MadActor 13.11.2009, 07:49 Uhr 29 12

The Big Jump

Was tun, wenn man weiß, dass jetzt der Ernst des Lebens an die Tür klopft, man sie aber einfach nicht öffnen will?

Es ist einige Monate her, da ich nun meinen letzten Tag an der Schule verbracht habe. Meinen Abschluss habe ich in der Tasche. Wo diese Tasche meiner eigens für diesen besonderen Tag gekauften Hugo-Boss-Anzugshose geblieben ist, weiß ich leider nicht mehr. Aber sicher ist: das Diplom steckt noch immer darin. Oder aber in der Innentasche des Jacketts, welches ebenso verschollen ist. Vermutlich treiben die beiden es gerade miteinander völlig zerknittert, verknotet und wild unter meinem eingestaubten Bett. Mein letztes knitter-knoten-Erlebnis in Bettnähe ist eigentlich garnicht so lange her, könnte aber eine gewisse Auffrischung gebrauchen.

Das Leben hat sich kaum verändert. Außer, dass ich nun Geld verlangen statt bezahlen müsste, um meinen Job zu tun. Die Sonne geht gerade auf. Zumindest soweit, wie die grauen Wolken und der Smog es ihr erlauben. Ich schütte um 8 Uhr morgens die dritte Tasse Kaffee in mich hinein und hätte eigentlich längst im Bett sein sollen. Vielleicht ist jetzt der richtige Augenblick, um diesen Zettel zu suchen, der mir bestätigt, dass ich endlich mal etwas zu Ende gebracht habe - abgesehen von meinen Urzeitkrebsen zu Kinderzeiten und meinen 3 1/2 einigermaßen ernst zu nehmenden Beziehungen. Eine Bestätigung, die man an die Wand nageln könnte, wenn diese auch nur den kleinsten Kleiderhaken halten könnte. Kann sie aber nicht. Also lass ich es lieber, bevor diese Errungenschaft wie niedergeschossen die Wand hinabgleitet und jämmerlich zu Boden sinkt. Soll sie lieber stilvoll einen Dreier mit meinem Jackett und der Hose an den Start bringen. Besser so. Die Zigarette danach würde sie vermutlich umbringen, also steck ich sie mir am Besten selbst an.

Im Radio läuft "Blinded by the Lights" von The Streets. Das trifft es. Ich schaue gern in die Lichter, die mich ablenken. Die mich vergessen lassen, das es jetzt irgendwie alles ernster werden soll. Der vollgestopfte Briefumschlag vom Finanzamt liegt ungeöffnet auf dem Küchentisch direkt neben der kalten Pizza von gestern Nacht und dem kläglichen Ergebnis eines Versuchs, ein Brot selbst zu backen. An der Brotkruste habe ich mir noch einen Splitter eingefangen. Ich habe ihn auch direkt zu meinem aktuell größten Problem befördert. Man kann sich schön mit solchen Sachen ablenken, um die wichtigen Dinge im Leben einfach mal bei Seite zu legen. Wird dieser Brotkrustensplitter sich nun in mir zersetzen? In die Blutbahn geraten? Sich in meinen Genen verwurzeln und meine ungewollten Kinder zu neuen Superstar-Bösewichten, die man dann "Bread-Men" oder "Bread-Brothers" nennen würde, mutieren lassen? Besser keine Kinder zeugen. Problem gelöst.

Ich sehe mich um und bemerke, wie alles und jeder anfängt, ein geordneteres Leben zu führen. Sie werden alle vernünftiger, ordentlicher, bedachter. Man könnte fast meinen, sie würden weiser werden. Ich beginne Antworten auf Fragen zu suchen, warum bei mir nur alles so chaotisch läuft, wie es das gerade tut. Wieso es bei mir im Kopf nicht "klick" macht, wie bei so vielen anderen, die alles im Griff haben und zu wissen scheinen, was sie vom Leben erwarten und dieses auch umzusetzen beginnen. Und ich finde keine plausible Antwort darauf. Es gefiel mir bisher halt alles so, wie es war. Ich könnte antworten: "Ich habe keinen Bock auf dieses aufdiktierte Standard-Leben, dass jetzt anscheinend völlig im Trend zu sein scheint." und somit meine Teenager-Plattitüden wieder herauskramen. Und man würde mich im Anschluss fragen, ob ich so enden möchte, wie der vollbärtige Mittvierziger an der Theke, der mit seinem Bauchansatz und betrunken in seiner zu engen Jeans den jungen Frauen hinterherschaut und nicht begreift, dass er sein Leben bereits vor zehn Jahren zu Ende gelebt hatte. Nein, das wollte ich natürlich nicht. Der coole, jung gebliebene Familienvater, der bemüht unbemüht die Freunde seiner Tochter mit "duftes Tattoo, Kumpel" und High-Five begrüßt, wollte ich aber auch nie werden. Und den Pfeife rauchenden, Kafka lesenden Cordjackenträger fange ich erst garnicht an, mir vorzustellen. War das jetzt alles? Sind dies nun grob gesehen die ganzen Alternativen, die mir noch bleiben?
Natürlich nicht. Jeder Glückskeks erzählt mir, ich könne werden, was ich wolle. Und ich kenne mich. Ich weiß nicht, was ich werden will. Ich singe gern spontan um 4 Uhr morgens lauthals unter der Dusche, grille auf dem Balkon, wache verkatert an Orten auf, die ich nie zuvor gesehen habe, verliebe mich unsterblich und ertränke einige Monate danach meinen schmerzhaften Liebeskummer mit Bier und Tequila. Es klingt so albern und dennoch liebe ich es.

Aber ich weiß, ich werde es auf mich zukommen lassen müssen - ob ich will oder nicht. Und in mir keimt die Hoffnung, dass ich dann irgendwann lächelnd in den Spiegel schauen und mir zufrieden auf die Schulter klopfen kann, um mir selbst zu sagen "Ja. Das ist es, was du eigentlich immer gesucht hast". Und ich bin sehr gespannt darauf, wann und was es sein wird...

12

Diesen Text mochten auch

29 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke :-)

    28.03.2010, 17:13 von MadActor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke :-)

    28.03.2010, 17:09 von MadActor
    • Kommentar schreiben
  • 0


    ist doch viel spannender als all die glatten typen die wissen was sie mrgen und übermorgen machen




    http://artiberlin.de

    21.03.2010, 18:58 von Artiberlin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    tut gut nicht allein zu sein, mag den text

    14.03.2010, 22:19 von Sadenise
    • Kommentar schreiben
  • 0

    es gibt erfahrungsgemäß nur eine lösung für dieses problem: weniger (Kein) alkohol!

    27.01.2010, 20:51 von coffeesavedmylife
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Genau so könnte es mir in ein paar Jahren auch mal gehen...hoffe, ich hab bis dahin schon zumindest ansatzweise nen Plan, "aber ich weiß, ich werde es auf mich zukommen lassen müssen..." :)
    Also mir gefällts...

    20.01.2010, 17:54 von kupferstecher
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Also ich finde deinen Artikel gut zu lesen und zu verstehen. :)

    01.01.2010, 14:26 von honest.spue
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ohja! :) erstmal weg...

    26.11.2009, 17:43 von annamarietheresa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schöner Text, vor allem der erste Satz. Nur schade dass du dich zu sehr in Klischees suhlst und nicht sagst was du wirklich denkst. So Chosen wie der Cordhosen tragende Kafka-Leser und den jung gebliebenen Familienvater, gähn..

    Naja ud das Ende ist mir viiiel zu bieder und angepasst. Hätt mir gefallen, wenn du gechrieben hättest du bleibst lieber bei Tequila und nachts um 4 duschen anstatt zufrieden irgendwann in den Spiegel zu schauen. Boah, voll spießig das Ende... Passt nicht zum Rest!

    22.11.2009, 16:20 von Firewall
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich mag dem Ernst des Lebens auch die Tür noch nicht öffnen. Na ja ein wenig Zeit bleibt mir ja noch...

    20.11.2009, 14:43 von MaybeNot
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare