Jeldrik 29.03.2011, 18:43 Uhr 1 2

Tanz, Licht, Freiheit, ein Fragment

Die Vorhänge spielen im Wind. Sonnenstrahlen suchen Gesellschaft. Sie suchen die Berührung. Sie finden die Haut, sie finden das Mädchen im Schlaf.

I

Der Morgen glüht über der Stadt. Ein kleiner Spatz kokettiert mit einem Krümel. In einem Kreis aus Stühlen des Kaffees sieht die Katze den Vogel. Er springt vor. Er ahnt nicht. Sie schleicht. Ihr Blick und das Ziel. Der Vogel tanzt um den Krümel, die Katze um den Vogel. Konzentrische Kreise. In wenigen Sekunden öffnet sich ein weiteres Paar Augen. Das Zimmer ist auf Aufbruch aus und hisst die Segel. Die Vorhänge spielen im Wind. Sonnenstrahlen suchen Gesellschaft. Sie suchen die Berührung. Sie finden die Haut, sie finden das Mädchen im Schlaf. Es öffnet sich. Licht bricht in die Pupillen, doch die Sicht des Mädchens ist getrübt. Die entzündeten Augen blicken in die frisch entzündete Sonne. Sie sieht den Phönix mit Missgunst an, dann findet etwas anderes ihre Aufmerksamkeit. Sehnen zerren an ihren Muskeln. Quitschende Maschine. Sie läuft an, sie läuft zum Spiegel und blickt hinein. Hinter dem Spiegel ist die Wand und hinter der Wand ist der Kreislauf des Lebens in seiner kleinsten aber grausamsten Form. Sie sieht durch keinen Spiegel, sie sieht durch keine Wand, sie sieht das Schauspiel nicht. Sie lächelt. Der Spiegel lächelt zurück. Sie freut sich über die Freundlichkeit ihres Antlitzes. Sie spielt mit ihrem Gegenüber, rollt eine Haarsträhne um den Finger, um diese dann frei zu lassen. Sie senkt den Blick verschwörerisch. Mit nach unten gesenktem Kopf schaut sie nun auf. Die Blicke treffen sich. Ein erotisches Knistern.


II

Eine Zeitung im Wind. Sie schleicht um die Ecke des Hauses, sie wirbelt. Dann legt sie sich hin. Mit zarten Fingern blättert Äolos die Seiten. Wieder ein kurzer Tanz. Mit sichtlicher Erschöpfung landet das sorglos weggeworfene Blatt auf dem Randstein.
Lange, fahle Finger fahren nach oben. Sie suchen ein anderes Licht als das eines Sterns. Zwar suchen sie Beleuchtung, aber nicht diese. Der Gulli ist vergittert, die Finger fahren zielstrebig hindurch. Licht. Das falsche. Ein kurzes Innehalten. Dann zögerliches Tasten. Ein Knistern. Das richtige. Gierig schnappt die Hand zu und reißt das Licht in die Tiefe. Dunkelheit.


III

Nur eine Kerze brennt. Er hat nicht geschlafen. Die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Der Junge dämmert mit dem Morgen. Auch er hat über Nacht Rost angesetzt. Sein Gehirn ist müde, sein Körper schreit nach Rast. So liegt er da ganz ruhig, das Auge aber ist auf einer Reise. Es wandert die Wände entlang. All die Bilder an der Wand. All die Erinnerungen. Es fährt fort. Läuft irrend an der Decke. Hat keinen Nordstern, keinen Fixpunkt. Sich umblickend stolpert das Auge und verliert sein Gleichgewicht, taumelt und fällt zurück von der Decke in den ihm angestammten Platz in der Augenhöhle des Jungen. Dieser rappelt sich auf und schüttelt die Müdigkeit weg. Sie klammert. Er erhebt sich und kämpft sich frei. Die Fesseln sind gesprengt. Die Qualen des Prometheus sind vorbei. Keiner zehrt mehr an ihm.
Er hat es sich bequem gemacht in diesem Zimmer. Die weißgestrichenen Putzwände tragen Bilder in schönen hölzernen Rahmen die mit goldenem Lack so angemalt sind, dass das Holz mit seiner verspielten Maserung noch durchschimmert. Dann noch eine Ikone mit den Argusaugen eines wachehaltenden Schutzpatron. Ein Schreibtisch unter der Dachschrägen, darunter ein eleganter Stuhl, daneben das verhangene Fenster. Eine große Anzahl von Büchern reiht sich sorgsam von der einen zur anderen Seite des Raums. In der Mitte des Zimmer liegt eine braun bespannte Matratze. Der Felsen des Angeklagten. Sein Gefängnis. Doch der Ausbruch war gelungen. Flucht in Ketten und Argus ist wachsam. Achilleas, der Junge, tappst mit nackten Füßen über das dunkle Parket in den schmalen Flur, er biegt rechts ab, steht nun in der Küche. Seine Bewegungen wirken fremdgesteuert. Der Puppenspieler ist betrunken und hat die Fäden verheddert. Aber Maschine Mensch muss funktionieren. Maschine Mensch nimmt das braune Pulver, kippt es belanglos in die Kanne. Während das Wasser im Kocher sich langsam erhitzt wartet er und kratzt sich den Dreck unter den Nägeln weg.

