Täterperspektive
Amoklauf in Emsdetten. Ein Versuch zu verstehen...
„Du kennst doch das Lied ´Wenn einer einen fängt, der durch den Roggen kommt´ […] Jedenfalls stelle ich mir dabei immer lauter kleine Kinder vor, die in einem großen Roggenfeld spielen und so. Tausende von kleinen Kindern, und niemand ist da - also, kein Großer -, nur ich. Und ich stehe am Rand eines verrückten Abgrunds. Und da muss ich alle fangen, bevor sie in den Abgrund fallen - also, wenn sie rennen und nicht aufpassen, wo sie hinlaufen, dann muss ich irgendwo rauskommen und sie fangen. Und das würde ich den ganzen Tag lang machen. Ich wäre einfach der Fänger im Roggen.”
So ein Zitat aus J.D Sallingers Kultroman „Der Fänger im Roggen“.
Dem Protagonisten Holden Caulfield ist es unmöglich, sein Leben mit Zwängen, Forderungen und Erwartungshaltung der Gesellschaft zu vereinbaren. Caulfield sehnt sich nach Rückzug. Flucht in die Welt der Kinder. Kinder, die nicht durch gesellschaftlichen Druck geformt und manipuliert wurden. Er weigert sich, den ihm von Zwängen vorgegebenen Weg zu gehen.
„S.A.A.R.T. - Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod“, so nennt Sebastian B. in seinem Tagebuch diesen Weg. B. war nicht gewillt ihn zu gehen, denn nach seinem Dafürhalten, raubte er ihm die Möglichkeit, nach freiem Willen zu leben.
Sebastian B. war ein Außenseiter, ein Waffennarr, ohne Freunde, Freundin, ohne Erfolg. Ein Leben wie es sich niemand wünscht. Ein Leben aber auch, das die Möglichkeit einer anderen Perspektive bietet: Einer Perspektive des Misserfolges.
Laut B. war die Abschottung selbstgewählt und bewusst, so berichtet er in seinem Abschiedsbrief: „Von 1994 bis 2003/2004 war es auch mein Bestreben, Freunde zu haben, Spass zu haben. Als ich dann 1998 auf die GSS kam, fing es an mit den Statussymbolen, Kleidung, Freunde, Handy usw.. Dann bin ich wach geworden. Mir wurde bewusst das ich mein Leben lang der Dumme für andere war, und man sich über mich lustig machte. Und ich habe mir Rache geschworen!“.
Macht man sich frei von gesellschaftlicher Bestechung bleibt laut B. und Sallinger, die Flucht, der Wahnsinn, oder der Tod.
Ein “nüchterner”, oder durch vermeintliches Versagen geprägter Weltblick, hat folglich zwangsweise eine vernichtende Wirkung.
Schaut man auf Korruption, Profitgier, Hungertod auf der einen, Überfluss auf der anderen Seite, Fanatismus, Hass und Lüge, fällt es schwer den Glauben an die Welt zu behalten.
Ist B. deshalb ein Märtyrer und Weltverbesserer?
Sicherlich nicht. Der Amoklauf von Emsdetten ereignete sich nicht, weil Israel im Libanon einfällt, oder im Irak täglich Menschen sterben. Sondern aus einem Ungerechtigkeitsempfinden, das sich auf einen kleineren, greifbararen Radius beschränkt. Alltägliche Kränkungen, erwartete Assimilation, Erfolgsdruck, das was Soziologen „Peer Pressure“ nennen. Pressure wie Druck. B. wollte diesen Druck nicht ertragen.
„Revenge Of The Geeks“ ist eine Bezeichnung, die nach dem Massaker an der Littleton Highschool in Columbine von 1999, kursierte. Mit dem englischen Wort „Geeks“ bezeichnet man Menschen wie B., die ihr Leben um eine virtuelle Existenz aufbauen und in der “richtigen” Welt als Verlierer gelten. Internet Loser. Nerds. Menschen dessen Wahl einer anderen Lebensweise und einer Flucht, nicht anerkannt und die deshalb durch Klassenkameraden und weiteres Umfeld schikaniert werden.
„Revenge Of The Geeks“, ist die Rache dieser Außenseiter. Die eine Möglichkeit, in der sich ihnen die Gelegenheit bietet, virtuelle und physische Realität verschmelzen zu lassen, sich gegen die vermeintlichen Unterdrücker zu erheben und sie zu bestrafen.
Das die Vendetta im Falle von Jugendlichen oft an Schulen stattfindet, ist offensichtlich und logisch. In der Schule vereint sich Leistungsdruck mit einem hohen sozialen Druck. Konkurrenz auf allen Ebenen, Erhöhung durch Erniedrigung.
Seine Feinde nennt B. die “Jocks”, eine Referenz an die Littleton Highschool, Tatort des Columbine Massakers, wo die Kaste der Sportler und beliebten Schüler sich“Jocks” nannten.
Aus B.`s Abschiedsbrief: „Jocks sind alle, die meinen aufgrund von teuren Klamotten oder schönen Mädchen an der Seite über anderen zu stehen. Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen.”
Das System ist ein Spiel, man kann dieses Spiel spielen und sein ganzes Leben damit verbringen, zu versuchen, nach den vornehmlich von Geld, vorgegebenen Regeln zu spielen. Man kann gewinnen, oder verlieren. Gewinnt man, kriegt man ein Einfamilienhaus, ein schickes Auto und eine hübsche Frau, verliert man, ist man nichts.
Für Sebastian B., kam keine dieser Optionen in Frage. Er wollte nicht spielen und auch Holden Caulfield, erzählt seine Geschichte aus der Psychiatrie.
Quellen:
http://www.mein-parteibuch.de/2006/11/21/abschiedsbrief-des-amoklaeufers-von-emsdetten/
http://www.stern.de/politik/panorama/luftblasen/:Amoklauf-Emsdetten-Sebastian-B.-Bluttat-Video/577087.html
http://www.stern.de/politik/panorama/:Amoklauf-Emsdetten-Ich-Rache/576773.html
http://de.wikipedia.org/
Spiegel Tv 26.11.2006 22.15 Uhr






Kommentare
hut ab, knicks nach links und rechts.
04.04.2007, 13:21 von aaaa