MadActor 03.12.2008, 12:53 Uhr 43 28

Stuck In The Middle With Them

In der Regel besitze ich eine gewisse Grundeitelkeit. Wie gesagt, in der Regel.

Ich benötige zwar keine drei Stunden im Badezimmer, damit mein Haar perfekt sitzt, habe jedoch gewisse Regeln, die befolgt werden, bevor ich mich beispielsweise mit Freunden in der Stadt treffe oder sonstwie ausgehe. Eine ordentliche Rasur, frisch gewaschene Haare, wenn nicht ohnehin eine komplette Dusche, und die Schuhe sollten zumindest grob zum restlichen Outfit passen.

Dann gibt es aber diese "ach-scheiß-drauf"-Tage, an denen ich sämtliche Eitelkeit in einen Karton stopfe und dreifach versiegele. Dann kommt eine Bacardi-Kappe auf die fettigen Haare und in meinem Gesicht sprießen markante Bartstoppel. Die Jeans hat das Recht dreckig zu sein und die Sneakers sind es sowieso immer. An diesen Tagen besteht mein Anspruch an mir selbst lediglich darin, für mich allein zu sein. Am Flussufer entlang spazieren, Musik hören und die Großstadtlichter aufsaugen. Irgendwie fühle ich mich dann einfach unsichtbar. Wenn ich mich selbst so in einer Ecke an der U-Bahn-Haltestelle sehen würde, würde ich nicht ein Mal daran denken, mich auch nur neben mich selbst zu stellen, geschweige denn, mich anzusprechen. Selbst Lächeln bringt bei dem Aussehen wenig Sympathiepunkte, darum lasse ich das dann auch gleich bleiben.

In letzter Zeit beobachte ich jedoch einen Umstand, der mich an meiner Außenwirkung zweifeln lässt. Als ich vorige Woche Nachts in einer etwas volleren Haltestelle stand und Gedankenversunken auf die Bahn wartete, zupfte eine nicht unansehnliche weibliche Gestalt an meiner Jacke und deutete mir mit einem liebevollen Lächeln, die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen, damit ich in der Lage sei, ihre anstehende Frage besser zu vernehmen. "Sorry, ist die nächste Bahn die, die auch am Hauptbahnhof hält?" Blick von mir auf die Anzeigetafel; Blick auf die Menschenmasse in der Haltestelle mit potenziell besseren Ansprechpartnern, als einen versifften, unrasierten, nachdenklichen Typen der alleine am Rand steht und Musik hört; Blick zu ihr; dann ein knappes "Ja" von meiner Seite gespickt mit einem leichten Nicken zum Unterstreichen der positiven Antwort und meine Hand richtete sich mit den Kopfhörern wieder in Richtung Ohr.

Das Lied wollte ich auf alle Fälle in diesem Moment bis zum Ende hören. Der Kopfhörer musste meine Ohrmuschel eine Millisekunde lang gestreift haben, als sie Luft holte und begann: "Naja, ich bin ja auch aus der Stadt hier aber ich fahre so gut wie nie Bahn. Deswegen bin ich gerade etwas unsicher gewesen. Ich komme gerade von einer Betriebsfeier und bin auch ein wenig beschickert, da konnte ich ja nicht mehr mit dem Auto fahren. Aber die Feier war so ätzend, da hab ich's ohne Alkohol nicht mehr ausgehalten und deshalb bin ich jetzt aber auch schon früher wieder unterwegs nach Hause...".

Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Wieso erzählte sie mir das alles? Ich sah sie wortlos an, doch sie ließ sich nicht im Geringsten beirren, sondern lachte, scherzte, lächelte und erzählte. Bei Ankunft der Bahn setzte sie sich neben mich und erzählte weiter. Sie sei Bürokauffrau, achtundzwanzig, würde gern noch feiern oder aber vielleicht doch zu Hause ein Bad nehmen. Im Übrigen sei ich ihr sehr sympathisch, wo ich denn herkäme und was ich denn noch vorhätte. Das alles hätte mir sehr geschmeichelt, wenn ich in dem Augenblick für Schmeicheleien in der Verfassung gewesen wäre. Aber mein Aufzug war so gewählt, weil ich aussehen wollte, wie ich mich fühlte. Und ich fühlte mich nicht nach einer längeren Unterhaltung oder einem Bad bei einer fremden Bürokauffrau, die ich eben erst in einem Crash-Kurs kennengelernt hatte. Als meine Station erreicht war, verabschiedete ich mich von ihr mit "Sorry, aber hier muss ich raus". Sie sprang auf, umarmte mich innig, sodass ich das Gefühl hatte, wir müssten uns mindestens seit dem Kindergarten kennen, sagte mir noch das sie Christina hieße und das wir uns vielleicht ja nochmal über den Weg laufen könnten. Sie würde es jedenfalls freuen.

Gestern: MadActor, ähnlicher Aufzug, ähnliches Gefühl wie vorige Woche, andere U-Bahn-Haltestelle. Es war eine der hässlichsten U-Bahn-Haltestellen in der ganzen Stadt. Um zu meiner Bahn zu kommen - und es sollte die letzte ihrer Art in dieser Nacht sein - muss man einen breiten, leeren Gang entlanggehen, der mit einer äußerst tiefen Decke und grünlichen Neonröhren ausgestattet ist. Da diese Bahn wenig frequentiert ist, ein einsamer, langer und düsterer Weg aus gekachelter Abscheulichkeit.

