Down_Under 25.04.2007, 21:59 Uhr 15 4

Thailand: Der Novize

Zehn Tage im Kloster - ein Symbol. Man sieht ihm an, dass er es nicht ein Leben lang durchhalten könnte.

Wohl wahr: Es sind nur zehn Tage. Und diese zehn Tage werden das Leben gewiss nicht ändern. Der Schritt jedoch, das Symbol, dieses unfassbar irrationale Wesen der Religion, sie verbietet es, diesen Moment als einen alltäglichen wahrzunehmen. Der Gedanke dahinter – sicher pragmatisch, kein willkürliches Kalkül. Um etwas Gutes zu erhalten, muss man auch etwas Gutes tun. So funktioniert das im Buddhismus. Und sich in Enthaltsamkeit üben und zehn Nächte auf hartem Boden schlafen – das ist ein Opfer, das nicht jeder Mensch bereit ist, für seinen Glauben zu bringen.

Dementsprechend groß wird dann auch die Entscheidung gefeiert: Hunderte Teller und Gläser leihen wir uns vom Tempel, viele Stühle und Tische, ein paar Hundert Besteckstücke und jede Menge Schüsseln, in die wir dann hinterher ein wenig Wasser füllen und darauf Blüten streuen. All das transportieren wir wagehalsig mit einem PickUp, das zum Bersten voll ist und nach jedem Schlagloch klirrt, als wäre man gerade in einen Porzellanladen getrampelt. Vier oder fünf Jungs sind wir, die hinten alles zusammenhalten und selbst ein paar Mal Gefahr laufen, vom Wagen zu fallen. Vor allem die runden Tische sind unberechenbar und rollen sich mitunter den Weg frei.

Der Novize sitzt indes im Wohnzimmer. Im Schneidersitz, auf dem linken Knie ein Buch. Er schaut sehr konzentriert und lässt sich von keiner vorbeigehenden Person ablenken, keiner wagt es auch, ihn zu unterbrechen. Denn er liest die Regeln, die er im Tempel zu befolgen hat. Das ist für einen Novizen zwar nicht wirklich schwer, er möchte trotzdem niemanden enttäuschen und liest sich sicherheitshalber die entsprechenden Seiten mehrmals durch. Als Mönch hätte er Hunderte von Regeln. Als Novize bedeutend weniger.

Am Tag vor dem Einzug in den Tempel wird der Novize gefeiert. Es ist die letzte Möglichkeit für ihn, sich noch einmal richtig voll laufen zu lassen und das reichhaltige Buffet zu genießen. Als Novize bekommt er nämlich nur zweimal am Tag mit jeweils sehr großem Abstand etwas für den massiven Körper. Es ist auch das letzte Mal, dass er seine Mutter berühren darf oder überhaupt irgendeine Frau. Diese muss er als Mönch so gut wie möglich meiden. Tut er es nicht, wird er in einer langatmigen Zeremonie „gereinigt“.

Es sind viele Gäste da. Die meisten essen Fisch, nehmen dabei noch ein wenig Suppe zu sich und trinken reichlich Wasser. Aufgrund der großen Hitze gibt es eine gigantische Kühltruhe mit den Maßen eines Schreibtisches. Jede Sekunde steht jemand davor und schüttet sich ein paar Eiswürfel in das Glas. Wer will, kann auch Kakao trinken.

Im Haus ist es orange. Überall im Wohnzimmer sitzen Mönche und sprechen die Worte nach, die ihr „Ober-Mönch“ spricht und dabei kaum seinen Kopf hebt, um sie alle zu betrachten. Der Novize ist unter all dem orange schnell zu finden. Er trägt weiß, sitzt in der Mitte, faltet wie alle anderen auch seine Hände und bildet das Zentrum der Zeremonie. Er spricht seine Versprechen, sagt, er würde die Regeln des Tempels niemals brechen. Er lächelt selten, aber dann deutlich. Die Sitzposition scheint ihm nicht zu behagen, ständig muss er seinen Körper richten.

