten war für die Jugend ein Fremdwort gewesen. Man tat das nötigste um irgendwie an Geld zukommen aber verbrachte den Tag lieber damit sich zu betrinken, zu pöbeln und in Gebäude einzubrechen an denen gewarnt wurde das die Bausubstanz marode und das Betreten strickt untersagt war. Aber was kümmerten schon die verrosteten Schilder an kaputten Zäunen, wenn man wusste das es sowieso keiner kontrollieren würde. 

So hatten sie auch an diesem Sommerabend, als alle Kneipen längst überfüllt waren und vergangene Träume in den letzten Schlücken der verkalkten Biergläser aufglommen, beschlossen den Abend mit 19 Cent Bier auf der verwilderten Dachterrasse eines 80 Stockwerke Mahnmals, dem größten der Stadt, zu verbringen. Zu dritt waren sie durch den Zaun geklettert und hatten sich durch das Gras einen Weg zu einem der Fenster auf der Rückseite gebahnt. Mit der Erfahrung unzähliger Einbrüche wurde der zugezimmerte Fensterschacht aufgebrochen und ins Innere geklettert. Das Licht der untergehenden Sonne drang gedämpft durch die Bretter und Löcher im Beton und bot ein gespenstisches Lichterspiel.

Ohne die Lichtspiele groß zu beachten wurde das vierte Bier geöffnet und auf den Abend angestoßen. Ein weiterer eingebildeter Kampf gegen die Obrigkeit und ihre längst zerfallene Macht war gewonnen und nun hieß es Kriegsbeute plündern. Spraydosen wurden ausgepackt um die vergilbten Wände mit pseudointelektuellen Sprüchen und Hasstiraden auf das System zu füllen. Ein paar Spraydosen und etliche Bier später waren sie auf dem Dach angekommen. Wo früher noch Afterwork-Partys gefeiert wurden, war heute nur noch der entfernte Krach der Kneipenschlägerein zu hören. Die zusätzlich einsetzende Dunkelheit welche nur von dem Licht des Mondes durchbrochen wurde schuf, in Verbindung mit den Ruinen um sie herum, eine Atmosphäre die jener aus den Endzeitfilmen der Stadt mit den großen Buchstaben zum Verwechseln ähnlich war. 

Im Taumel des eingebildeten Sieges und vom Alkohol vernebelt wurde bis tief in die Nacht gefeiert. Sie fühlten sich wie Don Quichotte - ohne jemals eine Windmühle gesehen zu haben. Sie dachten sie hätten den Krieg gewonnen, aber alles was sie geschafft hatten, war auf verbrannter Erde die Wahrheit durch Wahn und Manie in Alkohol zu ertränken. Die unvermeidbare Realität würde sie schneller einholen, als sie es sich hätten vorstellen können. Aber noch dachten sie etwas bewegen zu können. Eine Veränderung herbeizuführen. Das System von innen heraus zu stürzen. Aber ohne Perspektive, in einer Stadt ohne Zukunft, waren die Weichen schon gestellt bevor der Zug überhaupt den Bahnhof verlassen konnte. 

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37 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Diese Kritik hat sich so manchesmal als war erwiesen, vor allem, wenn man es nicht wahr haben will, dass die Siege fad waren. Guter Text, gefällt mir.

    24.02.2016, 14:10 von Sein_im_Nichts
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  • 1

    Diese Stadt hat nunmal einfach keine Seele.

    01.02.2016, 21:50 von Honigmaedchen.
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  • 1

    der letzte absatz: treffer direkt in der magengegend.

    26.01.2016, 23:00 von mondmaedchen7
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  • 0

    19 cent bier! wo?
    pilsator?

    26.01.2016, 21:26 von libido
    • 0

      Ötte? Oder is das mittlerweile teurer?