An der Haltestelle angekommen wollte ich mich setzen, nachdem ich sah, dass ich noch zwanzig Minuten auf die Bahn warten musste. Die einzige Sitzbank war jedoch komplett von einem hässlichen, vollbärtigen Mann mit Weinflasche zu seinem Bett umfunktioniert worden, der dort selig schlief. Oder tot war. Ich hab es nicht weiter nachgeprüft. Ich starrte an die gegenüber liegende Wand, regungslos. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet dort hinstarren musste, aber irgendwie wäre alles andere mindestens genauso blöd gewesen. Ich hätte als Alternative auf den Ticketschalter starren können. Schritte näherten sich von hinten, die ich aber überhört haben musste, da ich wieder mal mit Musik und Gedanken beschäftigt war.

Plötzlich nahm ich wahr, wie jemand neben mir stand und gestikulierte. Ich sah hinüber und ungefähr einen Kopf tiefer stand ein rundlicher, glatzköpfiger junger Mann und deutete mit einem Grinsen, das breiter nicht mehr sein konnte, auf meine Kopfhörer. Keine Ahnung warum, aber ich nahm sie raus. "...es dauert, bis ich mit der Bahn die vorletzte Station erreicht habe?" bekam ich das letzte Fragment seiner Frage noch mit. Mit einem Achselzucken antwortete ich: "Ungefähr zwanzig Minuten", und wollte weiter die Wand anstarren, denn -ich weiß nicht mehr genau was es war- aber ich hatte das Gefühl, irgendwas Interessantes an dieser grauen Betonwand entdeckt zu haben, das meine ungeteilte Aufmerksamkeit benötigte.

"Was? Boah, kacke...die soll'n sich mal beeilen. Ist doch nicht wahr. Mann Alter, ich will nach Hause. Wartest du auch auf die Bahn?", fragte er mich. "Nein, ich stehe gern um drei Uhr morgens neben einem schlafenden oder toten Penner, starre Wände an und versuche einen epileptischen Anfall durch das flimmernde Grünlicht an den Kacheln zu vermeiden." Er lachte. "Der war gut, Mann! Ich bin eben aus dem Krankenhaus raus. Hab 'nen Leistenbruch...ne, 'nen Riss. 'Nen Leistenriss, Mann. Ist das ein Scheiß. Hier alter, schau mal", ich wollte es nicht glauben, als er seinen Pullover hoch und die Hose ein Stück runterzog um mir eine verbundene Wunde in der Nähe seiner Hüftknochen zu zeigen. Wie gesagt: ich wollte es nicht glauben, musste es aber letztendlich. "Das Problem ist nicht der Riss. Sondern es hat sich Eiter gebildet und den mussten die raussaugen praktisch", erklärte er mir, holte dann eine Packung äußerst starker Medikamente raus und las darauf etwas ab, um fortzuführen: "Weißt du, so eine Scheiße kann zu einer...hier steht's: bakteriellen Entzündung führen...ist das 'ne Kacke, was Alter?" Er war eine absolute Frohnatur -trotz Leistenriss.

Und so begann er lauter zu lachen, erzählte mir, er sei Möbelpacker, kurdischer Herkunft aber mit deutschem Pass und wolle noch ein, zwei Jahre sparen, um mit einem Freund durch ganz Indien zu trampen. Er war einundzwanzig, immer schlecht in der Schule gewesen, aber in Geschichte interessiert. Entgegen meinen Befürchtungen entwickelte sich das Gespräch während der Bahnfahrt zu einem historischen Duett über Kaiser Wilhelm II., Napoleon und Adenauer. Als meine Station erreicht war, verabschiedete ich mich von ihm mit "Sorry, aber hier muss ich raus". Er sprang auf, gab mir einen absolut coolen Handschlag, sodass ich das Gefühl hatte, wir beide müssen bereits in einem vorigen Leben gemeinsam ein Dutzend Banken ausgeraubt haben, sagte mir noch, dass er mich für einen total "sympathischen und witzigen Typen, ohne Scheiß, Mann", hielt und dass wir uns vielleicht ja mal weder über den Weg laufen könnten. Ich nickte...

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43 Antworten

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    schöner text allerdings hab ich irgendwie noch einen klimax am ende erwartet.geht aber auch ohne

    06.01.2009, 12:41 von JoannaStarlette
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    Man braucht keinen Menschen der "gut zuhören" kann, wie es viele oft behaupten, die Einbildung, dass einer da ist, reicht.

    23.12.2008, 09:24 von DonnaD
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    Oh mann. Ich habe an mehreren Stellen herzlich gelacht.
    Dankeschoen!

    09.12.2008, 19:13 von hanhel
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    Sehr schöner Text! Hat mir sehr gefallen, hatte die ganze Geschichte wie nen Film vor Augen.

    05.12.2008, 18:42 von kleine_sonja
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    ich mag solch Texte, bei dem ich automatisch Bilder vorm inneren Auge bekomme. Bei manchen Texten bin ich mir nach Jahren manchmal nicht sicher, ob ich nicht doch sowas im Fernsehen oder Kino geschut hab. Lässt sich sehr gut lesen, und verursacht schöne Bilder. Kannst gut umschreiben/ beschreiben

    04.12.2008, 18:42 von PINKmitGlitzer
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