Der Abend vergeht. Es passiert nicht viel. Die Menschen essen, die Menschen sprechen, die Menschen lachen und der Novize isst, spricht und lacht mit. Die alte Mutter, reichlich stolz, doch zurückgezogen, sitzt in ihrer Ecke. Ab und zu kommt er bei ihr vorbei, senkt sein Haupt, haltet ihre Hand, sagt etwas und verschwindet dann wieder. Sie lächelt zufrieden; hinter den orangefarbenen Brillengläsern, die sie wie eine verrückte alte Rock-Oma wirken lassen, erkennt man die dunklen und faltigen Augen. Ihr großer Sohn, mein Gastvater, liebt sie abgöttisch und hält immer ihre Hand, wenn sie sich bewegen muss. Wenn die beiden sprechen, lockert sich die Luft, die Atmosphäre. Vielleicht ist das auch nur die andächtige Stille vor dieser großen Frau, die diesen Eindruck macht.

Der nächste Morgen ist ein fröhlicher Morgen. Die Band der örtlichen Schule kommt mit allen Spielern zum Haus, weckt mit ihren Instrumenten alle auf und bildet die Front beim Marsch um den Tempel. Selbst die ältesten Frauen und Männer tanzen ausgelassen zur Musik. Neben thailändischen Stücken spielen die Jungs auch „Eye of the Tiger“ und „The Final Countdown“. Wenn alles einmal durchgespielt wurde, wiederholen sie es einfach. Manche Stücke werden auch mehrmals hintereinander gespielt, wenn eine aufgebrachte und nicht allzu alte Frau mit sehr guter Laune und Tanzstimmung die Band anheizt und sie neckisch darum bittet, das letzte Stück doch noch mal zu spielen. Manchmal macht sie sich auch über sie lustig. Wenn der Anführer der Band zum Beispiel „One..two…one…two…three…four!“ schreit, die Spitze seiner Englischkenntnisse.

Beim großen Tempel ist es dann zum ersten Mal nach dem relativ langen Marsch ruhig. Der Novize, sein großer Bruder und seine Mutter gehen in den Tempel hinein. Von außen kann man sie knien sehen. Es wird gebetet. Dann kommen sie raus. Es wird weitergetanzt.
Drei Runden drehen wir noch um einen anderen, bedeutend kleineren Tempel. Dort setzen wir die mitgenommenen Präsente für die Mönche ab, Eimer in orange mit wichtigen Utensilien wie Seife, Wasser und Decke. Hinterher geht die Familie des Novizen, zu der auch ich zähle, in den kleinen Tempel hinein, wo der letzte Akt vollführt wird: Die Übergabe der orangefarbenen Mönchskutte.

Später, da wird man sich daran erinnern können. Die Bilder, die wird man stolz herumzeigen und der Familie und Verwandtschaft präsentieren. Schaut, da ist er Mönch geworden. Das Bild wird irgendwo im Haus hängen, an einem wichtigen Platz. Wahrscheinlich bekommt es ein eigenes Zimmer mit ganzen vielen Stühlen, einem Wartezimmer beim Arzt gleich. Über jedem Stuhl wird dann ein Foto eines Familienmitglieds hängen. Auf dem einen, da bekommt der Vater gerade das Diplom übererreicht. Auf dem anderen, da sieht man die Mutter. Und dort hinten, in der Mitte, da ist er, der Novize.

Ein Mönch, nein, das ist er nicht. Er würde es sich nicht anmaßen, sich so zu nennen. Wenn er sich umschaut im Tempel, so sieht er unzählige Menschen, die genauso aussehen wie er. Sie tragen dasselbe und ihre Köpfe sind kahl rasiert. Hab und Gut, das hat man nicht. Und trotzdem: Nur zehn Nächte. Einige von ihnen bleiben ihr ganzes Leben lang.

Er ist ein kräftiger junger Mann. Die Thai sagen, er sei fett und er lacht dann dabei immer, wohl wissend, dass sie Recht haben. Hier in Thailand, da schämt man sich nicht für etwas vollkommen Normales. Ja, ich esse viel. Ja, das ist ein Bauch. Ja, meine Güte, wo ist das Problem? Wenn er dann lächelt und zustimmend nickt, wird man das Gefühl nicht los, einen riesigen Kuschelbären vor sich zu haben. So kommt es auch, dass die Kinder sich an ihn heften – wann immer sie ihn zu Gesicht bekommen, wenn er mal wieder von Chiang Mai hierhin fährt, in den Süden, um seine Familie zu besuchen. Oftmals kann man dann beobachten, wie er auf einem Bett liegt und sich ausruht. Und um ihn herum, da liegen dann die Kinder. Manchmal, so kommt es einem vor, ist er selbst noch ein Kind. Das glaubt man ihm. Dabei ist es so schwer, einem großen Menschen abzukaufen, dass er eben nicht der ist, der er von außen zu sein scheint.

