deeli 16.04.2007, 11:43 Uhr 42 1

Stunden später

Von der Unhöflichkeit, sein Konzertpublikum warten zu lassen

18:30 ist Einlass, steht auf der Eintrittskarte. 20 Uhr soll das Konzert beginnen. Ich mache mich erst spät auf den Weg, denn es ist ein schöner Frühsommertag. Ich genieße die letzten Sonnenstrahlen, bevor ich für den Rest des Abends in einer dunklen, feucht-heißen Konzerthalle verschwinden soll. Als ich um halb acht die Halle betrete, ist diese schon gut gefüllt mit sich unterhaltenden Menschen, die auf das Konzert warten. „Special Guests“ waren angekündigt und nun wartet man auf die Vorband. Aber die lässt auf sich warten. Kurz nach acht betritt ein Wesen die Bühne, welches wie die fleischgewordene Version eines Comic-Handfegers aussieht. Bloß in einem Paillettenoberteil. Er präsentiert ein paar seiner Songs zu einem seltsamen Discobeat. Das Publikum wartet stoisch auf die Hauptband. Denn das Rumgehopse und seltsame Gesinge kann man sich nicht wirklich gut angucken und anhören. Fertig, nach fünf Liedern geht er von der Bühne.

Es ist halb neun, ich denke mir, jetzt kann es ja endlich losgehen. Ein DJ betritt die Bühne, lässt seine virtuellen Scheiben drehen. Die ersten Zuschauer können nicht mehr gut stehen, anders ist das Mitwippen zur Musik mit einem Fuß nicht zu erklären. Denn die Gesichter sprechen Bände. Die Töne laufen auf einen Höhepunkt zu, das Publikum beginnt zu klatschen. Es ist viertel vor neun. Die Zeit passt, sie könnten jetzt anfangen. Ein paar Schreie, Klatschen, dann ist die Tonfolge vorbei und der DJ beginnt mit einem anderen Song. Ungläubig schaut man sich an. Dann wird weitergewippt, weitererzählt, weitergewartet. Als der Zeiger sich der Neun nähert, betreten Menschen die Bühne. Sie testen jedes Instrument an, schlagen ein paar Mal auf die Drums ein, zupfen ein paar Saiten. Dann verschwinden sie wieder. Erneut ertönt eine Höhepunkt-Tonfolge. Das Spektakel wiederholt sich. Kreischen, Klatschen. Das Publikum macht Druck, will nicht länger warten.

“Das ist ja wie bei Mando Diao“, höre ich eine Frau neben mir sagen. „Beginn sollte um acht sein, aber angefangen haben sie erst um viertel nach zehn. Das ist wohl besonders cool, die Fans so lange warten zu lassen.“ Da tun sich ja Abgründe auf, denke ich. Und: So schlimm wird’s hier wohl nicht werden. Die kommen ja jetzt. Aber da irre ich mich. Denn auch diese Tonfolge geht vorbei und der DJ legt einen neuen Song auf. Das Publikum ist sauer. Die ersten Pfiffe ertönen, aber verstummen nach kurzer Zeit. Jetzt könnten sie aber wirklich anfangen, denke ich.

Im Radio haben sie gesagt, dass die Band schon um vier mit dem Soundcheck fertig war. Was machen die denn die ganze Zeit jetzt hinter der Bühne? Warum kommen die nicht einfach raus, und beginnen mit dem Konzert? Warum schreiben sie „Beginn 20:00 Uhr“, wenn nicht vor neun Uhr begonnen wird? Warum lassen sie ihr Publikum bewusst warten? Um Viertel nach neun wiederholt sich das Spielchen: Tonfolge, Klatschen, Schreien. Nichts passiert. Dann: Pfiffe. Aber: keine Bewegung auf der Bühne.

Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf. Alle warten auf die, weil sie die Eintrittskarten teuer bezahlt haben. Wäre dieser Geldfaktor nicht, und der Fakt, dass man die Band ja unbedingt sehen möchte, dann wären sicher einige schon längst wieder gegangen. Denn das hier grenzt an eine Unverschämtheit. Es ist halb zehn. Erneut erklingt eine Höhepunkt-Tonfolge. Das Jubel-Verhältnis hat sich umgedreht, kaum hört man noch Klatschen als die Band die Bühne betritt, die Pfiffe sind einfach zu laut. Noch minutenlang geht das Pfeifkonzert weiter. Doch dann ist der Ärger vergessen, als die Takte des ersten Lieds erklingen.
Gott sei Dank sind die nicht Mando Diao. Aber anderthalb Stunden, das ist auch schon eine Frechheit.

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42 Antworten

Kommentare

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    kenn ich.
    das warten nervt total..

    05.01.2008, 22:56 von roo
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    Also 1.: Was fällt dir ein andere Bands schlecht zu machen!!! Du kannst garnix über Mando Diao sagen und machst sie schlecht!!! Fetter Minuspunkt!!!
    2.: Die Vorbands sind doch immer wieder interessant, schließlich waren so ziemlich alle großen Bands irgenwann Vorbands!
    3.: Und es ist ja auch nicht so, dass man nur blöd rumstehen muss, man wird jawohl noch gut unterhalten.

    Ich finde 11/2 Stunden bis 2 Stunden auf jeden Fall noch akzeptabel.

    11.06.2007, 13:04 von w_ode
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    also von wegen später kommen: ich brauch nicht zu einem konzert zu gehen,wenn ich mich drauf einstelle, dass ungefähr achttausend leute vor mir stehen ( und ich bin echt schon ziemlich groß). also wirklich. ich steh mir lieber die hacken wund und überstehe zwei beschissene vorbands, als dann bei der hauptband aus 5 km (ich übertreibe) entfernung raten zu müssen wer wer ist. ich finde gute bands dürfen sich ruhig zeit nehmen. und dünnbrettbohrer, die lieber gleich die sitzplätze am ende der halle nehmen, obwohl grad mal fünf reihen vor der bühne stehen (the killers, arena berlin), die haben den sinn eines konzertes eh nicht verstanden.

    04.06.2007, 22:15 von enfant.terrible
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      @enfant.terrible Da stimme ich dir echt zu, von wegen sich gleich Randplätze zu sichern. Die haben echt keine Ahnung!
      Naja, obwohl 5te Reihe echt anstrengend mit pogen und so ist...Trotzdem, man kann ja immernoch n bisschen nach hinten gehen, bzw sich nach vorne drängeln...^^

      11.06.2007, 13:10 von w_ode
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    Das es etwas länger dauert, sollte jedem konzert besucher klar sein. Als band kannst du eben nicht pünktlich auftreten, das wäre so als würde man einen ganzen ballen holz auf einmal ins feuer werfen - umsonst.

    Du musst die leute warten lassen bis zu einem bestimmten punkt, an dem die stimmung jeden moment kippen kann, von euphorischer vorfreude in aggressive hasslaune. Dann ist der moment gekommen an dem man das kleine kämmerchen verlässt und die weltbedeutenden bretter entert.

    Diese band scheint damit jedoch offentsichlich noch hoffnungslos überfordert gewesen zu sein. Tja auch das gehört dazu ... den richtigen moment abzuwarten.

    03.06.2007, 18:47 von Mewkew
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    Vor allem wenn man langsam älter wird, möchte man nicht mehr 3 Stunden herumstehen bevor die Band auftritt wegen der man gekommen ist... ;-)
    Da lobe ich mir doch das rauchfreie 'Sitzkonzert' ohne Gedränge in Duisburg letzten Mittwoch bei Lisa Gerrard.

    Beim Gebäude 9 in Köln kann man aber auch ganz schnell mal was verpassen wenn man extra später kommt - das ist mir auch schon passiert...

    20.04.2007, 18:40 von Fuexa
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    @Waterloo

    Wollte der das Micro oder das Publikum testen?

    20.04.2007, 18:06 von Dein_Maedchen
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