topada 20.10.2008, 22:44 Uhr 2 2

stolzer Vater trauriger Kinder

Das Schicksal des 17-jährigen Hayato. Von seinem japanischen Vater verstoßen durch die Höhen und Tiefen seiner Jugend.

Hayato ist ein japanischer Jugendlicher. Erst vor kurzen hat er im deutschen Internat seinen 17. Geburtstag gefeiert. Verliebt ist er in eine niedliche Chinesin mit kleinen roten Wangen und einem verspielten Lächeln. Seit 4 Jahren lebt Hayato bereits in Deutschland. Seine Eltern haben sich getrennt als er noch ein kleiner Junge war. Die Mutter durchlebt noch heute eine persönliche Krise. Hayato's Vater hat für ihn und seinen jüngeren Bruder Yoshi wenig übrig. Das Familienoberhaupt ist ein Bilderbuchjapaner - er funktioniert, arbeitet den ganzen Tag, verdient viel Geld aber ist emotional abgestumpft und müde von der vielen Arbeit. Hayato und Yoshi kamen nach Deutschland, als der Vater mal wieder beim Abendessen ausrastete, weil sie ihm nicht gehorchen wollten, und die Beiden in ein Internat im Odenwald schickte. "Damit aus euch etwas wird!", hatte er ihnen nachgerufen, "Damit ihr die gute deutsche Bildung genießt und als anständige Geschäftsleute wieder zurückkehrt" - der Vater würde stolz sein!

Hayato ist Asiate. Dazu braucht man ihm nicht tief in die Augen zu schauen. Eine Digitalkamera am Handgelenk könnte man vermuten, der japanische Reiseführer in der Hosentasche. Erst wenn der Schüler in fließendem Deutsch erklärt, er fühle sich inzwischen schon als Deutscher, bemerkt man, dass Hayato langfristige Pläne in diesem Land hat und keineswegs Tourist ist. Seit er 2004 von einem Tag auf den Anderen "Konnichi wa" mit "Guten Tag" und die schwierigen Kanjis mit dem Alphabet austauschen musste, hat Hayato viel Deutsch gelernt. Mehr als 3 Stunden hat er täglich über dem Grammatikbuch gesessen und ist immer wissbegierig und aufgeschlossen gegenüber der deutschen Kultur. Sein Vater sollte stolz auf ihn sein.

Im Mai 2008 verliebt er sich in die bildhübsche Maggy. Sie kommt aus Shanghai und kam als Austauschschülerin in das Internat. Neben seinem Realschulabschluss und einem Praktikum hat der Japaner bald mehr Gedanken für das Mädchen, mit der markellosen asiatischen Haut, übrig. Behutsam und mit einer asiatischen Förmlichkeit nähern die Beiden sich immer mehr an. Tokyo legt seine Hand an die chinesische Mauer als spüre es die wärmende Hand Pekings auf der anderen Seite. Sie sind ein Traumpaar. Sein Vater sollte stolz auf ihn sein.

Jedes dritte Wochenende verlassen die Internatsschüler ihre Schule, welche idyllisch ruhig in Mitten eines Waldes sich befindet, um zu ihren Familien zu fahren, ihre Geschwister zu treffen oder ihre Großmütter zu besuchen. Richtung Berlin, einige nach Belgien; sogar New York ist das Wochenendziel einer Schülerin. Die Brüder, Hayato und Yoshi, hingegen sitzen im Zug nach Wiesbaden. Dort wohnen sie bei einer Pflegefamilie. Hayato's Vater steht im Kontakt mit der Pflegemutter, einer konservativen Japanerin. Als diese von Hayato's Liebesbeziehung mit einer Chinesin erfährt, reagiert sie empört. Die Mauer zwischen Peking und Tokyo - massiv, vor hunderten von Jahren erbaut und mit Traditionen behaftet. Die Liebe zwischen einem Japaner und einer Chinesin? Unvorstellbar für das konservative Japan, noch dazu unbeaufsichtigt in einem Internat. Was für westliche Verhältnisse normal erscheint, bringt die verzweifelte Pflegemutter dazu den Vater in Japan zu informieren. Von seinem Stuhl im Büro muss er wütend aufgesprungen sein, genau wie damals beim Abendessen. Darauf kann Hayato's Vater nicht stolz sein!

Sie könnte bereits ihre Rente genießen. Doch Hayato's Lehrerin, die sich bereits seit Jahrzenten sozial engagiert, betreut ihn ebenfalls im Internat und erfährt von dem Konflikt. Inzwischen verweigert die Pflegemutter sogar den Besuch Hayato's am Wochenende in Wiesbaden. Die Lehrerin versucht zu vermitteln. Sie muss sich nach einigen unergiebigen Telefonaten jedoch geschlagen geben. Doch aufgegeben hat sie noch nicht. Sie stellt den Kontakt zu mir her, da ich als Austauschschüler in Japan gewesen bin und meine Familie kurzfristig als Pflegefamilie einspringen könnte. So traf ich auf Hayato. Er ist höflich und siezt mich förmlich, obgleich er keine Distanz oder Schüchternheit ausstrahlt. Viel mehr funkelt seine Lebensfreude aus ihm hervor. Er ist verliebt, das sieht man ihm an. Ich führe ihn durch unser Haus, zeige ihm sein zukünftiges Zimmer und verspreche ihm Diskobesuche, sobald wir beide unabhängig unseren 18. Geburtstag feiern. Ein breites Grinsen überfällt ihn, und er ist ganz begeistert sogar in der Nähe des Internats sein Wochenende verbringen zu können. Wir reden Japanisch, schwere Vokabeln aber versteht er selbst nicht und wir wechseln Mitten im Satz ins Deutsche. Er erklärt mir, dass er seit der 7. Klasse keine japanischen Schriftzeichen mehr gelernt hat und viele Zeichen vergessen hat. Es war das erste und letzte Mal, dass ich Hayato in Deutschland gesehen habe.

Es ist eine Stunde des Schocks. Hayato sitzt wort- und kraftlos im Arbeitszimmer seiner Lehrerin. Gerade hat seine Pflegemutter angerufen und ihm mitgeteilt, dass sein Vater kein Geld mehr nach Deutschland schicken würde und ihn auf schnellstem Wege in Japan sehen will. Fassungslos und machtlos sind alle - die Schulleitung, Hayato's Freundin und seine Lehrerin. Ein letztes Abschiedsessen hat der Japaner für seine engsten Freunde organisiert. Ganz höflich bedankt er sich für die Gastfreundschaft, die er erfahren durfte, doch dem einst glücklichen jungen Mann fehlt das überzeugende Lächeln, die funkelnden Augen, die gewichen sind für verlorene, traurige Mienen. Das Werk eines Vaters - kann er darauf stolz sein?

Was Hayato sich mühsam wie ein Kartenhaus aufbaute, wird vom fernöstlichen Wind seines eigenen Vaters zerstört. Im Sturzflug seines Lebens fliegt er in einem halben Tag um die halbe Welt. Tokyo - Narita. Wer kann Hayato abholen? Sein Vater wird ein Taxi schicken, sein älterer Bruder, psychisch krank, ist in einer geschlossenen Anstalt. Hayato denkt an seine Mutter. Sein Vater hatte sich von ihr getrennt, damals, als der Vater die Firma an seine Frau verkaufte und sie diese veruntreute. Der stolze Geschäftsmann hat sogar Strafantrag gegen seine eigene Frau gestellt. Danach fiel die dreifache Mutter immer mehr hinein in die Alkoholsucht und hat keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern.

Hayato ist alleine. Der wissbegierige Schüler, kurz vor der deutschen mittleren Reife, muss nun zurück in die 7. Klasse. Seit 4 Jahren hat er keine neuen Wörter der eigenen Sprache gelernt und wird lange Zeit dafür brauchen sich Wort für Wort in seiner neuen alten Heimat zurecht zu finden. Vom Insider zum Outsider, fühlt er sich unwohl in der Stadt in der er einst aufgewachsen ist. Was wird mit seinem Bruder geschehen? Wird er sich auch verlieben? Droht im das gleiche Schicksal?

Man kann Hayato nur wünschen, dass er nicht eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht und sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt vorfindet, sondern, dass er sich aus der Abhängigkeit seins Vaters befreit und seinen eigenen Weg geht. Über die chinesische Mauer schreitet und sein trauriges Schicksal sich zum Guten wendet.

2

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    "Tokyo legt seine Hand an die chinesische Mauer als spühre es die wärmende Hand Pekings auf der anderen Seite."

    Sehr traurig...

    "Spüren" ohne "h" würde den Satz noch toller machen.

    : )

    26.10.2008, 22:57 von herzpappe
    • 0

      @herzpappe Danke schön. Fehler aufpoliert :-)

      26.10.2008, 23:02 von topada
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Bitte weist mich auf orthographische Fehler hin. :-)

    26.10.2008, 15:50 von topada
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android