Im Tempel werden jede Menge Gebete gesprochen, die auch die Familienmitglieder mitsprechen können. Mir fällt das alles zu schwer, an die Worte kann ich mich nicht erinnern, also sitze ich einfach nur da und beobachte. Selbst der Novize hat seine Probleme, ein paar Mal hört man vereinzeltes Schmunzeln, weil er einige Sätze mehrmals hören muss, da er sie sofort wieder vergessen hatte. Auch der Mönch, der ihm die Worte vorspricht, kann ein Lachen nicht unterdrücken, obwohl er die meiste Zeit die von ihm erwartete Ernsthaftigkeit an den Tag legt.

Die Übergabe der Kutte ist ein ganz besonderer Moment. Es werden freilich viele Fotos geschossen und es wird viel getuschelt. Viel eindrucksvoller sind jedoch der gebeugte Rücken und die demütige Haltung, mit der die Kutte angenommen wird. Ein seltsamer Anblick, andererseits aber auch ein symbolisch bedeutender, ist doch dieses Kleidungsstück fast nichts wert, sieht nach einer Weile scheußlich aus und gibt es an jeder Straßenecke für wenige Baht zu kaufen. Wie viel Aufwand man doch betrieben hat, nur damit dieser Mensch letztendlich eine wertlose Kutte in Empfang nehmen und es mickrige und geradezu lächerliche zehn Tage tragen darf. Er weiß, dass er der Zeremonie in diesen Tagen nicht gerecht werden kann.

Der Novize, der ist eigentlich nur hier und betet und kniet und faltet seine Hände, um seine Familie, die um ihn herumsteht, betet, kniet und die Hände faltet, glücklich und stolz zu machen. Man sieht ihm an, dass er es nicht ein Leben lang durchhalten könnte.

Doch: Was sind schon zehn Nächte für ein ganzes Leben? Man wird sich erinnern. Das Foto wird – und darf! – suggerieren."Wichtige Links zu diesem Text"
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15 Antworten

Kommentare

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    Guten Tag,

    drei Monate sind für viele Thais tatsächlich durchaus üblich, wobei ich dabei auch weniger einen religiösen Hintergrund sehe, sondern eher das Besinnen auf das Wesentliche in eigenen Leben.

    Daß der Eindruck entstehen möge, Ausländer seien die intensiveren Buddhisten, führe ich aus eigener Erfahrung darauf zurück, daß der Unterschied vom "westlichen" Leben zum spirituellen Leben des Buddhismus frapierender ist, als bei den Thais. Diese leben in vielen Bereichen des Alltags den Lebensweg des Buddhismus, vordergründig oftmals nur periphär aber dennoch intensiver - selbstverständlicher- als Menschen aus westlichen Kulturregionen.

    Alle meiner Geschäftspartner, altersunabhängig "gehen" mindestens einmal im Leben für mindestens drei Monate als Mönch. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie dies tun weil es schon immer so war oder aus tiefster spiritueller Überzeugung - sie tun es, da es zu ihrem Leben gehört. Dies bedarf, meines Erachtens nach keiner analytischen Auf-/Erklärung.

    Als Ausländer auch nur zehn Tage ... kann durchaus ausreichend sein, da der "Nutzen" niemals an Dauer oder Größe gemessen wird, sondern an den persönlichen Erkenntnissen und seien sie aktuell noch so unbedeutend.