      27.01.2016, 14:41 von PinkahPandah
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  • 2

    Also, lass mich mal noch ein bisschen ausführlicher schreiben (das Herz hast du ja): Im Prinzip finde ich den Text etwas zu klischeebeladen. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich die Sprache/Beschreibungen dazu zu gerne mag. Vielleicht ist alles etwas zu offensichtlich - von allem etwas zu viel - und es hätte dem Text gut getan, das ein oder andere nur anzudeuten und im Dunkeln zu lassen. Ja, ich glaube, das wäre so.


    (Den englischen Titel mag ich leider gar nicht, sorry!)

    Dennoch hat mich der Text angesprochen. Ich denke, ich kann die Gedankengänge und das Lebensgefühl sehr gut nachvollziehen. Den Aufbau mag ich ebenso.

    Ja, ich glaub, wenn man das Thema mit etwas mehr Geheimnis aufbereitet, hätte das sehr was! 

    Das einfach so als Feedback von meiner Seite! :) Ähnliches würde ich gerne noch mehr lesen wollen! :)

    26.01.2016, 19:36 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      Danke dir für die ausführliche Meinung.


      Der Text ist vor ca. einem Jahr entstanden wo ich eine noch blümerantere Phase als jetzt hatte. Allerdings mag ich es Situationen sehr sehr sehr genau zu beschreiben. Oftmals vermutlich zu detailliert und umfangreich. Ich werde mal schauen ob ich wenn ich jemals nochmal was zu diesem Thema verfasse (die Inspiration muss da sein) evtl etwas verwegener, geheimnisvoller schreibe. ;)

      Der Titel ist als Ehrung der Inspirationsquelle gewählt. "Shoreline von Anna Ternheim"

      Auf jeden Fall danke nochmal das du dir die Zeit genommen hast was dazu zu schreiben. :)

      27.01.2016, 14:44 von PinkahPandah
    • 0

      Würde mich freuen, noch Entsprechendes von dir zu lesen! Das mit der Inspiration kann ich verstehen. Geht mir mit ähnlichen Sachen ähnlich.


      Anna Ternheim ist jetzt aber nicht so bekannt. ;) Eine der wenigen ruhigen Musiker/Musikerinnen, die ich gerne höre. Wobei ich ein Album von ihr ständig mit übelstem Liebeskummer gehört habe. Ich weiß noch nicht, ob ich mich da schon wieder so rantraue. Irgendwie so gefühlsbeladen. :D Sie bringt ein neues Album raus. Ich bin sehr gespannt!

      27.01.2016, 20:33 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    Habe gerrade Gegen Ende der Zeit von John Updike gelesen. Der Text könnte in der Welt dieses Romans spielen.

    26.01.2016, 08:55 von Yangus
    • 0

      Dann setz ich den mal auf meine Wunschliste. :) Danke für den Tipp

      26.01.2016, 11:27 von PinkahPandah
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  • 1

    Wir lieben sie, die Opfahs, welche mit ihren YOLO-Mützen in der S Bahn abhängen und Farm Ville spielen während im Kopfhörer Die Lochis auf YouTube laufen...

    Der Text ist wieder mal ntypischer und guter Blick vom Panda auf life itself. Gefällt!

    25.01.2016, 21:22 von Filousoph
    • 0

      Herzlichen Dank. :)

      26.01.2016, 00:57 von PinkahPandah
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  • 0

    Pandas sind nicht pink.

    25.01.2016, 14:29 von mirror87
    • 1

      Sagt ein toter Hase mit vier Augen und zwei Nasen!

      25.01.2016, 14:36 von PinkahPandah
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      Ich bin die Ausnahme. Du auch?

      25.01.2016, 15:08 von mirror87
    • 0

      Ja klar. Alles was im Internet steht ist der Wahrheit!

      25.01.2016, 15:33 von PinkahPandah
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    • 0

      Eher mit der alten Mauser vom Opa...

      25.01.2016, 09:20 von chiral
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    • 1

      More or less. Nur sind da mehr Menschen!

      24.01.2016, 21:55 von PinkahPandah
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