wachkatze 24.01.2004, 19:46 Uhr 59 4

Stromschwimmen!

Zigaretten, Becks Bier, Stuckleisten auf Hüfte tätowiert, Milchkaffee, aber aus der Schale.....

Sobald ich Wollmützen-und-Baggy-Hosen-kombinierende Hip Hop-verschnitte sehe, die sich mit ihrem extem aus der Rolle fallenden DanceHall-Underground-reggae-Musikgeschmack Southpark reinziehen, dabei dümmlich lachen und ihre Kippe lässig zwischen Daumen und Zeigefinger halten, kriege ich Ausschlag. Ich kann ja wirklich verstehen, warum Anfang Zwanzig-jährige mit höherem Schulabschluss gerne Individuell sein wollen. Selbstfindung? Macht ja jeder durch. Muss ja jeder. Also werden Klischees abgeklopft, welches wohl irgendwie am hipsten, coolsten, besondersten ist. Diese Mainstream-ablehnenden, intelligenz-raushängen-lassenden Kiffer sind meiner Meinung nach genauso individuell wie eine Spaghetti-Nudel.

Lassen wir das Lästern. Man schaue sich das Paradoxon an: Individuell sein und gleichzeitig mit Trends gehen. Wo fängt eine Klassifizierung an, wo ist man noch einzigartig?
Ideologisch betrachtet, gibt es keine absolute Individualität in einer funktionierenden Gesellschaft. Lebt man in, also mit einer Gesellschaft, muss man sich zwangsläufig an ein Minimum von Normen und Regeln halten, denn dadurch definiert sich eine Gesellschaft, ein funktionales Zusammenleben mehrerer Menschen. Und sogar ein ablehnendes Verhalten führt zu einer "neuen" Gesellschaft. Kein Mensch auf dieser Erde will, dass seine Ideen, Denkanstösse oder einfach sein Anders-Sein unbeobachtet bleibt. Es liegt in der Natur des Menschen, ein Herdentier zu sein. Alleine ist ein Mensch nicht lebensfähig. Und geht er mit der Philosophie der Eremiten und verkriecht sich allein in einer Hütte auf einem Berg in Pakistan, hat das sicherlich in dieser Form schon ein anderer getan.

Der Trieb des heutigen Menschen in der westlichen, vorallem europäischen Gesellschaft, individuell sein zu wollen, entsteht aus der Zeit heraus. In einer Aera, wo man das Gefühl hat, in einer immer Gleicher-werdenden Population zu leben, ist der Drang, herauszubrechen sehr stark. Medien-Vorgaben, Schönheitsideale, Modediktate... Es gibt kein Entrinnen. Und somit kifft unser verplanter Kiffer eben nicht nur aus dem Wunsch heraus, individuell zu sein, vielleicht gar nicht, sondern liegt das Problem vielmehr in seinem Streben nach Anerkennung und sozialer Coolness, gedeckt von einem Mantel des Individuellen. Man erkennt es daran, dass selbst die individuellsten, Kopftuch-tragenden Alternativen unter uns z.B. lieber schlank als fett sein wollen. Ohne die Gesellschaft geht es eben doch nicht ganz. Ganz alleine will der Mensch nicht sein.
Das Schlimmste an diesen Möchtegern-Individualisten ist die Unfähigkeit, eben dies zu erkennen. Man hält sich für etwas, das man nicht ist.

Ist es aber so schlimm, ein Teil von etwas zu sein, bzw nicht einzigartig zu sein? Wo man doch feststellen muss, dass es soetwas gar nicht gibt, in der Art und Weise wie der Trend Individualismus proklamiert wird? Ich denke nicht. Grosse Ideen entstehen nicht nur aus Not heraus, sondern auch aus Individualität in einem neuen Sinne: Erfasst man diese Metapher nicht ideologisch, kann man zu einer menschenwürdigeren Form der Individualität finden. Man muss akzeptieren, dass es einen nicht davon abhält, etwas besonderes zu sein, wenn man dieselben Hosen wie seine Nachbarin trägt. Denn wenn das schon als individuell bewertet wird, dann Gute Nacht.
Auch im mentalen Sinne kann und darf es nicht als gut gelten, immer andere Gedanken zu haben als andere. Nicht jeder von uns bewegt die Welt und grosse Ideen werden erst dann richtig gross, wenn sie eine Lobby haben, die dieses versteht und zu einer Verwirklichung hilft. Es ist wie mit dem Schrei im Wald – ist es ein Schrei, wenn ihn niemand hört?

Die Vergeistlichung von durchaus schönen Gedanken, wie eben dem der absoluten Individualität, ist nicht für eine Gesellschaft bestimmt. Kommunismus ist auch ein schöner Gedanke, genauso wie der Generationsvertrag. Leider sind wir alle Menschen. Zwar zivilisiert, aber noch weit vom Ultimum entfernt. So wird jeder zu ideologische Gedanke immer an den Menschen selber stossen: Sein Wunsch nach Anerkennung, Akzeptanz, Wohlstand und der Angst, alleine zu sein. Ist das schlimm? Ich denke nicht.

Was ist schon individuell? Der Trend, besonders sein zu müssen, hat sich über die letzten Jahre derart verstärkt, dass es zu einem Paradoxon geworden ist: Firmen werben mit der Illusion, ein Produkt mache einzigartig, verkaufen diese Philosophie – und es geht auf.
Es geht nicht nur auf, sondern inzwischen auch auf die Nerven. Beschäftigt sich jemand hauptsächlich mit der Anstrengung, immer individuell und auch – widersinnigerweise – als erster mit einem Trend zu sein, erstickt eben dies jegliche menschliche Kreativität und Einzigartigkeit im Keim.
Nach dieser Podiumsrede auf den Trend Individualität, ist eigentlich schon wieder klar, wo es hinführen wird. Stromschwimmen. Bewusstes einhergehen mit Modediktaten, der Erkenntniss, dass man genauso besonders ist, wenn man nicht krampfhaft etwas besonderes sein will. Es ist zeitaufwendig und irgendwie viel armseliger, ständig darüber nachzudenken, ob man cool ist, als die Stulpen einfach mal Stulpen sein zu lassen. Es gibt so unendlich viel wichtigeres. Ist es nicht scheissegal, ob meine Freundin denselben Rock trägt wie ich? Scheissegal ist es genauso, dass sie auch Altbauwohnungen mag, dass sie die selbe Musik hört, die sowas von underground ist, dass man sie nur in London in einer Seitenstrasse nach Klingeln einer versteckten Türglocke kaufen kann. Denn das ist alles auch cool. Da fällt mir selber auf, dass ich mich dem ganzen auch nicht entziehen kann.
Aber: Ich für meinen Teil lasse den Rock Rock sein und beschäftige mich mich wichtigeren Dingen, z.B. dass ich einen Job bekomme. Und da fällt mir auf, dass es auch grade voll im Trend ist, sich über Jobs Gedanken zu machen. Wo ein Satiriker letztens meinte:
"Meine französischen Freunde sagen jetzt nicht mehr..."Wie, ihr habt einen Pool...DAS könnt ihr euich leisten?...jetzt sagen sie:"Wie...ihr habt Schröder...DAS könnt ihr euch leisten?""
Aber zurück zum Thema. Es ist eben doch durchaus verzwicker als man denkt. Und wenn selbst Platon persönlich nicht festlegen kann, was individuell ist und was nicht – wie in allerherrgottsnamen sollen wir das machen? Die Prognose und der Appell: Man versöhne sich mit der Gleichheit und lebe so, wie es gefällt. Und wenn das heisst, dass man genauso leben will, wie sein Tischnachbar in der Uni – bitte. Und bald ist das garantiert weniger uncool. Versprochen.

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59 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wenn tut was man eben so tun möchte, und es gibt zufällig noch 12.385,3 Andere die das auch tun, ist man dann Mainstream oder seinen individuellen Interessen gefolgt?Und: ist das wichtig?
    Dein Text gefällt mir!

    06.03.2007, 12:03 von gurkedestages
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    Nur...
    Wer will schon gleich dem anderen sein?

    09.08.2006, 09:20 von liebe_mueh_dann_maeh
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    Der Mensch ist halt ein zoon politikon.

    03.08.2006, 23:06 von barcode
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    Da hast du einen super text geschrieben. Viel Wahrheit!
    Das Leben wäre so viel einfacher, wenn die Menschen sich nicht ständig gedanken machen würden, was irgendwer zu irgendwas sagt. warum läuft man nicht so durch die gegend, wie einem ist, ohne ich irgendwelchen Trends anzupassen. Was ist denn daran bitte so wichtig? Das hab ich noch nie verstanden. Man kann doch einfach man selbst sein...einfach morgens aufstehen und aus dem Schrank nehmen was einem selbst gefällt...auf die Strasse gehen und einen schönen Tag haben!
    Aufgesetzte Trends sind sowieso angepappt und wirken absolut künstlich. Entweder man ist so und fühlt sich wohl oder man ist es nicht...und man passt nun mal nicht in alle Schubladen.

    N lieben Gruß an alle sie-selbstseienden da draussen.
    Grisu

    07.08.2005, 22:26 von Grisu
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    Und wieder ein text über die ewige Individulitätsdiskussion. Wir haben wohl alle unseren Anspruch individuell zu sein. und ich lebe meine individualität. MEINE individualität. denn ich finde mich individuell und wage dies auch auszusprechen. das wird bei einigen von euch schon wieder brechreiz auslösen. Kann gut sein, dass ihr mich total mainstream findet. Individulität scheint nur dann toll zu sein, wenn sie echt ist. doch wie merkt man ob sie echt ist. wieder mal subjektiv. Die betrachtung der lebenseinstellung anderer ist an die eigene lebenseinstellung gekoppelt. man sieht dinge so wie man sie sehen möchte. ganz klar.

    29.06.2005, 17:12 von elverdug
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    ich finde es ist zeitverschwenundung! mode hin, mode her. nimm dir was dir gefällt und mach das beste draus, warum erst den kopf zerbrechen ob du nun mit oder gegen den strom schwimmst.
    und je mehr ich den text noch auf mich wirken lasse, lässt mich ein gefühl nicht los. dein text wirkt irgendwie erzwungen. deine wörter sind so.. so.. nicht aus dem herzen. und deine wortspiele wirken wie eine trauriges akrobatikkunststück, sorry. was hast du gefühlt, als du den text geschrieben hast?

    30.11.2004, 21:41 von drum
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      @drum Wer sich keine Gedanken darüber macht, was gerade Trend ist und inwieweit er selber davon beeinflusst, der hat noch weniger die Wahl und die eigene Entscheidung.
      (All diese Aussagen aus meinem Elfenbeinturm - ich persönlich mache es wie Du es vorschlägst, ich finde nur auch die andere Möglichkeit nicht per se unsinnig.)

      30.11.2004, 21:50 von veit
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    ich finde, du machst dir viel zu viel gedanken über den individualismus und seine auswirkungen auf deine persönlichkeit, allerdings kann ich dich auch verstehen. aber ich finde, stromschwimmen ist nur dann ein thema, wenn man es zu einem werden lässt. jeder der sich damit schon auseinandersetzen muss, hat im orinzip verloren, weil er plötzlich anders sein will. es ist ein teufelskreislauf aus dem es kein entrinnen gibt. also net daran denken sondern einfach mehr leben, mehr genießen und immer der sonne entgegen!
    toller anfang im übrigen, auch wenn der rest dann in eine andere richtung ging als ich erwartet habe. es hat mir freude bereitet es zu lesen!

    liebe grüße

    30.11.2004, 21:30 von drum
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      @drum Warum hat verloren, wer sich damit auseinandersetzt?
      Was ist das Problem daran, dass man Massentrends überdenkt und sich herausnimmt, nicht jeden mitzumachen?

      30.11.2004, 21:32 von veit
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    Sehr sehr gut! Hab in der letzten Zeit bei einem Artikel selten so viel spaß beim lesen gehabt!
    Mehr bidde

    02.07.2004, 08:01 von writer.chris
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    Klar, wir wollen auffallen.
    Aber wir wollen uns auf garkeinen Fall zum Trottel machen.
    Der Mensch möchte individuell sein, aber er hat auch den Drang zur Unifomität.
    Und das gilt nicht nur für den Menschen allgemein, sondern auch für jeden einzelnen.
    Aber das ist garnicht so schizipren, wie man es auslegen könnte:
    Für jeden dauert der Tag 24 Stunden, die Woche 7 Tage usw. und in dieser Zeit geht er beiden Neigungen abwechselnd nach. Die Individualität möchte er vor allem seinen Eltern demonstrieren; ihnen seinen in ihm aufkommenen Drang zur Unabhängigkeit demonstrieren. Aber er braucht auch moralischen Halt. Und den bekommt er von seinem Freundeskreis, seiner Clique. Dies dankt er dann z. B. mit einem konformen Outlook.

    Ich muss mich noch an Rosa wenden.
    Sie wollte ein wenig Monty Python zitieren;
    und schlug am Kern leider hart vorbei.
    Richtig heißt es:
    "Ihr seid alle ANDERS!"
    "Ich nicht."
    Es zeigt wie schizopren verbaler Bockmist in nur ein paar Worte gepackt werden kann.
    Der Satz ist wie ein Bild mit einer optischen Täuschung; es scheint formal korrekt, funktioniert aber nicht.
    HiP

    31.05.2004, 09:58 von hip
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