    Viele Grüße - trooper

    09.05.2007, 03:19 von trooper
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    @ ChokDee

    Ganz ehrlich: Ich habe sowas nicht erlebt. Dabei lebte ich sogar auf einem Dorf (in der Provinz Chai Nat), wo buddhistische Religion noch intensiver gelebt wird als in Großstädten wie Chiang Mai oder Bangkok (das wirst du als Halb-Thai aber auch wohl wissen). Wie dem auch sei: Jeder Jugendliche blieb für maximal etwa zehn Tage. Und ich war auf vielen Zeremonien, habe sie mir immer angeschaut. Ich hatte das Gefühl, das viele von ihnen es als Pflicht ansahen und einige es auch nur taten, weil es von ihnen verlangt wurde. Das doofe ist doch: Man kann sich schlecht dazu entscheiden, Buddhist zu sein. Man wird nunmal so hineingebohren. Klar hat man theoretisch die Möglichkeit, frei über das eigene religiöse Leben zu entscheiden - aber leider ist das in der Realität selten so.

    Deshalb glaube ich, dass viele Ausländer in Thailand die besseren Buddhisten sind. Die meisten von ihnen haben sich nämlich dafür entschieden, haben Familie und Freunde in der Heimat gelassen, einen gewissen Lebensstandard aufgegeben - nur um nach ihrer Überzeugung leben zu können.

    Klar, das ist pauschalisiert. Aber ich kenne ja auch nicht jeden Menschen auf diesem Planeten persönlich ;)

    Gruß und danke für deinen Kommentar,
    viel Glück (^^),

    Khesrau

    03.05.2007, 16:07 von Down_Under
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    ein interessanter artikel. man hat fast das gefühl vor ort zu sein.

    03.05.2007, 13:24 von NeonBlond
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    Sehr interessanter Text! Mal so einen Einblick in diese Einführungszeremonie zu bekommen!
    War Anfang des Jahres auch in Thailand (u.a. auch bei einem Meditationskurs in einem Tempel in Chiang Mai) und hatte eigentlich das Gefühl dass die Thais viele buddhistische Werte sehr verinnerlicht haben und diese auch ausleben.
    Mir ist einfach besonders die Achtsamkeit im Vergleich zu China (wo es ja leider nicht mehr wirklich viel Religion gibt) aufgefallen. Abgesehen von den Großstädten kamen mir die Leute rücksichtsvoller vor.

    29.04.2007, 13:22 von on.the.road.again
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    @ Freydis:

    Deine Bekannte wird wohl recht haben. Lehrerinnen und Schülerinnen gibt es heute auch; im Vergleich zu den männlichen Mönchen ist das aber nichts.

    Und, ja, für mich ist Buddhismus (im religiösen Sinne) auch nichts. Buddhismus als Lebensweise ist allerdings einen zweiten Blick wert. Man tut das ja eigentlich mehr unbewusst. Hier gibt es mehr Buddhisten als wir glauben. Vielleicht bist du auch eine? ;)

    27.04.2007, 15:07 von Down_Under
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    @InderStattKinder:

    Das glaube ich nicht. Ich denke immer noch, die jungen Thais tun das, weil die Familie das erwartet. Das hat nichts damit zu tun, dass alle so wahnsinnig überzeugt sind von ihrem Glauben. Die Eltern sind Buddhisten - die Kinder sind es somit auch. Der Staat Thailand ist offiziell buddhistisch, der König ist buddhistisch, der König wird verehrt - es ist alles einfacher, als man denkt: Alles laufen einander hinterher.

    Und drei Monate? Kaum ein junger Thai wird das wohl machen, es sei denn er kommt aus einer strengen Familie.

    Ach ja, eine finale These: Ausländer sind die besseren Buddhisten. Denn sie verstehen die Religion in ihrem Kern, sie geben mehr auf, als die Thai es je könnten.

    Gruß,
    Khesrau

    27.04.2007, 15:03 von Down_Under
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    Danke für die schnelle Antwort, Down-Under. Schade, dass es heute so konservativ ist. So viel ich weiß, war dies nicht immer so. Eine Bekannte, die Religionswissenschaftlerin ist, hat mir geschrieben, dass Schriften bekannt sind, nach der es sogar weibliche Lehrerinnen mit Schülerinnen gab, die auch erleuchtet worden sind.
    Für mich persönlich ist der Buddhismus zwar interessant, aber ich selbst bin naturreligiös und von daher etwas anders orientiert.

    27.04.2007, 12:16 von Freydis
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