ElisLogbuch 16.07.2018, 19:21 Uhr 16 2

Studieren aus Verlegenheit: so viele Menschen, so wenig Bock?

Ich hab beobachtet und gelauscht, gedacht und getippt. Hier das Ergebnis eines inspirierenden Aufenthaltes in der Uni-Mensa.

Disclaimer: Dieser Text ist im Oktober 2017 entstanden, als ich mich in den letzten Zügen meines Bachelor Studiums befand.

Vor Kurzem war ich während der Ersti-Begrüßungswoche in der Uni. Mein eigentliches Vorhaben, eine Formalität bezüglich der Anerkennung einer Prüfungsleistung zu klären, erwies sich nach einem zweiminütigen Gespräch als (erfolglos) erledigt. Also beschloss ich, mir wenigstens eine Portion Pommes zu genehmigen, um den Weg nicht ganz umsonst auf mich genommen zu haben. Ich setzte mich in die noch verhältnismäßig leere Mensa und lauschte den Gesprächen um mich herum.

Mir gegenüber saßen zwei Erstsemesterinnen, die sich über die verschiedenen Veranstaltungen der Einführungswoche unterhielten. In meinen Gedanken wurde ich drei Jahre zurückversetzt, in die Zeit als ich mein Studium begonnen hatte. Alles war so neu und aufregend. Ich erinnere mich noch genau, wie gespannt ich auf die Dozenten, Kurse, meine Kommilitonen und den Alltag an der Uni an sich war. Schon während des Philosophie-Vorkurses freute ich mich auf die verschiedenen Themen und Aufgaben und war gleichzeitig verunsichert und abgeschreckt von der auf mich zukommenden intensiven Arbeit.
Am Tisch gegenüber schien die Stimmung eher anders. Am Vormittag wäre das Erstsemesterfrühstück im Philosophischen Seminar gewesen. Beide hatten sich sogar einen Wecker gestellt, sich dann jedoch dazu entschieden, lieber im Bett zu bleiben. Aus Gründen von Müdigkeit. Widersprüchlicherweise wurde gleichzeitig bemängelt, dass es schwierig war, die ganzen neuen Leute kennenzulernen. Man wünschte sich mehr, bessere oder einfach andere Aktivitäten. Zum Beispiel Grillen. Ich blickte aus dem Fenster und betrachtete die meteorologischen Launen des Schleswig-Holsteinischen Oktobers und musste dezent grinsen. Generell war ihnen alles zu unübersichtlich und chaotisch. Ja, der Bemerkung musste ich zunächst zustimmen. Doch mittlerweile denke ich, dass diese Tatsache eine weitere Aufgabe ist, mit der man wachsen muss. Man kann schließlich nicht das ganze Leben davon ausgehen, dass der Stundenplan mit Mathe, Deutsch und Erdkunde einem auf dem Silbertablett serviert wird. Studieren hat den großen Vorteil, dass man eigenverantwortlich und selbstständig die Gestaltung seines Tages und den Verlauf des Studiums übernehmen kann. Dementsprechend muss davon ausgegangen werden, dass eine solche Gestaltung mit einem gewissen Aufwand verbunden ist. Fehler passieren, Dinge laufen schief, manchmal ist die Verwaltung echt mies und manchmal muss man sich auch an die eigene Nase fassen.

Meine Gegenüber verfielen mehr und mehr in eine Mischung aus prinzipieller Unlust und sich stetig steigernder Gereiztheit. Man hatte jetzt schon keine Lust auf diese ganzen Kurse und Termine. Bereits in der Einführungswoche war doch alles so sinnlos und unnötig gewesen. Ob man nun da war oder nicht, es machte keinen Unterschied. Eigentlich hätte man sowieso nach Hamburg gewollt. Da wäre alles anders gewesen. Besser. Genau wie bei den Freunden, die hätten während der Erstiwoche schließlich auch gegrillt.
Während ich also meine Pommes kaute, fühlte ich mich mit jedem Bissen etwas niedergeschlagener. Ja, die Qualität dieser ist ausbaufähig, doch der Preis einfach unschlagbar und ich schob dieses Gefühl auf die ausgesprochenen Worte, die ich vernahm. Sind es nicht die Menschen, die den Unterschied machen? Sind sie es nicht, die einer Handlung einen gewissen Sinn erst geben, statt dass diese ihn schon im Voraus enthält? Ich vermisste Leidenschaft für etwas der Sache an sich wegen. Natürlich braucht man einige formale Grundlagen, um zu einem Studium zugelassen zu werden. Doch die Kernkomponente, die zu einem erfolgreichen Studium zwingend notwendig ist, ist ein Interesse und die intrinsische Motivation, die Sache selbst voller Eifer anzupacken. Ja, man kann auch ohne diese Eigenschaften ein Studium abschließen, aber ist das denn der Sinn dieser Sache?
Vielleicht ist der Eintritt ins Studium eine logische Konsequenz nach dem bestandenen Abitur und somit ein gesellschaftlicher Zwang, der der heutigen Generation auferlegt wird, doch dies ist ein anderes Thema, das hier nicht erörtert werden kann. Stattdessen wünsche ich mir sehr, dass die Menschen wieder dazu gelangen, in sich selbst hinein zu hören, um zu verstehen, was ihre wirklichen Wünsche und Interessen sind.

Ich glaube nicht, dass die beiden jungen Studentinnen Unlust als überwiegende Charaktereigenschaft besitzen. Ich denke eher, dass sie etwas tun, das sie nicht wirklich wollen. Ich finde, dass man sich wieder mehr ins Bewusstsein rufen sollte, dass Studieren eine freiwillige Entscheidung und ein Privileg ist. Ich genieße dieses Privileg und freue mich, meine Bildung auf diese Weise ausbauen zu können. Nein, ich möchte mich hier nicht als Vorzeige-gute-Nudel präsentieren, sondern einfach nur darstellen, dass man einen gewissen Spaß an allen möglichen Aktivitäten haben oder entwickeln kann.
Der Punkt, auf den ich hinaus möchte, ist, dass es vollkommen egal ist, in welcher Branche man tätig ist, welchen Beruf man ausübt oder an welcher Sache man arbeitet, das Wichtigste dabei ist, eine gewisse Motivation, Lust oder Freude zu verspüren. Es gibt Menschen, die am liebsten allein für sich arbeiten und es gibt welche, die den Kontakt zu anderen lieben. Es gibt Menschen, die gerne etwas mit ihren Händen erschaffen und sehen, fühlen schmecken wollen, was sie produzieren. Es gibt Menschen, die erst in den theoretischsten Gedanken und Ideen regelrecht aufblühen.
Ist es nicht die Kunst, für sich selbst herauszufinden, welche Inhalte einem diesen gewissen drive verleihen, unabhängig von äußeren Faktoren, sondern mit einem Fokus auf die eigene innere Welt? Meiner Meinung nach könnte eine Umstrukturierung des Bildungssystems diesen Ansatz bereits ausschlaggebend unterstützen. Sollte es nicht darum gehen, junge Menschen an die Hand zu nehmen, ihnen zu zeigen, wo ihre Kompetenzen liegen und sie somit guten Gewissens in die Welt schicken zu können, statt ihnen auf Biegen und Brechen Spezialwissen aller Fachrichtungen zwanghaft einzutrichtern, damit der Lehrplan eingehalten wird und man die diversen Themen schlicht abhaken kann, mit dem lächerlichen Gedanken, dass es sich hierbei um richtiges Wissen handelt? Das ist doch nur einfaches Bulimie-Lernen: Alles für die Klausur reinpfeifen, ins Heft Kotzen und anschließend für ewig aus dem Gehirn löschen. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, muss ich gestehen, dass manches Wissen bei mir nicht einmal im Kurzzeitgedächtnis landete, sondern schnell noch fünf Minuten vor der Klausur ins Ultra-Kurzeitgedächtnis gequetscht wurde. Wie soll man denn, wenn der Alltag spätestens ab der Oberstufe genau so aussieht, herausfinden, was man gut findet, wer man ist und wo die persönlichen Stärken liegen?

Vielleicht könnte man einem Studieren aus Verlegenheit, da man ja nunmal Abitur nicht ohne Grund gemacht hat, entgegenwirken, vielleicht wären auch weniger unmotivierte Studierende in den Hörsälen, wenn sie vorher eher eine Chance erhielten, genauer darüber nachzudenken, ob diese Erfahrung wirklich etwas für sie ist. Oder aber sie würden in den richtigen Hörsälen sitzen, da der Studiengang fortan nach Interessenschwerpunkten gewählt würde. Ich persönlich habe keine Lust mehr auf dieses ständige Rumgenörgel und Aussagen wie „die Hausarbeit schreibe ich die Nacht vorher“, „trägst du mich in die Liste ein?“ und „die Anwesenheitspflicht wurde ja abgeschafft“.
Vielleicht ist es nicht einfach, etwas zu finden, das man gerne tut, einen Ort, an dem man sich gerne aufhält, Themen, mit denen man sich gerne auseinandersetzt, sodass so wenig wie möglich Platz für Meckerei und Frust bleibt. Doch lohnen würde sich dieser Aufwand allemal.
Und wenn das am Ende sogar bedeutet, dass nicht studiert wird, obwohl Abitur gemacht wurde, ist das doch vollkommen ok.


Tags: Uni, Studieren, Ausbildung, kein Bock, Freude, Alltag, Abitur, Gedanken, Bildungssystem, Pommes, Schule
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16 Antworten

Kommentare

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    Schön geschrieben! Du hast so ein Gespräch zugehört, ich musste mit solchen Menschen mein ganzes Studium verbringen. Natürlich war ich mit den demotivierten Kommilitonen nicht befreundet, aber in den Pausen und während der Vorlesungen musste ich ständig zuhören, wie sie nörgeln. Ich konnte nie nachvollziehen, wozu sie überhaupt studieren, wenn alles immer so mies ist und es ihnen nicht gefällt. Sie haben nie Fragen gestellt, nie nach der Tiefe gesucht, immer hatten sie keinen Bock und keine klaren Ziele vor Augen. Ich konnte ebenfalls nicht verstehen, wie sie die allen Prüfungen und Hausarbeiten bestanden haben. Eines Tages ist alles klar geworden: sie ließen ihre Hausarbeiten schreiben und die Eltern haben dafür bezahlt. Sie, es waren 5 Mädchen,  haben mit Stolz darüber berichtet und der Gruppe diese Seite gezeigt: https://business-and-science.de/hausarbeit-schreiben-lassen/  Echt Wahnsinn! Ich war echt enttäuscht :( und gleichzeitig sauer, weil es sehr unfair ist. Letztens habe ich eine von denen getroffen: an der Kasse bei Aldi... und ich war erleichtert :)

    06.10.2018, 14:31 von Atonia
    • 0

      Hey,
      das ist wahrscheinlich schon die nächste Stufe und wahrscheinlich wird so häufiger vorgegangen als man denkt...
      Aber glaube mir, ich habe das nicht nur in diesem Gespräch mitbekommen, um mich herum war die Stimmung auch immer so.
      Dass das unfair ist... naja, das wird immer so sein. Ich hoffe einfach, dass jeder seinen Weg findet.

      18.10.2018, 07:33 von ElisLogbuch
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    Schöner Text, der aufzeigt, warum manche Leute "richtige" Studenten sind und andere eher nicht. Die Probleme liegen zum einen wie beschrieben in der Unlust, der Demotivation, dem nicht wissen wollen, wohin es gehen soll, zum anderen im Niedergang der beiden anderen Schulformen (Realschule und Hauptschule). Diese Schulformen sind nur noch die Resterampe für diejenigen sind, die es nicht packen den verminderten Ansprüche des Gymnasiums zu genügen (und ich wohne in einem sehr kleinen Katastrophen - Bundesland, ich weiss wovor ich rede).

    Warum man beschlossen hat, die Ansprüche der Schulformen so weit abzusenken kann ich nur schwer sagen. Oft liest man etwas von den Eltern, die Ihren Sprößlingen gute Noten ggf. einklagen, ich denke jedoch das man lange Jahre auf Seiten der betreffenden Behörden gepennt hat und damit den schulischen Ausverkauf dieses Landes verursacht hat. Ganz übel.     

    17.07.2018, 09:48 von chiral
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      Oh ja, da sprichst du auch noch einen wichtigen Punkt an.
      Heutzutage ist ja ein 1,0 Abi normales Mittelmaß und die mit 0,8 sind dann die etwas Besseren.
      Aber wenn statt Noten, Verbesserungen, Hinweise, Kritik und Tipps nur noch Smileys und Sternchen an den Heftrand gemalt werden... (:

      17.07.2018, 10:31 von ElisLogbuch
    • 1

      Genau das meine ich... dafür aber eine unrealistische, fordernde Haltung der Welt gegenüber. Übel das...

      17.07.2018, 21:50 von chiral
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