(...)

V

Nun sitzt sie da. Ihren dünnen, seidig glänzenden Schlafrock hatte sie hochgeschoben. Sie blickt in sich hinein. Der Sesam war geöffnet worden. Noch traut sich niemand hinein. Sorgsam prüfen die zehn Pioniere den Eingang. Einer entschließt weiter zu gehen als die übrigen neun. Ganz vorsichtig übt er Druck aus, will eindringen, doch stößt auf vehementen Widerstand. Es wird unerträglich für sie. Wieder stöhnt sie, sie bäumt sich auf vor Lust und Verlangen und es fräße sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf, wenn sie ihren Finger nicht in den Mund nähme um ihm den Einstieg zu erleichtern. Er spürt die Wärme ihres Atems, dann die des Speichels. Ihre Zunge ertastet den Mittelfinger ihrer rechten Hand, die linke versucht den Sesam offen zu halten. Mit neugewonnenem Geschick findet der Feuchte Zugang. Der Eindringling ist willkommen. Jeder kleine Berührung wird mit einem wohligen Schauer beantwortet. Es pulsiert. Das Innere verlangt nach mehr. Dieser Wunsch ist auch sein Wunsch. Er arbeitet sich an den gerippten, harten Wänden entlang, dann stößt er wie zufällig auf etwas weiches, etwas anderes. Das Ziel seiner Reise, sein Thron. Der König windet sich, sucht die richtige Herangehensweise. Er bettet sich ein, er wühlt wie im Fieberkampf, rastlos und arbeitsam. Das Gefühl beginnt kurz über ihrem Steiß. Es kribbelt. Noch ist es ein Rinnsal, doch mit einer gewissen Macht gesegnet fließt es nach oben. Der Spinalkanal hadert mit der Ohnmacht das Gefühl nicht unterdrücken zu können. Das Rinnsal wird abrupt zum reißenden Strom. Elektrisiertes Blut schießt als gefühlter riesiger Schwall in die Bauchgegend. Der Kampf um Erlösung beginnt. Doch er ist schon verloren. Auch sie wird durch ihren eigenen Ethon gepeinigt, jeden Tag wächst ihre Lust, jeden Tag frisst Ethon sie, reisst an den Gedärmen, labt sich an ihr und lässt sie dann am Boden liegen. Mitleidig schaut der Spiegel sie an. Finster erwidert sie den Blick, hält der ebenso finsteren Antwort aber nicht stand. Sie tobt. Schreie zerschneiden die Idylle. Salzige Bäche ergeben sich in die ungewisse Tiefe. Ein Strom, keine Elektrizität. Sie leidet. Sie verwelkt, ohne geblüht zu haben.

2

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Finde ich großartig. Schöne Worte. Schöner Klang. Ach. Da könnte ich mich glatt verlieren. Verrückt bist du ja schon... Ich kann keine Laserstrahlen aus den Augen schießen. Nur Zuckerwattebälle. Die sind gefährlicher. Die kleben.

    09.07.2011, 17:46 von Die.mit.rotem.Haar
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare