clara.tornova 30.11.-0001, 00:00 Uhr 73 29

Stolz aufs Nicht-Stolz-Sein

Wie mir ein Holländer, eine Tschechin und ein Amerikaner den Kopf zurechtrückten. Eine Erasmus-Debatte zum Thema Patriotismus

Es war während meines Austauschs in Frankreich, Bush hatte gerade den Irakkrieg für siegreich beendet erklärt, die Sonne schien sanft zwischen Platanen hindurch, überhaupt war die Kulisse ein wenig zu kitschig, um sie zu beschreiben. Nach einer erhitzten Debatte über Amerikas Außenpolitik, während John, mein Kommilitone aus Dayton, Nebraska, in arge Erklärungsnöte gekommen war, kamen wir auf das Thema Patriotismus zu sprechen.

Meine Position zu dem Thema war eindeutig und ließ wenig Spielraum zu. Patriotismus an sich war dumm und verwerflich und konnte katastrophale Folgen haben. Ich mochte in Deutschland aufgewachsen sein, die Sprache sprechen und den Pass besitzen, Deutschland war ich deswegen noch lange nicht, wie eine Kampagne mir ungefragt unterstellte.

Als ich meinen Freunden erklärte, dass ich Patriotismus für gefährlich und überflüssig hielt, verdrehten sie nur die Augen. Alle außer mir fanden auf eine entspannte Art normal, das eigene Land zu mögen und sogar darauf stolz zu sein, solange sich die Sache in freundlichen Grenzen hielt. Vor allem Anna aus Tschechien war mit meiner Sichtweise nicht einverstanden. Eigentlich hatte ich mich auf eine Debatte mit John gefreut, aber der schwieg auffällig und mit Nachdruck. Wahrscheinlich war er beleidigt, weil wir an der Wahrheit des amerikanischen Sieges im Irak gezweifelt hatten. Nur Anna wollte nicht lockerlassen. „Es gilt nicht, wenn du stolz drauf bist, nicht stolz zu sein. Das ist, als ob du deinen Pulli verkehrt rum anziehst und behauptest, das wäre nicht mehr deiner, weil die Nähte außen sind.“ Es war nicht Annas Art, diplomatisch zu formulieren, was sie dachte. „Wenn du denkst, dass Nicht-Patriotismus besser als Patriotismus ist, was ist dann Stolz auf den Nicht-Patriotismus?“ Ich brauchte ein paar Sekunden, um ihre Worte in die richtige Reihenfolge zu bringen, da sagte Anna schon: „Eben. Es ist schlimmer. Es ist Heuchelei.“ „Mist, ja, stimmt,“ sagte ich erschrocken.

„Mach dir nichts draus“, sagte Thies aus Holland jovial und schlug mir krachend auf die Schulter. „Sein Land manchmal irgendwie ein bisschen zu mögen, kann doch jedem mal passieren!“ Als wir uns auf den Heimweg machten, schwieg John noch immer.

Wir beide wohnten bei einer charmanten Zimmerwirtin Mitte Siebzig zur Untermiete, die gern von der deutschen Besatzungszeit erzählte. Sie hielt das für ein anregendes Gesprächshema. Die Deutschen seien immer sehr höflich gewesen, nicht so wie diese Amerikaner, die danach kamen, bemerkte sie dann mit einem ausdrücklichen Seitenblick auf John. Ich kann bis heute nicht sagen, wer von uns beiden die Situation furchtbarer fand. Außerdem seien die Deutschen danach friedfertig geworden, nicht so wie gewisse andere Leute. Zweiter Seitenblick. Es war höchste Zeit zu protestieren, aber damit bin ich nie weit gekommen. Madame Marinette relativierte meine Einwände stets mit unerwarteten Hinweisen auf französische Kriegsverbrechen in Algerien.

„Was ist?“ fragte ich John. „Wohin ich komme, hassen mich die Leute für meine Herkunft,“ platzte der heraus. „Die Leute sehen den Ami in mir und nicht einen individuellen Menschen, der Bush nicht gewählt hat und der mit dieser Politik nichts zu tun haben will. Ich hasse es zuzugeben, Amerikaner zu sein! Überall habe ich das Gefühl, mich für mein Land entschuldigen zu müssen...“ Er blieb stehen. „Ich schäme mich wahnsinnig für Amerika. Du als Deutsche“, sagte er bedrückt, „kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie das ist.“

Von dem Satz habe ich mich bis heute nicht erholt.

29

Diesen Text mochten auch

73 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    wow. soo interessanter text. nachdenklich machende thematik!

    11.07.2008, 20:39 von cumuluswolke
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schoener Text! und ja, als Ami hat man es aber auch echt schwer in Frankreich! Ich glaube ein grosser Teil des ressentiments;-) gegenueber den Amerikanern kommt aber auch daher, dass die Franzosen, v.a. die aelteren, sehr stolz auf ihre Kultur sind und es nicht gut finden, dass z.b. hollywoodfilme so viel gesehen werden und ihren eigenen Filmen teilweise den Rang ablaufen.
    Mein Geschichtslehrer war Franzose und da bekam man ein ganz gutes Gefuehl dafuer, wie ungewoehnlich der franzoesische Patriotismus ist. Einerseits lieben sie ihr Land doch grossteils sehr, andererseits sind sie in vielen Gebieten sehr kritisch...

    02.01.2008, 16:46 von paranoiderandroide
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich bin halbe Amerikanerin und meine Familie auf der Seite meines Vaters sind, was viele jetzt sagen würden, typische Amerikaner. Ich habe von Kind an beigebracht bekommen, dass ich Stolz auf meine Nation sein soll. Und ich bin es. Ich bin stolz darauf aus Deutschland zu kommen und ich bin stolz Amerikanerin zu sein. Mein Vater und mein Großvater haben mir immer gesagt, ich solle niemals mich für etwas schämen, wofür ich überhaupt nichts kann. Deshalb ist es mir auch nie schwer gefallen einfach nur glücklich über meine beiden Ländern zu sein.

    Über dieses Bush-Problem habe ich mich mal mit meiner Freundin unterhalten. Sie kommt aus Texas und wen sie gewählt hat, muss ich ja nicht weiter verdeutlichen. Sie meinte aber, dass ihr die letzten Wahlen richtig schwer gefallen sind. Sie wollte ihre Stimme nicht einfach vergeuden, aber Kerry wählen wollte sie auch nicht, denn schließlich hatte der überhaupt keinen Plan, was er mit der Misere im Irak anfangen wollte. Und das hielt sie für gefährlicher, als Bush wieder zuwählen.

    Ich werde sogar richtig sauer, wenn jemand ankommt und sagt "Ach, die Deutschen, die saufen sich doch den ganzen Tag nur zu und liegen den ganzen Tag auf der Straße, weil sie so voll sind und das Land, das muss ja unglaublich abscheulich sein". Hallo? Habe ich in Deutschland ja echt noch nie erlebt. Durfte ich mir aber vor ein paar Wochen in Paris anhören von so nem Typen aus Brasilien. Der durfte sich dann natürlich dementsprechend auch was anhören. Genauso, wenn mir einer erzählen will, wie dumm und ungebildet die Amerikaner sein sollen und dass die alle Bush gewählt haben.

    Ich kann also John also ziemlich gut verstehen. Da regt man sich als Deutsche immer auf, dass man auf Hitler und dem Dritten Reich reduziert wird, aber dann macht man es doch selber mit anderen Leuten und für Sachen, die sie nicht wirklich was können.

    20.08.2007, 21:51 von Angela_CA
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde auch diese Haltung "Patriotismus ist dumm/gefährlich/unnütz wie auch immer" doof.

    Natürlich kann er gefährlich sein. Aber das ist doch mit vielem so. In einer Überdosis ist alles gefährlich. auch das Nicht-Stolzsein.

    Wir gehören zu einer Generation, die in ihrer Schullaufbahn das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte 4-7mal durchgekaut hat.

    sicherlich war das alles schilmm, aber das ist ja nicht unsere einzige Geschichte.

    Die Wiedervereinigung war ein Stück Geschichte, das ich im Leben nicht vergessen werde.
    und darauf kann man doch zum Beispiel stolz sein.

    Wir sehen uns teilweise noch zu sehr in der Operrole und es wird höchste Eisenbahn aus dem Treck rauszukommen. Sonst bleiben wir ewig in unserer Entwicklung stecken.

    26.07.2007, 15:38 von Chaoslilly
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Also erstmal danke für den Text, gefällt mir auch sehr gut.

    Was ich dazu noch anmerken wollen würde:
    Ganz allgemein ist gegen einen gewissen Stolz auf das Land seiner Herkunft nicht unbedingt was zu sagen, ich selbst kann auch nicht nachvollziehen das man ihn hat, aber das liegt vermutlich an meiner persönlichen Viel-Staaten-Situation.

    Aber es ist eben doch auffällig, dass sich immer wieder gerade extrem rechte Gruppierungen dieses Landesstolzes rühmen. Da steckt doch etwas drin das nicht ok ist. Wenn jemand sein Land mag ist das ok, wenn das aber Auswüchse kriegt und dazu führt das man in seinem Land nur noch Menschen haben will, die der gleichen Nationalität oder Herkunft sind dann haperts gehörig bei den Menschen mit dieser Ansicht.

    Und wie gesagt, meine Erfahrung wäre das das oft zusammengeht. Gerade in Österreich merkt man es oft. Die Leute sagen sie sind stolz auf ihr Land (zu dessen Gestaltung und Aufbau sie eigentlich kaum oder gar nicht beigetragen haben, also quasi ein Stolz auf das was andere geleistet haben) und entwickeln die verqueere Idee, dass sie im Land Dinge geleistet haben und nur sie auch ein Recht haben das Land deswegen zu nutzen. Da stimmt doch was nicht?

    15.07.2007, 08:20 von Taspharel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    toller und interesanter Text!

    11.04.2007, 11:15 von KoenigDerNarren
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Bestreitet ja auch keiner das dass Buch keine Einstellung inne hat, lächerlich ist nur das Gegenteil auch auf die Person beziehen die das Buch verbrannt ganz gleich ob Bibel oder irgendein anderes wichtiges Buch. Die Wichtigkeit liegt im Auge des Betrachters genau wie Schönheit.

    05.04.2007, 18:54 von DyingBeauty
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Die Diskussion deht sich irgendwie nicht mehr um den Artikel. Und genau deswegen war das mit dem ins Lächerliche ziehen auch auf das Bücherverbrennen bezogen.
    Und ich wage jetzt hier einfach mal zu skandieren, dass es dem Staat nach wie vor wurscht ist wenn du das Buch XYZ verbrennst. Verbrennst du aber das Buch der Anne Frank hat das Symbolcharakter den sich ein Rechtsstaat nicht bieten lassen kann. Allein der geschichtliche Zusammenhang vermittelt eine Einstellung.

    05.04.2007, 01:41 von Ives
    • Kommentar schreiben
  • 0

    @Ives
    Wieso sollte es den eigentlichen beitrag ins lächerliche ziehen bzw. wieso sollte ich einen Kommentar schreiben wenn ich den nicht meine? (Ok vielleicht schwingt auch ein Unterton mit, bleibt Interpretationssache des Lesers...)
    Und wieso kommentierst Du zurück wenn ich so "infantile" Kommentare abgebe.
    Ich halte Bücher nicht für so wichtig das es einem das Recht geben sollte darüber zu urteilen ob ich damit meine Meinung durch verbrennen ausdrücken will oder nicht. Was für ein Schwachsinn soll das denn bitte sein? Niemand kennt mich und selbst wenn ich Buch XYZ verbrenne wer vermag es zu beurteilen ob es meine Meinung vertritt oder nicht. Niemand und genau darum geht es mir. Wenn ich Bücher allgemein für so unwichtig halte ode rmit BUch XYZ nichts anfangen kann, warum soll ich es nicht für etwas nützliches nehmen? Da könnte ich auch Knast wandern wenn ich irgend achso wichtiges Buch der lokalen Bücherei schenke aufgrund von meiner ablehnden Haltung gegenüber der Aussage die das Buch trifft oder was auch immer. Sowas blödes. DAS ist Schwachsinn, der Rest meine Meinung und nicht unbedingt infantil.


    @08Judy
    Doch.

    Allgemein:
    Langsam wird es mir zu blöd...
    Und für alle die es noch nicht verstanden:
    Ich möchte diesen Beitrag nicht schade oder lächerlich machen. Gewisse Verhaltensweisen bestimmter Leute, die nicht unbedingt hier vertreten sind bevor sich gleich wieder ein paar angesprochen fühlen, stoßen bei mir nur auf erhebliches Unverständnis.

    04.04.2007, 20:43 von DyingBeauty
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3 4 5 ... 8

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare