Stuttgart 21, was's da los?
Stuttgart soll mit dem Bau eines neuen Durchgangsbahnhofs an das 21. Jahrhundert angeschlossen werden. Das macht Schwaben und Baden vereint unruhig.
*In Baden-Württemberg hat man es sich noch nie leicht gemacht, wenn es darum ging, sich irgendwo anschließen zu lassen. Schon mit der Wiedervereinigung tat man sich seinerzeit ein wenig schwer, da man sich nicht so richtig vorstellen konnte, wo diese neuen Bundesländer nun zugehören sollten: zu Baden oder zu Schwaben? Niemand vermochte darauf eine gescheite Antwort zu geben, und so vertraute man auf die Kompetenz seiner gewählten Volksvertreter. Die wussten dann auch, wie die verwirrten Volksstämme zu beruhigen sind: "Nach unseren Informationen liegen die meisten neuen Bundesländer in der Region nördlich von Stuttgart." Damit war die Sache dann deeskaliert.
Schwieriger wurde es dann einige Jahre später, als das Land wieder ungefragt angeschlossen wurde, dieses Mal ans Internet. Zwar war es nun jedem möglich nachzuprüfen, dass die neuen Bundesländer tatsächlich nördlich von Stuttgart liegen, aber hatte diese immense Informationsflut auch ihre Nachteile. Denn nicht nur in den neuen Bundesländern sondern auch im Rest der westlichen Welt konnte man nun erfahren, dass es im Geltungsbereich der NATO eine Region gibt, in der Leute wie Erwin Teufel und Günther Oettinger demokratisch in verantwortungsvolle Ämter gewählt werden können. Was bis dato nur engagierten Sozialkunde-Lehrern Kopfzerbrechen bereitet hat, war nun plötzlich auch in Ouagadougou bekannt: "Politik? Och, nö." Nun ist Baden-Württemberg natürlich nicht als Kernland der Politikverdrossenheit anzusehen, aber lässt sich leider angesichts des Politikermaterials nachvollziehen, dass Menschen lieber über die Zukunft von Lothar Ms Beziehung zu Liliana abstimmen, als über die Eignung machthungriger Individuen für Amt und Würden. Ich persönlich denke, dass Lothar der Liebe noch ein Chance geben sollte.
Nun steht wieder ein Anschluss ins Haus, der diesmal jedoch nicht kampflos über die Bühne geht. Die Ruinen des eingerissenen Nordflügels des Stuttgarter Hbhf sind nun bundesweit als Palast des zivilen Ungehorsams, Stuttgart 1 oder schlicht als Mahnmal des Anschlusses BaWüs an den Schienenverkehr des 21. Jahrhunderts bekannt geworden. "Das goat so ned!" ist die Parole der Stunde und drückt knackig aus, was ins Hochdeutsche übersetzt heißt: "Man kann ein Volk nicht dauernd ungefragt irgendwo anschließen wie ein Fahrrad. In einer Demokratie ist der Bürger frei und entscheidet selbst, wann er einem Jahrhundert beitreten will. Das gilt auch für den Zahlenraum größer als 20. Und vor allem entscheidet der Bürger, ob er das Jahrhundert zu Fuß, mit dem Rad, mit dem Auto oder eben mit der Bahn erreichen will. Die Bäume nebenan im Park bleiben also stehen. Denn so lang die Deutsche Bahn kein attraktives Angebot für Zeitreisen vorlegen kann, sehen wir in naher Zukunft keinen Spielraum für Verhandlungen. Genausowenig stellt sich die Notwendigkeit für einen Bahnhof dar, der in die Zukunft weisen soll, ohne dass es überhaupt Züge gibt, die dorthin fahren können. Ich möchte die Damen und Herren nur noch mal darauf hinweisen, dass verspätete Züge nicht unter die Definition von Zeitreise fallen, und dass Bäume im Schlosspark als Gegengewicht zu Sendemasten im Schwarzwald zu verstehen sind."
Die verantwortlichen Politiker und Manager waren sich ihrer Sache offensichtlich zu sicher, als sie vor 15 Jahren das Projekt Stuttgart 21 auflegten. Denn leider hatten sie die Rechnung ohne die Generation Mitfahrgelegenheit und deren Vorfahren, der Generation Stattauto, gemacht - zu denen sich später noch Robin Wood und, von Dienstag bis Sonntag, die Veteranen der Montagsdemonstration gesellen sollten. Das alles wäre für die Polizei auch noch einigermaßen handhabbar gewesen. Geschlagen wurde erst dann, als die Klassensprecher der umliegenden Gymnasien schulfrei hatten und sich mit Familienausflüglern unter die Demonstranten mischten. Angesichts der Bilder sich keilender Schüler und Polizisten fragt man sich vielerorts nun zu Recht, ob es in Baden-Württemberg eigentlich keine Lehrer mehr gibt. Den Familienausflüglern ist hingegen nicht viel vorzuwerfen, schließlich ist es höchst löblich, dass Eltern und Kinder wieder mehr Zeit miteinander verbringen. Während man vielleicht früher noch zusammen in die Wilhelma gegangen wäre, um sich eingesperrte Affen anzugucken, geht man in Stuttgart heutzutage eben zum Bahnhof und beobachtet, wie Bauarbeiter hinter Gitterzäunen ihrer natürlichen Berufung nachgehen. Hätten die Eltern von Christiane F. damals ihre Tochter auf ihren Ausflügen zum Bahnhof begleitet, wäre die Geschichte sicherlich auch glimpflicher ausgegangen.
A propos glimpflicher. Stuttgart 21 wird in vielerlei Hinsicht zwar als Katastrophe gebrandmarkt, doch sollten wir den Teilnehmern der angeblich vorhergegangenen Diskussions- und Genehmigungsverfahren dankbar sein. Wenn Stuttgart 21 schon solche Sprengkraft entfaltet, will man sich gar nicht vorstellen, was uns durch die verworfenen Vorschläge Stuttgart 2 bis 20 geblüht hätte. Und auch mit der Veröffentlichung der Pläne für den Umbau des Stuttgarter Flughafens "Stuttgart 22" noch zu warten, sollte als gutgemeinter und vor allem deeskalierender Akt der Versöhnung gewertet werden. In den Machtzentren demonstriert man Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen und die kommende Wahl retten zu wollen.
Die Gewalt gilt es zu verurteilen, egal von welcher Seite sie ausgeht. Zu wünschen bleibt, dass der Stuttgarter Protest wieder zu seiner ursprünglichen Sachlichkeit zurückfindet. Zu Baum, Bahnhof und Eventerlebnis. Und so lang der VfB Stuttgart sich weiterhin im Bundesligakeller einrichtet, und nicht ohne Volksbefragung den Anschluss an die Tabellenspitze verkündet, ist vorerst Gott sei Dank kein zusätzlicher Zank zu erwarten.
Die Leute sind nicht automatisch gegen alles, aber sie möchten gerne gefragt werden. Nur Mut, ihr Politiker, nur Mut.






Kommentare
Sehr schön.So kann man es auch ausdrücken.
22.10.2010, 21:57 von kasperseinefrauEs isch ebe alles ned so oifach!;-)
das ist ja nicht so wahnsinnig viel.
08.10.2010, 11:43 von lavishschöner Text, musste an ein paar Stellen schmunzeln.
06.10.2010, 18:56 von NovemberTangoAber vllt solltest Du das Stattauto in Stadtauto umbenennen?!
mir gefällt der text auch sehr gut. zugleich lustig und realitätsnah geschrieben. besonders die ersten beiden abschnitte gefallen mir :)
06.10.2010, 17:54 von ketchupkoboltDas macht Schwaben und Baden vereint unruhig.
JA! mich als badnerin macht es auch unruhig, ich stehe hinter den stuttgartern und bin gegen den neuen bahnhof. und wäre ich in der nähe von stuttgart, ich würde sofort mitdemonstrieren.
kann es zudem denn wirklich sein, dass kinder und senioren mit wasserwerfern und pfefferspray verletzt werden,teilweise sogar bis zum erblinden? da sind die verantwortlichen echt zu weit gegangen!
und die bahn interessiert sich eh nicht wirklich für die betroffenen bürger...siehe ausbau der strecke karlsruhe-basel....ich hoffe nur, dabei wird es nicht so enden wie in stuttgart.
Haha, echt ein lustiger Text. Aaaaaaber dann bitteschön "Des goat so ned!" anstatt "Das goat so ned!"!
06.10.2010, 12:41 von Jesse_JamesToller Text!
06.10.2010, 12:34 von iffUnd schön zu sehen, dass es Leute gibt die in Frage stellen und nicht nur völlig unkritisch Politik, Wirtschaft und Medien Glauben schenken.
Ich gehe wieder hin. Heute wie die letzten Tage.
Um zu demonstrieren,
gegen ein System dessen Demokratieverständnis auf Pfefferspray und Wasserwerfern beruht. In dem die Aufgabe eines Politikers darin besteht ein Volk nur bis zum nächsten Wahlkampf zu vertreten, um dann bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten den Kopf möglichst unbeschadet aus der Schlinge zu ziehen, "koste" es was es wolle.
In dem Kinder mit 16 wählen sollen, mit 14 aber keine Meinung haben dürfen.
Nicht gegen einen Bahnhof..
eben - man versucht ein erwünschtes wahlergebnis zu retten. politikerInnen sind da eher "wirtschaftsflittchen" als in irgendeiner form an den ansichten der bevölkerung interessiert, die ihrerseits oftmals auch doof genug ist und ihr kreuzchen da macht, wo man ihnen am meisten persönlichen komfort versprochen hat.
06.10.2010, 10:31 von lavishund eine volksabstimmung wird es mit sicherheit auch nicht geben - das ergebnis dürfte ja von vornherein klar sein. diesmal geht es nicht um hirnverbranntes kleinklein wie moscheen in der schweiz, lauthals durch die gegend gebrülltes "VERBOTEN!!!!!" (es geht ums rauchen, oh ödnis) in bayern oder schulreformen für bourgeoise supermuttis aus hamburger speckgürteln, sondern um etwas, was die evölkerung in stuttgart aus was für gründen auch immer nicht will.
regiert wird der ganze aufstand von baufirmen und politikern, die ihr gesicht nicht so gern verlieren wollen. eine feine mischung, der man gar nicht entschlossen genug gegenüber treten kann - notfalls wortwörtlich.
@lavish Ups, thx für Infos. Da liegt wohl mein Unwissen zum Teil daran, dass ich die Landespolitier einiger Länder (und teilweise auch Bundespolitiker) zu konsequent wegzappe, wenn sie auf dem Fernseher auftauchen. Aber mal ehrlich ... wer mag die schon ertragen ? :-)
06.10.2010, 11:42 von Cyroüber das projekt kann man streiten. über die art und weise, wie die landesregierung es kommunziert und durchsetzt nicht. deshalb sind die proteste gerechtfertigt.
06.10.2010, 09:34 von AluRocktNun bin ich zwar genauso schlau wie zuvor, und dennoch angenehm überrascht, dass sich der Text so locker und leicht lesen lässt.
06.10.2010, 09:13 von CyroDas Thema selber irritiert mich allerdings immer noch ein wenig. Woher kommt der unbedingte Wille, das Großprojekt jetzt durchzuziehen, und wie kommt es dass Bürger, die bei den größten Mist, den Politiker verzapfen, nicht auf die Straße gehen, jetzt aber schon ?
Das Einzige, was ich weiss, ist das die Bahn nun mehr als je zuvor Zuschüsse vom Staat für teure Projekte bekommt, und das natürlich bundesweit. Anderenorts, z.B. hier im Norden, ist z.B. ein Streckenausbau zugange, ein Projekt, was in mehreren Phasen anlaufen wird und auch nicht gerade klein ist. Allerdings ist es klein im Vergleich zum Projekt Stuttgart 21.
Also, wenn mehr (Steuer)Gelder zur Verfügung gestellt werden ist verständlich, dass solche Projekte angegangen werden. Aber was löst denn nun diesen massiven Bürgerprotest aus ? Der Wille, ein altes historisches Gebäude zu retten ? Die Rettung von Bäumen ? Für solche Aktionen gab es schon unzählige Anlässe, das kann es nicht sein. Die milliardenschweren Kosten, die das Projekt verursacht ? Gibt’s so oder so ... selbst bei einem sofortigen Baustopp reden die Politiker von milliardenschweren Verlusten. Na los, ihr geizigen HartzIV- Empfänger und Geringverdiener, rückt endlich mehr Kohle raus, da werden ein paar Milliarden benötigt, euch geht’s doch viel zu gut !
Also, Geld kann auch kein Grund sein zu protestieren, finanziell ist der Steuerzahler so oder so dran.
Ich meine ... ich verstehe ja wenn Umweltschützer die Bäume retten wollen, wenn einige Stuttgarter Bürger ihren Bahnhof behalten wollen ... aber dass der Protest solche Ausmaße annimmt, dass selbst die Politik das nicht mehr ignorieren kann, dass massenhaft Menschen, die sich sonst nicht öffentlich organisieren aud die Straße gehen, von jung bis alt, das finde ich erstaunlich.
Vielleicht bin ich einfach zu weit vom Geschehen weg, um das so richtig nachvollziehen zu können. Vielleicht hat es auch mit den im Text humorvoll angedeuteten Eigenheiten der Bevölkerung zu tun. Ich weiss es nicht.
Grundsätzlich bin ich auf der Seite der protestierenden, wenn es darum giht, irgen etwas, was Nachteile für die Bürger hat, zu verhindern. Themen gibt es da einige ... von der Einführung von HartzIV über den Zugang zur Bildung nur für Wphlhabende (Themen Studiengebühren, Eliteuniversitäten) bis hin zu .... ja .. äh ... den Ausbau eines Bahnhofs ?!
Nee, warum ausgerechnet en Ausbau eines Bahnhofs bzw. dessen Verlegung unter die Erde ?
Das passt nicht wirklich. Klar, ich kann mir durchaus Argumente gegen den Bahnhof vorstellen, aber es sind alles Argumente / Gründe, die für mich kaum Gewicht haben bzw. auf andere Bauprojekte genauso zutreffen könnten.
Zudem: Ist nicht seit Jahrzehnten bekannt, dass in Süddeutschland so manche Bahnverbindung etwas . .äh .. suboptimal ist ? Dass Züge auf manchen Strecken sehr mit der Geschwindigkeit runter gehen müssen ? Und werden nicht im Rahmen vom Projekt Stuttgart 21 auch ein paar Strecken ausgebaut, oder soll das unabhängig von dem Projekt passieren ?
Ich bin nach wie vor etwas verwirrt, was Stuttgart 21 angeht und beobachte leicht staunend was da so los ist.